rung der Gesellschaft führten, sind nicht grundsätzlich positiv oder negativ zu bewerten. Es herrscht (nach wie vor) Verunsicherung der Individuen. Die neu gewonnenen Freiheiten und die vielen Wahlmöglichkeiten genauso wie der Zwang zum individuellen Lebensentwurf überfordern viele (vgl. dazu BECK 1986, 2007; BELL 1985, 1991; GIDDENS 1995, 2003).
Die Grundannahme der Theorie reflexiver Modernisierung ist, dass ein Grundlagen-wandel vonstatten ging, der zeitlich nach der Epoche der industriegesellschaftlichen Moderne nach dem Zweiten Weltkrieg, also etwa ab den 1970er Jahren eingeleitet wurde. Der Wandel der Institutionen ist bis heute noch nicht vollständig abgeschlossen - und dies ist auch gar nicht möglich - , denn die Gesellschaft unterliegt ständig sozialen Veränderungen. Der Wandel betrifft nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche, insbesondere die Familie, den Umgang mit der Natur, die Veränderungen bei der Arbeitsorganisation bis zu neuen Formen von Staatlichkeit (vgl. BECK/BONSS 2009). 2
Werfen wir aber nochmals einen Blick genauer zurück, um die demographischen Verschiebungen und die daraus entstandenen neuen Zeithorizonte der Lebensplanung mit einigen ihrer Herausforderungen bzw. Schwierigkeiten für den Einzelnen und für die Gesamtgesellschaft verstehen zu können.
Betrachtet man die Lebensbäume, dann fällt zunächst auf, dass die Bevölkerung früher in Form einer Pyramidenstruktur abgebildet war; das heißt, es gab viele junge und weniger alte Menschen (vgl. KAUFMANN 2008). Die Ursache war das zunehmende Wachstum der Bevölkerung, denn es gab kaum eine Möglichkeit der Geburtenkontrolle und sexuelle Aufklärung war ein Tabu-Thema. Die Kindersterblichkeit allerdings war aufgrund mangelnder Hygiene und medizinischer Diagnose- bzw. Hilfsmöglichkeiten hoch, was sich auf die Statistik der Lebenserwartung auswirkte. Aufgrund der schlechten medizinischen Versorgung und der damit verbundenen geringen Lebenserwartung war auch die Altersphase kürzer. Insgesamt verschieben sich die biographischen Phasen, wobei die Phasen der Kindheit und Jugend länger werden. Die Kinder wohnen aufgrund längerer Ausbildungszeiten, welche die Bildungsreform mit sich brachte und damit zusammenhängender Verschiebung der Eheschließung insgesamt länger bei den Eltern und sind von ihnen
2 Steigt man tiefer in die Materie ein, dann lässt sich erkennen, dass mit dem Konzept der reflexiven Modernisierung abgegrenzt von den bisherigen Theorien der industriellen Modernisierung ein Versuch der veränderten Sichtweise der gesellschaftlichen Entwicklung in der modernen Gesellschaft unternommen wird (vgl. BECK 1997). Obwohl BECK und GIDDENS ähnliche Ansätze haben zeigen sich doch auch Differenzen, denn GIDDENS spricht von reflexiver Modernisierung, wenn es um Wissen oder Reflexion geht. BECK hingegen thematisiert die Nebenfolgen der Modernisierung (vgl. BECK 1996, S. 289ff.). Einig sind sich BECK und GIDDENS in Bezug auf die inhaltlich eng zusammenhängenden Grundbegriffe der reflexiven Modernisierung, nämlich „Individualisierung“ und „Globalisierung“ und beschreiben ihre gesellschaftlichen Auswirkungen.
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(auch finanziell) abhängig. Dieses längere und intensive Leben „unter einem Dach“ ist nicht unbedingt frei gewählt und konfliktfrei, sondern oftmals ist es mit Schwierigkeiten belastet, wenn die Lebensansichten, die Wertvorstellungen etc. differierenneue Generationen machen eben andere Erfahrungen und haben andere Vorstellungen als die Elterngeneration und dies bringt Konfliktpotenzial mit sich (vgl. DEML 2007a).
Durch die Bildungsexpansion entstanden mehr Bildungsmöglichkeiten, aber es gibt keine vorgefertigten Wege mehr, was zu Verunsicherung führt (vgl. HAD-JAR/BECKER 2006). Die Lage auf dem Arbeitsmarkt hat sich verschlechtert, denn die Arbeitsplätze sind rar, was dazu führt, dass eine längerfristige Lebensplanung schwierig wird. Durch die rechtliche Gleichstellung der Frauen ergeben sich dafür mehr Möglichkeiten bzw. Chancen auf dem Arbeitsmarkt (vgl. BECK 2007, S. 82), was zu Schwierigkeiten im Bereich der Vereinbarkeit von Beruf und Familie führt (vgl. DEML 2007b, S. 39ff.).
Die Frauenrolle war früher klar definiert - sie waren überwiegend Hausfrauen oder mithelfende Familienangehörige im Geschäft, im Unternehmen oder in der Landwirtschaft und in der freien Berufswelt nur selten zu finden. Falls sich Frauen doch beruflich betätigten, dann in frauenspezifischen Berufen wie Kindermädchen, Haushaltshilfe, Verkäuferin oder ähnliches. Im Zuge der Eheschließung gaben diese Frauen meistens ihren Beruf auf, denn nun mussten sie nicht mehr arbeiten - sie waren schließlich finanziell durch den Ehemann versorgt. Außerdem sicherte eine Heirat die gesellschaftliche Anerkennung (vgl. DEML 2010, S. 24). Der Generationenvertrag konnte erfüllt werden, denn es gab mehr Kinder in einer Familie, die sich später um die alternden Eltern kümmerten, sobald diese verwitwet, pflege- oder betreuungsbedürftigen waren (vgl. BACHMAIER 2001). Das Familienleben fand am selben Ort statt wie das Berufsleben und die Berufsstruktur war weitestgehend vorgegeben, denn es gab kaum Möglichkeiten, den Beruf zu wechseln und es bestand auch kein Bedarf. Nicht selten blieben die Arbeitnehmer von ihrer Ausbildung bis zur Verrentung im selben Unternehmen. Der Lebensbaum hat sich jedoch drastisch verändert und heutzutage gleicht er beinahe einer Urne. Vor allem die Bevölkerung in den Industrieländern verzeichnet insgesamt einen Rückgang im Sockelbereich, was an der geringeren Kinderzahl pro Familie liegt. Dies wiederum steht ganz abgesehen von neuen Verhütungsmöglichkeiten in Zusammenhang mit einem neuen Verständnis der Geschlechterrollen und einer neu entstandenen Vielfalt der Lebensstile. Die Stichworte hierfür lauten „Individualisierung“, „Singularisierung“ und „Pluralisierung“ in der Risikogesellschaft (vgl. BECK 1986). Mit der Individualisierung lösten sich die Vergesellschaftungsformen der industrialisierten Moderne auf, das heißt, dass die Klassen genauso wie die klassische Kleinfamilienkonstellationen (mit Arbeitsteilung) und die damit verbundenen
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Geschlechterrollen unterzugehen drohen und differenzierter betrachtet werden müssen.
Durch diese neue Losgelöstheit von den alten Kategorien werden die Individuen gezwungen, sich ihre Biographie selbst im Rahmen der neuen Kategorien zu organisieren („Wahlbiographie“). Das bedeutet nicht zwangsläufig eine Vereinzelung der Gesellschaft (wenngleich Singularisierung eine negative Folge dieser Entwicklung sein kann). Vielmehr wird jedoch die Identität der Individuen aus eigenen Mustern zusammensetzt und alte Lebensformen werden durch individualistischere neue ersetzt. GIDDENS (vgl. 1995) spricht in diesem Zusammenhang von „Entbettung“ und „Rückbettung“, wobei die Gesellschaft durch die „Entbettung“ von lokaler Eingebundenheit eine Globalisierung erfährt. Soziale Beziehungen werden demzufolge aus ortsgebundenen Interaktionszusammenhängen herausgelöst. Zudem müssen bei lokalen Handlungen Einflüsse aus weit entfernten Orten berücksichtigt werden. „Rückbettung“ meint in diesem Zusammenhang eine Rückaneignung bzw. Wiedereingliederung von entbetteten sozialen Beziehungen.
Durch globalisierte soziale Beziehungen wird der Nationalstaat geschwächt. Die Globalisierung ist ein Kennzeichen der zweiten Moderne. Individuen bewegen sich in weltweiten Kommunikationsnetzen, welche den Bedarf an kosmopolitischem Denken und Handeln wachsen lässt. Diese Globalität ist unrevidierbar und wird nicht zuletzt aufgrund neu entwickelter Medien und Kommunikationsmöglichkeiten weiter voranschreiten.
GIDDENS und BECK stimmen darin überein, dass sich die industrialisierte Moderne aufgelöst hat und die Gesellschaft in die zweite Moderne geführt wurde, welche auch als enttraditionalisierte Moderne bezeichnet wird. In diesem Zusammenhang wird auch von „Gegenmoderne“ gesprochen (vgl. BECK/GIDDENS/LASH 1996; DEML 2007b, S. 61ff.).
Durch die ungünstige Altersstruktur in den Industriestaaten entstehen große finanzielle Belastungen der jungen Menschen. Es gibt zu wenige junge Menschen, die für immer mehr ältere Menschen auch finanziell sorgen müssen. Die „kalte Progression“ ist eine Konsequenz dieser ungleichen Verteilung. Zudem bedeutet „Lohndumping“, eine hohe Arbeitslosenquote unter jungen Menschen weniger Steuereinnahmen und die Erwerbstätigen, vor allem Ledige ohne Kinder, haben einen Mehraufwand zu leisten, was sich negativ auf die soziale Stimmung auswirkt und eine Aufspaltung der Gesellschaft zur Folge hat.
Finanzielle Unsicherheit kann eine Familiengründung erschweren und andererseits hat das Zusammenbrechen von Familien negative finanzielle Auswirkungen. Das Familienleben ist eng mit dem Berufsleben verkettet. Aufgrund von Scheidung und Trennung leben viele Familien getrennt, aber auch die Flexibilität bzw. Mobilität im Berufsleben fordert ihre „Opfer“: Es gilt in der sich globalisierenden Gesellschaft, immer mehr Arbeit in immer weniger Zeit zu erledigen und immer mehr Arbeit muss von
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Arbeit zitieren:
Sonja Deml, 2010, Die reflexive (enttraditionalisierte) Moderne, München, GRIN Verlag GmbH
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