1. EINLEITUNG 3
2. BEGRIFFSKLÄRUNGEN 5
2.1. ETHNIZITÄT UND KULTUR IM HINBLICK AUF DIE MUSLIME IN DEUTSCHLAND 5
2.2. MIGRATION 8
3. DIE SITUATION IN DEUTSCHLAND 9
3. 1. MIGRANTEN UND INTEGRATIONN 9
3. 2. MUSLIME IN DEUTSCHLAND 16
4. DER MOSCHEEBAU IN KÖLN-EHRENFELD 20
4. 1. DAS PROJEKT „DITIB ZENTRALMOSCHEE“ IN KÖLN-EHRENFELD 20
4. 2. DIE PARTEIEN 21
4. 3. DER DISKURS 23
5. FAZIT AUSBLICK 29
QUELLENVERZEICHNIS : 33
2
1. Einleitung
1989 rief die muslimische Glaubensgemeinschaft Ahmadiyya das sogenannte Hundert-Moscheen-Projekt aus. Ziel dieses Projekts ist es in Deutschland 100 Moscheen zu bauen - bis zum Jahr 1999. Das Vorhaben konnte in dem engen zeitlichen Rahmen nicht durchgesetzt werden, aber es deutet ein neues Selbstbewusstsein und den Willen der muslimischen Gemeinden in Deutschland an, in die Öffentlichkeit zu treten. In Deutschland stehen derzeit zwischen 110 und 159 repräsentative Moscheen mit Kuppeln und Minaretten, in Planung oder im Bau befinden sich 184. 1 „Die Integration ist gescheitert.“ 2 Mit diesem Resümee macht der Schriftsteller Ralph Giordano im Jahr 2007 auf sich aufmerksam. Der Satz fällt im Streit um den Bau der DITIB Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld, der am 28. August 2008 endgültig genehmigt wurde. In diesem Streit geht es um mehr als um den Bau eines Gebetshauses. Der Streit zeigt die polarisierte Meinung einer breiten Gesellschaft gegenüber der Integration von türkischen Muslimen und offenbart die Sprengkraft der Debatte um Integration und den Bau von islamischen Gotteshäusern. Es geht tatsächlich um das Bild des Fremden in Deutschland und um die Frage, wie die deutsche Kultur mit diesem umgehen soll. Giordano zeichnet ein Bild apokalyptischen Ausmaßes. Er spricht vom Koran als einer „Lektüre des Schreckens“, bezeichnet Muslima, die eine Burka tragen, als „menschliche Pinguine“ und schreibt in einem offenen Brief an den Dialogbeauftragten der türkisch-muslimischen Gemeinde:
„In der akuten Auseinandersetzung ist Aufrichtigkeit das Letzte, was ich von der Ditib erwarte. Ich halte sie für den verlängerten Arm des Religionsbehörde Dyanet in Ankara, eine staatlich türkische Organisation und ein Instrument türkischer Außenpolitik,
1
Reents, F., „Der Funke springt über“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.07.2007, Nr. 170, S. 34; sowie: Deutsche Islamkonferenz, Abdul-Ahmad, R., „Moscheen in Deutschland“, 08.12.08,
Abdul-Ahmad Raschid von der Deutschen Islamkonferenz benennt die Anzahl der „Moscheen mit äußerlich gut sichtbaren Kuppeln und in die Höhe ragenden Minaretten“ mit 110. Friederike Reents beruft sich bei ihrem Verweis auf 159 Moscheen auf das Zentralinstitut Islam-Archiv in Soest ohne auf bauliche Besonderheiten oder äußerliche Merkmale einzugehen.
2 Streit im Turm, „Neubau einer Zentralmoschee“, 16.05.2007,
3
ohne jede Transparenz der internen Beziehungen, ein Verband, der sich als Initiator für den Mega-Bau in Köln-Ehrenfeld einen verräterischen Schritt zu weit nach vor [sic] gewagt und damit unfreiwillig die wahre Absicht offenbart hat - mehr Macht, mehr Einfluss.“ 3
Hinter der Polemik verstecken sich Ängste und Vorurteile, die auch bei weiten Teilen der deutschen Bevölkerung vorhanden sind.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Analyse einiger Argumente, die in der öffentlichen Auseinandersetzung mit Migranten, mit Integration und mit dem Bau von Moscheen verwendet werden. Dieser letzte Punkt bildet ein weitläufiges Spektrum an interessanten Aspekten ab. Sowohl die Tatsache, dass die Muslime durch den Schritt in die Öffentlichkeit nun präsenter werden und der Gesellschaft mit neuem Selbstbewusstsein begegnen, als auch die wachsende Gegenwärtigkeit einer Religion, die in der aktuellen Wahrnehmung oft als unberechenbar, fremd und bedrohlich gilt, rücken ins Zentrum der allgemeinen Rezeption. Dieser Schritt birgt eine bemerkenswerte Komponente: Die vormals theoretische Auseinandersetzung mit Migration und Integration findet nun auf einer anderen, greifbareren Ebene statt. Wo vorher Toleranz gepredigt wurde, muss sie nun erbracht werden. Der Bau von Moscheen stellt eine Berufung auf das Grundgesetz dar und ist ein Schritt in die deutsche Gesellschaft unter Beibehaltung von Elementen einer „fremden“ Kultur, bzw. Religion. Dies führt in die Richtung einer pluralistischen, „multikulturellen“ Gemeinschaft, die aber auch bereit sein muss, die neuen Mitbewohner aufzunehmen. 4
Eine ganzheitliche Darstellung des Konflikts kann aufgrund der Komplexität des Stoffes nicht geleistet werden. Deshalb ist das Augenmerk auf einzelne Aspekte gerichtet, die in der öffentlichen Diskussion immer wieder auftauchen. Die Erörterung orientiert sich hierbei vor allem an den Aussagen Ralph Giordanos, der in seiner Argumentation ein weites Feld von Befürchtungen und Vorbehalten darlegt. Es wird versucht, ein Bild zu zeichnen, das Hintergründe mit einbezieht und die gängigsten Streitpunkte aus einer anderen Perspektive darstellt.
3 Giordano, R., „Der Brief im Wortlaut“, 16.08.2007, in: ksta.de, < http://www.ksta.de/html/artikel/1187242646812.shtml> (29.08.08).
4 Die „Multikulturelle Gesellschaft“ ist zudem ein Konzept, das kontrovers diskutiert wird.
4
Aus diesem Grund wird zuerst auf eine generelle Situation der muslimischen Bevölkerung in Deutschland eingegangen. Auf dieser Basis soll anhand eines exemplarischen Beispiels ein kleiner Einblick in die Debatten um den Bau von Moscheen in Deutschland gegeben werden. Dies geschieht im letzten Abschnitt, der vom Bau der DITIB-Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld handelt, welcher zu heftigen Debatten geführt hat und alle Facetten des gängigen Diskurses darstellt.
2. Begriffsklärungen
2.1. Ethnizität und Kultur im Hinblick auf die Muslime in Deutschland
Im Folgenden soll in der nötigen Knappheit ein kleiner Überblick über die Verwendung von Begrifflichkeiten gegeben werden. Gerade bei einer Debatte mit einer solchen Brisanz ist es wichtig, zentrale Begriffe präzise zu bestimmen, um den Schlag-wortcharakter von vornherein einzudämmen. Dieser Abschnitt soll dennoch nur als kurzer Überblick dienen und beansprucht keinesfalls eine detaillierte Erörterung der Begriffe, die an anderer Stelle ausgiebig geführt wird. 5 Ein Grund für dieses Vorgehen ist die Tatsache, dass „die Muslime“ in Deutschland keine einheitliche Gruppe darstellen, sondern aus einer Vielzahl von unterschiedlichen Untergruppen bestehen. Allein in Herkunft und Glaubensausrichtung gibt es große Unterschiede. Ebenso bilden individuellere Eigenschaften wie der Umgang mit Religion im Allgemeinen, der Bildungsgrad und die politische Gesinnung einen zentralen Punkt, der es schwierig macht, von Muslimen als homogene Gruppe zu sprechen. Ohne einen gewissen Grad an Homogenisierung ist es aber nahezu unmöglich, über das vorliegende Thema zu sprechen. Unter dem Aspekt der Ethnizität kann dies unter Vorbehalten auch erfolgen. Ethniziät ist an sich keine naturgegebene Größe, sondern eine Konstruktion, die nach Köstlin „wichtige Funktionen“ erfüllt und „erhebliche Wirkungen“ entfaltet. 6 Eine dieser Funktionen liegt klar in der Möglichkeit der Betrachtung größerer Gruppen hinsichtlich bestimmter Merkmale und Gemein-
5 Vgl.u.A.: Bausinger, H., „Ethnizität - Placebo mit Nebenwirkungen“, in: Köstlin, K., Nikitsch, H., (Hrsg.), Ethnographisches Wissen - zu einer Kulturtechnik der Moderne, Wien 1999, S. 31-41; Heckmann, F., Ethnische Minderheiten, Volk und Nation - Soziologie inter-ethnischer Beziehungen, Stuttgart 1999.
6 Bausinger, „Ethnizität “, S. 38.
5
samkeiten, nach Geertz etwa Herkunft und Sprache, regionale Bezüge, Religion und Lebensweise. 7 Auch nach Heckmann bietet sich für eine solche Betrachtung der Begriff Ethnizität an. 8 Die oben genannten erheblichen Wirkungen zeigen sich deutlich in der später dargestellten Diskussion in der Öffentlichkeit. 9 Nach Barth ist ein weiteres Prinzip von essentieller Bedeutung für den Begriff. Nicht Gemeinsamkeiten seien das eigentlich Ausschlaggebende, sondern die „Grenzziehung und Aufrechterhaltung der Grenze“. 10 Gerade diese Grenze ist es oft, die in einer öffentlichen Diskussion Aufsehen und Missgunst erregt. 11 Nach Heckmann bilden „Gruppen von Menschen, die Gemeinsamkeiten von Kultur besitzen, geschichtliche und aktuelle Erfahrungen miteinander teilen (...) [und] Vorstellungen über eine gemeinsame Herkunft haben“ ein „bestimmtes Identitäts- und Solidarbewußtsein“ aus. 12 Folgt man diesem Grundverständnis von Ethnizität, kann man die muslimische Bevölkerung in Deutschland durchaus als eigene Ethnie betrachten. Hermann Bausinger spricht von Ethnizität als „Möglichkeit der Reduktion“ und als „moderne Größe“. 13 Gerade durch die Uneinheitlichkeit einer bestimmten Gruppe mache es Sinn, von Ethnizität zu sprechen; die „kompensative Setzung“ von Ethnizität macht Aussagen von und über größere Gruppen überhaupt möglich. 14
Ebenso wie die Muslime eine heterogene Gruppe darstellen, bildet auch der Islam mit seinen zahlreichen Ausprägungen keine einheitliche Größe und wird von unter-
7 Ebd.S. 37.
8 Heckmann, Ethnische Minderheiten, S. 30f.
9 „Ethnizität“ birgt wie der Begriff „Kultur“ das Potential des Missbrauchs für ideologische Argumentationen und darf daher nicht unbedacht angewandt werden.
10 Ebd. S. 37: „Der wichtigste Punkt der Analyse ist aus unserer Sicht die ethnische Grenze, die die Gruppe definiert, nicht der kulturelle Stoff, der die Gruppe kennzeichnet“ (zit. nach Barth 1969).
11 Inwieweit der Bau von Moscheen ein Schritt in Richtung Öffnung und Ausweitung dieser Grenze ist, soll an späterer Stelle diskutiert werden.
12 Heckmann, Ethnische Minderheiten, S. 30.
13 Bausinger, „Ethnizität“, S. 38.
14 Ebd.
6
schiedlichen Menschen unterschiedlich gelebt. 15 Diese Tatsache wird im öffentlichen Diskurs aber oft zu Gunsten einer vereinfachenden Sichtweise vernachlässigt. 16 In der vorliegenden Arbeit werden die verwendeten Begriffe („Islam“, „Muslime“, …) hinsichtlich der oben genannten Bestimmungen und unter dem Aspekt der kompensativen Setzung gebraucht, um Aussagen überhaupt möglich zu machen. Zu beachten ist, dass vorwiegend türkische Muslime Gegenstand dieser Arbeit sind, auch wenn die Mitglieder der muslimischen Gemeinden aus einer Vielzahl von anderen Ländern kommen.
Der Hauptunterschied zwischen Ethnizität und Kultur besteht darin, dass sich Ethnizität auf menschliche Gemeinschaften bezieht, Kultur hingegen auf die verschiedenen Lebensweisen von Menschen ausgerichtet ist. Geertz versteht unter Kultur unter anderem ein „System, mit dessen Hilfe die Menschen ihr Wissen vom Leben und ihre Einstellungen zum Leben mitteilen, erhalten und weiterentwickeln.“ 17 Augenmerk sei hier auf den Begriff weiterentwickeln gelegt. Kultur ist kein starres System, sondern flexibel und veränderbar. Dieser Aspekt wird in der alltäglichen Verwendung des Begriffs Kultur häufig übergangen. Ein fester, starrer Kulturbegriff kann missbraucht werden, um ideologische Argumente zu unterstreichen. Kultur ist aber kein unveränderliches Merkmal des Menschen. Werden gesellschaftliche oder politische Phänomene kulturell begründet und gerechtfertigt, ergibt sich das Problem der Kulturalisierung. 18 Im öffentlichen Diskurs, der an späterer Stelle noch exemplarisch erörtert wird, ist diese Vorgehensweise durchaus üblich, was negative Auswirkungen auf die inhaltliche Dimension nach sich zieht.
15 Vgl. Bihl, W., „Der christlich-islamische Dialog“, in: Brezovszky, Multikulturalität, S. 171-182, hier S: 171: „Der Islam ist in den sunnitischen Bereich (mit vier Rechtsschulen), den schiitischen (mit vielen Untergruppen und Sonderformen) und den charidschitischen Bereich geteilt.“; vgl. ferner: Reichmuth, S., „Sunniten“, in: Elger, R., (Hrsg.), Kleines Islam-Lexikon - Geschichte, Alltag, Kultur, Bonn 2006, S. 304: „Zum sunnit. Islam gehören heute über 85% der Muslime in der Welt.“; der größte Teil der in Deutschland lebenden Türken gehören ebenso der sunnitischen Richtung des Islam an.
16 Vgl. hierzu die in dieser Arbeit folgende Darlegung der Debatte über den Bau der Moschee in Köln-Ehrenfeld.
17 Geertz, C., Dichte Beschreibung - Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, Frankfurt/ Main 1983, S. 46.
18 Haller, D., Dtv-Atlas Ethnologie, München 2005, S. 17.
7
Kultur - als einflussreicher Marker für Ethnizität - prägt den Alltag und das tägliche Leben. Sie kann integrierend und desintegrierend wirken, was gerade im Vergleich zwischen westlicher, europäischer Gesellschaft und den muslimischen Zuwanderern deutlich wird. Aus dieser Perspektive gesehen ist es sinnvoll, einzelne kulturelle Elemente näher zu betrachten, um ein schärferes und differenziertes Bild zu erhalten. Gerade bei der Untersuchung von Muslimen in Deutschland, deren Lebensweise in der Öffentlichkeit oft auf religiöse Aspekte ihrer Kultur reduziert wird, ist es notwendig, diesen Gesichtspunkt nicht zu vernachlässigen. Eine wirklich detaillierte Darstellung einer heterogenen Alltagskultur von Muslimen in Deutschland kann im Rahmen dieser Arbeit leider nicht geleistet werden, kurze Einblicke müssen hier genügen.
2.2. Migration
Als Ergänzung sei noch der Begriff Migration angesprochen. Dieser Begriff, der oft verwendet wird, verweist „über die bloße Ortsveränderung hinaus [auf] den Wechsel der Gruppenzugehörigkeit“. 19 Ein Hauptkriterium dieses Begriffs ist demnach Mobilität. 20 Da aber viele der ausländischen Mitbürger, die in der Alltagssprache als Migranten bezeichnet werden, weder einen Ortswechsel planen oder jemals einen solchen erlebt haben, kann von ihnen genau genommen auch nicht als Migranten gesprochen werden. Hier setzt der Begriff Migrationshintergrund ein, der terminologisch präziser, aber ebenfalls nur schwer zu greifen ist. Er deutet an, dass sich der Begriff „nicht nur auf die Betrachtung der Zuwanderer - d.h. die eigentlichen Migranten - beziehen soll, sondern auch bestimmte ihrer in Deutschland geborenen Nachkommen einschließen muss.“ 21 Hier fällt der Terminus bestimmte ins Auge, der auf eine mögliche Unschärfe hinweist. Das Bundesamt für Statistik liefert weiter folgende Definition:
„Zu den Menschen mit Migrationshintergrund zählen alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland
19 Haller, Dtv-Atlas, S. 133.
20
vgl.: Bundeszentrale für politische Bildung, „Lexikon - Migration“,
21 Bundesamt für Statistik, „Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Bevölkerung mit Migrationshintergrund - Ergebnisse des Mikrozensus 2007“, Wiesbaden 2009, S. 5.
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B.A. Christoph Mayr, 2009, Diskussion um den Bau von Moscheen in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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