Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Schriftliche Hausarbeit
zur Prüfung für das Lehramt
an Grund-, Haupt- und Realschulen, mit Schwerpunkt Grundschule
Thema der Arbeit:
Die Freizeitgestaltung
von Kindern
Theoretische und empirische Zugänge
Name der Kandidatin:
Katrin Horst
Oldenburg, den 21. Januar 2008
1
Inhaltsverzeichnis
1
Einleitung...3
2
Begriffliche Klärungen...5
2.1
Kinder ...5
2.2
Kindheit ...5
2.3
Freizeit...6
3
Gesellschaft im Wandel...8
4
Auswirkungen der veränderten Gesellschaft auf die heutige ...
Kindheit...10
4.1
Wandel der familiären Lebenswelt...11
4.2
Wandel der Erziehungsnormen ...13
4.3
Wandel des Spiel- und Freizeitverhaltens ...15
4.4
Medienkindheit ...18
4.5
Kinderarmut...21
5
Forschungsstand bezüglich der Freizeitaktivitäten von Kindern .24
5.1
Freizeitwünsche versus Freizeitrealität...24
5.2
Freizeitaktivitäten in Institutionen ...28
5.2.1
Sportvereine ...31
5.2.2
Musikunterricht ...33
5.3
Partner in der Freizeitgestaltung ...34
5.3.1
Familie...35
5.3.2
Peers/Freunde...38
5.4
Freizeitorte der Kinder ...43
5.5
Mediale Freizeitgestaltung...48
5.5.1
Printmedien ...48
5.5.2
Elektronische Medien ...49
5.5.3
Medienkompetenz ...61
6
Zusammenfassung ...63
7
Darstellung der empirischen Untersuchung ...65
7.1
Forschungsfragestellung ...65
7.2
Thesenbildung...65
7.3
Methodisches Vorgehen...66
7.3.1
Auswahl der Interviewpartner ...67
7.3.2
Durchführung der Interviews ...68
7.3.3
Beschreibung der Auswertungstechnik ...68
7.4
Darstellung der Ergebnisse ...69
7.4.1
Regelmäßige Termine im Laufe der Woche...70
7.4.2
Musisch-künstlerisches Interesse...73
7.4.3
Freunde...76
7.4.4
Wohnumgebung ...78
7.4.5
Lesen ...82
7.4.6
Nutzung von Fernsehen und Internet ...85
7.4.7
Unternehmungen mit Eltern...91
8
Fazit...97
9
Literaturverzeichnis:...101
Anlagen: ...115
2
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Liebste Freizeitaktivitäten 2006 ... 25
Abb. 2: Freizeitaktivitäten 2006... 27
Abb. 3: Regelmäßige Gruppenaktivitäten und Mitgliedschaft in Vereinen ... 31
Abb. 4: Zahl der Freunde... 40
Abb. 5: Sozialer Bezug der Freizeitaktivitäten nach Geschlecht... 43
Abb. 6: Gerätebesitz der Kinder 2006... 50
Abb. 7: Anzahl der von den IPn besuchten Freizeitinstitutionen ... 70
Abb. 8: Anzahl der musisch-künstlerischen Institutionen der IPn ... 73
Abb. 9: Musisch-künstlerisches Interesse der IPn ... 74
Abb. 10: Zahl der guten Freunde und Peers der interviewten Mädchen... 76
Abb. 11: Spielen IPn MEHR drinnen oder MEHR draußen?... 79
Abb. 12: Was bemängeln die IPn an ihrer Wohnumgebung? ... 80
Abb. 13: Aus den Aussagen der IPn durch die I entnommenen Ein- ... 81
schätzungen bzgl. deren direkten Wohnumgebung... 81
Abb. 14: Zahl der eigenen Bücher der IPn... 82
Abb. 15: Durchschnittliche Fernsehdauer der ganzen Woche: ... 88
Abb. 16: Art der Nutzung des Internets... 90
Abb. 17: Nutzungsdauer des Internets im Laufe der ganzen Woche... 90
Abb. 18.1: Zufriedenheit hinsichtlich der mit den im Haus lebenden
Bezugspersonen verbrachten Zeit (1)... 91
Abb. 18.2: Zufriedenheit hinsichtlich der mit den im Haus lebenden
Bezugspersonen verbrachten Zeit (2)... 92
3
1 Einleitung
Das Interesse an den Kindern und damit deren Freizeitgestaltung ist in meinen Au-
gen eine wichtige Voraussetzung für den Lehrerberuf. Kein Kind legt seine Erfahrun-
gen an der Tür zum Klassenraum ab und betritt ihn wie ein Rohling, mit dem die
Lehrkräfte in ihrem Unterricht arbeiten können. Kinder machen vielfältige Erfahrun-
gen in ihrer Freizeit. Sei es die unterschiedliche Intensität der Aufmerksamkeit sei-
tens der Eltern, kreativitätsfördernde und abwechslungsreiche Freizeitaktivitäten,
das (Nicht-) Vorhandensein von Freunden und Geschwistern, etc.
Während ich als Kind noch dachte, alle in Deutschland lebenden Kinder wüchsen so
glücklich auf wie ich, habe ich im Laufe meines Lebens vielerlei gegenteiliger Erfah-
rungen machen müssen. Nicht jedes Kind wird in der Nähe eines Waldes aufwach-
sen, umgeben von Wiesen, mit einem kleinen Bach unweit des Elternhauses wie ich.
Auch die Spielkameraden, mit denen ich zu jener Zeit täglich draußen umherstreifen
konnte und dabei Buden baute, stehen meiner Erfahrung nach nur noch wenigen der
heutigen Kinder zur Verfügung, die ich in meinen drei Praktika bislang unterrichten
durfte. Hatte dennoch einmal keine Freundin für mich Zeit, spielte ich einfach mit
einem meiner drei Geschwister in den Wiesen, unserem großen Garten oder unse-
rem großen Haus. Wenngleich ich damals bedauerte, dass meine Familie auf dem
Land nur drei Fernsehprogramme empfing, kann ich mich heute kaum noch an be-
stimmte Fernsehprogramme und -sendungen erinnern. Andere Erlebnisse, wie
Sandsuppe kochen, Froschzirkus spielen und gemeinsame Fußballspiele sind mir
jedoch heute noch genau vor Augen.
Während meines Studiums arbeitete ich fortwährend im Zwischenahner Segelklub.
An diesem Ort begegneten mir einige Kinder, die mir in Gesprächen vermittelten,
eine ähnliche Kindheit zu verbringen wie ich sie damals erlebt habe. Dies, obwohl in
der Öffentlichkeit von einem stark angestiegenem Medienkonsum heutiger Kinder
sowie von mangelnder Bewegungsfähigkeit, reduziertem freien Spiel in Außenräu-
men und einer Verringerung der Geschwisterzahlen die Rede ist.
Zeitgleich erfuhr ich in den Medien von einem starken Anstieg der Kinderarmut in
Deutschland (vgl. Meyer-Timpe, 2007). Dies weckte in mir die Neugier, inwieweit
sich eventuell die Kindheit und damit auch die Freizeitgestaltung, insbesondere die
der armen Kinder von denen der nicht-armen Kinder unterscheiden und ließ in mir
die Entscheidung reifen, mich im Zuge meiner Examensarbeit mit diesem Thema
intensiver auseinander zu setzen.
Bevor ich dieser Frage jedoch in eigener Forschung auf den Grund gehen kann, hal-
te ich es vorerst für notwendig, ein theoretisches Grundwissen über die Freizeitges-
4
taltung von Kindern zu erarbeiten, um meine Forschung darauf aufbauen sowie sie
im angemessenen Rahmen bewerten und in Bezug setzen zu können.
Diesen theoretischen Teil meiner Arbeit werde ich mit begrifflichen Klärungen von
Kinder, Kindheit und Freizeit (Kapitel 2) einleiten, um den Forschungsgegenstand
definiert zu wissen.
Da die Freizeitgestaltung von Kindern immer in einem sozialhistorischen Kontext
eingebunden ist (vgl. Fries, 2002, S. 170), beschreibe ich anschließend im dritten
Kapitel die gesellschaftlichen Wandelungsprozesse sowie im vierten Kapitel die da-
durch begründeten Veränderungen innerhalb der Kindheit, welche sich in den letzten
Jahrzehnten in Deutschland bemerkbar gemacht haben. Hierbei werde ich im Spe-
ziellen den Wandel der familiären Lebenswelt, der Erziehungsnormen und des Spiel-
und Freizeitverhaltens aber auch Begriffe, wie Medienkindheit und Kinderarmut nä-
her beleuchten.
Aufbauend, auf der in den ersten vier Kapiteln geschaffenen Basis, folgt im fünften
Kapitel die Vorstellung des aktuellen Forschungsstandes bezüglich der kindlichen
Freizeitgestaltung heutiger Kinder. Diese wurde beispielsweise in den letzten Jahren
umfangreich in Studien wie den KIM-Studien (vgl. Medienpädagogischer For-
schungsverbund Südwest, 2002; 2003; 2006; 2007), denen des DJI-Kinderpanels
(vgl. Alt, 2005; Alt, 2007) sowie der 1. World Vision Kinderstudie (vgl. World Vision
Deutschland e.V., 2007) und einer der ARD/ZDF-Medienkommission (Frey-
Vor/Schumacher, 2006a) untersucht. Da jedoch die Freizeit der Kinder ein enorm
umfangreiches Feld darstellt und im Rahmen dieser Arbeit nicht bewerkstelligt wer-
den kann, alle Bereiche des kindlichen Freizeitgeschehens in voller Breite zu be-
rücksichtigen, bringe ich in diesem Kapitel die wichtigsten Themen kategorial in eine
sinnvolle Ordnung und fasse die bedeutendsten Aussagen zusammen. Dabei werde
ich mich auf die Freizeitwünsche, -institutionen, -partner und orte der Kinder, sowie
auf deren Umgang mit Medien und die dafür benötigte Kompetenz beschränken.
Nach einer kurzen Zusammenfassung (Kapitel 6) des theoretischen Anteiles meiner
Arbeit folgt im empirischen Abschnitt meine eigenständige Forschung (Kapitel 7) im
Hinblick auf die Freizeitgestaltung heutiger Kinder unter besonderer Berücksichti-
gung unterschiedlicher finanzieller Hintergründe innerhalb der Familien. Aufgrund
des riesigen Angebots von Freizeitaktivitäten für Kinder, beschränke ich mich in
meiner Untersuchung auf die in Kapitel 7.2 beschriebenen Thesen.
Nachdem ich deren Planung und Durchführung in Kapitel 7.3 kurz beschreiben wer-
de, schließt sich in Kapitel 7.4 der Hauptteil meiner Empirie, nämlich die Analyse
meiner Untersuchungen an
.
Das darauf folgende Fazit bildet den Abschluss dieser
Examensarbeit.
5
2 Begriffliche
Klärungen
2.1 Kinder
Kinder bilden eine im Vergleich zu den Erwachsenen klar abgegrenzte Gruppe der
Bevölkerung. Sie ,,...erfahren ihre Welt als sinnlich-zusammenhängend" (Baacke,
1999a, S. 60) und lassen sich über das biologische Alter definieren (vgl. Neumann-
Braun, 2001, S. 92). Während die UN-Kinderrechtskonvention besagt, dass jeder
Mensch vor Ablauf des siebzehnten Lebensjahres als Kind zu gelten hat (vgl.
Dorsch, 1994, S. 99), definiert das Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) der
Bundesrepublik Deutschland alle Menschen bis zum 14. Lebensjahr als Kinder (vgl.
Schellhorn et al., 2007, S. 60). Diese Definition entspricht wiederum entwicklungs-
psychologischen Erkenntnissen, nach deren Ergebnissen sich 14-Jährige im Gegen-
satz zu den jüngeren Minderjährigen durchaus schon als Jugendliche sehen (vgl.
Neumann-Braun, 2001, S. 92). Baacke lehne es dennoch ab ,,...bestimmte Entwick-
lungsstadien undifferenziert einem entsprechenden Alter zuzuordnen" (Rohlfs, 2006,
S. 15), da Kinder unterschiedlich schnell die nächste Entwicklungsstufe erreichen
(vgl. Baacke, 1999a, S. 56). Aus diesem Grund schlägt er folgende drei unterschied-
liche Phasen des Kindseins vor: die Frühe Phase (Geburt bis 5 Jahre), die mittlere
Phase (6 12 Jahre) und die Jugendphase (ca. ab 13 Jahre) (vgl. ders., 1999, S.
64). Beim Vergleich von Kindern mit Erwachsenen fällt auf, dass deren Lebenspha-
sen voneinander abweichen. Die Gegensätze beziehen sich auf die Besonderheit
der Kinder, wie zum Beispiel auf ,,...ihre soziale und psychische Eigenwelt sowie die
Ungleichheit im Generationenverhältnis" (Neumann-Braun, 2001, S. 92).
2.2 Kindheit
Die Kindheit als spezieller Lebensabschnitt in der Entwicklung des Menschen ist
vielmehr eine späte Entdeckung als eine von jeher zugebilligte Phase im Leben der
Menschen (vgl. Gruppe, 1998, S. 36).So macht der Kindheitshistoriker Philippe Ariès
an vielerlei mittelalterlichen Gemälden deutlich, dass Kinder zur Zeit des Mittelalters
schon in jungen Jahren zur Welt der Erwachsenen gezählt wurden. Äußerlich unter-
schieden sich die Kinder von den Erwachsenen auf den Abbildungen lediglich durch
ihre Größe. Selbst ihre Kleidung war nach Ende der Windelphase der der Erwach-
senen nachempfunden (vgl. Ariès, 1988, S. 112).
6
Bereits ab dem siebten Lebensjahr mussten sich die Kinder mit ihrer Arbeitskraft in
die Arbeitswelt einbringen (vgl. Knörzer/Grass, 2000, S. 20). Der Wohnraum der
Familie galt zudem als Arbeitsstätte, in der alle Mitglieder der Familie in einer Umge-
bung zusammen lebten. Erst in der Neuzeit konnte durch die Abgrenzung von Ar-
beits- und Wohnraum eine Intimisierung der Familie und damit eine innige Bindung
zwischen Eltern und Kindern entstehen. Dies habe Ariès zufolge zusammen mit der
Einführung der Schule den Grundstein für die heutige Lebensweise der Kinder ge-
legt (vgl. Ariès, 1988, S. 48ff) und damit das heutige Verständnis von einer eigen-
ständigen Lebensphase der Kindheit geprägt.
Neumann-Braun betrachtet den Begriff ,,Kindheit" aus unterschiedlichen Perspekti-
ven und gliedert diese, je nach Perspektive, in folgende Begrifflichkeiten bezie-
hungsweise Definitionen: So lässt sich Kindheit beispielsweise als Kindesalter erklä-
ren. Gemeint ist in diesem Zusammenhang, dass Kinder in ihrer Kindheit biologi-
schen, psychologischen und pädagogischen Phasen ihrer Entwicklung ausgesetzt
sind. Außerdem lässt sich Kindheit als kulturelles Muster verstehen, also als ein von
der Gesellschaft konstruiertes Ergebnis, welches von dieser im historischen Verlauf
auf verschiedene Arten und Weisen wahrgenommen und von ihr dadurch immer
wieder unterschiedlich behandelt wurde. Zudem kann Kindheit als sozio-kulturelles
Phänomen der Institutionalisierung der Lebensphase einer spezifischen Altersgrup-
pe einer Gesellschaft begriffen werden. Unterschiedliche Gruppen, wie Familie,
Freunde, Schule und Arbeitswelt, die allesamt sozialisierend auf die Heranwachsen-
den einwirken, werden demnach von der jeweiligen Sozialstruktur der Gesellschaft
beeinflusst, die darüber hinaus auf sämtliche Determinanten der kindlichen Lebens-
phasen einwirkt (vgl. Neumann-Braun, 2001, S. 93). Diesem letzten Punkt schließt
sich Baacke an, indem er schreibt ,,"Kindheit" wird gesellschaftlich produziert" (Baa-
cke, 1999a, S. 65). Die Einführung der Schulpflicht ist dafür nur ein Beispiel.
Da jedoch auch Gesellschaften historischen Wandlungen unterliegen, werde ich im
folgenden Kapitel 3 diese vorerst erläutern, um im Anschluss auf daraus resultieren-
de Wandelungsbereiche der Kindheit einzugehen.
2.3 Freizeit
Beruft man sich bei der Definition von Freizeit auf Autoren wie Fröbel, Weber, Kelm
oder Hoffmann, welche durch Richter zitiert werden, fällt dem kritischen Leser die
positive Darstellung des Freizeitbegriffes auf. Allen ist gemeinsam, dass sie die Frei-
zeit nicht ausschließlich als positive Restzeit des Tages nach vollbrachter Arbeit be-
7
trachten. Vielmehr heben sie die persönliche Freiheit und die damit verbundenen
individuellen Möglichkeiten innerhalb der Freizeit hervor (vgl. Richter, 1992, S. 8).
Schäfer widerspricht dieser Auffassung jedoch vehement. Freizeit sei keineswegs
gleich Freiheit. Dabei räumt sie ein, es habe zwar immer der Wunsch nach Freiheit
bestanden, doch sei die utopische Vorstellung einer vollkommenden Freiheit inner-
halb der Freizeit nicht einzulösen. Vielmehr biete sie anstelle des Begriffs Freiheit
den des Freiraumes an, der die Freizeit für den Menschen darstellt (vgl. Schäfer,
2005, S. 41f).
Fries bietet eine Definition, die Freizeit ebenfalls als Freiraum bezeichnet. Konkret
bezieht er sich allerdings direkt auf die kindliche Freizeit, anders als Schäfer, die sich
auf die Erwachsenenwelt bezieht. Nach Fries könne man Freizeit als ,,...jenen zeitlich
definierten Freiraum verstehen, in dem ihre Handlungen nicht durch schulische, kör-
perliche (z.B. Schlaf) oder familiäre (z.B. Hilfe im Haushalt) Obligationen bestimmt
sind" (Fries, 2002, S. 169). Auf der Suche nach Autonomie, Kompetenzerweiterung
und sozialer Einbindung
1
wählen Kinder seiner Ansicht nach Freizeitangebote, die
ihnen in erster Linie einfach nur Spaß bereiten. Obgleich Freizeit nicht als völlig los-
gelöste Eigenwelt von Kindern betrachtet werden könne, spiele sie durch das Fehlen
einer direkten Einflussnahme von Seiten der Eltern eine bedeutende Rolle bei der
Sozialisation der Kinder, die dort in Auseinandersetzung mit anderen Menschen ihre
soziale Welt entfalten können (vgl. ders., 2002, S. 169f).
Zerle gibt jedoch zu bedenken, dass sich die frei bestimmbare Zeit mit zunehmen-
dem Alter reduziert. So nehme die Teilnahme an Institutionen sowie die Erledigung
von Hausaufgaben immer mehr Zeit in Anspruch (vgl. Zerle, 2007, S. 245).
Schäfer fügt bezüglich der Art der Freizeitgestaltung hinzu, dass die Menschen
durch gezielten und immerwährenden, manipulierenden Einsatz von Werbung in
ihrer Freizeitgestaltung beeinflusst würden und auch die Auswahl der Freizeitaktivitä-
ten u. a. ständigen finanziellen Kriterien unterworfen wäre (vgl. Schäfer, 2005, S.
44).
Bei dieser These wird sie von den klassischen Ungleichheitstheorien und den lage-
orientierten Lebensstilansätzen unterstützt. So zeigte sich in einer Reihe von empiri-
schen Forschungen zwischen 1990 und 2003, dass die Einflussnahme von Alter und
Geschlecht auf die Freizeit keineswegs unterschätzt werden dürfe. Die Bedeutung
des Einkommens sei zudem sogar gestiegen (vgl. Isengard, 2005, S. 254). Dies
wirkt sich selbstverständlich auch auf das Leben der Kinder aus und soll im Rahmen
der vorliegenden Arbeit weiter Beachtung finden.
1
Nach der Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan, sind Autonomie, Kompetenzerwei-
terung und soziale Einbindung der Motor für selbstbestimmtes Handeln (vgl. Fries, 2002, S.
169).
8
3 Gesellschaft im Wandel
Bevor ich im anschließenden Kapitel auf die Modernisierungstendenzen der Kindheit
eingehen möchte, bedarf es an dieser Stelle einer Erläuterung der gesamtgesell-
schaftlichen Wandelungsprozesse. Dies ist insofern von Bedeutung, als dass die
Kindheit unter direktem Einfluss der gesellschaftlichen Veränderungen steht und
immer wieder aufs Neue von der Gesellschaft geprägt wird.
Die Gesellschaft ist nach Becks historisch-soziologischen Analysen bezüglich ihrer
Veränderungen seit den 50er Jahren von ständigen Individualisierungsprozessen
geprägt, die für weitreichende Wandelungen verantwortlich gemacht werden können.
Diese Individualisierungsprozesse beschreibt er in drei zentralen Dimensionen (vgl.
Kötters, 2000, S. 26). In der Freisetzungsdimension werden die Menschen aus ihren
traditionellen Lebensmustern und familiären Versorgungsbezügen ,,...herausgelöst
und verstärkt auf sich selbst und ihr individuelles Arbeitsmarktschicksal [...] verwie-
sen" (Beck, 1986, S. 116). Sie seien demnach nicht mehr so stark in ihren Klassen
und Schichten, lokalen und regionalen Gemeinschaften eingebunden. Dies führe zu
Bindungsverlusten, die bis in Partnerschaften und Familien hinein reichen (vgl. Peu-
ckert, 2005, S. 366).
In der Entzauberungsdimension wird dieser Freisetzungsprozess von einem sozialen
Wertewandel begleitet, der bereits seit den 50er Jahren zu konstatieren sei und sich
Ende der 60er Jahre bis Anfang der 70er Jahre stark beschleunigte. Dabei verloren
materielle Werte sowie traditionelle Pflicht- und Akzeptanzwerte an Bedeutung. Hin-
gegen wurden Werte wie Selbstentfaltung und -verwirklichung, Autonomie und
Gleichbehandlung immer wertvoller. ,,Da die das Verhalten steuernden, modernen
Werte inhaltlich kaum festgelegt sind, müssen sie vom Individuum jeweils situations-
und kontextabhängig interpretiert werden" (ders., 2005, S. 365). Im Zuge dessen
verloren traditionelle Sicherheiten und Handlungswissen an Stabilität.
In der anschließenden Reintegrationsdimension werden die zuvor freigesetzten Indi-
viduen wieder in neue soziale Bindungen integriert. Institutionen nehmen also den
Platz von traditionellen Bindungen ein. Man dürfe diesen Modernisierungsverlauf
jedoch nicht als einen einheitlichen Prozess betrachten, denn er umfasse nicht alle
Subjekte in gleichen Maßen (vgl. Kötters, 2000, S. 26).
Die Modernisierung bringt laut Tillmann eine Reihe von positiven Veränderungen
hervor, wie beispielsweise die Ausweitung der sozialen Sicherheit, Erhöhung der
Bildungschancen und Minderung der Arbeitszeit. Trotz einer Erweiterung der indivi-
duellen Handlungsspielräume und der Chance auf Mitbestimmung und Selbstver-
wirklichung sind die Modernisierungsprozesse jedoch auch ausschlaggebend für
9
weitreichende negative Konsequenzen. Tillmann gibt beispielsweise in Anlehnung
an Beck zu bedenken, dass die Individualisierung zu vermehrter Arbeitslosigkeit füh-
re und höhere Flexibilität von den Beschäftigten fordere. Alte Klassenstrukturen, die
ihren Mitgliedern bislang ein stabiles Netz von sozialen Beziehungen ermöglichten,
verlören zudem an Bedeutung (vgl. Tillmann, 2004, S. 260). Des Weiteren führe der
Wegfall dieser Klassenstrukturen, wie Familie, Religion, Vereinswesen etc., in der
Gegenwart zu massiver Verunsicherung und Orientierungslosigkeit. Das Individuum
sei demzufolge gezwungen, seinen Lebensweg durch ständig neu zu treffende Ent-
scheidungen zu gestalten (vgl. ders., 2004, S. 265). Dies wird jedoch laut Hansmann
durch den Wegfall von verbindlichen Leitbildern und Zukunftsentwürfen erheblich
erschwert (vgl. Hansmann, 1995, S. 61).
Neben Beck befassten sich auch van der Loo und van Reijen mit dem Wandel der
Gesellschaft. Ihnen zufolge bilden Rationalisierung (der Kultur), Individualisierung
(der Personen), Differenzierung (der Strukturen) und die Domestizierung (der Natur)
die Grundmechanismen der Modernisierung (vgl. Loo/Reijen, 1997, S. 36ff).
Degele und Dries greifen diese Dimensionen auf und erweitern sie um die Be-
schleunigung, Globalisierung, Vergeschlechtlichung und Integration (vgl. Dege-
le/Dries, 2005, S. 23). Ihrer Ansicht nach dürfe der Modernisierungsprozess nicht
eindimensional gesehen werden. Alle Modernisierungsfaktoren können schließlich
positive und negative Entwicklungslinien aufweisen und dabei in unterschiedlichen
Tempi und Wechselwirkungen parallel zueinander ablaufen (vgl. dies., 2005, S. 28).
Wie bereits angedeutet, nehmen Veränderungsprozesse innerhalb einer Gesell-
schaft immer auch Einfluss auf die Lebenswelt ihrer Mitglieder und damit auch auf
die Freizeit der Kinder. Inwiefern sich nun der Wandel der Gesellschaft explizit auf
bedeutende Bereiche der heutigen Kindheit ausgewirkt hat, wird im nun folgenden
Kapitel näher betrachtet.
0 Kommentare