1. Einleitung
Die Stadt kann in der heutigen Zeit als der wichtigste Lebensraum des Menschen bezeichnet werden. Das rasante Bevölkerungswachstum in den Entwicklungs- und Schwellenländern und der sich daraus ergebende Urbanisierungsprozess lassen die Städte zu enormen Ballungszentren anwachsen, die sich zu einer „dicht besiedelten und dauerhaften Niederlassung gesellschaftlich heterogener Individuen“ entwickeln. 1 In wenigen Jahren wird die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten leben und schon heute wachsen in Entwicklungsländern bis zu zwei Drittel aller Kinder in Städten oder stadtnahen Gebieten auf. 2 Die Stadt wird also immer mehr zum bevorzugten Lebensraum des Menschen, wobei dem Urbanisierungsprozess nicht nur positive, sondern auch negative und höchst problematische Aspekte anhaften, die ein geordnetes und sicheres Zusammenleben, sowie den Erhalt einer lebenswerten Umwelt in Frage stellen. Überbevölkerung, sozialer Stress, Smog und Umweltschäden sind die Schlagworte dieser zukünftigen Herausforderung, die vor allem in den asiatischen Ballungszentren dringend einer Antwort bedürfen und unser heutiges Bild von der Stadt radikal verändern werden. All diese Probleme scheinen auf den ersten Blick Symptome der Moderne zu sein. Der „Moloch Großstadt“ ist eine Erfindung des Expressionismus und so wird in der Literatur des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts die Großstadtkritik als Resultat der Industrialisierung begriffen. 3 Umso erstaunlicher ist es dann aber, wenn in den Werken antiker römischer Autoren ähnliche „moderne“ Probleme im Rom der Kaiserzeit beschrieben und aufgedeckt werden. Dies zeigt deutlich, dass literarische Stadtkritik bereits in der Antike existierte, aber auch, dass bereits das antike Rom unter so genannten „Großstadtproblemen“ litt.
Diese Arbeit soll sich mit den Großstadtproblemen im Rom der Kaiserzeit beschäftigen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf den drei Aspekten, die die Lebensqualität der Stadtbevölkerung entscheidend beeinträchtigt haben: Überbevölkerung, Smog und Lärm. Aufgrund der knappen
1 vgl. Herlyn, Ulfert: Stadt- und Sozialstruktur, München 1974, S.48.
2 vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Verstädterung.
3 Ein Beispiel hierfür ist die Wechselwirkung zwischen der „mechanischen Masse“ und dem „Einzelnen“, wie sie in Döblins „Berlin Alexanderplatz“ beschrieben wird.
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Literaturbasis zu diesem speziellen Themengebiet greift die Arbeit auch auf Quellen und das Internet zurück. Hierzu werden in einem ersten, literarischen Teil der Arbeit zunächst die zeitgenössischen Autoren Martial und Juvenal zu Wort kommen, die in ihren Werken zahlreiche Großstadtprobleme ausdrücklich benannt haben. Im zweiten Teil der Arbeit werden dann die Gründe und Entwicklungen dieser Probleme aufgezeigt. Ein abschließendes Fazit rundet die Betrachtung ab und stellt kurze Thesen zur Bedeutung der gewonnenen Erkenntnisse auf.
2. Literarische Betrachtung - Großstadtprobleme aus der Sicht zeitgenössischer Autoren 2.1 Die Satiren Juvenals
Um einen Einstieg in das Thema zu finden ist es zunächst hilfreich bestimme Werke von zeitgenössischen Schriftstellern zu betrachten, die ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit den Problemen der Metropole Rom festgehalten haben um bestimme Missstände anzuprangern und die Öffentlichkeit aufzurütteln. In diesem Kontext sind die Satiren des Juvenal 4 von besonderer Bedeutung. In ihnen legt Juvenal die gesellschaftlichen Fehlentwicklungen schonungslos offen und stellt so den allgemeinen „Verfall“ des Römertums zur Schau. 5 Vor allem in der dritten Satire gibt er einen lebendigen Einblick in das bunte Treiben, das tagtäglich in der besonders dicht besiedelten Suburba herrscht. 6 Der folgende Ausschnitt (Juv. 3, 239-267) schildert das zum Teil lebensbedrohliche Getümmel auf den Straßen Roms:
„Der eine stößt mich mit dem Ellbogen, ein anderer versetzt mir einen Schlag mit einer harten Stange; der rammt mir einen Balken gegen den Kopf, der ein großes Tongefäß. Meine Füße sind von Schlamm bespritzt, dauernd werde ich von riesigen Plattfüßen getreten, und im Zeh steckt der Nagel eines Militärstiefels. (…) Ein Langer Tannenstamm, der auf einem Karren daherkommt, wippt auf und nieder, andere Wagen transportieren einen Pinienstamm, schwanken hoch und drohend über den Leuten. Wenn aber bei einem Fahrzeug, (…), die Achse bricht und der ganze Berg auf die
4 Decimus Iunius Iuvenalis (ca. 60-127 n. Chr.), Satirendichter.
5 vgl. http://www.uni-regensburg.de/Fakultaeten/phil_Fak_IV/Klass_Phil/Iuvenalallgemeines.htm.
6 vgl. Neumeister, Christoff: Das Antike Rom. Ein literarischer Stadtführer, München 1991, S.25.
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Passanten herabstürzt, dann bleibt von denen nichts mehr übrig. Wer findet dann noch die Glieder, die Knochen?“ 7
Hier wird deutlich welch reger Betrieb auf den Straßen Roms tagtäglich stattfand. Die Straße wurde von schwer beladenen Wagen befahren, doch den Großteil des Getümmels machten die vielen Menschen aus, die sich durch die Straßen drängten. So stellte auch der Dichter Seneca fest, dass sich die Menschenmasse irgendwann gegenseitig zerdrücken werde wenn sich ihr auch nur ein Hindernis entgegenstellen würde. 8 Man kann also erkennen, dass die Überbevölkerung Roms durchaus ein Problem darstellte und die Lebensqualität der Bürger entscheidend beeinträchtigte. Noch gravierender war jedoch der Lärm der durch dieses Getümmel verursacht wurde, wovon der Dichter Martial 9 in seinen Werken eingehend berichtet.
2.2 Die Epigramme Martials
Der Dichter Martial wohnte zunächst im dritten Stock eines Mietshauses auf dem Quirinal, bevor er sich um 89 schließlich ein eigenes kleines Haus leisten konnte. 10 Seine Epigramme, die er während seiner Zeit in der Mietswohnung verfasst hat, beschreiben ähnlich wie die Satiren Juvenals den Alltag Roms. Dabei klagt Martial vor allem über den Lärm, der ihm den Schlaf raubt und das tägliche Leben zur Qual macht. Der folgende Auszug (Mart. XII, 57) schildert den ohrenbetäubenden Lärm und den Wunsch Martials ein ruhiges Landhaus aufzusuchen:
„Warum ich so oft mein kleines Landgut im dürren Nomentum und mein schäbiges Landhaus aufsuche, fragst du? -Weder für geistige Arbeit noch zum Ausruhen hat in der Stadt einen Ort derjenige, der arm ist. Ihm machen das Leben unmöglich am Morgen die Schulmeister, in der Nacht die Müller, den ganzen Tag über die Hämmerchen der Erzschmiede (…). Wer könnte all das aufzählen, was Ausruhn und Schlafen unmöglich macht! (…)
7 Neumeister: Das Antike Rom, S.26.
8 vgl. Weeber, Karl-Wilhelm: Smog über Attika. Umweltverhalten im Altertum, Frankfurt am Main 1990, S.94.
9 Marcus Valerius Martialis (ca. 40-98 n. Chr.), römischer Dichter.
10 vgl. Neumeister: Das Antike Rom, S.41.
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Arbeit zitieren:
Frank Hoyer, 2005, Großstadtprobleme - Smog und Lärm im Rom der Kaiserzeit, München, GRIN Verlag GmbH
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