Ranke starb 1886 in Berlin.
Das vorliegende Textdokument erschien also weit nach dem Tod des Historikers. Das bedeutet, daß es zwar sehr wohl von Ranke stammen konnte, es aber nicht nachvollziehbar ist, inwieweit es eventuell verändert bzw. ob das Vorwort vollständig und ausschließlich von Ranke geschrieben wurde. Im Rahmen der damaligen geschichtswissenschaftlichen Debatten ist dieses Buch sowie das Vorwort als historistisches Dokument also durchaus aktuell und plausibel. Es ist dies weniger als Zeitdokument Rankes, obwohl wahrscheinlich eine erheblicher Teil dieser Schriften von ihm persönlich angefertigt wurde. Die für die objektive Bewertung dieses Sachverhaltes notwendigen Informationen stehen für diese Textanalyse allerdings nicht zur Verfügung und können somit nicht in die Betrachtungen mit einbezogen werden.
Das von ihm bearbeitete Thema betrifft General Wallenstein, welcher zwischen 1625 und 1634 zweimal Oberbefehlshaber der kaiserlichen Streitkräfte im 30-Jährigen Krieg war. Er kämpfte auf Seiten des Kaisers und der Katholischen Liga gegen die protestantischen Mächte Deutschlands sowie gegen Dänemark und Schweden, fiel jedoch später in Ungnade und wurde von kaisertreuen Offizieren ermordet.
Wallenstein, eigentlich Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein, starb am 25. Februar 1634 in Eger (Böhmen).
Der 30-Jährige oder Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 war ein Konflikt um Hegemonie zwischen den Mächten Europas und zugleich ein Religionskrieg zwischen Katholiken und Protestanten.
Der Text gliedert sich inhaltlich in drei Hauptteile, wobei sich der erste Teil aus einer Einleitung in das Thema und einem hypothesierenden Teil zusammensetzt. Die Begründung einer Hypothese zu Beginn des Textes ist jedoch nicht einer formulierten Hypothese im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie gleich oder ähnlich, da die von Ranke gemachten Annahmen im Konstrukt seiner Vorstellungen, welche im Historismus begründet liegen und selbst hypothetischen Charakter haben, ihre Ursache haben. Insofern sind sie subjektivistisch und leiten keine wissenschaftliche Untersuchung oder Auseinandersetzung mit Wallenstein in diesem Dokument ein, sondern begründen die vorgenommene Argumentationskette Rankes in dieser Vorrede zur ersten Auflage unter dem Eindruck des Historismus. Insofern wird der Blick des Lesers bereits vor der eigentlichen Abhandlung in eine bestimmte Richtung beeinflußt. Nach der der entsprechenden Denkweise innewohnenden typischen
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Vorgehensweise im Rahmen der Vorstellungen historistischer Entwicklungen, wird zunächst eine Verortung des zu behandelnden Prozesses und des entsprechenden Subjektes in der Geschichte vorgenommen. Dies soll die Plausibilität des Vorgehens unterstreichen und die geschichtlichen Ereignisse in eine organisch begründbare Zwangsläufigkeit einordnen. Aus diesem Grund erfolgt zu Beginn des Textes ein Rückgriff auf Griechenland und vor allem auf Plutarch. Die Ausführungen Plutarchs zu Geschichte und Biographie dienen als theoretischer Unterbau der Ranke eigenen Ausführungen. Auf dieser Grundlage fußt seine im nächsten Abschnitt formulierte Theorie:
„Die Entschlüsse der Menschen gehen von den Möglichkeiten aus, welche die allgemeinen Zustände darbieten; bedeutende Erfolge werden nur unter Mitwirkung der homogenen Weltelemente erzielt; ein Jeder erscheint beinahe nur als eine Geburt seiner Zeit, als der Ausdruck einer auch außer ihm vorhandenen allgemeinen Tendenz; […]“. Diese Hypothese unterstreicht er mit einer teilweisen, und somit den Ausführungen vorweggenommenen, Beantwortung:
„Indem sie, wie man zu sagen liebt, ihre Zeit repräsentieren, greifen sie doch wieder durch eingeborenen inneren Antrieb bestimmend in dieselbe ein“.
Diese Art der Ausführung stellt im wesentlichen einen Kunstgriff dar, weil somit die Logik der Argumentation durch die Vorwegnahme des Hypothesenbeweises vor der eigentlichen inhaltlichen Auseinandersetzung herausgestellt wird. Im Zusammenhang mit dem vorangestellten Bezug auf das alte Griechenland ist dieser Gedankengang plausibel. Allerdings bezieht sich die Hypothese nicht ausschließlich auf Personen, sondern in gleichem Maße auf Prozesse, weshalb der Argumentation folgend nur eine teilweise Vorwegnahme des Beweises erfolgen konnte.
Die Einordnung der Persönlichkeit Wallensteins in einen größeren geschichtlichen Kontext wird im Hauptteil vorgenommen und führt die Argumentation zum einen selbst, und zum anderen die Einleitung zu dem nachfolgenden Buch, im letzten Abschnitt dieses Textes zu einem Ende. Der Hauptteil enthält wiederum eine kurze Einführung, worin explizit auf die Person Wallensteins bezug genommen wird, allerdings auch die Notwendigkeit der geschichtlichen Erforschung des 30-Jährigen Krieges, also die Notwendigkeit der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser Epoche und den entsprechenden Persönlichkeiten erbracht. Die Legitimation hierzu wird nachfolgend mit Verweis auf die Quellenlage unterstützt. Sie dient also zum einen der Darstellung wissenschaftlicher Relevanz
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durch das Vorhandensein von Archiven, zum anderen der Offenlegung von Widersprüchen innerhalb der Disziplin zur Thematik und der Hervorhebung schwierigsten Bedingungen der Sichtung entsprechend glaubwürdiger Ausführungen.
In diesem Hauptteil begründet Ranke zudem sein Vorgehen eine Biographie zu verfassen, welche “zugleich Geschichte ist“. Die Persönlichkeit Wallensteins wird am Ende des Hauptteils nochmals in den größeren geschichtlichen Prozeß eingeordnet, wie auch der Prozeß als von Wallensteins Wirken beeinflußt dargestellt wird. Die Ausführungen zur „Wirkung“ und zur „Rückwirkung“ schließen nicht nur die Argumentation ab, sie führen gleichzeitig in den letzten Teil, die kurze Beweisführung zur Beantwortung des weiter unbehandelten Teils der Hypothese, ein. Ranke schreibt:
“Die Mannigfaltigkeit der Geschichte beruht in dem Hereinziehen der biographischen Momente; aber auch die Biographie kann sich dann und wann zur Geschichte erweiten“. Persönlichkeit und Prozeß fallen zum Ende des Textes in dieser Argumentation perfekt zusammen, beeinflussen sich gegenseitig, hängen voneinander ab und bedingen sich folglich, wenn auch nicht beständig und nicht fortwährend bei jeder Person. Die Ausführungen Rankes machen die Argumentationskette für den Leser unfraglich, da sie zum einen logisch und kohärent ist sowie den in der Hypothese formulierte Anspruch einwandfrei und folgerichtig auflösen kann, zum anderen der Verweis auf die Eventualität mit „dann und wann“ eine Zwangsläufigkeit eben nicht bei jedem Menschen in dieser Art, der Art Wallensteins, ergeben muß. Diese Formulierung sichert die Argumentation vor eventueller Kritik ab und führt gleichzeitig in die folgenden Ausführungen des Werks über Wallenstein ein. Die sprachliche Ausgestaltung dieser Einleitung scheint sich auf einem hohen Niveau zu bewegen, wenngleich Vergleichsschriften aus jener Zeit und von Persönlichkeiten mit entsprechendem Rang und Bildung zur Analyse nicht herangezogen wurden. Festzuhalten bleibt allerdings, daß die verwendete Sprache wahrscheinlich nur von einem Teil von Menschen korrekt verstanden und in ihrer Weise decodiert werden kann. Sie und somit das Werk richten sich also an ein entsprechendes, begrenztes Publikum. Bildungsferne Schichten dürfte, trotz des Anspruches des Autors allen Interessierten - „Jedermann weiß“ - diese Informationen zukommen zu lassen bzw. jene für diese zu diskutieren, und trotz eines im Vergleich mit unserer heutigen Sprache anderen gesprochenen, geschrieben und akademischen Deutsches, sich ein Verständnis nur schwerlich einstellen, zumal die
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historischen Hintergründe eventuell nicht in ihrem ganzen Umfang für diese Personen erfaßbar war.
Einerseits ergibt sich also ein Adressatenkreis, welcher fähig ist diese Sprache zu verstehen und die Intention Rankes zu deuten in der Lage sein kann, andererseits soll die Wortwahl und der Satzbau, einer Einleitung bzw. einem Vorwort immanent, den Leser animieren weiter zu lesen und Interesse zu wecken. Andererseits wirkt der Text in seinem Aufbau auf den Leser langsam emporsteigend und so dann phasenweise eruptiv, um dieses Ziel zu erreichen. Als besonderes sprachliches Mittel benutzt Ranke also „treibende“ Formulierungen in Verbindung mit einer Interpunktion, welche die Sätze teilweise unvollständig abkürztjedenfalls wirken sie aus unserer Sicht und grammatikalischem Verständnis unvollständig! Diese, mitunter als Ellipse bezeichneten, Satzkonstruktionen treten in Rankes Text häufig aufteilweise sind sie insofern „grenzwertig“, als daß diese somit möglicherweise als Anakoluth einordbar sind. Deutlich wird dies vor alle durch: „daß er nicht Geschichte schreiben sondern Biographie“
Es gab bis ins letzte Jahrhundert allerdings auch eine Höflichkeitsform in der dritten Person für einzeln angesprochene Persönlichkeiten. Bei einem so Angesprochenen, entfielen bestimmte Satzelemente, weil sie sich in der Höflichkeitsform erübrigten ohne den Sinn tatsächlich zu entstellen. Dieser Umstand wäre in diesem konkreten Fall wahrscheinlich auch gegeben, so daß die o.g. analytische Einordnung aus heutigem Verständnis sinnvoll ist. Dies bedeutet andererseits aber auch, und läßt sich unter anderem am zuvor geschilderten Problem sehr gut darstellen, daß bei dieser gegebenen Unvollständigkeit aus Sicht einer Textanalyse im 21. Jahrhundert nicht exakt zwischen einer damaligen sprachlichen Normalität oder durch das Ziel Rankes begründeten Absicht klar differenziert werden kann. Insofern ist dieser Sachverhalt an dieser Stelle nicht eindeutig zu klären. Ein Hinweis darauf, daß es sich um eine übliche und in gewissen Kreisen auch gesprochene Umgangsprache handeln könnte, ist der zeitliche Hintergrund und die Verwendung eines Deutsch, welches in Orthographie, Satzbau und Zeichensetzung noch nicht standardisiert war. Es handelt sich also um eine Sprache, welche vor 1901 im Deutschen Raum gesprochen und geschrieben wurde. Worte wie: „Thätigkeit“ und „Werth“ lassen darauf schließen. Erst in diesem benannten Jahr wurde nämlich eine einheitliche Grammatik und Rechtschreibung durch Duden im gesamten deutschsprachigen Raum einheitlich geregelt. Diese Rechtschreibung hatte bis zum Ende des letzten Jahrtausends bestand und wurde danach durch unpraktikable Neuerungen abgelöst. Die geschraubten Wendungen, welche
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Christina Herzog, 2010, Textanalyse zur "Vorrede zur ersten Auflage" der "Geschichte Wallensteins" von Leopold von Ranke (1895), München, GRIN Verlag GmbH
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