1. Der theoretische Hintergrund der Zivilgesellschaft
Der Gedanke der Zivilgesellschaft findet seinen Ursprung schon in der Antike bei Aristoteles. Zusammen mit Ideenkonzepten von Alexis de Tocqueville, Antonio Gramsci und John Locke stellen sie die Wurzeln der Zivilgesellschaft dar. Und auch das Verständnis der bürgerlichen Gesellschaft von Georg Willhelm Friedrich Hegel findet Einzug in den Diskurs. 1
Durch diese vielfältigen Wurzeln wird der Begriff auch mit ebenso vielfältigen Elementen und Verständnisbereichen verbunden. Die Zivilgesellschaft ist „eine Sphäre kollektiven Handelns und öffentlicher Diskurse, die zwischen Privatbereich und Staat wirksam“ ist. 2 Diese Sphäre wird durch die Freiheitsrechte des Staates geschützt und versucht durch „Toleranz, Verständigung, Gewaltfreiheit, aber auch Gemeinsinn“ 3 eine Zusammenarbeit der Bürger zu erreichen, zum Beispiel durch den Zusammenschluss in Vereine und die damit verbundene Selbstorganisation wird versucht eine fortschreitende Politisierung aller Lebensbereiche zu verhindern. Ziel ist die Trennung eines „engeren, politisch-öffentlichen Sektor und einem weiteren, gesellschaftlich-privaten Sektor“. 4 Die Zivilgesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie durch „Konflikt, Kompromisse und Verständigung in der Öffentlichkeit realisiert wird“. 5
Die Idee als solche ist zwar schon verhältnismäßig alt, doch erst seit den 1980er Jahren feierte der Begriff der Zivilgesellschaft den Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch der Politik und ist seitdem eine Art Modewort geworden - sowohl in der nationalen wie auch in der internationalen Politik. Die Ursprünge des Begriffs der Zivilgesellschaft sind im griechischen „polis“-Denken verwurzelt. Aristoteles bezeichnete mit dem Begriff der „bürgerlichen Gesellschaft“ eine unabhängige Form von Gesellschaft, die über den anderen Formen der Gesellschaft stand. Die Vereinigung der Bürger versucht dem Wohl jedes einzelnen Bürgers zu dienen und dienlich zu sein. 6
1 Quelle: Inthorn, Julia / Reder, Michael: „Zivilgesellschaft auf dem Prüfstand - Eine Einleitung“, in
Inthorn, Julia (Hrsg.) „Zivilgesellschaft auf dem Prüfstand - Argumente, Modelle, Anwendungsfelder“,
Kohlhammer, 2005 (Stuttgard).
2 Quelle: Thiery, Peter: „Zivilgesellschaft“, in: Nohlen, Dieter / Schultze, Rainer-Olaf (Hrsg.) „Lexikon
der Politikwissenschaft“, Band 2, Beck, 2002 (München).
3 Adloff, Frank: „Zivilgesellschaft - Theorie und politische Praxis“, Campus Verlag, 2005 (Frankfurt a.
Main).
4 Quelle: Schubert, Klaus/Klein, Martina: „Das Politiklexikon“,4. Auflage, Dietz, 2006 (Bonn).
5 Quelle: Kocka, Jürgen: „Wege zur politischen Identität Europas - Europäische Öffentlichkeit und euro-
päische Zivilgesellschaft“; http://library.fes.de/pdf-files/akademie/online/50361.pdf (Stand 28.07.2007).
6 Quelle: Aristoteles: „Politik“, 10. Auflage, Dt. Taschenbuch Verl., 2006 (München).
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Vorrangig ist das Wohl des Einzelnen, jedoch ist die Zivilgesellschaft nicht als staatsfeindliche Alternative zum Staat gedacht, sondern als nicht-staatliche Problemlösung . Sie versucht die Allgegenwart des Staates zu brechen, indem sie durch einzelne Organisationen (non-governmental Organizations) oder Personen etwas zu bewirken versucht. Hintergrund ist die Furcht vor einem handlungsunfähigen Staat, der durch einen zu hohen Grad an Regulierung die Eigendynamik blockiert. Auch die Ablehnung eines allgegenwärtigen Marktes und die damit verbundene Kapitalisierung aller Lebensbereiche ist Teil der Zivilgesellschaft. 7
Grundlage für eine funktionierende Zivilgesellschaft stellt eine Identifikation mit der Gesellschaft als solche dar. In der historischen Entwicklung Europas wurde der Prozess der Identifizierung meist durch die Auswirkungen und Folgen innereuropäischer Kriege geprägt.
Meist hatte der Prozess eine Art Appellfunktion zur Berufung auf die vermeidliche Stärke, die im Krieg von Nöten war. Auch nach den Kriegen wurde die transnationale Identifizierung angestrebt, um die zerrütteten Nationen auf einen gemeinsamen, europäischen Weg zu bringen. Ziel war es das sehr kriegerische Europa des 19. und 20. Jahr-hunderts zu einen, um kommende Kriege zu vermeiden. 8
Dieser Gedanke könnte die Antriebsfeder zur Bildung der Europäischen Union gewesen sein. Jedoch: Reichte der Schrecken des letzten europäischen Krieges nicht aus, um die heutigen Generationen bei ihrer Identifizierung mit Europa zu unterstützen? Kann im Rahmen der europäischen Gesellschaft von einer Zivilgesellschaft gesprochen werden? Sind die Voraussetzung für eine Zivilgesellschaft in Europa vorhanden?
2. Die Entwicklung der Zivilgesellschaft in Europa
Bekannt wurde der Begriff der Zivilgesellschaft primär im Zuge der Diskussionen in und um osteuropäische Staaten wie Polen und Ungarn. Diese strebten in den 70er Jahren eine Überwindung des totalitären, sowjetorientierten Regimes und einen damit ver-bundenen „schrittweisen Prozess der Delegitimierung des Regimes“ an, jedoch mit grundverschiedenen Schwerpunkten. 9 Während in Polen eine reformstrategische Lesart
7 Vgl. Kocka, Jürgen, http://library.fes.de/pdf-files/akademie/online/50361.pdf (Stand 28.07.2007).
8 Vgl. ebd. Kocka, Internetquelle.
9 Quelle: Klein, Ansgar: „Zivilgesellschaft und Transformationsprozess: Von den Dissidenten und Bür-
gerbewegungen Ostmitteleuropas zu weltweiten Prozessen der Demokratisierung“, in: „Der Diskurs der
Zivilgesellschaft - Politische Hintergründe und demokratietheoretische Folgerungen“, Leske+Buderich,
2001.
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der Zivilgesellschaft zur sukzessiven Demokratisierung dominierte, stand in Ungarn die ökonomische im Vordergrund. Durch „Gewaltverzicht und die Beschränkung auf kulturelle und öffentliche Einflussnahme“ waren die Bewegungen in der Lage ihren Einfluss auszubauen und zeitgleich eine Begrenzung der staatlichen Macht zu erreichen. 10 Der Erfolg der Zivilgesellschaften und das Scheitern des Kommunismus in den osteuropäischen Staaten rückte den Begriff ins Blickfeld der Wissenschaft. Klaus von Beyme bezeichnete die Zivilgesellschaften süffisant als „gute Fee“, die eine Alternative zum in West-Europa verbreiteten Neoliberalismus darstellte und ein „konsensfähiges normatives Konzept“ erhielt. 11 Die Wissenschaft verstand den Prozess als atypische Form einer Revolution, die anders als ihre historischen Vorbilder (z.B. französische Revolution) durch friedlichen Umbruch ihre Ziele erreichte. Westeuropa, das sich zunehmend in „platten Neoliberalismus verstrickt hatte“ 12 entdeckte das normative Konzept der Zivilgesellschaft für sich, welches erfolgreich das totalitäre Regime der Sowjetunion beeinflusst und überwunden hatte.
Durch die Anpassung der Zivilgesellschaft an die einzelnen, nationalen Traditionen, entwickelten sich, wie auch in den osteuropäischen Ländern, verschiedene Lesarten und Schwerpunkte. Und auch die Feindbilder der Zivilgesellschaften unterschieden sich zunehmend, bildete zu Beginn der Staat die Grundlage zur Bildung von Zivilgesellschaften, entwickelte sich im Laufe der Zeit ein breites Spektrum von Gründen. Dies reichte von „der elitären Demokratie bis zum paternalistischen Wohlfahrtsstaat“. 13 Einend bei allen Lesarten ist die Tatsache, dass die Selbstbestimmung der Bürger im Vor-dergrund steht.
3. Zivilgesellschaft in Europa
Aufgrund der Tatsache, dass die „Kinderwiege“ der Zivilgesellschaft in Europa steht, entstand auch die Diskussion, ob mittlerweile eine europäische Zivilgesellschaft ent-standen sei. Möchte man in diesem Rahmen die Identität der Europäischen Union betrachten, ist es zu erkennen, dass die nationalen Interessenslage und die Sorge um die eigene, staatliche Souveränität im Vordergrund stehen. Belange auf europäischer Ebene
10 Quelle: Ebd. Klein, Leske+Buderich, 2001.
11 Quelle: Beyme, Klaus v.: Zivilgesellschaft - Karriere und Leistung eines Modebegriffs“, S. 41 - 55 in:
Hildermeier, Manfred / Kocka, Jürgen / Conrad, Christoph (Hrsg.): „Europäische Zivilgesellschaft in Ost
und West“, Campus, 2000 (Frankfurt a. Main).
12 Quelle: ebd. Beyme, Campus, 2000 S. 42.
13 Quelle: ebd. Beyme, Campus, 2000 S. 46.
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Arbeit zitieren:
Tim Conrads, 2008, Zivilgesellschaft in Europa, München, GRIN Verlag GmbH
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