Inhaltsverzeichnis
I. Vorwort 3
II. Klärung des Begriffes „Kanon“ 3
II.1 Die Frage nach der Entstehung des neutestamentlichen Kanons 4
III. Der Kanon Muratori. 7
III.1 Bedeutung des Kanon Muratori 7
III.2 Inhalt des Kanon Muratori 9
III.3 Zur Person Ludovico A. Muratori. 13
IV. Kritik und Streitfragen des Kanon Muratori 13
IV.1 Hahnemann und Sundberg. 13
V. Zusammenfassung. 15
2
I. Vorwort
„Die Kanongeschichte gehört trotz vieler Bemühungen um ihre Erforschung nach wie vor zu den allerkompliziertesten Teilen der kirchenhistorischen Wissenschaft.“ 1 Auch wenn in Teilfragen eine übereinstimmende Meinung herrscht, sind gerade die bedeutendsten Fragen „doch noch kontrovers.“ 2 Diese sind u.a.: „Wann und wie ist es zu einer anerkannten Autorität eines Neuen Testaments neben den Schriften des AT gekommen? Welche treibenden theologischen Kräfte waren dabei wirksam?“ 3
Ebenso taucht bei intensiver Recherche die Frage nach dem Kanon Muratori bzw. dem muratorischen Fragment und dessen Bedeutung auf.
Dieser ist für die Kanongeschichte besonders wichtig weil er das wohl älteste Kanonverzeichnis darstellt auch wenn sich die exakte Datierung diffizil gestaltet. Die vorliegende Seminararbeit beinhaltet das Ziel die Frage nach der Bedeutung des Kanon Muratori für die neutestamentliche Kanongeschichte zu untersuchen. In einem ersten Schritt soll zunächst der Begriff „Kanon“ erläutert bzw. definiert werden-Es folgt eine Auseinandersetzung mit der Frage nach der Entstehung des neutestamentlichen Kanons.
Das Hauptaugenmerk liegt dann auf dem Inhalt und der Bedeutung des Kanon Muratori für die Kanongeschichte. Hierbei wird auch kurz auf Kritikpunkte des Kanon Muratori eingegangen.
II. Klärung des Begriffes „Kanon“
Bevor wir uns genauer mit dem Prozess der „Kanonisierung“ beschäftigen, müssen wir klären, was überhaupt mit dem Wort „Kanon“ gemeint ist. „Das griechische Wort κανων ist aus κανμ gebildet, einem Lehrwort aus dem Semitischen mit der Grundbedeutung Rohr; auch die griechische Form καννα ist belegt.“ 4 Das Wort κανων kommt in der Septuaginta nur an drei Stellen vor. Nämlich in Judith 13,6 mit der Bedeutung Bettpfosten, in Micha 7,4 und im IV. Makkabäerbrief (7,21), wo es heißt: „Sollte nicht der, der προζ ολον τον τμζ φιλοσοπιασ κανονα φιλοσοφων (der nach dem ganzen Kanon der
1 Schneemelcher, Wilhelm: Neutestamentliche Apokryphen I - 6.Auflage, Tübingen. 1990, S.8
2 ebenda
3 ebenda
4 ebenda, S.2
3
Philosophie philosophiert) die Gewalt über die Triebe bekommen?“ 5 Das Wort „Kanon“ bedeutet in seiner ursprünglichen griechischen Wortbedeutung etwa Meßlatte, Richtschnur, Maßstab, Norm oder Regel. Nach Schneemelcher wird dieses Wort nun auf vier Lebensbereiche übertragen und wird dadurch zu einer Bezeichnung für die Norm, die vollendete Gestalt, den Maßstab oder das Kriterium. 6 “
Wichtig war sicher die Anwendung dieses Begriffs auf ethischem oder philosophischem Gebiet. Das Sittengesetz wird als κανων bezeichnet, und bestimmte Ideale werden zu κανονεζ erhoben. An Epikur und Epiktet lässt sich zeigen, wie wichtig dieser Begriff für die Philosophie geworden ist.“ 7 Demnach heißt Philosophieren „nichts anderes, als Maßstäbe, κανονεζ, zu untersuchen und festzustellen.“ 8 Nach Beyer sind diese κανονεζ die Grundregeln für den rechten Gebrauch des freien Willen. 9
„Insgesamt ist entscheidend, dass es sich bei der Kanonisierung der neutestamentlichen Schriften um den Abschluss eines Rezeptionsvorgangs handelt: Eine Gemeinschaft anerkennt bestimmte Schriften als für sich verbindlich und kann dann von diesen als von `unseren Schriften´ sprechen. Was nun den Kanonisierungsvorgang betrifft, so sind die äußeren, mehr formalen Faktoren und die inhaltlich-sachlichen Kriterien zu unterscheiden.“ 10
II.1 Die Frage nach der Entstehung des neutestamentlichen Kanons
Der neutestamentliche Kanon, wie wir ihn heute vorfinden, beinhaltet die synoptischen Evangelien, das Johannesevangelium, die Johannesbriefe, die Apostelgeschichte, die Paulusbriefe, die katholischen Briefe (dazu zählen Jakobus-, erster und zweiter Petrusbrief, erster, zweiter und dritter Johannesbrief und der Judasbrief) und die Apokalypse des Johannes.
Wie aber kam dieser endgültige Kanon in seiner jetzigen Form zustande? Welches waren die treibenden Kräfte und welche Kriterien musste eine Schrift erfüllen um in den Kanon
5 ebenda
6 Vgl. ebenda
7 ebenda
8 Vgl. ebenda
9 Vgl. ebenda
10 von Lips, Hermann: Der neutestamentliche Kanon - Seine Geschichte und Bedeutung, Zürich. 2004, S.111
4
aufgenommen zu werden? Warum ist das Neue Testament überhaupt entstanden und welche bleibende Bedeutung hat es für das Christentum und persönlich für den einzelnen Christen? 11 Diese Fragen möchte ich im folgenden Teil untersuchen.
Nach Strathmann gab es zunächst überhaupt keinen besonderen christlichen Kanon da man den jüdischen übernahm. Demnach hatten die einzelnen Gemeinden, Provinzen, Parteien je ihren eigenen Kanon, dessen Bestand von allerlei Willkürlichkeiten und Privatneigungen der Kirchenleiter abhängig war. Er ist auch der Meinung dass es nie einen völlig gleichförmigen christlichen Kanon gegeben hat und dass zwischen Orient und Okzident nie eine gemeinsame Verabredung über den Kanon zustande gekommen ist. 12
Der Kanon des Neuen Testaments hat seine Anfänge im zweiten Jahrhundert. Um das Jahr Hundert herum und noch bis Mitte des zweiten Jahrhundert „erscheint das Alte Testament als die einzige, maßgebende und völlig ausreichende heilige Schrift der Kirche, auf die sich die Juden, die Christus ablehnen, darum nur zu Unrecht berufen. Denn die Weissagungen dieses Buches gehen auf diesen Herrn, Christus; er selbst redet klar und vernehmlich durch die alttestamentlichen Propheten und steht in der Fluchtlinie der ganzen bisherigen Heilsgeschichte, die er ans Ziel bringt.“ 13 Um den Prozess der Kanonbildung zu verstehen, müssen zunächst relativ banale Fakten verinnerlicht werden. Es steht außer Frage dass für den frühen Christen die alttestamentlichen Schriften sehr wichtig waren. Nun stellt sich aber die Frage, wer überhaupt in den frühchristlichen Gemeinden lesen und schreiben konnte. Zu Beginn des zweiten Jahrhunderts war das nämlich keine Selbstverständlichkeit; im Gegenteil: die Bildung war Privatsache und hing oft von finanziellen Möglichkeiten ab und folglich konnte nur eine Minorität des Volkes lesen und schreiben. Die Analphabetenrate war sehr hoch. Dass man in den verfügbaren Schriften lesen konnte war alles andere als selbstverständlich.
Von Lips verweist auf die Textstelle, die wir in 1Kor 1,26 finden, „wo Paulus die Zusammensetzung der Gemeinde von Korinth anspricht.“ 14 „Schaut doch nur auf eure Berufung, Brüder! Da sind nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht
11 Vgl. ebenda, S.9
12 Vgl. Strathmann, Hermann: Die Krisis des Kanon der Kirche. In: Käsemann, Ernst: Das Neue Testament
als Kanon - Dokumentation und kritische Analyse zur gegenwärtigen Diskussion, Göttingen. 1970. S.49
13 von Campenhausen, Hans Freiherr: Die Entstehung des Neuen Testaments. In: Käsemann, Ernst: Das Neue
Testament als Kanon - Dokumentation und kritische Analyse zur gegenwärtigen Diskussion, Göttingen.
1970. S.110
14 von Lips, Hermann, S.20
5
Arbeit zitieren:
Lukas Glaser, 2006, Die Frage nach der Bedeutung des Kanon Muratori für die neutestamentliche Kanongeschichte, München, GRIN Verlag GmbH
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