1. Einleitung
1.1 Fragestellung Mathilde Möhring
ist das Ende der Träume nicht nur vom Theater, sondern auch von einem
Frauenbild, das die Phantasie des Mannes bisher mit Poesie ausstattete, nach der
die bürgerliche Prosa verlangt. Die Frau hat sich auf die Seite der Prosa
geschlagen, als deren Gegenpol der Mann sie sich eigentlich wünschte. 1
Diese Behauptung von Maria Lypp möchte ich als Ausgangsthese meiner Arbeit verwenden und im Folgenden infrage stellen. Theodor Fontane schrieb den Kurzroman Mathilde Möhring 1891, am Ende der realistischen Literaturepoche, überarbeitete ihn in den Jahren 1895 und 1896 und hinterließ ihn nach seinem Tod 1898 als einen unvollendeten Text. 2
Die Figuren, die in Mathilde Möhring auftreten, können bestimmten Oppositionen zugeordnet werden: Das „Personal“ 3 wird von dem „dominante[n] Prinzip der wechselseitigen Spiegelung“ 4 strukturiert, das Manfred Pfister vorrangig für das Drama feststellt. Die Hauptfiguren lassen sich zum einen mit den überhistorisch konstanten Gruppenmerkmalen ‚männlich’ vs. ‚weiblich’ einander gegenüber stellen; zum anderen mit einer weiteren Kontrastbeziehung, die hier besonders beachtet werden soll und den traditionellen Geschlechterrollen nicht entspricht: Auf der Ebene des Werkganzen kann der männlichen Hauptfigur ein poetisches Weltbild, das „Verständniß für ein Buch oder ein Bild“ (4: S. 21), zugeordnet werden, der weiblichen eine prosaische Sicht auf ihre Umwelt und auf ihr „Programm[…] von \\ Glück u. Zufriedenheit“ (9: S. 59). Es ist der „Problemkreis des Künstlerischen, die Spannung zwischen Kunst und Wirklichkeit, die sich bei Fontane auch als Spannung und Dialektik zwischen Mann und Frau zeigt“ 5 .
1 Lypp, Maria: Nachwort. In: Theodor Fontane: Mathilde Möhring. Stuttgart: Reclam 2001. S. 132.
2 Vgl. stellvertretend Gabriele Radecke: Anhang. In: Fontane, Theodor: Mathilde Möhring. Hrsg. von
Gabriele Radecke. Berlin: Aufbau 2008. S. 151-194. Im Folgenden wird aus dieser Ausgabe im Fließtext
mit Kapitel- und Seitenangabe zitiert. Vgl. auch dies.: „Leider nicht druckfertig“: Spuren der
Unvollendetheit in Theodor Fontanes „Mathilde Möhring“. In: Schrift - Text - Edition 2003. S. 221-230.
3 Pfister, Manfred: Das Drama. Theorie und Analyse. 11. Aufl.. München: Fink 2001. S. 225.
4 Pfister 2001: S. 232.
5 Wittig-Davis, Gabriele: „Von den andren ... hat man doch mehr ...“? Kunst und Wirklichkeit,
Weiblichkeit und Fremdsein in Theodor Fontanes „Mathilde Möhring“ als Roman und Film. In: Theodor
Fontane. Am Ende des Jahrhunderts. Bd. 2. Hrsg. von Hanna Delf von Wolzogen. Würzburg:
Königshausen&Neumann 2000. S. 226.
2
Zu weiteren „relevanten qualitativen Merkmalen“ 6 , die die antithetische Beziehung der Hauptfiguren Thilde und Hugo zueinander gestalten können, gehört der Gegensatz zwischen ‚aktiv’ und ‚passiv’. Diese Opposition der Figuren möchte ich auf die Ereignisse in dem Roman beziehen: Das Merkmal aktiv kann einer Figur zugeschrieben werden, wenn die zugeordneten Ereignisse figurengebunden sind; passiv ist sie, wenn diese auf die Figuren bezogen sind. Mathilde kann als Handlungsträgerin bezeichnet werden, da sie in ihren Beziehungen zu anderen Figuren den treibenden, kreativen und dominanten Part übernimmt. Hugo ist dagegen der das Geschehen Erleidende: Er ist stärker rezeptiv und in seinen Handlungen zum größten Teil von seiner Partnerfigur bestimmt. 7 Dabei sind beide Figuren nach Rolf Fieguth stets Rezipienten von anderen Charakteren, von Situationen und gegenständlichen Elementen ihrer fiktiven Welt. 8 Sie unterscheiden sich nur darin, wie und was sie bewusst wahrnehmen. Die Gegenstände von Thildes Wahrnehmung können von ihr genutzt werden, um Situationen und damit jegliche Beziehungen zu verändern, die den Text strukturieren; kurz gesagt also um Handlungen auszuführen. 9 Hugo berücksichtigt dagegen, seinen Neigungen und Wünschen entsprechend, das Schöne der erfahrbaren Umwelt, das ästhetischen und besonders literarischen Mustervorstellungen zugeordnet werden kann.
Da der Roman „in einem gegebenen Traditionszusammenhang“ 10 steht, können literarische Figuren auf den verschiedenen innertextlichen Kommunikationsebenen gefunden werden, die dem Literaturliebhaber als mögliche Vorbilder für sich selbst und für andere Charaktere gelten können. Nach Bettina Plett bieten Vergleiche mit diesen „wichtige Perspektiven der Interpretation“ 11 . Die „eingestreuten Literaturpartikel“ 12 in „Fontanes erzprosaische[m] Werk“ 13 spielen jedoch nicht nur auf Frauen- und Männergestalten an, sondern auch auf die literarische Tradition eines
6 Pfister 2001: S. 227.
7 Vgl. zu dieser Unterscheidung Walter Müller-Seidel: Theodor Fontane. Soziale Romankunst in
Deutschland. 2. Aufl.. Stuttgart: Metzler 1980. S. 328; Agni Daffa: Frauenbilder in den Romanen „Stine“
und „Mathilde Möhring“. New York, Frankfurt am Main (u.a.): Lang 1998. S. 88; Ulrike Hanraths:
Bilderfluchten. Weiblichkeitsbilder in Fontanes Romanen und im Wissenschaftsdiskurs seiner Zeit.
Aachen: Shaker 1997. S. 193.
8 Vgl. Rolf Fieguth: Zur Rezeptionslenkung bei narrativen und dramatischen Werken. In: Sprache im
technischen Zeitalter 47 (1973). S. 194 und 197.
9 Vgl. Pfister 2001: S. 220.
10 Plett, Bettina: Die Kunst der Allusion. Formen literarischer Anspielungen in den Romanen Theodor
Fontanes. Köln, Wien: Böhlau Verlag 1985 S. 21.
11 Plett 1985: S. 48.
12 Hugo Aust: Theodor Fontane. Tübingen (u.a.): Francke 1998. S. 191; Vgl. auch ders.: Mathilde
Möhring. Die Kunst des Rechnens. In: Interpretationen. Fontanes Novellen und Romane. Hrsg. von
Christian Grawe. Stuttgart: Reclam 1991. S. 292.
13 Ebd.
3
„Stimmungsmotiv[s]“ 14 und auf die der ästhetischen Produktionstheorie. Auf der Grundlage dieser „erzählende[n] Kunstmittel“ 15 , die Gesellschaftsromane im Allgemeinen 16 und Fontanes Romane im Besonderen 17 auszeichnen, können im Folgenden Verstehensmöglichkeiten für zentrale „thematische und gehaltliche Aussagekomplexe“ 18 des Spätwerks Mathilde Möhring erschlossen werden. Das Zitat oder die Allusion soll dabei als ein „Element der Handlungs- und Motivstruktur“ 19 sowie der Figurencharakterisierung verstanden werden. 20
Daher möchte ich mich in dieser Arbeit mit der Frage beschäftigen, wie die Opposition von Prosa und Poesie in Theodor Fontanes Mathilde Möhring die beiden Hauptfiguren, ihre Handlungen und ihre Rezeption der Bildlichkeit in der erzählten Welt strukturiert und mithilfe von literarischen Anspielungen verbindet.
Dabei müssen andere Figuren des Romanpersonals von dem Erkenntnisinteresse ebenso ausgeschlossen werden wie weitere bildliche Ausdrucksmittel und Verweistexte. Darüber hinaus können im intertextuellen Vergleich keine Kontrastbezüge mit einbezogen werden. Im Bereich der Literaturtheorie muss aus den zahlreichen Definitionen von programmatischen Begriffen ausgewählt werden. Schließlich legt das antithetische Begriffspaar Prosa und Poesie verschiedene Fragen nach ‚gender’-Aspekten und nach einer Gattungsunterscheidung nahe, die im Rahmen dieser Arbeit nicht berücksichtigt werden können.
1.2 Methode
Als theoretische Grundlage dieser Arbeit ist an erster Stelle Manfred Pfisters Figurenanalyse nennen. Mithilfe von Hans-Werner Ludwigs Erläuterungen zu dieser Figurentheorie möchte ich einige Methoden von Pfisters Gegenstandsbereich der Dramatik auf einen Erzähltext übertragen. 21 Die Möglichkeiten, Konzeptionen und Strukturen des Romanpersonals zu verstehen, wurden oben schon genannt. An dieser
14 Der Mond. In: Elisabeth Frenzel: Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher
Längsschnitte. 6., überarbeitete. und ergänzte Aufl.. Stuttgart: Kröner 2008. S. 539.
15 Plett 1985: S. 6.
16 Vgl. Plett 1985: S. 319.
17 Vgl. Plett 1985: S. 2.
18 Plett 1985: S. 210. Vgl. auch ebd.: S. 321: In dem Roman sei „die assoziative oder komplementäre
Bindung an die übergreifende Thematik“ besonders auf die Theaterbegeisterung in der prosaischen
Realität gerichtet. Vgl. Kapitel 4.1.
19 Plett 1985: S. 48.
20 Zur Unterscheidung der beiden Grade der literarischen Anspielung vgl. Kapitel 1.2.
21 Vgl. Arbeitsbuch Romanalyse. Hrsg. von Hans-Werner Ludwig. 5. Auflage. Tübingen: Gunter Narr
Verlag 1995. S. 141-144. Vgl. auch Pfister 2001: S. 222.
4
Stelle muss hervorgehoben werden, dass sich Figuren mit qualitativen Relationen, den so genannten Korrespondenz- und Kontrastbezügen 22 , beschreiben lassen, da diese mithilfe der narrativen Kunstmittel Zitat und Allusion erklärt werden sollen: Mit der Anspielung auf eine literarische Figur, ein Werk oder eine bereits
präfigurierte Situation oder Konstellation können Parallelen hervorgehoben oder
Kontraste konturiert werden […]. 23
Wie bereits angedeutet, gehören zu den literarischen Anspielungen sowohl verhüllte Allusionen, die im Extremfall kryptisch auf den Verweistext hindeuten, als auch offene Zitate, die Fremdes wortgetreu einfügen können. 24 Die von Pfister klassifizierten Techniken der Figurencharakterisierung bieten ebenso wie Rolf Fieguths nach Fragen der Rezeptionslenkung modifiziertes Modell der Kommunikationsniveaus grundlegende Kategorien, in die diese und weitere untersuchte Erzähleinheiten eingeordnet werden können: Pfister unterscheidet zwischen der Figuren- und der Erzählerperspektive sowie zwischen der impliziten und expliziten Informationsvergabe dieser Aussagesubjekte. 25 Fieguth gliedert die Kommunikation in narrativen und dramatischen Texten nach den innertextlichen Ebenen der Figuren, des Erzählers, des Werkganzen bzw. der Produktionsakte und nach dem außertextlichen Niveau der Lebensrollen eines Autors. 26 Austs ‚Verklärungs’-Modell fasst diese Ebenen in einem Dreierschritt zusammen: In Fontanes Poetik gibt es im Bereich der Darstellung, der Rezeption und der Produktion verklärende Mittel. 27
Die Kontrast- und Korrespondenzmerkmale werden von Manfred Pfister der implizit-auktorialen Charakterisierungstechnik zugeordnet. 28 In Fontanes Erzähltext stellen die „Subjektivität“ 29 der Romancharaktere, „komplexe Verweisungszusammenhänge, bedeutende Situationen und ‚bewußte Symbole’“ 30 die Struktur der erzählten Realität her. Dabei entsteht keine ausschließlich auktoriale Kommunikationssituation, nicht
22 Vgl. Pfister 2001: S. 224-232.
23 Plett 1985: S. 34.
24 Ebd. S. 10 und 11.
25 Vgl. Pfister 2001: S. 252.
26 Vgl. Fieguth 1973: S. 197. In dieser Arbeit werden die Stereotypen, die Rolf Fieguth auf den Ebenen
N3 und N4 zusätzlich feststellt, nicht berücksichtigt.
27 Vgl. Hugo Aust: Kulturelle Traditionen und Poetik. In: Fontane-Handbuch. Hrsg. von Christian Grawe
und Helmuth Nürnberger. Tübingen: Alfred Kröner Verlag 2000. S. 429.
28 Vgl. Pfister 2001: S. 252.
29 Daffa 1998: S. 123.
30 Vgl. Plett 1985: S. 2: Plett sieht literarische Anspielungen „als ein Symptom und ein Reflex der
Auseinandersetzung mit dem Problem des Realismus und der Objektivität, der Distanzierung des
Erzählers von der in Zweifel gezogenen Eindeutigkeit der dargestellten Welt und des Rückzugs des
auktorialen Erzählers zugunsten eines Romans der multiperspektivischen Offenheit“.
5
zuletzt da die Erzählerperspektive in Mathilde Möhring überwiegend zurücktritt und die Sichtweisen aller Figuren übernehmen kann. 31 Bettina Plett weist der Erzählinstanz insbesondere die „Beschreibung […] der literarischen Interessen einer Romanfigur“ 32 zu, die besonders für die Konstitution von Hugos Merkmalsatz von Bedeutung ist.
Das Personal des Erzählwerks kann jedoch nicht nur mit statischen Relationen strukturiert werden, sondern auch mit dynamischen: Die Figurenkonstellation setzt sich aus Wertungen zusammen, mit denen sich Mathilde und Hugo aufeinander beziehen. Solche Bezugnahmen können wiederum auf den statischen Merkmalen basieren und eine Dynamik entwickeln, mit der sich Konflikte bilden und lösen. 33 Dass die qualitativen Relationen der Merkmale unterschiedliche Einflussnahmen im Rahmen „dynamische[r] Interaktionsstrukturen“ 34 ermöglichen, soll im Folgenden dargestellt werden. Dabei kann gezeigt werden, dass sich die statischen Differenzmerkmale selbst dynamisch verändern können. Ob und wie sich dies vollzieht, ist abhängig von den figurenspezifischen Kombinationen von „oppositive[n] Modelle[n] zur
Figurenkonzeption“ 35 : Um die Merkmalssätze zu beschreiben, können verschiedene Ausprägungen zwischen den Polen statisch und dynamisch sowie ein- und mehrdimensional verbunden werden. 36
1.3 Forschungsüberblick
1.3.1 Zu der Opposition in Mathilde Möhring
Wirklichkeits- und Geschlechterkonzepte mit einer diametralen Zuordnung der Opposition ‚Prosa’ - ‚Poesie’ sind häufig in der Forschungsliteratur zu Fontanes Kurzroman untersucht worden. Dieser Überblick soll die Forschungslage nach Maria Lypps Nachwort reflektieren; sofern es notwendig ist, greift er aber auch auf früher veröffentlichte Interpretationen zurück.
Sabine Schmidt hebt hervor, dass das weibliche Subjekt sich in der Regel über die männliche Wahrnehmung konstituiert. 37 „[D]er unsentimentale Pragmatismus ihres
31 Vgl. Daffa 1998: S. 109-132. Vgl. zu der Gattungsfrage: Romananalyse 1995: S. 144.
32 Plett 1985: S. 318.
33 Vgl. Pfister 2001: S. 232-234.
34 Pfister 2001: S. 232.
35 Ebd.: S. 241.
36 Ebd.: S. 242-244.
37 Schmidt, Sabine: „fast männlich“. Zu Genderdiskurs und Rollentausch in Theodor Fontanes „Mathilde
Möhring“. In: „Weiber weiblich, Männer männlich“? Zum Geschlechterdiskurs in Theodor Fontanes
6
Verhaltens“ 38 führe in dem ironisch gewerteten Fall der Mathilde-Figur dazu, dass sich kaum ein passendes ‚traditionelles’ Frauenbild, zumindest im Sinne einer männlichen Wunschprojektion, für sie finden lässt. 39 Agni Daffa bietet einen Überblick über Klassifizierungen der Frauenfiguren. Nach ihrem eigenen Kriterium des Aufstiegsstrebens ordnet sie Mathilde einem Frauentyp zu, den das „absolut Prosaische“ kennzeichnet und der von der Gesellschaft bestimmt ist. 40
In Bezug auf die binäre Struktur des Romanes verweist Maria Lypps Forschungstext auf die Romantradition, in die Fontanes Kurzroman steht, insbesondere auf literarische Anspielungen auf die Figur des jungen Bürgersohnes in Johann Wolfgang von Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre. 41 Tatsächlich können zahlreiche intertextuelle Beziehungen zu verschiedenen Werken und damit literarische Anspielungen auf Figuren gefunden werden, die sich als männliche oder weibliche Rollenvorbilder auf der Oppositionsachse einordnen lassen. Einiges wurde von der Fontaneforschung bereits festgestellt, jedoch können die bisherigen Erkenntnisse in vielerlei Hinsicht ergänzt und als Grundlage für die Figurenanalyse verwendet werden. In diesem Zusammenhang sind die Frauentypen ‚femme de genié’ und ‚Blaustrumpf’, denen Karin Bauer die Titelfigur zuordnet, relevant. 42 Ihre Merkmale werden unterschiedlich interpretiert. Elisabeth Strowick stellt einerseits den Mangel an Affektivität fest, der Thildes prosaisches und pädagogisches Berechnen kennzeichnet; andererseits rückt die Autorin diese Verhaltensweise jedoch in die Nähe eines künstlerischen Verfahrens. 43 An dieser Stelle möchte ich sowohl auf die Untersuchungen zu dem Begriff der Bildung und Herzensbildung 44 hinweisen, als auch auf diejenigen zu Fontanes poetologischem Begriff der ‚Finessen’, der auf der innertextlichen Ebene wieder gefunden werden kann: Nach Hugo Aust stellt er die Kategorie der Prosa und damit die gesamte Opposition infrage. 45 Des Weiteren haben
Romanen. Hrsg. von Sabina Becker und Sascha Kiefer. Tübingen: Francke 2005. S. 233. Vgl. zur
Relativierung dieser ‚Regel’ in dem Roman ebd.: S. 234.
38 Schmidt 2005: S. 229.
39 Vgl. Schmidt 2005: S. 228.
40 Daffa 1998: S. 262/263.
41 Vgl. Lypp 2001: S. 132/133.
42 Vgl. Karin Bauer: Fontanes Frauenfiguren. Zur literarischen Gestaltung weiblicher Charaktere im 19.
Jahrhundert. New York, Frankfurt am Main: Peter Lang 2002. S. 220-259.
43 Vgl. Elisabeth Strowick: „Mit dem Bazillus is nicht zu spaßen“: Fontanes „Finessen“ im Zeichen der
Infektion. In: Der Deutschunterricht 55 (2003). Heft 5. S. 44-46.
44 Vgl. stellvertretend Simone Richter: Fontanes Bildungsbegriff in „Frau Jenny Treibel“ und „Mathilde
Möhring“. Saarbrücken: VDM 2007.
45 Vgl. Aust 1991: S. 287.
7
besonders die Eigen- und Fremdkommentare, die beschreiben, wie Mathilde Hugos Stärken einschätzt und ihn auf seine Prüfung vorbereitet, in Forschungsbeiträgen dazu Anlass gegeben, ihre vermeintlich eindimensionale Figurenkonzeption mit weiteren Merkmale zu ergänzen: Dabei wird danach gefragt, ob die Titelfigur neben den prosaischen auch ästhetische und ethische Wirklichkeitskonzepte aus der Tradition der Klassik vertrete. 46
Eda Sagarra legt Hugo in dem kurz vor der Reclam-Ausgabe erschienen Fontane-Handbuch auf ein poetisches Realitätsmodell fest, da er „nicht in der ‚realen Welt’ lebt, sondern in der Welt des schönen Scheins, der Literatur, des Theaters“ 47 . Daher soll er in dieser Arbeit auf der Grundlage seines starken Bezuges zur Literatur untersucht werden. Die Forschungstexte bewerten die männliche Hauptfigur - im Vergleich mit Mathilde und in Übereinstimmung mit ihrer Figurenperspektive - als einen schwachen Ästhet: Der Bürgermeistersohn und Literaturliebhaber kann als Antiheld und als dekadente Männergestalt der beginnenden Moderne gelten. 48
Nach Karin Bauer scheitern schließlich beide auf der Figurenebene konstituierte Illusionen, die poetische Illusion des Mannes und die prosaische der Frau. 49 Zur Klärung der Frage, wie der Romanschluss zu bewerten sei, möchte ich auf die Positionen in Sabine Beckers und Gabriele Wittig-Davis’ Forschungsbeiträgen, die ein Jahr vor Lypps Nachwort erschienen sind, hinweisen: Sie treffen sich in ihren Thesen zur ‚Vereinbarkeit’ des Gegensatzpaares, das das Ehepaar Großmann personifiziert. 50 In
46 Vgl. Wittig-Davis 2000: S. 221. Sowie: Sabina Becker: Aufbruch ins 20. Jahrhundert: Theodor
Fontanes Roman „Mathilde Möhring“. Versuch einer Neubewertung. In: ZfG 10 (2000). H. 2. S. 303;
Cordula Kahrmann: Idyll im Roman: Theodor Fontane. München: Fink 1973. S. 141/142. Dagegen:
Stefan Greif: „Neid macht glücklich“. Fontanes „Mathilde Möhring“ als wilhelminische Satire. In: DU 50
(1998). H. 4. S. 54.
47 Sagarra, Eda: Mathilde Möhring. In: Fontane-Handbuch. Hrsg. von Christian Grawe (u.a.). Tübingen:
Kröner 2000. S. 688. Vgl. ebenfalls Lieselotte Voss: Literarische Präfiguration dargestellter Wirklichkeit
bei Fontane. Zur Zitatstruktur seines Romanwerks. München: Fink 1985. S. 226/227.
48 Vgl. Schmidt 2005: S. 238; Bauer 2002: S.251/252; Aust 1991: S.280; Müller-Seidel 1980: S. 325;
Petra Kuhnau: Nervöse Männer - Moderne Helden? Zur Symptomatik des Geschlechterwandels bei
Fontane. In: Theodor Fontane. Anm. 5. S.141; Werner Hoffmeister: Theodor Fontanes Mathilde
Möhring: Milieustudie oder Gesellschaftsroman? In: ZfdPh 92 (1973). S. 143. ff.; Theodor Pelster:
Theodor Fontane: Mathilde Möhring. Vorschläge für die Erarbeitung eines Berliner Zeitromans. In: DU
53 (2000). H. 2. S. 107.
49 Bauer 2002: S. 252. Ebenso Hoffmeister 1973: S. 142-145. Hoffmeister gesteht der Figur am
Romanende jedoch ein kleines Korrektiv zu: Vgl. S. 146.
50 Vgl. Becker 2000: S. 305. Und: Wittig-Davis 2000: S. 218.
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