Universität Potsdam Philosophische Fakultät Sommersemester 2001
John Locke: 300 Jahre Erfolg mit einer schlecht
begründeten Eigentumstheorie
INHALTSVERZEICHNIS
Inhalt Seite
Einleitung 3
1. Historischer Blick 3
2. Ableitung des Eigentums 5
2.1. LOCKES Annahmen 5
2.2. Unbefriedigende Erklärung 6
2.3. Die Freiheit im Dienst des Eigentums 7
2.4. Privat- vs. Gemeindeeigentum 9
3. Kritik an der Methodik 10
4. Fazit 11
5. Literaturverzeichnis 13
2
Einleitung
Mit den „Zwei Abhandlungen über die Regierung“ legt JOHN LOCKE ein Werk vor, das die Entwicklungen seiner Zeit retrospektiv beleuchtet. Es handelt sich dabei nicht um eine Arbeit, welche Prognosen für zukünftige gesellschaftliche Entwicklungen zu geben versucht.
England befand sich in einem Prozess großer Veränderungen: als erster Staat Europas hatte es sich vom „Think Tank“ seiner Zeit, dem Vatikan und der Katholischen Kirche emanzipiert und sich einer vergleichsweise neuen Religion zugewandt. Diese Emanzipation war eingebettet in wirtschaftliche Erneuerungen, welche die gesamte Gesellschaftsstruktur bestimmten. An die Stelle der Ständegesellschaft trat die Klassengesellschaft mit den ihr eigenen Gesetzen. Der Platz eines Jeden wird bestimmt durch sein Verhältnis zu den Produktionsmitteln, was bedeutet, dass die Eigentumsfrage im Raum steht. Die feudalen Gesellschaftszusammenhänge werden verdrängt von neuen Verhältnissen, den bürgerlichen. Das Land geht vom Feudalismus zum Kapitalismus über. Und das spiegeln LOCKEs Abhandlungen wider: er versucht zu zeigen, wie das Prinzip Eigentum funktioniert und was es für das menschliche Zusammenleben, die Gesellschaftsorganisation, bedeutet. Es wird zu zeigen sein, dass LOCKE mit seinen Erklärungen die Geschehnissen seiner Zeit nicht vorwegnimmt, sondern ihnen hinterher läuft, da er eine schon eingetretene Situation rechtfertigt. Dazu werde ich zuerst die historische Situation darstellen, danach die Ableitung des Eigentums durch LOCKE und seine Annahmen beschrieben, und diese schließlich kritisieren.
1. Historischer Blick
Im England des 17. Jh. setzt sich in der Landwirtschaft mehr und mehr die kapitalistische Produktionsweise durch. Dabei spielten vor allem zwei Entwicklungen eine entscheidende Rolle. Eine war die Errichtung der Anglikanischen Staatskirche zwischen 1529 und 1536 unter der Regierung Heinrichs VIII: Katholisches Kircheneigentum wurde konfisziert, Mönchs- und Bettelorden wurden abgeschafft, die Klöster und das Eigentum verkauft oder an königliche Günstlinge verschenkt. Das bis dahin von der Kirche besessene Land wurde zu niedrigen Preisen verkauft, und auf diese Weise gelangten Angehörige verschiedener Stände zu Grundbesitz und erhielten Zugang zum Parlament,
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welches „durch das Gesetz jedem verschlossen [war], der nicht selbst größeren Grundbesitz hatte.“ 1 Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern befanden sich die feudalen Eigentumsverhältnisse in England schon im Stadium fortgeschrittener Auflösung, immerhin „war die Leibeigenschaft im letzten Teil des 14. Jahrhunderts faktisch verschwunden.“ 2 Da die Bauern nicht mehr leibeigen waren, galten sie als frei. Die andere wichtige Entwicklung fand statt, als die Nachfrage nach Wolle stieg. Die Schafzucht prosperierte und Weideland wurde benötigt. Großgrundbesitzer vertrieben Bauern von ihrem Land, um es zu Weideland für Schafe zu machen. Sie okkupierten auch Teile des Gemeindelandes für diesen Zweck. Die Bauern wurden ihres wichtigsten Produktionsmittels (Land) beraubt. Der Begriff „doppelt freier Lohnarbeiter“ bedeutet: die Mitglieder einer bestimmten Klasse sind frei von Produktionsmitteln und frei von feudaler Ausbeutung. Die Bauern besaßen nur noch Arbeitskraft. und verkörperten zunehmend potentielle Arbeitsenergie. Auf dem Land wurden die Schafe gezüchtet und die Wolle verarbeitet, also setzte sich dort die Manufaktur als Arbeitsform durch. Der Manufakturbesitzer war Eigentümer der Wolle (er musste sie entweder jemanden abkaufen, oder ihm mussten die Schafe gehören) und kaufte den Bauern ihre Arbeitskraft ab. Sie stellten das Produkt her, bekamen ihren Lohn und kommen in der Geschichte nun nicht mehr vor. Aber noch ist die Wolle auf dem Land. Um auf den Markt zu kommen, braucht sie Beine, die in Kaufleuten Gestalt annahmen. Und diese brachten die Wolle auf den Markt und an den Mann. Das Ergebnis war: Arbeitsteilung und ein Austausch von Waren verschiedenster Art (Arbeit gegen Geld) musste stattfinden, bevor die Wolle als Endprodukt getauscht werden konnte. Der Bauer ist zum freien Lohnarbeiter geworden. Da Grundeigentum seit der Etablierung der Staatskirche viel mehr Gesellschaftsteilen zugefallen war als jemals zuvor in England und damit auch der Zugang zur Legislative gegeben war, konnten verschiedene Kräfte ihre Rechte und das, was sie darunter verstanden reklamieren.
Die Gentry (der Landadel) beginnt, kapitalistisch zu produzieren. Das bedeutet, sie ist Eigentümerin von Land und Landmaschinen und kauft freien Lohnarbeitern ihre Arbeitskraft ab. Die Lohnarbeiter können sich frei bewegen und (müssen) ihre Arbeitskraft jedermann zum Kauf anbieten.
1 G.M.Trevelyan, Geschichte Englands, 2. Band München 1947, S. 692, gefunden in: Denzer, Horst/Maier, Hans/Rausch Heinz (Hrsg.): Klassiker des politischen Denkens, Band 2, München 1987
2 Marx, Karl/Engels, Friedrich: Das Kapital, Erster Band, in Marx/Engels Werke, Band 23 (im Folgenden MEW, Band 23), S.744
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Vera Dost, 2002, John Locke: 300 Jahre Erfolg mit einer schlecht begründeten Eigentumstheorie, München, GRIN Verlag GmbH
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