II
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis. II
Verzeichnis der Abkürzungen III
Hinweise zur Schreibweise und Aussprache. III
1. Einleitung 1
2. Politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in der SU seit 1953 2
2.1. Politische und wirtschaftliche Situation in der S.U 2
2.1.1. Machtergreifung und Reformversuche Chrušþevs 2
2.1.2. Machtergreifung und Reformversuche Brežnevs. 6
Die Amtszeit Andropovs und ýernenkos. 13
2.1.3.
2.1.4. Außenpolitische Situation in der Sowjetunion. 13
2.2. Die gesellschaftliche Situation in der SU vor den Reformen der 1980er Jahre 15
3. Die Situation in der Sowjetunion am Vorabend der Reformen und ihre Notwendigkeit. 20
Anhang A: Politische Struktur 23
Anhang B: Industrieproduktion und Nationaleinkommen 25
Anhang C: Die Entwicklung der Urbanisierung: Die Verteilung der Bevölkerung auf Stadt
und Land (1897-1990) 26
Bibliographie 27
III
Verzeichnis der Abkürzungen
DDR Deutsche Demokratische Republik KPdSU Kommunistische Partei der Sowjetunion KSZE Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa RGW Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe SU Sowjetunion UdSSR Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken ZK Zentralkomitee
Hinweise zur Schreibweise und Aussprache
Sofern es sich nicht um Zitate oder im Deutschen bekannte Begriffe (wie z.B. Sowjet) handelt, wird für die in der Arbeit vorkommenden Namen und Begriffe die Transkription der Association Phonétique Internationale (API) verwendet. Dabei gelten folgende lautliche Entsprechungen:
þ tsch Gorbaþev š stimmloses sch ž stimmhaftes sch (wie Garage) Brežnev šþ schtsch Chrušþev s stimmloses s Kosygin z stimmhaftes s c z y dumpfes i Kosygin v w Brežnev
1
1. Einleitung
[…]Will man chronologisch genau sein, so war das erste, womit wir uns in unserem Land
befassen mussten, Fragen der Wirtschaft. Dabei beschlossen wir, an diese Fragen zunächst
gleichsam unter Berücksichtigung der angesammelten unaufschiebbaren Probleme
heranzugehen. Als wir das aber in Angriff nahmen, sahen wir, dass die Wurzeln dieser
Probleme viel tiefer lagen. Wir überzeugten uns, dass man die Reform nicht erfolgreich
durchführen kann, wenn man das administrative Befehlssystem nicht demontiert. Diese
Aufgabe lässt sich jedoch nicht ohne eine politische Reform und die Einbeziehung des Volkes
lösen. […] 1
Dieses Zitat vom 15.05.1989 von Michail S. Gorbaþev fasst die Notwendigkeit von Reformen auf verschiedenen Gebieten zusammen, wie dieser sie in einem Rückblick auf den Beginn seiner Amtszeit 1985 sah.
Diese Arbeit setzt es sich zum Ziel, zu zeigen, dass umfassende Reformen unumgänglich waren. Es wird die Situation in der Sowjetunion am Ende der 1970er und zu Beginn der 1980er Jahre dargestellt, die es erforderte, dass tief greifende Veränderungen begonnen werden mussten. Die Ursachen für die Lage der Wirtschaft, der Gesellschaft und des politischen Systems werden aus einer zusammenfassenden Darstellung der Jahre nach 1953 herausgearbeitet. Die vorliegende Arbeit konzentriert sich dabei auf die Situation in der Sowjetunion selbst. Die Außenpolitik wird in einem kurzen eigenständigen Exkurs jedoch ebenfalls zusammengefasst.
Die gesamte Arbeit gliedert sich wie folgt: Nach dieser Einleitung werden die wichtigsten Ereignisse unter Chrušþev und Brežnev zusammengefasst. Dabei folgt die Darstellung weitestgehend einem chronologischen Ablauf und fasst abschnittsweise zusammengehörige Fakten zusammen. Daran schließt sich die bereits erwähnte Zusammenfassung zur Außenpolitik an. Kapitel 3 widmet sich der Schilderung der gesellschaftlichen Lage in der Sowjetunion am Ende der 70er Jahre und stellt diese als eine der Haupttriebfedern für Reformen heraus. Das Kapitel 4 fasst die gesamte Lage kurz zusammen. Dann wird dargestellt, dass alle bisherigen Reformversuche zur Zeit Chrušþevs und Brežnevs nicht in der Lage waren, die Probleme abzuwenden oder zu lösen und die Notwendigkeit von funktionierenden Reformen letztlich begründet.
Um den Rahmen der Arbeit nicht zu weit zu fassen, werden zusätzliche Informationen in den Anhang ausgelagert. Anhang A gibt eine kurze Beschreibung des politischen Systems der Sowjetunion. Daran schließen sich Abbildungen zur Industrieproduktion und zum Nettoeinkommen in der Sowjetunion an.
1 Gorbatschow 1991, 11.
2
2. Politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in der SU seit 1953
2.1. Politische und wirtschaftliche Situation in der SU
2.1.1. Machtergreifung und Reformversuche Chrušþevs
Machtkampf um die Nach dem plötzlichen Tod Stalins im Jahr 1953 brach noch im selben Jahr ein
Nachfolge Stalins
machtpolitischer Kampf um die Nachfolge aus. Nikita Chrušþev gehörte zwar zu und Machtergreifung
Chrušþevs
den engsten Helfern Stalins, aber nicht zu den herausragenden Wahlkandidaten. Lavrentij P. Berija als Geheimdienstchef, gefolgt von Georgij M. Malenkov, der die Personalabteilung der KPdSU leitete, hatten beide bessere Chancen auf die Nachfolge. Nachdem aber Berija von seinen beiden Wahlkampfgegnern „ausgeschaltet“ worden war und Malenkov bei dem Versuch scheiterte, die Macht des Staatsapparates auf die Partei zu übertragen, ging Chrušþev, der bereits seit 13. März 1953 als Erster Sekretär die KPdSU anführte, im Februar 1955 als unerwarteter Sieger hervor. 2 Tauwetter-Periode: Mit seinem Amtsantritt 1953 setzte die Tauwetter-Periode ein, es machte sich
Entstalinisierung und
allgemeine Aufbruchsstimmung breit. Insbesondere der Begriff Entstalinisierung seine Folgen
ist mit seinem Namen verknüpft. Chrušþev leitete sie 1956 auf dem XX. Parteitag der KPdSU ein. 1961 erreichte sie mit dem Beschluss des XXII. Parteitages, den Leichnam Stalins aus dem Mausoleum am Roten Platz zu entfernen, ihren Höhepunkt. Dies war ein symbolischer Ausdruck Chrušþevs dafür, „den Sowjetsozialismus von den Schandflecken der unmittelbaren [stalinistischen] Vergangenheit reinzuwaschen“ 3 und die Entstalinisierung zu beschleunigen. Bereits 1956 nahm er in einer Geheimrede deutlich Abstand von Stalin und seinen Verbrechen. Dem einstigen Diktator warf Chrušþev u. a. „Personenkult“, „ungerechtfertigten Massenterror“ in den 1930er Jahren, „strategisches Fehlverhalten“ im Krieg und „Russifizierung und Unterdrückung der nichtrussischen Nationalitäten“ 4 vor. Anstelle der Alleinherrschaft proklamierte Chrušþev „kollektive Führungsprinzipien“ sowie die Abschaffung des „verschärften Klassenkampfes“. 5 All diese Verfehlungen lastet Chrušþev allein
2 Hildermeier 2001, 69. Gemeint ist die Absetzung Malenkovs durch Bulganin, der neuer
Ministerpräsident wurde.
3 Hildermeier 2001, 71.
4 Zur weiteren Auflistung der Vorwürfe siehe Leonhard 1977, 65.
5 Vgl. Meissner 1988, 40f., Druwe 1991, 26.
3
der Person Stalin an, ohne den Stalinismus als System und den Führungsanspruch der KPdSU in Frage zu stellen. 6
Dieser Auftritt auf dem XX. Parteitag 1956 bewirkte eine grundlegende Wende in der Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik. Folglich eines Amnestieerlasses wurden viele unschuldige Opfer aus den Straflagern entlassen und rehabilitiert, die Lebensbedingungen der verbliebenen Sträflinge verbessert und
Zwangsarbeitslager aufgelöst. Die Probleme des Landes waren Chrušþev durchaus bewusst. So verurteilte er die Stalinschen Paläste und Denkmäler und konzentrierte stattdessen die Energie der Bauwirtschaft auf die Errichtung von Wohnungen. 7 Dezentralisierung Chrušþev wollte eine „kommunistische Gesellschaft“ schaffen und dazu waren vielfältige Reformen notwendig. Als sich mit der Entstalinisierung in den ersten vier Jahren nach Stalins Tod erste Erfolge zeigten, versprach Chrušþev durch Dezentralisierung und Modernisierung der Wirtschaft Überzentralisierung und Überbürokratisierung des Sowjetsystems abzuschaffen und damit die Rechte der Betriebsdirektoren und der Kolchosvorsitzenden erweitern. 8 Auf diese Weise wollte er Versorgungsdefizite beheben und die Lebensbedingungen der Bevölkerung verbessern. 9 Im Zuge der Wirtschaftsreformen ab 1957 löste er eine Reihe von Ministerien auf, baute Hierarchien ab und versuchte die Planung flexibler zu gestalten. 10 Ende der „kollektiven Die endgültige politische Dominanz gewann Chrušþev als er im März 1958 zum
Führung“
Vorsitzenden des Ministerrates aufstieg. Die zuvor äußerlich proklamierte und durchgesetzte „Kollektive Führung“ fand ihr Ende. Bulganin musste sein Amt als Ministerpräsident an Chrušþev abgeben. Damit waren die höchsten Ämter in Partei und Staat erstmals seit der Ära Stalin erneut in einer Person vereint. 11 Diese Ablösung der Doppelspitze brachte Chrušþev die notwendige Reichweite seiner Befugnisse, mit der er die Reformen gegen verschiedene Widerstände durchzusetzen konnte. 12 Bis zum XXII. Parteitag im Herbst 1961 stand Chrušþev auf dem Gipfel seiner Macht. Erfolge der Tatsächlich sind in der Tauwetterperiode zahlreiche Erfolge zu verzeichnen. In
Tauwetter-Periode
der Wirtschaft wuchs die landesweite Agrarproduktion in den Jahren 1953 bis
6 Vgl. Altrichter 2001, 141.
7 Vgl. Leonhard 1977, 64.
8 Vgl. Leonhard 1977, 65.
9 Vgl. Meissner 1988, 41.
10 Vgl. Wassmund 1993, 85.
11 Vgl. Wassmund 1993, 30.
12 Vgl. Meissner 1988, 41f.
4
1958 jährlich um 8 bis 9% und konnte durch die Neulanderschließung der Gebiete in Westsibirien und Kasachstan beibehalten werden. Auch im Industriebereich führte die Reorganisation zu größerer wirtschaftlicher Selbständigkeit der Betriebe und zur Vermehrung der kleinen regionalen Betriebe. Dies hatte zur Folge, dass Industrie und Nationaleinkommen die höchsten Wachstumsraten seit dem Krieg zu verzeichnen hatten. 13 Rasante Fortschritte zeigten sich auch in Wissenschaft und Technik: 1957 baute die UdSSR den ersten Weltraumsatelliten und drei Jahre später erfolgte der erste bemannte Weltraumflug. 14 Dieses Wachstum setzte sich später weiter fort. Nach 1960 jedoch verlangsamte es sich jedoch deutlich. 15
Dank der hohen Wachstumsraten der Leicht- und Nahrungsmittelindustrie nahm das Konsumwarenangebot zu. Mit dem steigenden Löhnen stieg auch das Interesse der Bevölkerung an materiellen Gütern. Mit dem
Wirtschaftsaufschwung wurden das Lohn- und Gehaltssystem verbessert. Es wurde nicht nur ein Mindestlohn eingeführt, sondern auch neben der Steuerbefreiung für Geringverdiener spezielle Zulagen für schwierige, gefährliche und schädliche Arbeit. Als Folge breitete sich eine mäßige Zufriedenheit aus. Man war zuversichtlich, dass die Planwirtschaft funktionierte. Chrušcev wollte also nicht nur die Lebensqualität der Bevölkerung anheben, sondern setzte es sich sogar zum Ziel, die USA sowohl im materiellen Wohlstand der Bevölkerung als auch in der Wirtschaftsleistung „in historisch kürzester Frist“ 16 einzuholen und zu überholen. Diskrepanz zwischen Der Wirtschaftsaufschwung sorgte also für beachtliche Fortschritte. Allerdings
Stadt- und
verbesserten sich nicht überall in der Sowjetunion die Lebensbedingungen der Landbevölkerung
Bevölkerung. Die Diskrepanz zwischen dem Leben auf dem Land und dem in der Stadt blieben bestehen: Nur etwa ein Elftel dessen, was der Staat pro Einwohner in die städtische Infrastruktur investierte, floss in die Infrastruktur auf dem Land. Die große Kluft der Löhne zwischen Industrie und Landwirtschaft hatten zur Folge, dass die Landbevölkerung in die Städte auswanderte. Dies jedoch blieb nicht ohne Konsequenzen: Zum einen wurden die „Proportionen zwischen Produzenten und Konsumenten der Agrarprodukte spürbar verschoben“, zum
13 Zur Entwicklung der Industrieproduktion und des Nationaleinkommens in den Jahren 1951 bis
1990 siehe Anhang B.
14 Vgl. Saslawskaja 1989, 51.
15 Malia 1994, 376.
16 Leonhard 1977, 73.
5
anderen verursachte die „Auswanderung“, „Entvölkerung und Liquidierung vieler Dörfer“. 17
In der Außenpolitik bemühte sich Chrušþev um eine Phase der Entspannung. 18 Entspannungspolitik
Auf diese und jene Weise versuchte er die Mehrheit für sein zentrales Ziel zu gewinnen 19 - die „Errichtung der klassenlosen kommunistischen Gesellschaft“, die bis 1980 verwirklicht werden sollte. 20 Es waren allerdings nicht alle Ostblockstaaten bereit denselben Weg zu gehen, weswegen es zu Unruhen kam. Insbesondere Unruhen in Polen und Ungarn und der Deutschen Demokratischen Republik, die sich gegen das Ziel einer kommunistischen Gesellschaft stellten, zwangen Chrušþev nach dem Grundsatz der „verschiedenen Wege zum Sozialismus“ nach härteren Maßnahmen zu greifen. 21 Dies führte zur militärischen Niederschlagung der Unruhen. Rokosswskij in Polen wurde abgesetzt, Nagys in Ungarn sogar hingerichtet. 1962 stellte die Kubakrise für ihn einen außenpolitischen Tiefpunkt dar. Ende der Tauwetter- Insgesamtwar die Tauwetterperiode eine belebende Zeit, die durch zahlreiche
Periode
Reformen bis 1960 für einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg sorgte. Danach ging der Leistungszuwachs zurück. Eine gewisse Offenheit und geringere Zensur in der Presse öffnete den Weg zum freien Denken. Die Parteikontrolle über Literatur und Kunst, wie sie zur Stalinzeit üblich war, wurde anfangs gelockert. 22 Kritische und nicht den Normen des Sozialistischen Realismus entsprechende Texte wurden jedoch nur in Ausnahmefällen im staatlichen Verlagswesen publiziert. Solche Texte, die sich gegen Stalin wandten, wurden in dem vom Parteiapparat kontrollierten Verlag begrüßt. Andere Literatur jedoch, die nicht den in- Verbotvon haltlichen oder ästhetischen Vorgaben der KPdSU entsprach, galt als illegal und
Veröffentlichungen
strafbar. So suchte die kritische sowjetische Intelligenz einen anderen Weg, Kritik nichtsystemkonformer
Literatur
am System der UdSSR auszuüben. Unter dem Begriff Samizdat (Selbstverlag) erschien jegliche inoffizielle Literatur, die nicht gedruckt, sondern durch Abschreiben im Inland vervielfältigt wurde. Als Tamizdat (Dortverlag) bezeichnete Literatur erschien im Ausland und gelang durch Schmuggeln oder über Rundfunksendungen in die Sowjetunion. Auf diese Art und Weise erreichte die vom Staat verbotene und unzensierte Literatur ihr Publikum. Die Partei
17 Vgl. Saslawskaja 1989, 52ff. Zur Entwicklung der Urbanisierung siehe Anhang C.
18 Vgl. Druwe 1991, 26.
19 Vgl. Altrichter 2001, 131.
20 Leonhard 1984, 47, 76.
21 Vgl. Malia 1994, 363.
22 Vgl. Leonhard 1977, 92.
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Natali Bese, 2009, Die Notwendigkeit von Reformen in der Sowjetunion der 1980er Jahre, München, GRIN Verlag GmbH
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Natali Siegling (geb. Bese)
Die Arbeit bietet einen Überbick über politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ereignisse in der Sowjetunion seit 1953 (bis Ende 1980er). Es werden Gründe dafür gesucht, warum die Reformen von M. Gorbatschow notwendig waren und warum es schließlich zum Fall der Sowjetunion kommen musste.
am Tuesday, January 26, 2010-