Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
Die Voraussetzungen für den Einzug der Philosophie in das islamische Denken 2
Der historische Hintergrund und die Wurzeln des philosophischen Denkens im Islam 2
Die Schlüsselrolle der Mutazila 3
Die Übersetzungsbewegung 4
Islamische Denker zwischen Rationalismus, Orthodoxie und Religionskritik 6
Al -Frb und die gesellschaftlichen Umbrüche des 10. Jahrhunderts 6
Muammad al-azl 7
Die politischen Entwicklungen im islamischen Spanien und das Denken Ibn Rušds 9
Die Auferstehung des Leibes - Gegenüberstellung phil. und theol. Standpunkte 12
Fazit 14
Bibliographie 16
1) Einleitung
Die Philosophie beschäftigt sich mit dem Streben des menschlichen Geistes, die Zusammenhänge des Seins und die Grundsätze der Lebensführung und Daseinsgestaltung zu erkennen. Dass diese Wissenschaft nicht nur im antiken Griechenland betrieben wurde, deren herausragende Vertreter bei der Lehre der Philosophie hervortraten, sondern auch der islamische Kulturkreis große Denker und facettenreiche Beiträge hervorgebracht hat, fand lange Zeit keine Würdigung. Man wies ihr wegen der Übersetzung wichtiger Werke aus dem Griechischen ins Arabische eher eine „Brückenfunktion“ 1 zu, die die Weitergabe des antiken Wissens an das lateinische Mittelalter ermöglicht hatte. Davon abgesehen sah man die philosophische Bewegung eher untergeordnet als eine Besonderheit in der islamischen Religion und Kultur an denn als eigenständigen Teil der Geschichte der Philosophie. Die oben genannten Übersetzertätigkeiten und damit auch die Anfänge der intensiven Rezeption der antiken Wissenschaften und der Entwicklung einer eigenständigen Philosophie begannen im 8./9. Jahrhundert n. Chr. 2 unter der Herrschaft der Abbasiden. Im umayyadischen Spanien dagegen verzögerte sich dieser Prozess aufgrund der Feindschaft zu den abbasidischen Herrschern im Osten und entwickelte sich erst zeitversetzt im 12./13. Jahrhundert. 3 Durch die abbasidischen Eroberungen wurden Syrien, Ägypten und Persien zu Teilen des Reiches, die vorher lange unter griechischem Einfluss gestanden hatten. Neues Wissen in den verschiedenen Gebieten war wichtig und begehrt, da die Vergrößerung des Reiches neue Herausforderungen, beispielsweise in Sachen der Steuerberechnung (Mathematik), der Gebetsrichtung (Astronomie) oder der Kartierung neuer Gebiete (Geographie), bereit hielt. Der Kalif al-Mamn förderte diesen Bedarf, indem er 832 unter anderem das bayt al-ikma (Haus der Weisheit) gründete, um die Übersetzung griechischer Texte, auch aus dem Bereich der Philosophie, ins Arabische voranzutreiben. 5 Philosophisches Wissen wurde ebenso in den Bereich der Politik eingebunden. Um dies zu beleuchten soll in dieser Arbeit auch auf Al-Frb eingegangen werden, der Werke wie r ahl al-madna al-fila (Ansichten der Bürger der tugendhaften Stadt) oder As-siysa al-madaniyya (Über die Staatsleitung) der politischen Philosophie widmete und statt der religiösen Grundlage die Tradition einer
1 Rudolph, Ulrich: Islamische Philosophie, München 2004, S. 7.
2 Jahreszahlen gebe ich in der christlichen Zeitrechnung an.
3 Vgl. Tibi, Bassam: Politisches Denken im klassischen und mittelalterlichen Islam, in: Pipers Handbuch der politischen Ideen II, herausgegeben von Fetcher, Iring und Münkler, Herfried, München 1993, S. 118/119. 4 Bei Namen, Eigennamen, Titeln u.a. Wörtern, die keine gängige deutsche Version haben, halte ich mich an das Umschriftssystem der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft.
5 Vgl. Leaman, Oliver, An Introduction to Classical Islamic Philosophy, Cambridge 2002, S. 6.
rationalistischen Sichtweise begründete. Er war bemüht, Islam und Philosophie miteinander in Einklang zu bringen, räumte der Sakraljurisprudenz (Fiqh) und der Theologie (Kalm) aber gleichzeitig einen geringeren Stellenwert ein als der Philosophie. 6 Bei al-Frb (9. Jhd.) und später unter anderem auch bei Ibn Rušd aus Cordoba (12. Jhd.) wurde die Vernunft in den Mittelpunkt gerückt und damit das religiöse Wissen und die Heilige Schrift als alleinige Grundlage des Denkens verlassen. Hier kollidierten die Philosophen mit den Rechtsgelehrten, die die Religion als Grundlage allen Denkens verteidigten. Ein bedeutender Verfechter der Religion als oberste Autorität war Muammad al-azl, der sich ausgiebig mit der Philosophie und dem Herausfinden ihrer Schwachpunkte beschäftigt hatte. Al-azl war sowohl in Hinblick auf seine spirituelle Entwicklung als auch in Bezug auf die Beurteilung der Philosophie ein besonderer Denker in seinen Reihen. Daher soll hier - wie im Titel angedeutet - auf sein Wirken und seine Methode besonders eingegangen werden. Außerdem werden sein Angriff auf die Philosophen und Ibn Rušds direkte Verteidigung derselben repräsentativ für den Konflikt dieser beiden Lager einander gegenübergestellt. Als spezielle Veranschaulichung der Meinungsverschiedenheiten dient der Disput über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Auferstehung des Leibes. Der Austausch, der in diesem großen Rahmen stattgefunden hat, gibt Aufschluss über Details seiner Akteure, wie Hintergrund sowie Art und Weise ihrer Argumentation. Ebenso macht er lokale Unterschiede und Wendepunkte in der gesellschaftlichen Entwicklung sichtbar. Das Tauziehen von Religion und Philosophie um die Prävalenz als ideelle Basis des Denkens wurde zum Mittelpunkt des intellektuellen Diskurses im islamischen Mittelalter. Seine gedankliche Strömungen und deren Vertreter bilden den Kern dieser Arbeit.
2) Die Voraussetzungen für den Einzug der Philosophie in das
islamische Denken
a) Der historische Hintergrund und die Wurzeln des philosophischen Denkens im Islam
Nach der islamischen Religionsstiftung im 7. Jahrhundert vergrößerte sich das Herrschaftsgebiet rasant. Es waren viele verschiedene Völker, die nun in der neuen islamischen Gemeinschaft aufgingen. Zwar gehörten sie alle offiziell zu „der Umma“, die
6 Vgl. Rudolph 2004, S. 29.
Unterschiede zwischen den heterogenen Bevölkerungsgruppen verschwanden allein durch diese Deklaration jedoch nicht. Wie Bernard Lewis es treffend formulierte, ließ sich die Umma als „zweiseitiges Wesen“ 7 beschreiben mit ihrer politischen und ihrer religiösen Seite. Politische Herrschaft und Autorität ließ sich nur mit ihrer Kopplung an die religiöse Botschaft legitimieren. Jenes warf in dieser neuen, sich rasant entwickelnden Religion, die noch in der Entwicklung einer eigenen Dogmatik (ul ad-dn) und Theologie (kalm) steckte, grundlegende Fragen auf, die öffentlich, beispielsweise am Kalifenhof, diskutiert wurden. 8 Diese Praxis des offenen Diskurses und Austausches verbesserte die Argumentation und mündete immer wieder in einer Fragestellung: Wie war es möglich, im Einklang mit der Botschaft des Islam zu regieren? Diese fundamentale Frage nach der Art und Weise der Vereinbarkeit der Gesetze des Islam und der Ausübung politischer Gewalt war der Ausgangspunkt für die darauf folgenden sakraljuristischen Debatten und theologischen Kontroversen. Den Theologen ging es um das Verhältnis zwischen Glauben und Wissen, zwischen menschlicher Vernunft und dem Offenbarungstext, um die Frage der Vorherbestimmung und der göttlichen Gerechtigkeit, um das Verhältnis von göttlicher Allmacht und menschlicher Handlungsfreiheit 9 - all das sind Themen, mit denen sich später auch die Philosophen beschäftigten. Man kann der islamischen Philosophie also die Kalm als Paten zur Seite stellen. 10
b) Die Schlüsselrolle der Mutazila
Eine wichtige Gruppe innerhalb der theologischen Dogmatiker (mutakallimn) war die Mutazila Der Name leitet sich als Partizip vom Verb itazala ab und kann als „die sich Absondernden“ übersetzt werden. 11 Sie entstand schon im 7. Jahrhundert und hatte ihre Blütezeit im 1. Jhd. nach der Machtübernahme durch die Abbasiden. 12 Die Anhängerschaft kam nicht nur aus dem traditionell theologischen Bereich, sondern war breit gefächert. Ein berühmter Vertreter der Mutazila war al-öööi, der vermutlich zwischen 775 und 868 gelebt und unter al-Mamn in Bagdad gewirkt hat. Er stand an der Spitze der abbasidischen Literatur und war gleichzeitig aller zu seiner Zeit bekannten Wissenschaften (zum Beispiel Biologie, Geschichte, Theologie) kundig. Seine Intelligenz und Bildung verschafften ihm
7 zitiert nach Hendrich, Geert: Arabisch-islamische Philosophie, Frankfurt/Main 2005, S. 15.
8 Vgl. Krämer, Gudrun: Geschichte des Islam, Bonn 2005, S. 94.
9 Vgl. Radtke, Bernd: Der sunnitische Islam: „Theologie“, in: Ende, W. und Steinbach, U.: Der Islam in der Gegenwart, Bonn 2005, S. 58.
10 Vgl. Hendrich 2005, S. 17.
11 Vgl. Halm, Heinz: Der Islam, München 2000, S. 34.
12 Vgl. Gimaret, D.: Mutazila, in: EI II, Vol. VII, S. 783.
Arbeit zitieren:
M.A. Britta Werner, 2009, Al-Ġazālī und der theologisch-philosophische Diskurs im mittelalterlichen Islam, München, GRIN Verlag GmbH
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