1 EINLEITUNG
3
2 MODERNE
6
2.1 Vorüberlegung: Semantik 6
2.2 Zeitliche Einordnung 8
2.3 Ästhetische und gesellschaftliche Moderne 11
2.4 Merkmale der gesellschaftlichen Moderne 13
2.4.1 Wirtschaft, Staat Gesellschaft 14
2.4.2 Lebenswelt 17
2.4.3 Denken und Bewusstsein 18
3 EXPRESSIONISMUS UND MODERNE -
ÜBERBLICK ÜBER DIE FORSCHUNG
22
4 DARSTELLUNG DER MODERNE
IM EXPRESSIONISTISCHEN DRAMA
28
4.1 Wirtschaft, Staat Gesellschaft 28
4.1.1 Industrialisierung und
technologische Rationalisierung 28
4.1.2 Kapitalisierung 35
4.1.3 Funktionale Differenzierung 42
4.1.4 Staatliche Entwicklungen 47
4.2 Lebenswelt 49
4.3 Denken und Bewusstsein 56
4.3.1 Rationalität als Leitnorm 56
4.3.2 Subjektautonomie und Individualismus 61
4.3.3 Wahrheitspluralismus 66
5 GEGENENTWÜRFE ZWISCHEN
R ÜCKSCHRITT UND NEUANFANG
69
5.1 Apokalyptische Muster 69
5.2 Die Vormoderne als Ausweg 74
6 ZUM SELBSTBILD DER AUTOREN
79
7 ZUSAMMENFASSUNG AUSBLICK
86
8 LITERATURVERZEICHNIS
89
8.1 Primärliteratur 89
8.2 Sekundärliteratur 90
EINLEITUNG 3
1 Einleitung
Was wird das beste? Nicht aufzutauchen und in den Sturm verschleppt zu werden, der an die Küsten fährt. Da brüllt Tumult und zerrt uns in die Raserei des Lebens. Angetriebene sind wir alle - Ausgetriebene von unserm Paradies der Stille. Losgebrochene Stücke vom dämmernden Korallenbaum - mit einer Wunde vom ersten Tag an. Die schließt sich nicht - die brennt uns - unser fürchterlicher Schmerz hetzt uns in die Laufbahn! 1
Aus der Passage aus Georg Kaisers Drama Die Koralle schlägt dem Leser eine Mischung aus Schmerz, Angst und Verlustgefühl entgegen. Losgerissen vom Ganzen treibt das Subjekt dort in der unberechenbaren Strömung seiner Umwelt umher, verletzt und verloren. Man könnte das Bild leicht umkehren und die Freiheit des unendlich scheinenden Meeres mit seinen unbegrenzten Möglichkeiten loben, es von der bedrückenden Enge des Korallenbaums abgrenzen. Die Frage, warum Georg Kaiser das nicht tut, sondern sich für die negative Variante entscheidet, führt direkt zum Thema dieser Arbeit. Zu viel Freiheit kann verängstigen; wenn ein Seiltänzer nach unten schaut und ihn Schwindel befällt, wird er wohl kaum die luftige Freiheit seiner Situation preisen, sondern sich festen Boden unter den Füßen zurückwünschen. Ähnlich verhält es sich offensichtlich mit der Moderne, die dem Subjekt den soliden Boden einer einheitlichen, allumfassenden Sicht auf seine Umwelt nimmt und es auf sich selbst zurückwirft. Dieser Analogie folgend, wären die Seiltänzer, die mit ihrer Freiheit nicht nur zurechtkommen, sondern mit ihr spielen, in dem zu suchen, was in Philosophie und den Künsten Postmoderne genannt wird. Bis dorthin lassen sich hauptsächlich Beispiele dafür finden, dass die Freiheit der Moderne auch als mangelnder Halt interpretiert werden kann, aus dessen luftigen Höhen man sich zurück auf die Geborgenheit eines sicheren Bodens wünscht.
Kaiser, Georg: Werke. 5 Bde. Hrsg. von Walther Huder. Frankfurt/M.: Propyläen-Verlag 1
1971. Bd. 1, S. 711. Im Folgenden werden Zitate aus dieser Ausgabe mit dem Sigle Kaiser sowie der Angabe von Band und Seitenzahl gekennzeichnet.
4 EINLEITUNG
In dieser Arbeit sollen Dramen des Expressionismus aus der Fragestellung heraus betrachtet werde, wie sie mit den Phänomenen der Moderne umgehen. Wie stellen sie Moderne dar, wie bewerten sie sie, aber zunächst: Was ist überhaupt Moderne? Am Beginn der Untersuchung steht daher der Versuch, eine Terminologie zu entwickeln, welche die verschiedenen Aspekte der Moderne erfasst. Nach einem kurzen Überblick über die bisherige Forschung zum Thema Expressionismus und Moderne werden die untersuchten Dramen im Folgenden auf deren Darstellung und Bewertung von Moderne hin betrachtet. Analog zum obigen Bild lautet die Frage in diesem Kapitel also, ob die Autoren der Texte auf dem Seil tanzen oder sich daran festklammern und sich stattdessen festen Boden unter den Füßen wünschen. Wie dieser Boden überhaupt beschaffen sein könnte, wird im darauffolgenden Kapitel zu betrachten sein, in dem Gegenentwürfe zur Moderne untersucht werden, die in den Dramen präsentiert werden. Der Abschluss der Untersuchung wird von der Frage bestimmt, welche Rolle die Autoren für sich selbst sehen und wer überhaupt den Stoff produzieren könnte, aus dem ein neuer, sicherer Boden beschaffen sein müsste. Zusammenfassend lautet die Grundfragestellung also: Welche Konzepte von Moderne finden sich im Drama des Expressionismus? Der Titel dieser Arbeit spricht von dem expressionistischen Drama und enthält damit eine Verallgemeinerung. Bei der Textauswahl ist daher darauf zu achten, dass eine solche Verallgemeinerung auch plausibel gemacht wird, wozu sich vor allem bekannte Texte wichtiger Autoren anbieten. Somit fiel die Wahl auf kanonische Texte des Expressionismus, allen voran die expressionistischen Stationendramen schlechthin, Georg Kaisers Von morgens bis mitternachts und Ernst Tollers Die Wandlung. Zudem werden Kaisers Die Bürger von Calais sowie dessen Gas-Trilogie, Tollers Masse Mensch sowie Walter Hasenclevers Der Sohn auf ihre Auffassungen von Moderne hin untersucht. Diese Textauswahl erlaubt nicht nur eine verallgemeinernde Ausweitung der aufgestellten Thesen auf das gesamte Drama des Expressionismus, sondern bietet einen weiteren Vorteil: Bei allen hier untersuchten Dramen handelt es sich um Werke, die von der Forschung umfangreich und tiefgreifend betrachtet wurden. Gerade da-
EINLEITUNG 5
durch wird die Anwendung eines neuen Blickwinkels interessant, da Unterschiede zu bisherigen Interpretationen deutlich zum Vorschein kommen. Die Grundannahme der hier vorliegenden Betrachtung lautet, dass Literatur immer auch eine Reaktion auf ihr gesellschaftliches Umfeld ist, und dass dieses Umfeld der Moderne über einen großen Zeitraum ähnliche Fragen aufwirft, die beantwortet werden müssen. Weiterhin wird angenommen, dass sich die Fragen der Menschen zur Zeit des Expressionismus zwar in ihren Ausprägungen von den Fragen der heutigen Zeit unterscheiden, sie aber die essenzielle Gemeinsamkeit haben, dass sie sich aus Phänomenen der Moderne ergeben. Wenn die Grundfragen also die gleichen sind, so lassen die Antworten, die verschiedene Zeiten auf sie gefunden haben, sich nicht zur zum Auffinden von Gemeinsamkeiten und Unterschieden vergleichen, sondern auch zum Infragestellen oder Schärfen der eigenen Position. 2
Vgl. Petersdorff 2005: S. 17. 2
MODERNE 6
2 Moderne
Der Begriff Moderne und, in noch größerem Maße, dessen Adjektiv modern werden zwar einerseits von den meisten Menschen intuitiv verstanden und verwendet, zeichnen sich aber trotzdem - oder gerade deshalb - durch eine begriffliche Unschärfe aus und entziehen sich so einer einfachen Definition. Im Rahmen dieser Arbeit wird es weder möglich noch nötig sein, eine umfassende Definition des Begriffs Moderne vorzulegen. Ziel dieses Kapitels ist es vielmehr, eine möglichst klare begriffliche Grundlage in Form eines Arbeitsbegriffs zu schaffen, auf dessen Basis die Analyse der einzelnen Werke aufbauen kann.
2.1 Vorüberlegung: Semantik
Der Begriff der Moderne ist nicht nur unscharf, er ist auch stark an den jeweiligen Blickpunkt gebunden und kann, aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, sogar völlig gegensätzliche Bedeutungen annehmen. Wenn ein Industrieller im späten 19. Jahrhundert seine Fabrik modernisieren wollte, verstand er darunter, dass die Arbeiter sich dem Rhythmus der neuen Produktionsmaschinen anpassen mussten. Wird heute eine Fabrik modernisiert, so wird die Arbeitsmethode hingegen so weit wie möglich den Bedürfnissen des Menschen angepasst. 3 Schon dieses einfache Beispiel zeigt Probleme bei der Definition des Begriffs Moderne.
Bei der Annäherung an einen so schwierigen und unscharfen Begriff ist es meist ein sinnvoller erster Schritt, sich seinen semantischen Kern klarzumachen und von dort aus weitere Bedeutungsebenen zu erschließen. Im Fall der Moderne lassen sich drei unterschiedliche Grundbedeutungen ausmachen, die sich je nach Verwendung überschneiden können und die sich jeweils über gegensätzliche Begriffspaare verdeutlichen lassen 4 : Die erste Bedeutungsmöglichkeit erschließt sich aus dem Gegensatz zwischen Gegenwart und Vergangenheit,
Vgl. Valade 2001: S. 9939. 3
Vgl. Gumbrecht 1978: S. 96. 4
MODERNE 7
wobei das Moderne die jeweilige Gegenwart eines lange bestehenden Konzeptes oder einer Institution darstellt. Ein Beispiel für diese Verwendung ist die alljährlich wiederkehrende Sommermode, die immer wieder neu sein und sich gegen das Vergangene, schon da gewesene abgrenzen muss. Die zweite Bedeutungsmöglichkeit ist im Begriffspaar neu und alt präsent - für diese Verwendung muss die eigene Gegenwart von einer als homogen empfundenen Epoche abgegerenzt werden. Gerade diese Abgrenzung ist in der dritten Bedeutungsmöglichkeit nicht mehr gegeben. Hier lautet das Begriffspaar transitorisch und ewig; eine Verwendung, die davon zeugt, dass die Gegenwart als so schnell vorübergehend gesehen wird, dass sie nicht mehr klar von einer homogenen Vergangenheit abgegrenzt werden kann. Als ihr als Gegenpol des Jetzt kann nur noch die Ewigkeit gestellt werden, die weder Anfang noch Ende besitzt. 5
Während die erste Bedeutungsmöglichkeit relativ unabhängig von den beiden anderen ist und sich ihre Bedeutung kaum verändert hat, kann man an-hand der Möglichkeiten zwei und drei einen geistesgeschichtlichen Wandel ausmachen. Wird der Begriff modern im Sinne eines Neuen und im Gegensatz zu einem Alten verwendet, so impliziert er nicht nur Homogenität der vergangenen Epochen, sondern auch das Verständnis einer Gegenwart mit unbestimmtem Ende. 6 Wie bereits festgestellt, setzt die dritte Möglichkeit voraus, dass eine solche, einfache Unterscheidung nicht mehr möglich ist. Die Unmöglichkeit einer solchen Unterscheidung hat zweierlei Gründe: zum einen ist das Gefühl der Beschleunigung zu nennen, das es nicht mehr erlaubt, die eigene Gegenwart als homogene Realität mit zeitlich offenem Ende zu sehen, zum anderen die Selbstreflexion, die keine einfache qualitative Wertung zwischen alt und neu mehr zulässt, da die eigene Gegenwart immer auch als Vergangenheit einer zukünftigen Gegenwart gesehen werden muss.
Die zweite Bedeutungsmöglichkeit kann hierbei als vorausgehender erster Schritt in diese 5
Richtung verstanden werden, denn von Moderne kann bereits nur sprechen, „wer das Bewusstsein eines ungebrochenen, von Tradition verbürgten Zeitrkontinuums verloren hat“. Kemper 1998: S. 104. Vgl. Gumbrecht 1978: S. 96. 6
MODERNE 8
Diese beiden Aspekte enthalten bereits vieles von dem, was die gängigen Definitionsversuche seitens der Literaturwissenschaft betonen, wenn sie Moderne beschreiben. Außerdem schärft die Unterscheidung zwischen den drei Bedeutungsmöglichkeiten den Blick dafür, welche Modernebegriffe für den hier zu unternehmenden Versuch, eine begriffliche Grundlage zu schaffen, herangezogen werden können. Das ist auch dringend nötig, schließlich existiert mit dem Adjektiv modernus schon seit dem sechsten Jahrhundert nach Christus eine Form des Begriffes, 7 der seither in vielen Schattierungen zwischen den drei Bedeutungsmöglichkeiten gebraucht wurde. Die bisher gewonnenen Erkenntnisse erlauben es allerdings, die dritte Möglichkeit als diejenige zu identifizieren, die dem Verständnis der Literaturwissenschaft von Moderne am genauesten entspricht.
2.2 Zeitliche Einordnung
Wann die Moderne beginnt und wann sie endet - sofern sie das überhaupt tutwar in der Literaturwissenschaft lange Zeit umstritten. Vom Beginn der Neuzeit 8 bis zum späten 19. Jahrhundert kann man eine Vielzahl von Datierungs-vorschlägen finden. Ebenso unterschiedliche Meinungen finden sich auch bei der Frage nach dem Ende der Moderne, für das sich Angaben von 1920 bis zu einem offenen Ende finden lassen, das die Moderne bis in die heutige Zeit und noch darüber hinaus reichen lässt. Diese großen Unterschiede deuten darauf hin, dass hier nicht nur die üblichen Datierungsprobleme vorliegen, die für alle Epochen bestehen, sondern grundlegend verschiedene Vorstellungen darüber, was man unter einer Epoche der Moderne zu verstehen hat. Kemper schlägt in diesem Zusammenhang vor, zwischen einem Verständnis der Moderne als Mikroepoche und dem als Makroepoche zu unterscheiden: 9 Während die Mikroepoche der Moderne eine abgeschlossene literarische Epoche um 1900 bezeichnet und sehr stark an einen Stil- und
Vgl. Blamberger 1978: S. 620. 7
Vgl. Elm u. Hemmerich 1982: S. 17. 8 Vgl. Kemper: S. 161. 9
MODERNE 9
Programmbegriff gebunden ist, bezeichnet die als Makroepoche verstandene Moderne einen „Langzeitzusammenhang […], der die eigene Gegenwart noch einschließt und historisch dort beginnt, wo Grundprobleme und Strukturen des eigenen Gegenwartsbewusstseins entstehungsgeschichtlich ihre Wurzeln haben“. 10 Die Gegenwartsoffenheit der letzteren Lesart erscheint zunächst als Problem, da sie eine Kohärenz anzudeuten scheint, die wohl nicht vorhanden ist - besonders die Diskussion um eine Postmoderne legt nahe, dass es in gewisser Hinsicht problematisch wäre, die Moderne als eine große und bis in die Gegenwart reichende Einheit zu sehen. Gerade sie soll schließlich durch die Postmoderne überwunden werden. Sieht man die Makroepoche Moderne allerdings nicht als strikte Ordnungskategorie, sondern eher als hermeneutische Hilfskonstruktion, dann fallen doch mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede auf. Kemper weist zudem darauf hin, dass sowohl Moderne als auch Postmoderne „gegenwartsoffene Modernebegriffe [darstellen], wobei jeweils andere Problem- und Traditionsstränge als für die eigene Gegenwart relevant ausgewiesen werden“. 11
Schwieriger als das Ende der Moderne ist bezüglich deren Datierung ihr Anfang. Dabei hat sich nach einer Diskussion darüber, ab wann und durch Erfüllung welcher Kriterien der Zustand der Moderne gegeben sei, inzwischen der Konsens gebildet, ihren Beginn um das Jahr 1800 zu veranschlagen. Innerhalb der Literaturwissenschaft konzentrieren sich systemtheoretische, problemgeschichtliche sowie produktions- und rezeptionstheoretische Ansätze auf diese Zeit als Geburtsstunde der Moderne, und auch interdisziplinär hat sich diese Datierung durchgesetzt. Mit ihr stimmt der philosophiehistorische Modernebegriff von Habermas ebenso überein wie Luhmanns soziologischer. 12 Auch Koselleck spricht in der Einleitung zum Lexikon Geschichtliche Grundbegriffe von einer „Sattelzeit“ 13 um 1800, in der ein tiefgreifender Umruch in Richtung Moderne stattfand.
10 Kemper, Das Wort, 2003, 161-202@161
11 Ebd.: S. 164.
12 Vgl. ebd.: S. 166.
13 Koselleck 1972: S. XV.
MODERNE 10
Eine solche Datierung ist besonders durch zwei sehr unterschiedliche Revolutionen gerechtfertigt: die Französische und die Industrielle. 14 Erstere führte zu einem Einstellungswandel, indem sie zum einen durch die Abschaffung des Gottesgnadentums einen Weg der Säkularisierung aufzeigte und zum anderen zeigte, dass bis dahin unumstößlich geglaubte Gegebenheiten nicht unveränderlich waren. 15 Ohne göttlichen Plan und ohne eine als unveränderbar gedachte Tradition ist der Mensch auf sich alleine gestellt und kann sich ohne diese Instanzen nur noch auf sich selbst berufen - hier kommt ein weiteres Element der Moderne zum Tragen: die Selbstreflexivität, die in einer solchen Situation notwendig wird. In der anderen, der Industrielle Revolution, verdichten sich etwa zur gleichen Zeit schon vorher wahrnehmbare Wirkungen eines wissenschaftlichen und technischen Fortschritts zu einer Beschleunigung, die auch von den Zeitgenossen deutlich wahrgenommen wird. 16 Die beschriebenen Tendenzen um die Wende zum 19. Jahrhundert bedeuten eine stärkere Orientierung an der Zukunft und machen es plausibel, den Beginn der Moderne dort zu datieren. Das entspricht auch der Wahrnehmung der Menschen dieser Zeit: wie Koselleck betont, gab es in gebildeten Kreisen ein Bewusstsein, an einer Schwelle zu stehen, wohingegen bis ins „17. Jahrhundert hinein […] vorausgesetzt wurde, daß sich bis zum Weltende nichts prinzipiell Neues mehr ereignen könne“. 17
Aufgrund der bisher erarbeiteten Erkenntnisse soll die Moderne im Folgenden übereinstimmend mit Kemper als Makroepoche gedeutet werden, die um die Wende vom achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert beginnt und die Phänomene beschreibt, welche bis in die heutige Zeit andauern.
14 Vgl. Waters 1999: S. XIII.
15 Vgl. Klinger 2002: S. 129.
16 Vgl. ebd.
17 Koselleck 1987: S. 274.
MODERNE 11
2.3 Ästhetische und gesellschaftliche Moderne
Bei Versuchen, die Moderne zu datieren, wird oft der Eindruck erweckt, es handle sich bei ihr um ein einheitliches Phänomen; das zeigt schon die Rede von der Moderne. Die Veränderungen, die mit dem Begriff Moderne beschrieben werden sollen, finden aber in verschiedenen Bereichen statt, die zwar mit-einander zusammenhängen, jedoch durchaus einzeln analysiert werden können, wie noch zu zeigen sein wird. Im Kontext dieser Arbeit ist besonders zwischen ästhetischer und gesellschaftlicher Moderne zu unterscheiden, wobei der erste Begriff wesentlich enger gefasst ist und nur die gesellschaftlichen Systeme betrifft, die sich mit künstlerischem Ausdruck befassen. Hingegen bezeichnet der Begriff gesellschaftliche Moderne ein weit größeres Spektrum an Phänomenen, auf das im folgenden Unterkapitel genauer eingegangen werden soll. Zunächst ist aber die Feststellung wichtig, dass gesellschaftliche und ästhetische Moderne zwar unterschieden und somit getrennt untersucht werden können, aber dennoch zusammenhängen. Man kann dabei festhalten, dass die ästhetische Moderne eine Reaktion darauf darstellt, was der Begriff gesellschaftliche Moderne beschreibt. Ein früher und gleichzeitig bereits sehr klarer Beleg für diese These findet sich bei Friedrich Schiller und seiner Abhandlung Über naive und sentimentalische Dichtung. Darin wird zunächst deutlich, dass sich Schillers Vorstellung von Moderne von früheren unterscheidet. Theoretische Auseinandersetzungen mit der antiken Tradition waren nicht neu - man denke an die Querelle des Anciens et des Modernes 18 - sehr wohl aber Schillers Fragestellung: Anstatt Moderne und Antike einander gegenüberzustellen und, wie vorher oft geschehen, je nach eigener Ansicht der einen oder der anderen qualitative Überlegenheit zu bescheinigen, fragt er, „was es denn eigentlich sei, das uns heute noch an der Antike so fasziniere“. 19
18 Bei dieser Auseinandersetzung ging es um die Frage, ob die Antike als unerreichbares Vorbild zu sehen sei oder ob auch die Gegenwart ihre eigenen Vorzüge habe, die wiederum in der Antike nicht erreicht werden konnten.
19 Kemper 1998: S. 110.
MODERNE 12
„Sie sind, was wir waren; sie sind, was wir wieder werden sollen. Wir waren Natur, wie sie, und unsere Kultur soll uns, auf dem Wege der Vernunft und der Freyheit, zur Natur zurückführen.“ 20
Wie in diesem Zitat zu ersehen ist seine Antwort, dass wir in der Antike, ebenso wie in der Natur und dem, was wir als natürlich empfinden, das unangetastet Reine sehen. Dazu kommt, dass wir diese Natürlichkeit als Gegensatz zu unserer eigenen Situation erkennen und darin ein verlorenes Ideal sehen, das wir wiedererlangen möchten. 21 Die Idee eines verlorenen Paradieses, „unserer verlornen Kindheit“ 22 , kann laut Schiller allerdings nicht wiederhergestellt werden, denn das, was uns naiv erscheint, entsteht ohne Reflexion und Wahl - und genau das ist in der Moderne nicht mehr möglich. 23
Schon in dieser sehr verknappten Darstellung wird deutlich, dass Schillers Idee von Moderne von einem starken Verlustempfinden geprägt ist, auf dem er sein Verständnis der Aufgaben von Kunst aufbaut. Wie in anderen kulturkritischen Ansätzen wird hier die eigene Gegenwart als defizitär beschrieben und einem in der Vergangenheit liegenden, als ideal konstruierten Gegenmodell entgegengestellt, das es wiederherzustellen gilt. Das Grundmuster ist meist klar: die eigene Gegenwart wird als ein Prozess des Zerfalls dargestellt, „ihre kritische Norm [ist] dessen Gegensatz: Ganzheit“. 24 Eben diese kritische Norm lässt sich hinter vielen, für die Moderne typischen Darstellungsformen, finden, vom Fragment bis zur Vorliebe für das Hässliche in Literatur und Bildender Kunst - sie alle können als Ausdruck eines Verlustes von Ganzheit gesehen werden, den die Moderne mit sich bringt.
Wie am Beispiel Schillers klar wird, gibt es einen Zusammenhang zwischen ästhetischer und gesellschaftlicher Moderne. Dieser endet aber nicht damit, dass die Kunst auf ihre Umwelt reagiert. Vielmehr wird die Kunst erst durch einen Aspekt der gesellschaftlichen Moderne, nämlich die funktionale
20 Schiller 1962: S. 414.
21 Vgl. ebd.: S. 111.
22 Ebd.
23 Kemper 1998: S. 111.
24 Vgl. Lohmeier 2007: S. 2. sowie Klinger 1995: S. 10.
MODERNE 13
Ausdifferenzierung, zu einem eigenen, autonomen Teilsystem der Gesellschaft und ist somit auch Teil der Modernisierung. Aus dieser Position heraus hat die Kunst den Anspruch, gesamtgesellschaftliche Prozesse zu kommentieren, womit sie einen weiteren Aspekt der Moderne erfüllt, nämlich den der Selbstreflexion. Somit kann man sagen, dass die Kunst gerade dort die Moderne vollzieht, wo sie diese kritisiert. 25
Das in diesem Abschnitt beschriebene Verhältnis von ästhetischer und gesellschaftlicher Moderne bildet eine erste Basis für die Analyse im Hauptteil dieser Arbeit. Dort wird zu untersuchen sein, wie die Dramatiker des Expressionismus die sie umgebende moderne Welt auffassen, wie sie diese bewerten und welche kritischen Normen hinter ihren Diagnosen stecken. Um eine solche Analyse leisten zu können, fehlt noch ein wichtiges Werkzeug, welches im folgenden Unterkapitel erarbeitet werden soll: eine begriffliche Grundlage zur Beschreibung der gesellschaftlichen Moderne.
2.4 Merkmale der gesellschaftlichen Moderne
Der folgende Abschnitt soll nicht den Versuch einer Definition darstellen - dies wäre im Rahmen dieser Arbeit weder zu leisten, noch ist es hierfür notwendig. Vielmehr soll ein begriffliches Repertoire erstellt werden, auf dessen Basis die weitere Betrachtung der ausgewählten expressionistischen Dramen erfolgen kann. 26
Der im Folgenden vorgeschlagene begriffliche Rahmen soll als Beschreibung eines Langzeitprozesses der okzidentalen Kultur verstanden werden, der nicht linear verläuft, sondern sich „in krisenhaften, von konfliktreichen Ausei-nandersetzungen zwischen Alt und Neu begleiteten Schüben vollzogen hat [und] dessen Verlauf mithin von zahlreichen Brüchen, Rückschlägen und Wi-
25 Vgl.Lohmeier 2007: S. 9.
26 Die folgenden Ausführungen basieren, sofern nicht anders zitiert, auf einem Aufsatz, der den Begriff der gesellschaftlichen Moderne auf der Basis geschichtswissenschaftlicher, philosophischer und sozialwissenschaftlicher Moderne-Debatten erfasst: Lohmeier 2007. Der Aufsatz entspricht den in diesen Disziplinen erarbeiteten Modernebegriffen und präsentiert diese im Gegensatz zu andern Werken prägnant und umfassend, weshalb er als Grundlage für dieses Kapitel dienen soll.
MODERNE 14
dersprüchen und zudem von zeitlichen, geographischen und sozialen Phasenverschiebungen geprägt ist“, 27 aber dennoch eine Entwicklungsrichtung erkennen lässt. Somit sollte der skizzierte Begriff weder mit den hauptsächlich amerikanischen und leider oft chauvinistisch angehauchten Modernisierungs-theorien aus der Ära des kalten Krieges 28 verwechselt werden, die eine Verwestlichung der Welt fordern, noch mit Konstrukten, die eine geschichtsphilosophische Sicht vertreten, nach der die Menschheitsgeschichte auf ein, wie auch immer geartetes, Ziel hinausläuft. 29 Die im Folgenden skizzierten Phänomene sollen lediglich als Teile einer Gesamttendenz beschrieben, nicht ideologisch gedeutet werden.
2.4.1 Wirtschaft, Staat & Gesellschaft
Mit Blick auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft lassen sich Industrialisierung und Kapitalisierung als Grundprozesse gesellschaftlicher Modernisierung verstehen. 30
Im Bereich der Wirtschaft ist allgemein eine Entwicklung von der Subsistenzwirtschaft zur Marktwirtschaft festzustellen. In ersterer dient wirtschaftliche Leistung dazu, den Eigenbedarf eines geschlossenen Systems zu decken und somit die Selbstversorgung sicherzustellen. 31 Diesem auf Selbsterhaltung ausgelegten Modell steht die wachstums- und profitorientierte Marktwirtschaft gegenüber, in der wirtschaftliche Leistung auf das Erzielen von Gewinnen ausgerichtet ist. Der Wandel von der einen zur anderen Wirtschaftsform und der mit ihr zusammenhängende Übergang von der Natural- zur Geldwirtschaft ist ein
27 Ebd.: S. 5.
28 Ein Beispiel für diese Theorien ist Walt Whitman Rostows „Stages of Economic Growth: A Noncommunist Manifesto“, das Modernisierung als Verwestlichung versteht und hauptsächlich als Ideologiestütze gegen den Kommunismus dienen sollte.
29 Hierfür ist Francis Fukuyamas „Das Ende der Geschichte“ als Beispiel zu nennen. Dort beschreibt der Autor Geschichte als eine unweigerliche Entwicklung zur liberalen Demokratie.
30 Wehler 1989: S. 555.
31 Vgl. [Art.] Econimic Systems 2009
MODERNE 15
wichtiger Faktor der Modernisierung und kann unter dem Begriff Kapitalisierung zusammengefasst werden.
Auch ein weiterer Faktor der Modernisierung, die Industrialisierung, steht hiermit in einem Zusammenhang, da sie erst durch die Anhäufung von Kapital ermöglicht wird, welche wiederum einen gewissen Grad der Kapitalisierung voraussetzt. Industrialisierung beschreibt die Entwicklung einer hauptsächlich auf Landwirtschaft ausgerichteten Wirtschaft zu einer, in der Arbeit mechanisiert wird und größtenteils von unbelebten Energieträgern statt menschlicher körperlicher Anstrengung abhängt. 32 Insgesamt wird im Prozess der Industrialisierung die Industrie zum dominanten Wirtschaftssegment einer Gesellschaft; ein Prozess, der in Europa bei weitem nicht linear abläuft, sondern mit Schüben technologischer Rationalisierung verbunden ist, wie beispielsweise in dem Zeitraum, der als Industrielle Revolution bekannt ist. Eben diese technologische Rationalisierung ist ein weiteres Phänomen der Modernisierung, das mit den beiden zuvor genannten zusammenhängt. Der Druck, Arbeitsweisen auf die Möglichkeiten und Notwendigkeiten von Maschinen hin zu optimieren oder Arbeitsabläufe gleich ganz von Maschinen erledigen zu lassen, entsteht nur in Kombination von industrialisierter Wirtschaft und der Notwendigkeit, Gewinne erwirtschaften zu müssen. Im Bereich der staatlichen Entwicklungen lässt sich die schon vor Beginn der Moderne zu beobachtende Staatsbildung in Richtung des Verfassungs-, Rechts- und Sozialstaates in Verbindung mit der Ausbildung einer zentralen Verwaltung und Bürokratisierung als einen der „wahrhaft universellen Organisationstrends der modernen Geschichte“ 33 ausmachen. So ist zum Beispiel die Tendenz festzustellen - wenn diese auch wie die meisten Modernisierungsvorgänge nicht linear, sondern mit Unterbrechungen, Rückschlägen und Schüben abläuft - dass Herrschaft zunehmend verfassungsrechtlich legitimiert wird. Auch im Hinblick auf rechsstaatliche Entwicklungen lässt sich ein Trend dahin ausmachen, dass der Staat allen Bürgern gleiche Rechte gewährt. In diesem Be- 32 Vgl.[Art.] Industrialization 2009
33 Wehler 1989: S. 22.
MODERNE 16
reich werden Entwicklungen oft durch den Druck seitens verschiedener Emanzipationsbewegungen hervorgerufen; ein Muster, das auch in der heutigen Zeit noch auftritt: man denke nur an die Diskussion um die Möglichkeit einer Heirat für homosexuelle Paare oder deren Recht auf Adoption. Als übergeordnetes Phänomen in der Struktur von Gesellschaften lässt sich die Entwicklung von einer vertikalen hin zu einer horizontalen Organisation beobachten. Während zu Zeiten des Feudalismus eine streng hierarchisch gegliederte Ständeordnung herrschte, also eine von oben nach unten organisierte Ordnung, entwickelte sich im Zuge der Modernisierung durch funktionale Differenzierung eine Vielzahl gesellschaftlicher Teilsysteme, die zwar unterschiedliche Funktionen erfüllen und über eigene Normen verfügen, aber dennoch nicht durch hierarchische Unterschiede charakterisiert sind - sie unterscheiden sich hauptsächlich horizontal, durch ihre Wirkungsbereiche. Auch wenn Luhmann diese Aufgliederung in gesellschaftliche Teilsysteme als Mittel zur Reduzierung von Komplexität innerhalb des gesamten gesellschaftlichen Gesamtsystems beschreibt, so geht diese Entwicklung für den einzelnen Menschen mit einer gesteigerten Komplexität einher. Konnte man sich in einer nicht funktional ausdifferenzierten Gesellschaft noch lebenslang als Teil einer homogenen sozialen Einheit fühlen, so führt die Untergliederung in Teilsysteme zu einer Dissoziation dieser Einheiten, zwischen denen man nicht nur im Laufe des Lebens, sondern sogar im Laufe eines Tages mehrfach wechselt. So ist es nicht ungewöhnlich, morgens Mutter, tagsüber Geschäftsfrau und abends Ehepartnerin zu sein, und dazwischen selbstverständlich auch Kundin und Freundin. Somit bewegt man sich automatisch in verschiedenen gesellschaftlichen Systemen. Da der Mensch in der Moderne ständig zu mehreren Teilsystemen gehört, die alle ihre eigenen Ordnungen, Normen und Wissensbestände haben, ist es nicht mehr möglich, die eigene Normativität aus der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gliederung zu beziehen. Eine durch funktionale Differenzierung bedingte Multiplizierung der Lebenswelten führt unweigerlich zu einer „Pluralisierung von Welt- und Wertorientierungern [und] gehört zu den für das indi- viduelle Leben folgenreichsten und deshalb auch für die Kunst prägendsten Er-
MODERNE 17
fahrungen der Moderne“. 34 Die genaueren Konsequenzen dessen sollen im Abschnitt Denken und Bewusstsein genauer betrachtet werden.
2.4.2 Lebenswelt
Die oben beschriebenen Modernisierungstendenzen in den Bereichen Wirtschaft, Staat und Gesellschaft bedeuteten nicht nur für diese Bereiche selbst umfangreiche Veränderungen, sondern beeinflussten ebenso die Lebenswelt, wobei Bevölkerungswachstum, Urbanisierung und Mobilisierung die herausragendsten Phänomene darstellen.
Das Bevölkerungswachstum wird vor allem durch Fortschritte in den Bereichen Wissenschaft und Technik angeregt, genauer gesagt durch verbesserte medizinische Versorgung und bessere Hygiene. So kann die Kindersterblichkeitsrate signifikant gesenkt und gleichzeitig die durchschnittliche Lebenserwartung erhöht werden, was insgesamt zu einem Anwachsen der Bevölkerung führt. In Zusammenhang mit der Industrialisierung trägt auch das Bevölkerungswachstum zu einem weiteren Phänomen der Moderne bei, dem der Urbanisierung. Zum einen gibt es schlicht mehr Menschen, zum anderen führen die neuen, im Vergleich zur bis dahin vorherrschenden Landwirtschaft wesentlich konzentrierteren Produktionsmethoden, zu einer Migration hin zu Industrie-standorten. Dadurch wird das Wachstum der Städte gefördert und schließlich den Lebensraum Großstadt hervorgebracht. Als Beispiel für die rasante Entwicklung kann Deutschlands erste Millionenstadt Berlin dienen, die sowohl Zentrum des Expressionismus als auch Thema und Schauplatz zahlreicher expressionistischer Werke ist. Während die gesamtdeutsche Bevölkerung sich von 1800 bis 1900 ungefähr verdoppelt, verzehnfacht sich die Einwohnerzahl der inzwischen zur Reichshauptstadt gewordenen Metropole im gleichen Zeitraum. Ein weiterer Trend der gesellschaftlichen Modernisierung ist die Mobilisierung, die sich gleich in mehrfacher Hinsicht vollzieht. Zum einen ist durch technologische Entwicklungen wie die Erfindung des Automobils sowie durch
34 Lohmeier 2007: S. 7.
MODERNE 18
den Auf- und Ausbau des öffentlichen Personenverkehrs eine Steigerung der räumlichen Mobilität festzustellen. Durch die technologische Revolutionierung der Medien, insbesondere des Nachrichtenwesens, entsteht zudem eine zunehmende kommunikative Mobilität. Als drittes Phänomen lässt sich die kulturelle Mobilität ausmachen, die beispielsweise durch den Ausbau des Schulsystems sowie die Entstehung von Massenmedien gefördert wird. Durch die Bildungsmöglichkeiten der Schulen und Universitäten sowie der vereinfachten kulturellen Teilhabe ist die Möglichkeit gegeben, sich über den von der sozialen Stellung vorgegebenen kulturellen Horizont hinaus zu bewegen. Gleichzeitig kann diese Entwicklung aber auch als kulturelle Entdifferenzierung wahrgenommen werden, da mit ihr die Unterschiede von durch Eliten gesteuerter und kontrollierter Hochkultur und massentauglicher Populärkultur zu verschwimmen beginnen. Zu einem historisch späteren Zeitpunkt finden diese Tendenzen auch auf einer strukturell höheren Ebene statt, indem interkulturelle Vernetzungen die Bildung transnationaler Hybridkulturen fördern. Während sich durch Modernisierungsprozesse die Lebenswelt, wie gesehen, teils radikal verändert, finden auch in den Bereichen Denken und Bewusstsein tief greifende Veränderungen statt, die in Zusammenhang mit den oben beschriebenen Phänomenen stehen und die im folgenden Abschnitt genauer betrachtet werden sollen.
2.4.3 Denken und Bewusstsein
Ein Merkmal der Modernisierung, das sich in allen Gesellschaften findet, die diesen Prozess durchlaufen, ist die das Konzept der wissenschaftlichen Rationalität. Diese wird im Laufe des Modernisierungsprozesses zur Grundlage und Leitnorm des Denkens. Bezieht sich diese Entwicklung zum einen auf den Bereich der Wissenschaften und die Felder ihrer Anwendung - in diesen dient die Rationalität oftmals der Beherrschung von Natur - so endet ihr Einfluss dort nicht. Vielmehr beeinflusst sie auch die Erkenntnistheorie sowie die Ethik, in denen ebenso ein Geltungsanspruch der Rationalität entsteht: auch Aussagen
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Thomas Müller, 2009, Modernekonzepte im expressionistischen Drama, München, GRIN Verlag GmbH
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