1. Einleitung
Die Rezeption des Todes in der Lyrik ist schon seit es Dichtung gibt ein nicht selten aufgegriffenes Thema. Sei das Motiv für die Beschäftigung mit dem Tod der Glaube an ein Jenseits oder auch die Angst vor dem Unbekannten - die Umsetzung ist immer irgendwie unvollständig. Der Grund dafür ist einfach, dass der Dichter vom Tode - im Gegensatz zu anderen Erlebnissen - nicht aus eigener Erfahrung berichten kann. Daher kann der Tod bei seiner Rezeption in der Lyrik auch niemals als etwas tatsächlich Erlebtes wiedergegeben werden. Wie Theodor Storm mit dieser Komponente des Ungewissen umgeht und das Thema des Todes in seiner Lyrik behandelt, soll Gegenstand dieser Arbeit sein. Dabei soll an ausgewählten Beispielen sowohl unter Einbeziehung biographischer Aspekte als auch in Rücksichtnahme auf spezielle persönliche Eigenschaften des Menschen Storm herausgestellt werden, in welchen Situationen und unter welchen Einwirkungen von außen seine Todeslyrik entstanden ist.
2. Interpretation der Gedichte
2.1 Einer Toten 1
Dieses Gedicht schrieb Storm anlässlich des Todes seiner ältesten Schwester Helene Lorenzen, die am 10. November 1847 im Kindbett starb. 2
Im ersten Teil des Gedichts schildert er die Situation kurz vor ihrem Tode. Ihre Qual wird beschrieben: „Noch eine Nacht, noch eine war gegeben! Auch die verrann; dann kam das Morgenlicht.“ Sie ist hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, von ihrem Leid erlöst zu werden, wofür die „Nacht“ als Symbol steht und ihrem Lebenswillen und der Hoffnung, die vom „Morgenlicht“ symbolisiert werden:„Mein guter Mann, wie gerne wollt ich leben!“ Das Bewusstsein, sterben zu müssen, wird mit Fortschreiten der Nacht deutlicher: „Sorg für das Kind - ich sterbe, süßer Mann.“
Allerdings wird anfangs auch angedeutet, dass dieses Siechtum der jungen Mutter scheinbar keine neue Erscheinung ist: „Du glaubtest nicht an frohe Tage mehr, Verjährtes Leid ließ nimmer dich genesen; Die Mutterfreude war für dich zu schwer, Das Leben war dir gar zu hart gewesen. - “ Offenbar war die Frau auch vorher bereits ein eher kränklicher Typ, denn „Verjährtes Leid“ deutet eigentlich auf ein langfristiges, chronisches Leiden hin. So war die Geburt des Kindes dann wohl das Todesurteil für die junge Frau. Aufgrund ihrer schwachen
1 Storm, Theodor: Sämtliche Werke, Berlin/ Weimar 1986, S.129 -130
2 Ebd., S. 692
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Konsistenz hat sie diese Anstrengung nicht bewältigen können. Auch steht die „Mutterfreude“ in Antagonie zum Tode- sie hat Leben geschenkt und geht selbst daran zugrunde.
Die vierte Strophe des ersten Abschnitts beschreibt schließlich ihr Sterben- Sie schläft ein und erwacht nicht mehr. Auffällig ist, dass der Zeit seines Lebens als überzeugter Atheist, ja später sogar als Gegner des Christentums bekannte Theodor Storm hier vom „Atem Gottes“ spricht, der durch den Raum weht. Gemeint ist wahrscheinlich das, was sonst in der Lyrik oft als „Hauch des Todes“ umschrieben wird, der im Gemach eines eben Gestorbenen gegenwärtig ist. Vielleicht ist jedoch auch etwas Positiveres als dieser Ausdruck gemeint, denn „Hauch des Todes“ wird ja meist mit der Zerstörung von Leben assoziiert. Storm will aber vermutlich eher die Ruhe und Erlösung, die seine Schwester im Tod gefunden hat, zum Ausdruck bringen. Dennoch ist der Terminus „Atem Gottes“ eine Wortwahl, die für Storms Verhältnisse etwas eher untypisches darstellt. Daher möchte ich hier auch Storm selbst zitieren, der immer der festen Meinung war, dass „Der lyrische Dichter namentlich jede Phrase, das bloß Ueberkommene vermeiden muß; jeder Ausdruck muß seine Wurzel im Gefühl oder der Phantasie des Dichters haben.“ 3 Daraus lässt sich schließen, dass er eine gewöhnlichere Bezeichnung vielleicht aufgrund ihrer häufigen Verwendung in der Lyrik bewusst vermeiden wollte. Andererseits wäre vielleicht die einfachste Erklärung schlicht die Annahme, dass Helene Woldsen im Gegensatz zu Storm durchaus eine Anhängerin des christlichen Glaubens war und Storm in Gedenken an sie diese Formulierung gewählt hat. Auch ist denkbar, dass keine konkrete Absicht hinter der Wahl dieses Ausdrucks stand und sich Storms Gegnerschaft zum Christentum noch nicht herausgebildet und manifestiert hatte, sondern sein Verhältnis zur Religion durch ein bloßes Tolerieren gekennzeichnet war. Der zweite Abschnitt des Gedichtes behandelt die Welt, die sich genau wie sonst weiter dreht. Nichts scheint den Tod registriert zu haben - die Dinge sind unverändert. Auch das Vergessen, das dem Tod seine Bedeutung nimmt, will der Erlebende nicht hinnehmen. Die jeweils letzte der fünf Verszeilen scheint dabei eine zusammenfassende und erklärende Rolle gegenüber den vieren davor einzunehmen. Weiterhin scheinen die drei Strophen vom zeitlichen Rahmen den Zyklus nur eines Tages zu umfassen. In der ersten Strophe steht der Tag im Fokus. Die Sonne scheint, die Uhren gehen und Glocken schlagen. Die Zeit geht einfach weiter. Die letzte Zeile dieser Strophe ist das einzige, was verdeutlicht, dass es sich eben nicht nur um einen Tag handelt: „Einförmig wechseln Tag und Nacht;“ zeigt zum
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Paulin, Roger: Theodor Storm, München 1992, S.48
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Abschluss der Strophe auf, dass die Zeit einfach weiter verrinnt. „Einförmig“ ließe sich dahingehend deuten, dass dies nach ihrem Tod keine Bedeutung mehr hat. Die Welt scheint nichts besonderes mehr zu haben, und das Verstreichen der Zeit wird nicht mehr bewusst registriert. Es geschieht einfach alles, ohne dass der Erzählende dem etwas abgewinnen könnte.
Die zweite Strophe befasst sich mit dem sinnbildlichen Abend. Es wird vom gemütlichen Beisammensein in den Abendstunden erzählt, die auch nach dem Tode der Frau scheinbar wie vorher fortgeführt werden. Niemand bemerkt ihr Fehlen und niemanden scheint dies zu interessieren: „Und daß, wo sonst dein Stuhl gestanden, Schon andre ihre Plätze fanden, und nichts dich zu vermissen scheint;“ Es zeigt die Zurückgebliebenen oder vielleicht auch Unbeteiligte, die nichts von der Toten wissen. Dies ist naheliegender als von ihren Hinterbliebenen auszugehen, auch wenn man der Formulierung nach durchaus auf die Familie schließen kann. Aber das Hauptproblem ist hier der fehlende Respekt, der nach Meinung des lyrischen Ichs der Toten gezollt wird. Ihr Platz wird einfach von jemand anderem besetzt, ohne ihr Andenken in Ehren zu halten.
Strophe drei schließlich beschäftigt sich mit der Nacht. Die Gruft der Toten wird vom Mond beschienen: „Die Mondesstreifen schmal und karg In deine Gruft hinunterweben Und mit gespenstig trübem Leben Hinwandeln über deinen Sarg.“ Hier wird ein etwas schauerliches Szenario gestaltet. Bezeichnend ist auch der symbolische Szenenwechsel von den Lebenden zur Toten. Die Tageszeiten gehörten dem Leben. Die Nacht steht nun als Sinnbild für den Tod. Hier wird auch kein Verrinnen der Zeit mehr beschrieben, da dies für die Tote nicht von Belang ist. Auch zeigt dieses Bild die Einsamkeit des Todes.
Die erste Strophe zeigte die Zeit, die einfach weiterläuft, das Universum registriert nicht den Tod eines Menschen. In Strophe zwei wird ein geselliges Zusammensein beschrieben. Die dritte Strophe jedoch zeigt nur den einzelnen Sarg der Toten in der Gruft. Auch tritt hier erstmals die Tote gestaltlich und nicht nur in der Erwähnung des Erzählers, der die noch Lebenden beobachtet, in Erscheinung. Vielleicht wird auch die Beschreibung des Sarges in die Nacht projiziert, um das Geheimnisvolle der Nacht mit dem Mysterium des Todes zu verbinden- der Tod wird ja auch gern als „Schlafes Bruder“ bezeichnet. Dieser symbolische einzelne Tag kann gleichzeitig stellvertretend für ihr Leben stehen- das nun in der Nacht beendet ist.
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2.2 Lucie 4
Dieses Gedicht ist seiner jüngeren Schwester Lucie gewidmet, die im Jahre 1826 6jährig verstorben war. Laut Handschrift ist dieses Gedicht jedoch erst 1852 entstanden 5 . Was ihn gerade in diesem Lebensabschnitt dazu bewogen haben mag, seiner vor 26 Jahren verstorbenen Schwester ein Gedicht zu widmen, ist aus seiner Biograpie nicht klar ersichtlich. Die Strophen 1-3 erzählen von seiner Kindheit mit ihr. Es wird verdeutlicht, dass Lucie kein besonderes Kind war: „Nicht war sie klug, nicht schön“, aber dennoch hat er sie bedingungslos geliebt: „mir aber war Ihr blaß Gesichtchen und ihr blondes Haar, Mir war es lieb; aus der Erinnrung Düster Schaut es mich an; wir waren recht Geschwister.“ Sie war seine kleine Schwester, und er hing an ihr. Die Details, an die er sich auch noch Jahrzehnte später erinnert, sprechen dafür, dass ihr Tod ein prägendes Erlebnis für ihn war: „Ihr schmales Bettchen teilte sie mit mir, und nächtens Wang an Wange schliefen wir; Das war so schön! Noch weht ein Kinderfrieden Mich an aus jenen Zeiten, die geschieden.“ Der „Kinderfrieden“, der thematisiert wird, führt ihn zurück in die Zeit, in der sein Leben noch frei war von Kummer und Verlust. „aus jenen Zeiten, die geschieden.“ Bringt zum Ausdruck, dass dies unwiederbringlich vorbei ist. Dieser Vers drückt etwas Absolutes aus. Ein Ende kam; - ein Tag, sie wurde krank Und lag im Fieber viele Wochen lang; Ein Morgen dann, wo sanft die Winde gingen, Da ging sie heim; es blühten die Syringen. Das Sterben des Kindes wird relativ nüchtern erzählt. In dieser Strophe wird keine Emotion beschrieben. Sie hat nur erzählende Funktion. Der letzte Vers „Da ging sie heim; es blühten die Syringen“ soll möglicherweise die Dramatik des Todes abschwächen. An dieser Stelle steht die Naturbeschreibung in einer antagonistischen Relation zum Motiv des Todes. Die blühenden Syringen symbolisieren Leben, nicht Tod. Dass sie „heim“ geht, spricht auch nicht dafür, dass dieser Abschied etwas tragisches sein könnte. Sie scheint nun dort zu sein, wo sie hingehört. „Die Sonne schien; ich lief ins Feld hinaus Und weinte laut; dann kam ich still nach Haus. Wohl zwanzig Jahr und drüber sind vergangen - An wieviel anderm hat mein Herz gehangen!“ Er lief in den Sonnenschein und ins Feld hinaus, um um sie zu weinen. Hier wird deutlich, dass er sich mit seiner Trauer ganz allein fühlt. Weder die Natur noch sein soziales Umfeld scheinen mit ihm zu fühlen. Zum einen scheint die Sonne, was als Naturmotiv nicht für Trauer steht. Zum anderen läuft er hinaus und bleibt nicht zu Haus bei seiner Familie. Möglicherweise will er auch mit seinem Schmerz allein sein, weil er davon ausgeht, dass ihn niemand versteht.
4 Storm, Theodor: Sämtliche Werke, Berlin/ Weimar 1986, S. 128- 129
5 Ebd. S. 692
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Arbeit zitieren:
Katja Glaser, 2003, Das Todesthema in Storms Lyrik, München, GRIN Verlag GmbH
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