1. Vorwort
Hundert Jahre nach der Niederschlagung des Herero-Aufstandes durch die deutschen Kolonialtruppen wurde im Jahre 2004 mit dem Besuch von Heidemarie Wieczorek-Zeul in Namibia eine Epoche der deutschen Vergangenheit in Erinnerung gerufen, die maßgeblich vom Streben nach Weltgeltung, Prestige und Kolonien geprägt war. Der Gedanke an Deutschland als aggressiv auftretende Kolonialmacht, die mit anderen Nationen um überseeische Gebiete wetteiferte, erscheint heute, direkt vor dem Hintergrund des deutschen Engagements für einen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat, weit entfernt und befremdend. Doch gerade im Kontrast zu dieser neuen, weltweiten Verantwortung Deutschlands nach der erfolgten
Wiedervereinigung ist es lohnend und notwendig, einen Blick auf die damalige Welt-und Kolonialpolitik unter Wilhelm II. zu werfen, da auch die wiedervereinigte Bundesrepublik, genauso wie das damals neu geschaffene Deutsche Reich, vor einer Vielzahl von Möglichkeiten und Optionen steht, wie die künftige Rolle Deutschlands in der Welt zu definieren sein wird. 1
Waren die Interessensgebiete des Deutschen Reiches unter Bismarck vorrangig in Europa gelegen und allgemein auf eine Politik der Saturiertheit ausgelegt, standen die Zeichen nach der Entlassung Bismarcks im Jahre 1890 für einen „neuen Kurs“, der als eine Wendung in der bisherigen Politik des Deutschen Reiches verstanden werden kann. Auch in der Öffentlichkeit herrschte das Gefühl „bei der Weltverteilung zu spät gekommen“ 2 zu sein und der neue Staatssekretär Bülow schuf 1897 mit seiner Forderung vom „Platz an der Sonne“ ein geflügeltes Wort, welchem sich auch diverse Verbände und Parteien zur Unterstreichung ihrer Forderungen bedienten. Nicht umsonst wird das Deutsche Reich zu dieser Zeit als eine „unruhige Großmacht“ 3 gesehen. Diese Arbeit soll sich mit den Triebkräften und Zielsetzungen deutscher Weltpolitik im Zeitalter des Imperialismus beschäftigen. In einem ersten, innenpolitischen, Teil, werden zunächst die theoretischen Grundlagen und Begründungen der Weltpolitik erarbeitet, um schließlich auf die Haltung einzelner gesellschaftlicher Gruppen, Verbände und Parteien zur Weltpolitik einzugehen. Hierbei muss vor allem der Überblickscharakter der Arbeit betont werden, da im Rahmen des gegebenen Umfangs nur einzelne Schwerpunktbildungen möglich sind.
1 Fesser, Gerd: Der Traum vom Platz an der Sonne, Bremen 1996, S.7f.
2 Canis, Konrad: Von Bismarck zur Weltpolitik, Berlin 1997, S.225.
3 Poidevin, Raymond: Die unruhige Großmacht. Deutschland und die Welt im 20. Jahrhundert, Würzburg 1985.
2
Im zweiten, außenpolitisch geprägten Teil werden letztendlich die konkreten Maßnahmen deutscher Weltpolitik analysiert sowie auf verschiedene Krisen und bündnispolitische Änderungen eingegangen. Ein abschließendes Fazit rundet die Betrachtung ab und stellt kurze Thesen zur endgültigen Beurteilung deutscher Weltpolitik vor.
2. Triebkräfte und Grundlagen der deutschen Weltpolitik
2.1 Der Start in die Weltpolitik - Bülows Amtsantritt im Jahre 1897
Um sich mit der Weltpolitik unter Wilhelm II. genauer zu beschäftigen, ist es zunächst notwendig die theoretischen Grundlagen, die liberale 4 und konservative Imperialisten zur Begründung der Weltpolitik ausgerufen haben, genauer zu betrachten. Als Startpunkt soll in dieser Arbeit der Amtsantritt Bülows gewählt werden, da seine Jungfernrede vor dem Reichstag oft als „Zäsur“ 5 in der bisherigen politischen Orientierung gesehen wird. Kurz zuvor hatte die deutsche Flotte im November 1897 Kiautschou okkupiert, eine weltpolitische Maßnahme, auf die später noch genauer eingegangen werden soll.
Bülow trat die Nachfolge des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes Marschall von Bieberstein an und galt bald schon, auch wegen dem vertrauensvollen Umgang mit dem Kaiser, als einer der einflussreichsten Politiker. 6 In seiner Jungfernrede vor dem Reichstag prägte er das viel zitierte Schlagwort vom „Platz an der Sonne“:
„Die Zeiten, wo der Deutsche dem einen seiner Nachbarn die Erde
überließ, dem anderen das Meer und sich selbst den Himmel reservierte,
[…], diese Zeiten sind vorüber. […] wir wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.“ 7
Diese Rede übte einen großen Einfluss auf die Öffentlichkeit aus und vor allem in Verbindung mit der zeitgleichen Okkupation von Kiautschou wurde die Forderung nach einem „Platz an der Sonne“ mit der Forderung nach Kolonien und Einflusssphären gleichgesetzt. Sehr starke Auswirkungen auf die deutsche Öffentlichkeit hatte aber auch die am 11.12.1899 gehaltene „Hammer- und Amboss-Rede“. In ihr zeigte Bülow abermals den großen Nutzen von überseeischen Gebieten und stellt den deutschen Weltmachtanspruch auf eine Stufe mit dem der anderen
4 In dieser Arbeit soll der Fokus auf Max Weber und Friedrich Naumann liegen.
5 Canis, Konrad: Von Bismarck zur Weltpolitik, S.223.
6 Fesser, Gerd: Der Traum vom Platz an der Sonne, S.25.
7 Fesser, Gerd: Der Traum vom Platz an der Sonne, S.25.
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imperialistischen Mächte. 8 Der meist beachtete Satz lautet schließlich: „In dem kommenden Jahrhundert wird das deutsche Volk Hammer oder Amboß sein.“ 9 Dies zeigt deutlich unter welchen Gesichtspunkten Weltpolitik von Bülow betrieben wird. In einem Wettlauf um Kolonien dürfe das deutsche Reich nicht zu kurz kommen, da sonst der Großmachtstatus auf Dauer gefährdet sei. Dabei sieht Bülow das Deutsche Reich in seinen Forderungen durchaus berechtigt, da nicht der Anspruch auf alleinige Weltherrschaft, sondern zunächst auf Gleichberechtigung mit den anderen großen Mächten betont wird. Dies zielt vor allem auf Englands weltumspannendes Kolonialreich und die daraus resultierende Seehegemonie. Letztendlich geht es also um ein neues „Weltgleichgewichtssystem“, das das bisherige System des europäischen Gleichgewichts ablöst. 10 Doch die Weltpolitik unter Bülow hatte aber auch eine innenpolitische Funktion, die häufig als „Sammlungspolitik“ bezeichnet wird. Schon früh erkannte Bülow welche Auswirkungen eine prestigeträchtige Außenpolitik auf das Bürgertum haben kann und stellte die Weltpolitik fortan auch in den Dienst der innenpolitischen Einigung: „Nur eine erfolgreiche äußere Politik kann helfen, versöhnen, beruhigen, sammeln, einigen“. 11 Die erstrebte Einigung sollte vor allem unter den zerstrittenen Konservativen (Agrarier) und dem Großbürgertum erfolgen, um eine breite Basis gegen die Sozialdemokraten zu schaffen. 12 Tatsächlich war in weiten Teilen des Bürgertums die Akzeptanz der Kolonien groß und wirtschaftliche Chancen sowie patriotische Gesinnungen ließen die Zustimmung zur neu ausgerufenen Weltpolitik sogar bis in die Teile des links-liberalen Bürgertums hineinreichen. Im Parlament wurde dies spätestens mit der Errichtung des Bülow-Blocks sichtbar, bei dem sich die Regierung auf ein Bündnis der konservativen und liberalen Parteien stützen konnte. Im folgenden Abschnitt sollen nun zwei Vertreter des liberalen Imperialismus näher betrachtet werden.
2.2 Liberale Imperialisten - Max Weber und Friedrich Naumann Max Weber wurde 1864 als Sohn des Juristen und Abgeordneten der Nationalliberalen Partei Max Weber sen. geboren. Schon früh wurde er im
Elternhaus mit den politischen Vorstellungen des Vaters konfrontiert und entwickelte
8 So stellt er heraus, dass das Deutsche Reich mit Recht ein größeres Deutschland fordert, genauso wie Frankreich eine „Nouvelle France“ und England ein „Greater Britain“ anstrebt.
9 Fesser, Gerd: Der Traum vom Platz an der Sonne, S.26.
10 Baumgart, Winfried: Deutschland im Zeitalter des Imperialismus 1890-1914, Stuttgart 1982, S.48.
11 Fesser, Gerd: Der Traum vom Platz an der Sonne, S.32.
12 Baumgart, Winfried: Deutschland im Zeitalter des Imperialismus, S.15.
4
so im Laufe der Jahre sein eigenes politisches Profil. 13 Nach einem Studium der Fächer Jura, Nationalökonomie, Geschichte und Philosophie, wurde er schließlich 1894 als Professor an die Freiburger Universität berufen. In seiner viel beachteten Freiburger Antrittsrede legte er seine weltpolitischen und wirtschaftlichen Anschauungen dar. Das folgende Zitat erweist sich als gerade zu charakteristisch für die machtpolitische Weltanschauung Webers und hat weite Teile des Bürgertums beeinflusst.
„Wir müssen begreifen, dass die Einigung Deutschlands ein Jugendstreich
war, den die Nation auf ihre alten Tage beging und seiner Kostspieligkeit
halber besser unterlassen hätte, wenn sie der Abschluß und nicht der Ausgangspunkt einer deutschen Weltmachtpolitik sein sollte.“ 14
Hier wird das Wesen der Weberschen Vorstellung von Weltpolitik deutlich. Weber sieht die „Weltmachtpolitik“ als logische Konsequenz der Einigung Deutschlands und unterstellt, dass die daraus neu gewonnene Machtposition in Europa konsequent genutzt werden muss. Dabei spielen für Weber vor allem wirtschaftspolitische Gründe eine Rolle. Der Imperialismus erscheint ihm als der Kampf um Weltmärkte, in dem Nationen, die sich weltpolitisch nicht betätigen, automatisch das Nachsehen haben. Vor dem Hintergrund des starken Bevölkerungswachstums sieht er schließlich auch ernährungspolitische Probleme. 15 Deswegen muss eine starke Außenpolitik der deutschen Wirtschaft neue Märkte und Investitionsmöglichkeiten bescheren. Der „nationale Machtstaat“ muss mit der Wirtschaft zusammenarbeiten. Dabei trat Weber jedoch immer für eine Liberalisierung in der Innenpolitik ein und stritt für die wirtschaftliche und persönliche Freiheit des Bürgertums. Durch seine Vorstellungen beeinflusste er aber auch Friedrich Naumann, was im folgenden Abschnitt dargelegt werden soll.
Friedrich Naumann wurde 1860 als Sohn eines Pfarrers geboren. Auf Wunsch des Vaters studierte er Theologie und nahm später eine Pfarrstelle im Erzgebirge an. Dies erklärt sein zunächst christlich-soziales Gedankengut. Von Max Weber übernahm Naumann jedoch rasch den Gedanken des „nationalen Machtstaates“ und der weltpolitischen Ausrichtung, der sein weiteres politisches Leben prägte. Deswegen kann mit Recht gesagt werden, dass Weber einen entscheidenden Einfluss auf Naumann ausgeübt hat. 16 In dem 1896 gegründeten „Nationalsozialen
13 Mommsen, Wolfgang J.: Max Weber und die Deutsche Politik, Tübingen 1959, S.1ff.
14 Mommsen, Wolfgang J.; Max Weber und die Deutsche Politik, S. 74.
15 Mommsen, Wolfgang J.: Max Weber und die Deutsche Politik, S.73.
16 Mommsen, Wolfgang J.: Max Weber und die Deutsche Politik, S.75.
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Arbeit zitieren:
Frank Hoyer, 2005, Ein Platz an der Sonne – Der Übergang zur wilhelminischen Weltpolitik, München, GRIN Verlag GmbH
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