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Inhaltsverzeichnis
1. Zur Konstruktion negativer Jugendimages. 3
1.1. Die Abwertung der Fremdgruppe durch die Eigengruppe - Grundlagen sozialer
Ungleichheit 3
1.2. Die negative Stereotypisierung der Fremdgruppe Jugend 6
1.3. Die Entindividualisierung der Jugend am Beispiel von Tabubrüchen in den neuen
Medien. 11
1.4 Die Entmündigung der Jugend. 14
2. Zur Dekonstruktion negativer Jugendimages 17
2.1. Entstereotypisierung durch Heterogenisierung 17
2.2. Enthomogenisierung durch Individualisierung 22
2.3. Demokratisierung: Teilhabe, Partizipation und Mitbestimmung. 25
3. Fazit 30
3.1. Konsequenzen für das Lehrerhandeln im Fach LER 30
4. Literatur 33
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1. Zur Konstruktion negativer Jugendimages
1.1. Die Abwertung der Fremdgruppe durch die Eigengruppe - Grundlagen sozialer Ungleichheit
Das Wort „Image“ bezeichnet den Gesamteindruck bzw. ein Stimmungsbild, den jemand z.B. über ein Produkt haben kann, unabhängig von der Komplexität, unabhängig vom Gehalt des Produkts. Im Marketing der Unternehmen wird regelmäßig versucht, ein Produkt so ins rechte Licht zu rücken, dass der Kunde in dem Sinne vom Kauf des Produkts überzeugt ist, dass er im Endeffekt nicht mehr das Produkt an sich kauft, sondern ein Image. Der Kauf eines Jogurts ist nicht mehr abhängig vom Nährwert, sondern vom „Weekendfeeling“. In der Regel folgt bei genauerer Betrachtung des Produktes die Enttäuschung: Die Komplexität des Produktes offenbart sich und gar Schwachstellen werden offensichtlich. Jene Schwachstellen versuchen Konkurrenten und Kritiker des Produkts zu akzentuieren, um ein negatives Image über das Produkt beim Kunden zu bewirken, um das eigene Produkt im Gegensatz zum Fremdprodukt zu befördern. In der Marktwirtschaft nennt man diesen Vorgang „Wettbewerb“. Das Problem liegt häufig darin, dass der Verbraucher nie wirklich weiß, was genau er eigentlich kauft. Einen genauen Einblick in das Produkt bekommt der Kunde eher selten. Was für Produkte gilt, gilt für Menschen, die versuchen, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren ebenfalls. Musiker, Künstler, Autoren und Prominente versuchen im Self-Marketing ein positives Image über ihre Persönlichkeit aufzubauen, um mit jenem Image erfolgreicher den „Namen“ zu verkaufen. Wettbewerb lässt sich also auf Menschen übertragen.
Jenen Wettbewerb der Marktwirtschaft finden wir in der Gesellschaft wieder. Sozialisierte Individuen besitzen den Hang, Menschen in die Kategorien Eigen- und Fremdgruppe einzuteilen. 1 , in „wir“ und „andere“. Dafür lassen sich zwei Funktionen finden: Das Kategorisieren ermöglicht kognitive Informationsverarbeitungen zu simplifizieren 2 . Durch das Kategorisieren von Menschen in Eigen- und Fremdgruppen ist es möglich, Werte, Einstellungen und Verhalten modellhaft zu kontrastieren, ohne die Menschen im Einzelnen zu kennen. 3 In dem Sinne sind Kategorisierungen nützlich, weil sie kognitive Informationsverarbeitungen vereinfachen. Jene Kategorisierungen dienen weiterhin dem
1 Petersen, L./ Six, B. (Hrsg.): „Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung“, Beltz Verlag 2008: S. 21
2 Werth, L./ Mayer, J.: “Sozialpsychologie”, Spektrum Akademischer Verlag, 2008: S. 377
3 Petersen/Six, 2008: S. 24
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individuellen oder kollektiven Selbstwertgefühl (motivationale Ursache) 4 . Das individuelle Selbstwertgefühl basiert auf der Zugehörigkeit zur Eigengruppe im Sinne von Teilhabe und Integration. Das kollektive Selbstwertgefühl, das Gemeinschaftsgefühl wird erreicht durch die. „Eigengruppenaufwertung“, aber auch durch die „Fremdgruppenabwertung“ 5 im Sinne von Konkurrenz und Distanz. Jene Kategorisierung zwischen „wir“ und „die da“ besitzt aufgrund des Grundsatzes der Ungleichheit erhebliche Nachteile. Fehlurteile aufgrund unbegründeter und unreflektierter Verpauschalisierungen können zu negativen Images führen, jene wiederum zu gesellschaftlichen Feindseligkeiten, Ausgrenzungen und Diskriminierungen. Wilhelm Heitmeyer beschreibt dieses Phänomen nicht nur als „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“, sondern vor allem als „Normalität“ und betont: Werden Personen aufgrund ihrer gewählten oder zugewiesenen Gruppenzugehörigkeit als ungleichwertig markiert und feindseligen Mentalitäten der Abwertung und Ausgrenzung ausgesetzt, dann sprechen wir von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Hierdurch wird die Würde der betroffenen Menschen antastbar und kann zerstört werden. Das besondere Kennzeichen dieses Begriffs ist seine Spannweite. Sie ergibt sich aus dem Phänomen selbst, denn nicht nur Personen fremder Herkunft sind mit Feindseligkeiten und Gewalt konfrontiert, wenn sie bestimmten Gruppen zugeordnet werden, sondern auch Menschen gleicher Herkunft, deren Verhaltensweisen oder Lebensstile in der Bevölkerung als „abweichend“ von einer als beruhigend empfundenen Normalität interpretiert werden. 6 Ist es gerechtfertigt, im Rahmen von „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ von Rassismus zu reden? Relativ schnell beschreibt Heitmeyer den Begriff Rassismus als
Einstellungen und Verhaltensweisen, die Abwertungen auf der Grundlage einer
konstruierten „natürlichen“ Höherwertigkeit der Eigengruppe vornehmen. 7
Heitmeyer setzt das Wort „natürlich“ in Anführungsstriche und entlarvt somit das grundlegende Problem der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“. Die Gruppen, die Feindseligkeiten erleben sind soziologisch betrachtet keine „natürlichen“ Gruppen, sondern unter soziologischer Betrachtung gesellschaftlich definierte und institutionalisierte, in dem Sinne sozial konstruierte Gruppen, in der Regel Minderheiten. Es spielt keine Rolle, ob wir über Muslime, Juden, Migranten oder Homosexuelle reden. Sie alle können als soziale
4 Werth/Mayer, 2008: S. 403
5 Werth/Mayer, 2008: S. 405 ff.
6 Heitmeyer; W. (Hrsg.): „Deutsche Zustände“, Folge 3, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005: S. 14
7 ebd.
5
Kategorie verstanden und als Fremdgruppe von der Eigengruppe bewertet werden, als „Fremde“ oder als „Anormale“ verachtet, ausgegrenzt und gedemütigt werden, insofern sie nicht der „Normalität“ entsprechen. Michel Foucault hat in seiner 1975er Vorlesung „Die Anormalen“ jene Gesellschaftsdynamik als „Geschichte der Normalisierungsmacht“ gekennzeichnet. 8 . In dieser Vorlesung beschreibt Foucault den Umgang mit Lebrakranken im Mittelalter als Modell für den Umgang mit der Gruppe der vermeintlich „Anormalen“ heute: Das waren tatsächlich Praktiken des Ausschlusses, der Aussetzung, der „Marginalisierung“, wie wir heute sagen würden. In dieser Form beschreibt man noch heute die Art und Weise , wie die Macht über die Verückten, die Kranken, die Kriminellen, die Abweichler, die Kinder und die Armen ausgeübt wird. Man beschreibt allgemein die Machteffekte und Machtmechanismen als Mechanismen und Effekte des Ausschlusses, der Disqualifizierung, der Abschiebung, der Zurückweisung, des Vorenthaltens, der Verweigerung und der Fehleinschätzung, das heißt mit dem gesamten Arsenal an Negationsbegriffen und Ausschlußmechanismen. Ich denke und glaube es weiterhin, daß die Praxis und dieses Modell des Aussetzens des Leprakranken sehr wohl ein Modell war, das bis in unsere Gesellschaft weitergewirkt hat. 9
Kurzum: Wir finden in der Gesellschaft trotz Menschenrechte, Verfassungen und Grundgesetze keine reale Gleichberechtigung, sondern das Gegenteil, soziale Ungleichheit vor. Es scheint sich eine „Normalität“, gar eine „Normalisierungsmacht“ in der Gesellschaft etabliert zu haben, die Menschen nicht nur in soziale Gruppen und Kategorien separiert, sondern jene Gruppen gemäß dem Grad ihrer Anpassung an eine konstruierte und scheinbar „natürliche“ „Normalität“, hierarchisiert, in höherwertige „Normale“ und minderwertige „Anormale“, wobei letztere Feindseligkeiten im Sinne von Abwertungen und Ausschlüssen von der Teilhabe in der Gesellschaft ausgesetzt sind.
Im Folgenden und in dieser gesamten Modularbeit wird es darum gehen, jene soziale Ungleichheit, jene sozialen Hierarchien, Abwertungen und Ausschlüsse auf das Problem der Verschiedenheit zwischen den sozialen Kategorien „Erwachsene“ und „Jugend“
8 Foucault geht hier vor allem auf die Minderheitenstellung der Homosexualität in den 70er Jahren ein, greift
dabei auf den Umgang mit psychisch und körperlich Kranken in der Geschichte der Menschheit zurück, vgl.:
Foucault, Michel: „Die Anormalen. Vorlesungen am Collège de France (1974-1975)“, Suhrkamp Verlag,
Frankfurt am Main 2003: S. 62
9 ebd: S. 64
6
anzuwenden. Im Konkreten wird es darum gehen, zu überprüfen, welche Stereotypisierungen die Jugend in der Gesellschaft erlebt, welche Entindividualisierung und Entmündigung sie aufgrund ihrer Minderheitenstellung in der Gesellschaft ausgesetzt ist und wie so im Endeffekt negative Jugendimages in der Gesellschaft konstruiert werden, um daraufhin zu untersuchen, wie negative Jugendimages wieder dekonstruiert werden können und welchen Beitrag Lehrkräfte im LER-Unterricht dazu leisten können.
1.2. Die negative Stereotypisierung der Fremdgruppe Jugend
Die Jugend wird im Allgemeinen als Entwicklungs- und Lebensphase 10 im Übergang zwischen der Kindheit und „Welt der Erwachsenen“ 11 betrachtet. Durch Geburt und durch pubertäres, hormonbedingtes ambivalentes Verhalten wird die „Jugendphase“ im Allgemeinen als „Natur“ verstanden. Auf der anderen Seite werden Jugendliche durch gesellschaftliche Prozesse, Sachzwänge und Erwartungen vor Entwicklungsaufgaben gestellt. So soll in der Jugendphase der Einstieg in den Beruf gelingen oder die Verantwortung für das eigene Leben und für das Leben anderer übernommen werden. In dem Sinn soll ein Ablösungsprozess vom Elternhaus stattfinden. Hier werden soziale Verhaltensweisen von Jugendlichen nicht nur festgestellt, sondern als „normal“ festgelegt und als „Normalität“ manifestiert. In dem Sinne ist die Jugend nicht nur eine „natürliche“ Phase, die jeder 14-27jährige durchlebt, die „Jugend“ ist ferner und im Grunde eine soziale Kategorie. 12 , im Großen und Ganzen eine soziale Gruppe, die vor der Gruppe der Erwachsenen als Fremdgruppe zu verstehen ist und daher den Mustern der sozialen Ungleichheit unterliegt. Ferner können wir eine soziale Hierarchie zwischen Jugendlichen und Erwachsenen feststellen.
In dem Sinne können wir die These formulieren: Erwachsene konstruieren durch die Separierung von Menschen in Kategorien Ungleichheit. In dem Sinne konstruieren Erwachsene durch die Etablierung der gesellschaftlichen Kategorien „Jugendliche“ und „Erwachsene“ Hierarchien zwischen den Generationen. Im Rahmen einer generationalen Ordnung, die durch Traditionen und Gesellschaftsstrukturen legitimiert wird, ist es nicht
10 Hurrelmann, Klaus: „Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung,
Juventa Verlag, Weinheim- München 2005
11 Die „Welt der Erwachsenen“ ist hier die Welt des Arbeitslebens, der Selbstbestimmung und der
Mitbestimmung in der Gesellschaft, später hierzu mehr.
12 Bühler-Niederberger, Doris: „Jugend in soziologischer Perspektive - Annnäherung und Betrachtuung“ 2003,
In: Neuland, Eva : „Jugendsprache - Jugendliteratur - Jugendkultur“, 3. Auflage, Peter Lang GmbH. Frankfurt
am Main 2008: S. 11
7
abwegig zu realisieren, dass Erwachsene Jugendliche als negative „Fremdgruppe“ bewerten, um die Eigengruppe, die Gruppe der Erwachsenen in ihrer Machtposition zu stärken. Jürgen Mansel betont in diesem Zusammenhang:
Generationsverhältnisse können nicht zuletzt auch dadurch eingetrübt werden, dass Generationen von der jeweils anderen, denen sie aufgrund ihres Alters nicht angehören, falsche Vorstellungen und Bilder entwickeln, ggf. um eigene Vorzüge hervorzuheben. 13
Insofern wir realisieren, dass Erwachsene aufgrund ihrer Erfahrungen und ihrer höheren Bildungsgrade und aufgrund ihrer rechtlichen Stellung als Vormünder gegenüber den „unmündigen“ und „minderjährigen“ Jugendlichen eine „Höherwertigkeit“ im Sinne einer höheren „Reife“ und breiteren „Lebenserfahrung“ einnehmen, so können wir davon ausgehen, dass zwischen Jugendlichen und Erwachsenen nicht nur das Potential für Generationskonflikte gegeben ist, sondern vor allem das Potential für „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ im Sinne Heitmeyers und somit gar das Potential für Rassismus (vgl. S. 4). Können wir von Rassismus reden? Führt diese These nicht zu weit? Heitmeyers Rassismusbegriff zu verwenden führt zum Kernproblem der generationalen Ungleichheit weg, da der Begriff „Rassismus“ stark abstrahiert wirkt. Daher ist es sinnvoll, Heitmeyers Rassismusbegriff als Generationsproblem zu präzisieren und von Adultismus im Sinne des Vereins NCBI zu reden:
Adultismus ist die Diskriminierung gegen jüngere Menschen, meistens von Erwachsenen gegenüber Jugendlichen und Kindern: „Du bist zu jung, um das zu verstehen“ oder „Warte bis du älter bist!“ sind Äußerungen, in denen Adultismus zum Ausdruck kommen kann; nicht ernst nehmen, nicht entscheiden lassen und Bevormundung. Alle erleben das, wenn sie jung sind und viele betrachten es als alltäglich. 14
13 Mansel, Jürgen: "Kinder und Jugendliche in der Generationsgemeinschaft. Die Reproduktion von
Spannungsverhältnissen und Konfliktlagen zwischen Jung und Alt in einer alternden Gesellschaft", In:
Hoffmann, D.; Schubarth, W.; Lohmann, M. (Hrsg.): "Jungsein in einer alternden Gesellschaft.
Bestandsaufnahme und Perspektiven für das Zusammenleben der Generationen", Juventa, Weinheim, München
2008: S. 45
14 NCBI, National Coalition Bildung Institute: “Not 2 young 2... - Nicht zu jung, um zu...Was ist Adultismus?“,
In: http://www.ncbi.ch/prog_not2young2.html (24. Juni 2008)
Arbeit zitieren:
Udo Lihs, 2009, Von der Jugendgewalt über die Individualisierung zur Selbstbestimmung der Protestjugend, München, GRIN Verlag GmbH
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