Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Das städtische Wohnen - Genese von Leitbildern 4
2.1. Die Entwicklung von Wohnungs- und Städtebau bis 1933 4
2.1.1. Vorindustrielle Städte und das Industriezeitalter 4
2.1.2. Die Jahrhundertwende 9
2.1.3. Zwischen den Weltkriegen 12
2.2. Wohnungsnot im Dritten Reich 15
2.2.1. 1933-1939 16
2.2.2. 1939-1945 20
2.3. Wieder- und Neuaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg 22
2.3.1. 1945: Zerstörte Städte 22
2.3.2. Baugesetzgebung 24
2.3.3. Bevölkerungszunahme und Flüchtlinge 26
2.3.4. Besatzungsmächte 28
2.3.5. Städtebauliche Leitbilder der 50er Jahre 32
2.3.6. Städtebauliche Leitbilder der 60er Jahre 34
2.3.7. Städtebauliche Leitbilder der 70er bis 90er Jahre 36
3. Langwasser: Trabantenstadt zur Bekämpfung der Wohnungsnot
39
in Nürnberg
3.1. Der Blick auf die Altstadt 39
3.1.1. Nürnberg vor dem Zweiten Weltkrieg 39
3.1.2. Zerstörtes Nürnberg 40
3.2. Der Blick auf die Peripherie: Langwasser 46
3.2.1. Die Vorgeschichte des Areals 46
3.2.2. Langwasser im Nationalsozialismus 51
3.2.3. Zustand des Langwasser-Areals nach 1945 57
Inhaltsverzeichnis
3.2.4. Städtebaulicher Ideenwettbewerb für Langwasser 67
3.2.5. Vertragsabschlüsse und politische Entscheidungen 77
3.2.6. Aufbauplanungen 86
3.2.7. Demonstrativmittel 90
3.2.8. Bauabschnitte in Nürnberg-Langwasser 94
3.2.9. Die Funktion Langwassers 101
4. Wie typisch ist Nürnberg-Langwasser? 106
111
Abbildungsverzeichnis
121
A. Literaturverzeichnis
A.1. Literatur 121
A.2. Online-Literatur 125
126
A.3. Quellen
A.4. Quellen aus dem Stadtarchiv Nürnberg 126
A 5 Bildnachweis 131
1. Einleitung
Am 2. Januar 1945 wurden 10.000 Einwohner Nürnbergs von einer Nacht auf die nächste zu Obdachlosen. Englische Flugzeuge hatten die deutscheste Stadt, die Stadt der Reichsparteitage seit drei Jahren bombardiert. Am 15. April sprengte die Wehrmacht auf der Flucht vor den amerikanischen Truppen die Nürnberger Brücken, sodass die Stadt von der Auÿenwelt völlig abgeschnit ten wurde. Einen Tag später stand Nürnberg unter Artilleriebeschuss und am Abend des 16. Aprils 1945 waren 90% der Stadt zerstört. Von ehemals 134.000 Wohnungen waren lediglich 14.500 unbeschädigt geblieben. So ähnlich wenn auch oft nicht so verheerend wie in Nürnberg sah es in vielen deutschen Groÿstädten aus. Auch wenn durch die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg eine enorme Wohnungsnot entstanden war, so hatte dieser Mangel an Wohnraum gleichwohl auch eine eigene Vorgeschichte, die den Wie deraufbau und Städtebau nach dem Zweiten Weltkrieg enorm beeinusste. Be sonders die Leitbilder und Ideale, die entstanden waren, um die Wohnsitua tion der Menschen zu verbessern, fanden jetzt Eingang in die Planungen der Verantwortlichen auf dem gesamten westdeutschen Gebiet. Gegenstand der Arbeit ist daher die Frage, warum Gesetzgeber, Stadtpla ner und Architekten auf suburbane Gebiete auswichen, um dort Lebensräume und Wohnungen zu schaen. Nachvollzogen werden die Antworten auf diese Frage am Beispiel Langwassers, einer Trabantenstadt im Süden Nürnbergs, die eigentlich schon vor dem Zweiten Weltkrieg hätte entstehen sollen und deren Planung bereits kurz nach der Gründung der Bundesrepublik wieder aufgenom men wurde. Die Trabantenstadt Langwasser wurde als Exempel ausgewählt im Hinblick auf die Besonderheit des Bebauungs-Gebiets: es war das ehemalige Reichsparteitagsgelände. Ferner angesichts der Eigenheiten Nürnbergs 1945 war Nürnberg nach Dresden die am schwersten zerstörte Stadt Deutschlands.
1
Inwiefern Nürnberg-Langwasser hierbei aus der Reihe der in der Nachkriegs zeit gebauten Trabantenstädte wegen dieser Besonderheiten hervorsteicht, soll zusätzlich geklärt werden. Dabei bezieht sich die Arbeit auf Quellenmaterial der 1 , das im Stadtarchiv
Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Nürnberg mbH Nürnberg gesichtet werden kann.
Die Gliederung der Arbeit stellt sich wie folgt dar. Einführend erfolgt zu nächst ein historischer Überblick auf das städtische Wohnen und die Wohnungs not. Die städtebaulichen Leitbilder der Vorkriegs- und Zwischenkriegszeit wer den vorgestellt als Archetypen für die Idealbilder der direkten Nachkriegszeit. Zusammenhänge werden geklärt und die westdeutsche Situation der Groÿstäd te abgebildet. Der zweite Teil der Arbeit widmet sich zunächst der Frage, wie der Wiederaufbau innerhalb der alten Bebauungsgebiete Nürnbergs verlief, um dann schlieÿlich den Blick auf die Geschichte Langwassers und die Besonderhei ten der Trabantenstadt zu lenken. Zunächst wird auf die Vorgeschichte des Ge biets eingegangen und auf die charakteristischen Eigenschaften, die durch diese entstanden sind, um anschlieÿend die Entstehung und Bebauung des Stadtteils nachzuvollziehen. In einem letzten Schritt wird Nürnberg-Langwasser mit an deren westdeutschen, suburbanen Wohnstädten verglichen, wobei sowohl Ge meinsamkeiten, als auch Unterschiede nachvollzogen werden. Forschung Da Nürnberg-Langwasser zum Teil mit Demonstrativmitteln un
terstützt wurde, entstanden schon während der Bebauung Essays über die Ent 2
wicklung der Trabantenstadt, waren diese doch Teil der Demonstrativauagen. Picht waren auÿerdem ein Schlussbericht in Form einer Zusammenfassung der Erfahrungsberichte über die Gesamtbaumaÿnahme sowie Foto- und Filmmate rial über den Verlauf des Ausbaus. So oss eine groÿe Menge an Bildmaterial in die Veröentlichungen über Langwasser mit ein. Grundlegende Informatio nen zur Geschichte Langwassers liefert die Monographie des Vereins Geschich te für Alle e.V. 3 , die 2007 neu aufgelegt wurde und daher die Geschichte des
1 In Zukunft WBG genannt, vgl. hierzu näher Abschnitt 3.2.5 auf Seite 77. 2 Vgl. Abschnitt 3.2.7 auf Seite 90.
3 Geschichte für Alle e.V. (Hg.): Nürnberg-Langwasser. Geschichte eines Stadtteils, Nürn berg 2007.
2
Stadtteils bis zum aktuellen Zustand Langwassers nachvollzieht. In einen Zu sammenhang mit der gesamten westdeutschen Geschichte wird Langwasser in dieser Monographie jedoch kaum gestellt. Die restliche Forschung über Lang wasser bearbeitet ähnliche Themen wie die Veröentlichungen von Geschichte für alle e.V.. Sie geht bei einigen Angelegenheiten mehr ins Detail oder aber
bleibt allgemeiner, kommt jedoch grundsätzlich zu ähnlichen Betrachtungen wie die oben genannte Monographie.
Während die Zerstörung und der Wiederaufbau Nürnbergs oft in städtebau lich-historischer Literatur der Nachkriegszeit behandelt wurde, 4 schenkte die Forschung der Städtebaugeschichte der Vorstadt Nürnberg-Langwasser bisher nur wenig Aufmerksamkeit. Lediglich in Literatur über die Entwicklung Nürn bergs nimmt sie einen wichtigen Platz ein. In historischen Überblickswerken über den deutschen Städtebau wird Langwasser vielleicht wegen seiner Be sonderheiten nur sehr selten als typisches Beispiel für eine Trabantenstadt der Nachkriegszeit aufgeführt. Eine Ausnahme stellt hier Dietmar Reinborns Städ tebau im 19. und 20. Jahrhundert 5 dar, in dem er Nürnberg-Langwasser neben der Gropius-Stadt in Berlin und der Neuen Stadt Wulfen als Städtebau-Muse um bezeichnet, an dem man den Wandel der städtebaulichen Leitbilder der
Nachkriegszeit nachvollziehen könne. 6 Reinborns These wird in dieser Arbeit näher untersucht und die Gründe für die Besonderheit Langwassers werden beleuchtet.
4 Vgl. beispielsweise Beyme, Klaus von: Der Wiederaufbau. Architektur und Städtebaupoli tik in beiden deutschen Staaten, München 1987. In diesem Werk wird der Wiederaufbau Nürnbergs des Öfteren erwähnt.
5 Reinborn, Dietmar: Städtebau im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart [u.a.] 1996.
6 Vgl. Ebd. S. 269 277.
3
2. Das städtische Wohnen - Genese
von Leitbildern
Im ersten Teil dieser Arbeit sollen die Ausgangspunkte vorgestellt werden, die
für die Entwicklung des Städtebaus nach 1945 verantwortlich waren. Darüber hinaus wird der Blick auf die westdeutsche Nachkriegsgeschichte des Städte baus geworfen. Die städtebaulichen Leitbilder und deren Verwirklichungen sind wesentlich, um einen Zusammenhang zwischen dem Wohntrabanten Nürnber g-Langwasser und anderen Satellitenstädten diagnostizieren zu können.
2.1. Die Entwicklung von Wohnungs- und Städtebau bis 1933
2.1.1. Vorindustrielle Städte und das Industriezeitalter
Der Ursprung und die frühe Entwicklung von Städten liegen in einem histori schen Zwielicht. Allerdings besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass die Ent stehung von Städten mehrere Quellen hat. Zum einen den Markt als Stätte des Austausches von zunächst landwirtschaftlichen Gütern der Produzenten selbst. Hinzu kamen bald Handwerker und Händler, wodurch in der Entstehung der Stadt auch die ersten Ansätze einer arbeitsteiligen Gesellschaft liegen. Ein wei terer Ausgangspunkt der Stadt waren die Zwingburg und das Heiligtum also 7
der Sitz der religiösen oder weltlichen Macht.
7 Vgl. Albers, Gerd: Stadtplanung. Eine praxisorientierte Einführung, Darmstadt 1992, S. 20f.
4
Aus dem 12. Jahrhundert gibt es erstmals schriftliche Überlieferungen über Wohn- und Wehrbauten. 8 Das Eigentum an Grund und Boden beschränkte sich gröÿtenteils auf die Flächen innerhalb der Stadt und war somit der Land schaft gegenüber verschlossen. 9 Dieser Besitz lag bei der Oberschicht oder den Kirchen. Der überwiegende Anteil der Unterschicht lebte in Hütten, Verschlä gen, Kellerwohnungen, als Untermieter oder war obdachlos. 10 Die Freien Städ te des europäischen Mittelalters waren es, die durch Überlieferung oder unmit telbares Fortwirken maÿgeblich dazu beitrugen, was in der Neuzeit die Stadt als Lebensform prägte. Mit dem Wachstum der Städte, den gesellschaftlichen Veränderungen und der Entwicklung der Bautechnik veränderte sich auch ihre Gestalt. Besonders auällig ist hierbei der Einuss der Kriegstechnik, der ei ne Entwicklung von der einfachen Stadtmauer bis hin zur weiträumigen Erdbe festigung des Barocks bewirkte und auch darüber hinaus das Stadtbild beein usste. 11 Im 18. Jahrhundert el die Bedeutung der Freien Städte hinter die der Flächenstaaten zurück und das 19. Jahrhundert schate auch in anderer Hinsicht ganz neue Voraussetzungen. 12
Die erste Hälfte des Jahrhunderts war geprägt durch Fortschritte in der Land wirtschaft und hygienische Verbesserungen, die ein erstes Bevölkerungswachs tum ermöglichten und dieses kam im Wesentlichen den Städten zugute. Dar über hinaus schuf die beginnende Industrialisierung Arbeitsmöglichkeiten, die der ländliche Raum nicht mehr bieten konnte. Infolgedessen änderte sich die Siedlungsstruktur. Zuvor war die Stadt eine Ausnahmeerscheinung gewesen und wurde jetzt zum Normalstandort der Industriegesellschaft. Sie wandelte sich zeitgleich von der Bürger- zur Arbeiterstadt. Die Trennung von Wohn- und Ar beitsstätte wurde zur Regel. Über die aufgelassenen Befestigungsanlagen die
8 Vgl. Fuhrmann, Bernd / Meteling, Wencke / Rajkay, Barbara / Weipert, Matthias: Ge schichte des Wohnens vom Mittelalter bis heute, Darmstadt 2008, S. 9. 9 Vgl. Hillebrecht, Rudolf: Neue Aufgaben des Städtebaus, in: Bockelmann, Werner / Hil lebrecht, Rudolf / Lehr, Albert Maria (Hgg.): Die Stadt zwischen Gestern und Morgen, Basel 1961, S. 119 134, hier: S. 119. 10 Vgl. Fuhrmann, S. 33.
11 Vgl. Albers: Praxisorientierte Einführung, S. 21f. 12 Vgl. Ebd. S. 22.
5
se waren durch die Kriegstechnik überholt und unnötig geworden weitete sich
die Stadt in die Landschaft aus. 13
In Deutschland wird der Beginn des modernen Städtebaus in der Mitte des
19. Jahrhunderts angesiedelt. Einprägsam als Zäsur ist das Jahr 1848 mit der Märzrevolution, der Nationalversammlung und dem kommunistischen Manifest. Jede genaue Datenangabe kann jedoch nur eine Annäherung sein, denn begrün det ist der Übergang auf einer Vielzahl einzelner Entwicklungslinien, die gebün delt auf die Städte der angehenden Industrialisierung wirkten. In Deutschland setzte nach der Jahrhundertmitte das sprunghafte Wachstum der Städte ein,
das die demographische Entwicklung der Verstädterung kennzeichnet. 14 Gebur tenüberschüsse und Wanderungsgewinne 15 machten eine Expansion ins Umland nötig. Die Städte uferten konturenlos aus 16 und verdichteten sich gleichzeitig im Inneren. 17
Der Wohnungsbestand wuchs aber nicht so rapide wie sich die Bevölkerung in
den Städten vermehrte. 18 Somit verlagerte sich das ehemals herrschende Elend auf dem Land in die überfüllten Städte. 19 Wegen des Glaubens an eine Ord nung durch das freie Spiel der Kräfte wurde nur dort eingegrien, wo die Be
bauung der Stadt in aller Deutlichkeit hinter dem Ausführbaren und dem Er strebenswerten zurückblieb. Auf den Gebieten der Hygiene, der Feuersicherheit und der Wasserversorgung. Folglich hatte der Städtebau in seinen Kindertagen vorrangig mit Ingenieursproblematiken zu tun, wodurch die Stadtentwicklung
maÿgeblich geprägt wurde. 20
Reformer forderten Mindestnormen für Neubauten: Licht, Luft, Wärme, Was ser sollten auch für die kleinen Leute zugänglich sein. Erste Triebkräfte der
Bewegung waren Hygieniker und Mediziner. 21 Polizeiliche Wohnungsinspektio
13 Vgl. Ebd. S. 22.
14 Vgl. Ebd. S. 29.
15 Vgl. Ebd. S. 29.
16 Vgl. Hillebrecht, S. 120.
17 Vgl. Fuhrmann, S. 102f.
18 Vgl. Hackelsberger, Christoph: Hundert Jahre deutsche Wohnmisere - und kein Ende?, Braunschweig 1990, S. 2224.
19 Vgl. Fuhrmann, S. 102f.
20 Vgl. Albers: Praxisorientierte Einführung, S. 29.
21 Vgl. Fuhrmann, S. 122f.
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nen sollten sicherstellen, dass Massenquartiere dem Mindeststandard entspre chend waren. 22 Durch die Baupolizeigesetzgebung sowie bautechnische und woh nungshygienische Vorschriften wurden Neubauten normiert und das zuvor prak tizierte Laissez-faire eingedämmt. 23 Ferner sorgten das Bürgertum und die städ tische Verwaltungsebene für Beleuchtung der Straÿen und Kanalisationssyste me, ieÿendes Wasser, Elektrizität und Ausgüsse in den Wohnungen. Für die Arbeiterschicht waren Wohnungen in Neubauten jedoch unbezahlbar. 24 Um die Mitte des 19. Jahrhunderts vollzogen sich darüber hinaus in vielen europäischen Groÿstädten umfassende Veränderungen. Als Beispiele seien hier Wien und die Planung der Ringstraÿe, die Haussmann'sche Verbesserung der Verkehrsführung in Paris und der Hobrecht-Plan für Berlin genannt. 25 Das Hauptelement bei Planungen dieser und anderer früher Stadtplaner war der Baublock, der ringsherum von Straÿen umgeben war, die beiderseits von mehrgeschossigen Häusern mit mehr oder minder reichem Schmuck aus den Stilelementen früherer Zeiten 26 gesäumt waren. Die Lösung für das Wohnungs problem sollte die Mietskaserne sein. 27
Aus dem Bereich des Wohnungswesens erhob sich an erster Stelle Kritik an dieser Stadt- und Wohnungsplanung. So prangerte Victor Aimé Huber die Woh nungsnoth der kleinen Leute in grossen Städten 28 an. Ein weiterer Zeitgenosse übte Kritik an der
Ausnutzung jedes nur irgendwie zur Beherbergung eines Menschen geeigneten Raum es. Keine Statistik kann die grotesken Dinge erfassen, die dabei geschehen, keine Phan tasie sich die merkwürdigen Einzelfälle ausmalen, die in wachsenden Städten zu n den sind. Glücklicherweise brauche ich nicht zu Enquêten über diesen Punkt aufzufor
22 Vgl. Ebd. S. 125.
23 Vgl. Ebd. S. 127.
24 Vgl. Ebd. S. 105f.
25 Vgl. Albers: Praxisorientierte Einführung S. 31.
26 Diesen Schmuck trugen die Häuser allerdings nur auf der Schauseite, also auf der Seite,
die zur Straÿe hin gewandt war. Die meisten der Häuser waren Mietskasernen mit Rückge
bäuden und Hinterhöfen, die nichts mehr von der anspruchsvollen Fassade erahnen lieÿen,
vgl. Ebd. S. 29f.
27 Verglichen wurden die neu entstehenden Bauten mit den militärischen Massenquartieren
des Barock daher ihr Name. Das bürgerliche Urteil über diese Massenwohnbauten: sie würden gesundheitliche Schäden, soziale Unzufriedenheit und moralische Verkommenheit
fördern oder sogar hervorrufen, vgl. Hackelsberger S. 22 24.
28 Huber, Victor Aimé: Die Wohnungsnoth der kleinen Leute in grossen Städten, Leipzig 1857.
7
dern; Mitglieder wohlhabender Familien brauchen sich nur darnach umzusehen, wie ihre Dienstmädchen und die befreundeter Familien untergebracht sind, um die ganze Kasuistik einer von weiser Sparsamkeit geleiteten Raumausnützung zu erfassen, mit dem Unterschiede, daÿ in den Armeleut-Häusern der Wirt solche Gelasse, Verschläge und Winkel als Zimmer vermietet. Die erscheinen dann in der Statistik als Wohnungen mit nur einem heizbaren Zimmer, und nicht selten als von sechs oder mehr Bewohnern occupirt. 29
Maÿgebliche Impulse für eine Veränderung des Städtebaus kamen aus diesen Bemühungen um die Reform des Wohnungswesens. Das trit noch mehr auf England zu, wo der Public Health Act von 1848 mit seinen wohnhygienischen Vorschriften als erster Anstoÿ zum neuzeitlichen Städtebau gilt. Parallel ent wickelten sich erste Ansätze einer städtebaulichen Fachliteratur. 30 Als Zeichen einer Abkehr von gängigen Städtebauprinzipien gilt auch die Kritik der Grän Dohna, die unter dem Pseudonym Arminius über die Groÿstädte in ihrer Woh nungsnot und die Grundlagen einer durchgreifenden Abhilfe 31 schrieb. Im glei chen Jahr 1874 tagte der Verband Deutscher Architekten- und Ingenieurs vereinigungen erstmalig und setzte sich mit den Problemen der Stadterweite rungen auseinander. Die abschlieÿende Resolution verfasste Reinhard Baumeis ter. 32
Baumeister gilt bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges als einer der maÿgebli chen Figuren des deutschen Städtebaus. 1876 veröentlichte er das erste Kom pendium über den Städtebau 33 , wobei er seinen Schwerpunkt auf die techni schen und baurechtlichen Gebiete legte, soziale Aspekte lediglich streifte und gestalterische Fragen gar nicht behandelte. Camillo Sitte 34 dagegen behandel
29 Kurella, Hans: Wohnung und Häuslichkeit, in: Neue Deutsche Rundschau 10 (1899), S. 814 822, hier: S. 816.
30 Vgl. Albers: Praxisorientierte Einführung S. 30.
31 Arminius: Die Groÿstädte in ihrer Wohnungsnot und die Grundlagen einer durchgreifenden Abhilfe, Leipzig 1874.
32 Vgl. Albers: Praxisorientierte Einführung S. 31.
33 Baumeister, Reinhard: Stadterweiterungen in technischer, baupolizeilicher und wirtschaft licher Beziehung, Berlin 1876.
34 Camillo Sitte lebte von 1843 bis 1903 und gilt als Wegbereiter der neuzeitlichen Stadtbau kunst. Er erweckte das Interesse am Gesamtbild alter Städte und verband sie in Theorie und Praxis mit der modernen Stadt. Er schlug eine Rückkehr zu den Methoden mittelalter lichen Städtebaus vor. Sitte sah in dem organischen Wachstum der mittelalterlichen Stadt einen Weg zur Humanisierung der modernen Stadt. Er versuchte die Monotonie und die künstlerische Leblosigkeit der typischen Stadt des späten 19. Jahrhundert zu überwinden, vgl. http://www.camillo-sitte-lehranstalt.at/02_allgemein/02_camillo.htm (17.04.2009).
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te in seinem 1889 veröentlichten Werk den Städtebau nach seinen künstleri schen Grundsätzen 35 und wies damit auf die Lücke in Baumeisters Beitrag hin.
Nach dieser Veröentlichung ist eine allgemeine Hinwendung zu Gestaltungs fragen im Städtebau zu beobachten. 36
2.1.2. Die Jahrhundertwende
In den 1890ern gewann eine umfassendere Betrachtung des Städtebaus an Bo den. München und Wien schrieben beispielsweise Wettbewerbe aus für die Er langung von Gesamtplänen für Stadteweiterungen. Bei diesen Ausschreibun gen wurde auch auf notwendige Änderungen im bebauten Stadtgebiet hinge wiesen. 37 Hermann Josef Stübben 38 fasste Teilaspekte des Städtebaus in einem enzyklopäischen Werk 39 zusammen. Und mit Theodor Fritsch 40 sowie Ebene zer Howard 41 traten Autoren auf, die erstmals Vorschläge für zukünftige Stadt entwicklungen machten. Sie arbeiteten Anregungen für die Nutzungsstruktur, Grundsätze zur Steuerung des Wachstums und Ideen über die Grundbesitzver hältnisse in Städten aus. 42
35 Sitte, Camillo: Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen, Wien 1889.
36 Vgl. Albers: Praxisorientierte Einführung, S. 32.
37 Vgl. Albers: Praxisorientierte Einführung, S. 32f.
38 Stübben lebte von 1845 bis 1936, war 1871 bis 1876 Regierungsbaumeister beim Eisenbahn bau in Elberfeld und Holzminden, 1876 bis 1881 Stadtbaumeister in Aachen, 1881 bis 1898 Stadtbaumeister, dann Stadtbaurat und Beigeordneter in Köln, 1892 bis 1898 Vorsitzender der Kommission der Stadterweiterung Posen. 1898 bis 1901 saÿ er im Vorstand der Elektri zitätsgesellschaft Helios, vgl. http://www.woydt.be/genealogie/g18/g184/1845sthe01.htm (17.04.1009).
39 Stübben, Hermann Josef: Der Städtebau, Braunschweig 1890.
40 Fritsch, Theodor: Die Stadt der Zukunft, Leipzig 1896.
41 Ebenezer Howard lebte von 1850 bis 1928. Er begann in London als Büroangestellter, bildete sich zu einem begehrten Stenotypisten aus und übte fast bis zu seinem Lebensende diesen Beruf aus. Während eines Aufenthalts in Amerika (1872-77), begann er über ein besseres Leben und dessen Verwirklichung nachzudenken. 1898 las er Edward Bellamys Utopie Looking Backward, deren Lektüre sein weiteres Leben bestimmen sollte: sie regte ihn zu der Idee der Gartenstadt an, vgl. http://deu.archinform.net/arch/2692.htm (17.04.2009).
42 Vgl. Albers: Praxisorientierte Einführung, S. 32f.
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Der einussreichere der zuletzt genannten Autoren ist ganz klar Ebenezer Howard. Er schuf 1898 ein städtebauliches Ideal 43 zur Verbesserung der Situa tion der Arbeiter, das bis heute Wirkung hat. Er nahm aus beinahe allen zeit genössischen Reformplänen wesentliche Elemente auf, milderte sie in ihren Zie len ab, sodass sie nicht der britischen Gesellschaftsordnung entgegen gerichtet waren und verband die Vorteile des Stadtlebens mit den Schönheiten des Land lebens. 44 Zur Vermeidung von Bodenspekulationen sollten sich Grund und Bo den seiner Gartenstädte im Besitz der Gemeinde benden. Der daraus entste hende Kapitalertrag war für die Geringhaltung der Mieten und darüber hinaus für Gemeinschaftseinrichtungen gedacht. Räumlich stellte Howard sich ein Sys tem mehrerer Gartenstädte mit einer Zentralstadt vor, deren Einwohnerzahl be grenzt und deren Wachstum über ihren Rand hinaus durch Grünzonen verhin dert werden sollte. 45 Howards Ziel war also nicht, das Auangen der zunehmen den Verstädterung durch die Vergröÿerung der bestehenden Städte, sondern stattdessen die Gründung neuer, in ihrer Einwohnerzahl auf Dauer begrenzter, ländlicher Städte zu. Sie sollten groÿ genug sein, um ein eigenständiges, städ tisches Leben zu ermöglichen, aber gleichzeitig klein genug, um in allen Teilen für Fuÿgänger erreichbar zu sein. 46
Verwirklicht wurden Howards Ideen 1904 in Letchworth und 1919 in Welwyn. Auch der New Towns Act von 1946 und die umfassende Politik der britischen Stadtneugründungen stehen im Zeichen Howards und gehen auf ihn zurück. Hans Kampmeyer, ein Vertreter der Deutschen Gartenstadtbewegung erklär te die Gartenstadt mit folgenden Worten:
Eine Gartenstadt ist eine planmäÿig gestaltete Siedlung auf wohlfeilem Gelände, das dauernd im Obereigentum der Gemeinschaft erhalten wird, derart, daÿ jede Speku lation mit dem Grund und Boden dauernd möglich ist. Sie ist ein neuer Stadttypus, 43 Howard, Ebenezer: To-Morrow. A Peaceful Path to Real Reform, 1898. Später wurde
dieses Werk publiziert unter dem Titel Garden Cities of Tomorrow. In Deutschland wurde es veröentlicht unter dem Titel Gartenstädte in Sicht, Jena 1907. 44 Vgl. Wurmb, Dietrich von: Die städtebauliche Entwicklung Nürnbergs von 1806 bis 1914.
Unter besonderer Berücksichtigung von Baurecht, Bauverwaltung und städtebaulicher
Theorie, Erlangen 1969, S. 83.
45 Vgl. Sieverts, Thomas (Hg.): Wandel städtebaulicher Leitbilder. Theoretisches Seminar, Darmstadt 1985, S. 11f.
46 Vgl. Albers: Praxisorientierte Einführung, S. 33.
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der eine durchgreifende Wohnungsreform ermöglicht, für Industrie und Handwerk vor teilhafte Produktionsbedingungen gewährleistet und einen groÿen Teil seines Gebietes dauernd dem Garten- und Ackerbau sichert. 47
In Deutschland blieb es trotz der Deutschen Gartenstadtgesellschaft eher bei bescheidenen Ansätzen. Was anspruchsvoll Gartenstadtbewegung genannt wur
de, lieÿ lediglich vorstädtische Siedlungen entstehen, die in der Regel ohne Ar 48 also sogenannte Schlaf
beitsstätten oder Selbstverwaltung konzipiert wurden, städte waren.
Das neue Jahrhundert brachte eine Fülle neuer Impulse auf dem Gebiet der Stadtentwicklung mit sich. Die Wissenschaft wendete sich der Stadtplanung zu, es entwickelten sich erste Städtebauer-Vereinigungen, erste Städtebauzeit schriften und erste Städtebau-Hochschullehrstühle. Sozialwissenschaftler, Ar chitekten, Kunstästhetiker und Ingenieure trugen die Resultate ihrer Wissen schaften und ihre praktischen Erfahrungen zu einer gemeinsamen Lehre des 49
Städtebaus zusammen.
Trotz all dieser neuen Triebkräfte war eher eine Verschärfung als eine Lin derung der Wohnungsnot zu beobachten. Die Arbeiterschicht musste trotz der idealtypisch gebauten Vorstädte weiterhin an der Altbebauung des Stadtkerns festhalten, weil die Arbeiter sich lediglich zu Fuÿ fortbewegen konnten. Öent 50
liche Verkehrsmittel und auch höhere Mieten konnten sie sich nicht leisten. Wohn- und Arbeitsstätten trennten sich immer mehr und es entstanden Wohn viertel mit eigener Quartierskultur. Auch die Funktionentrennung von Räumen 51 Aber
wurde immer weiter ausgebaut, Privatsphäre wurde immer wichtiger. an eine Steuerung des Wohnungsmarktes durch die Politik war trotz dieser Zu spitzung nicht zu denken. In die liberale Wirtschaft sollte nicht zum Bei 52
spiel durch eine Förderung der Wohnungsproduktion eingegrien werden. Vor dem Ersten Weltkrieg wurde allerdings besonders der Kleinwohnungs bau durch gemeinützige, genossenschaftliche und philantropische Initiativen
47 Kampmeyer, Hans: Die Gartenstadtbewegung, Leipzig 1909, S. 48. 48 Vgl. Albers: Praxisorientierte Einführung, S. 33. 49 Vgl. Albers: Praktische Einführung, S. 36. 50 Vgl. Fuhrmann, S. 114. 51 Vgl. Ebd. S. 107. 52 Vgl. Ebd. S. 120.
11
stark unterstützt und es erfolgte auf diese Weise eine allgemeine Konjunkturbe
lebung des Wohnungsbaus. 53 Etagenwohnungen und Kleinparteienhäuser setz
ten sich durch. Der Massenwohnungsbau bedeutete für viele Menschen eine Ver besserung. Die Elendsviertel dagegen breiteten sich im alten Wohnungsbestand
aus. 54
2.1.3. Zwischen den Weltkriegen
Der einhellige Grundton der 20er Jahre war bestimmt von einer Ablehnung der Stadtentwicklung des späten 19. Jahrhunderts und damit einer Ablehnung hoher Baudichten, Mietskasernen und Freiächenmangels. Neue systematische Ansätze in der städtebaulichen Planung entstanden und es wurde sich um ra tionale Modelle für die städtische Nutzungsstruktur für die räumliche Dispo sition von Baugebieten, Freiächen, Zentren usw. sowie für die Hauptlinien der Infrastruktur bemüht. In die Kritik geriet das bisher konzentrische Wachs tum der Städte in der Art von Jahresringen. Stattdessen plädierten verschiede
ne Modelle für geordnete Bahnen. 55 Die Städte sollten aufgelockert und dezen
tralisiert werden. In einer hohen Wohndichte sah man die Wurzel vieler sozialer Missstände. Ferner wurden Anonymität und Entwurzelung des Groÿstadtmen schen kritisiert. Die Aufgliederung der Stadt dagegen sollte neue Beheimatung
und Verwurzelung bezwecken. 56
Die Wohnungssituation nach 1918 war katastrophal. Seit 1914 hatte es einen Baustopp gegeben, aufgrund dessen nach dem Ersten Weltkrieg geschätzt 800.000 Wohnungen fehlten. Hinzu kamen die in das Land einströmenden Men schen aus den abgetretenen Gebieten. Diskussionen über Standards, Ausstat tung, Grundrisse, Gröÿen, Rationalisierung, Produktion und städtebauliche Konzepte wurden in der Weimarer Republik von der breiten Gesellschaft ge
führt. 57 Sozialhygiene, Wohnungsgröÿe und Ausstattungen wurden verbessert:
53 Vgl. Ebd. S. 121.
54 Vgl. Ebd. S. 122.
55 Vgl. Ebd. S. 37.
56 Vgl. Ebd. S. 37.
57 Vgl. Fuhrmann, S. 130.
12
alle neuen Wohnungen hatten WCs, ieÿendes Wasser, Balkone, Terrassen und teilweise Zentralheizungen. 58
Während in der Kaiserzeit der Wohnungsbau zum gröÿten Teil dem Markt und Privatinitiativen überlassen worden war, zwang der verlorene Erste Welt krieg zur Änderung dieser Politik. Gleichzeitig wurde die Wohnungsfrage wur de ein integraler Bestandteil der staatlichen Sozialpolitik und das Recht auf Wohnung erhielt erstmals Verfassungsrang, was ein neuartiger und bis heute prägender Ansatz war. 59 Damit setzte die staatliche Intervention im Wohnungs bau weit später ein als in England, obwohl das Kaiserreich im Ausbau des So zialstaats führend gewesen war. 60 Daneben wurden Mietrecht, Wohngeld sowie Miethöchstgrenzen geschaen. Städtische Wohnämter teilten den knapper wer denden Wohnraum seit 1918 nach sozialen Kriterien ein. 61 All diese Maÿnah men wurden jedoch als vorübergehend verstanden. 62 Es gab auch stadtplanerische und architektonische Konzepte für eine verbes serte Wohnwelt. Beispielsweise die Gliederung in Nutzungszonen und eine Ver besserung der rückwärtigen Baulinien, sodass das Blockinnere vor einer Wei terbebauung geschützt wurde. Der Grundgedanke der Planungen blieb jedoch vorerst unverändert der des 19. Jahrhunderts: Entwürfe für Wohnungen wur den den Straÿenzügen und Baulinien untergeordnet. Diese Anschauung verän derte sich erst in den 20er Jahren, in denen eine gründliche Beschäftigung mit Wohnungsgrundrissen, ihrer Orientierung und funktionalen Gliederung alltäg lich wurde. Die Auseinandersetzung mit dieser Problematik führte zu neuen Mo dellen der Gebäudestellung und der Straÿenführung, wie zum Beispiel zum Mo dell des Zeilenbaus: Häuserzeilen wurden parallel angeordnet und erschlossen durch senkrecht zur Straÿe angeordnete Wege. 63 Daneben stand die Konzeption des Superblocks, später Nachbarschaft genannt: Wohnungen wurden gruppiert
58 Vgl. Ebd. S. 132.
59 Vgl. Fuhrmann, S. 130.
60 Beyme, Klaus von: Wohnen und Politik, in: Flagge, Ingeborg: Geschichte des Wohnens. Band 5: Von 1945 bis heute. Aufbau Neubau Umbau, Stuttgart 1990, S. 83 152, hier: S. 83.
61 Vgl. Fuhrmann, S. 128.
62 Vgl. Beyme: Wohnen und Politik, S. 84.
63 Vgl. Albers: Praxisorientierte Einführung, S. 39f.
13
um die für ihre unmittelbare Versorgung erforderlichen Gemeinbedarfseinrich tungen. Die Superblocks waren frei von Durchgangsverkehr und durch Grünä chen begrenzt. Sie wurden zum neuen Baustein der wachsenden Stadt, der es erlaubte, Stadterweiterungen nicht als beliebige Anlagerung neuer Baugebiete am Stadtrand, sondern als zusammengefasst konzipierte neue städtebauliche Einheit mit einer gewissen Eigenständigkeit zu betreiben. Im Konzept wurde ferner ein Gegenmittel für die oft beklagte Anonymität der Groÿstadt gesehen, aber vor allem auch eine Möglichkeit zur dezentralen Selbstverwaltung. Die Charta von Athen 64 führte sie 1933 als Wohneinheit zweckmäÿigier Gröÿe 65 auf.
Nach dem Ersten Weltkrieg musste jedoch zunächst der Mangel an Wohnun gen verwaltet werden, denn der nanzielle Spielraum zur Realisierung der städ tebaulichen Modelle und des sozialen Wohnungsbaus war erst 1923/24 gege ben. Verbesserungen konzentrierten sich seitdem auf den Neubau. Siedlungen in Stadtrandlage wurden erstellt, denn dort stand billiges Bauland zur Verfü gung. Funktionalismus war das Paradigma des Bauens der Weimarer Republik, was eine weitere Trennung von Wohnen und Arbeiten zur Folge hatte. Neben den Vorteilen, beispielsweise den groÿzügigen Grünanlagen, hatten die neuen Siedlungen allerdings auch infrastrukturelle Nachteile. Der Weg zur Arbeit wur de länger, zeitaufwändiger und teurer. 66 Bestimmt wurden die Stadtrandsied lungen der Weimarer Republik durch das Neue Bauen 67 und der malerische Städtebau im Sinne Camillo Sittes und seiner Nachfolger wich einer strenge ren, geometrischeren Auassung. 68 Die Altstadt galt als Ausdruck überkomme ner Lebensform, stattdessen wurde die Formsprache der Zweckrationalität ge schätzt. Gewerkschaften und das Groÿkapital trugen die Bewegung. Bauträger waren ständische Berufsgenossenschaften, die für funktionsgerechte Minimal
64 Erwachsen 1933 aus dem Congrès Internationeaux de l'architecture Moderne (CIAM). Die Schrift hatte die funktionale Stadt zum Thema und wurde erst weitaus später in weiteren Kreisen bekannt. In Deutschland durch Le Corbusiers Schrift An die Studenten / Die Charte d'athènes, die 1962 in Reinbek bei Hamburg veröentlicht wurde, vgl. Albers: Praxisorientierte Einführung, S. 41.
65 Zitiert nach: Albers: Praxisorientierte Einführung, S. 41.
66 Vgl. Fuhrmann, S. 133. 67 Vgl. Sieverts: Wandel, S. 13.
68 Vgl. Albers: Praxisorientierte Einführung, S. 42.
14
wohnungen eintraten. Die einheitlich geordneten Wohnungen und Siedlungen in der Peripherie standen im Gegensatz zum Dschungel der Altstadt. 69 Die Industrialisierung des Bauens schate es jedoch nicht über rudimentäre Anfän ge hinaus, denn die Löhne und Preise für Baustoe stiegen durch die Weltwirt schaftskrise rasch an. Die ungünstigen Finanzierungsbedingungen hatten das Scheitern von Systematik und Rationalisierung des Wohnungsbaus zur Folge. 70 1924 bis 1930 entstanden 1,8 Millionen Sozialbauwohnungen. 71 Der schichts pezische Charakter des Wohnens ging jedoch auch in der Weimarer Republik nicht verloren. Die innenstädtischen Arbeiter- und Elendsviertel bestanden wei terhin, das groÿbürgerliche Wohnen ebenso. 72 Ferner wurde die Gruppe der Ob dachlosen stetig gröÿer. 73 Betroene grien zur Selbsthilfe und errichteten wilde Siedlungen mit primitiven Baracken und sogar Erdlöchern. Während der Welt wirtschaftskrise verschlechterte sich die Lage drastisch, denn die Masse der Ar beitslosen war nicht in der Lage, die Mieten für miserabelste Wohnungen zu zahlen. Staatliche Mittel waren stark zurückgegangen und wurden vor allem für Kleinhaussiedlungen mit Nutzgärten eingesetzt. Diese sollten Arbeitslosen den Lebensunterhalt sicherstellen. 74
2.2. Wohnungsnot im Dritten Reich
Die Wohnungsnot war zusammen mit der Idee des Wohnens entstanden. Refor mer hatten versucht, gewisse Standards für die gesamte Bevölkerung zu schaf fen. Im Zuge dieser Bewegung war die Wohnungsnot zu einem Politikum, über das die breite Bevölkerung diskutierte, geworden. Aber schon vor 1933 wurden die Mittel für den Wohnungsbau immer knap per und die Wohnungsproduktion ging vor allem in den Groÿstädten zu rück. Hinzu kam eine Massenarbeitslosigkeit, die es der breiten Bevölkerung unmöglich machte Mieten zu zahlen. Zu den paradoxen Folgen gehörten auch
69 Vgl. Sieverts: Wandel, S. 13f. 70 Vgl. Hackelsberger, S. 41. 71 Vgl. Ebd. S. 7. 72 Vgl. Fuhrmann, S. 130. 73 Vgl. Ebd. S. 135. 74 Vgl. Ebd. S. 136.
15
Wohnungsleerstände. 75 Die Regierung Brüning entwarf Pläne zur Förderung von Stadtrandsiedlungen für Erwerbslose, deren Erfolgsquote war jedoch sehr niedrig blieb. 76
Die Wahlprogramme der NSDAP beschäftigten sich aus diesen Gründen in tensiv mit dem Wohnungsbau und schürten damit die Erwartungen der Wäh ler. 77
Die nanziellen Mittel jedoch ossen seit 1933 in andere Projekte vor al lem die Aufrüstung 78 und die Arbeitsbeschaung. 79 Im Wohnungsbau dagegen wurde mit der Machtergreifung eine Pause eingelegt. 80 Wegen der verheeren den Situation wurden 1936 Mietsteigerungen für alle Wohnungen verboten und eine Bewirtschaftung des Wohnraums wurde eingeführt. 81
2.2.1. 1933-1939
Wie auch bei Monumentalbauten spielten im nationalsozialistischen Wohnungs bau vor allem die ideologischen Ziele eine enorme Rolle. Das privat nanzierte Kleinsiedlungshaus wurde bereits in der Weimarer Republik zum Leitbild er hoben von den Nationalsozialisten übernommen und ideologisch gedeutet. Die Propaganda vom eigenen Haus kam der völkischen Blut- und Boden-Ideologie entgegen. 82
Nicht mehr die Mietskasernen mit all ihren unerfreulichen Nebenerscheinungen, son dern das kleine Eigenheim, die Stadtrandsiedlung, die landwirtschaftliche Siedlung
83
sollen im Mittelpunkt unserer Bautätigkeit stehen,
75 Vgl. Harlander, Tilmann: Zwischen Heimstätte und Wohnmaschine. Wohnungsbau und Wohnungspolitik in der Zeit des Nationalsozialismus, Basel 1995, S. 30. 76 Vgl. Ebd. S. 31. 77 Vgl. Ebd. S. 39. 78 Vgl. Hackelsberger, S. 46. 79 Vgl. Sieverts: Wandel, S. 25. 80 Vgl. Hackelsberger, S. 43. 81 Vgl. Harlander: Zwischen, S. 106. 82 Vgl. Sieverts: Wandel, S. 25.
83 Zitiert nach: Harlander: Zwischen, S. 50. Er zitiert hier einen Zeitungsartikel von 1933.
16
so Franz Seldte, 84 denn so würden kinderreiche Familien am Besten unter stützt. 85 Auch oder gerade Arbeiter wurden an den Eigenheimbau heran
geführt, denn der biete, so die ständig wiederholte Ideologie, die Gewähr, daÿ
ein mit der Heimat verwurzeltes Geschlecht herangezogen wird. 86 Hierbei ver
schuldeten die Arbeiter sich oft und wurden so ideologisch und nanziell an ih ren Betrieb gebunden. Bestehende Klassenunterschiede wurden durch den Hei matschutzstil verschleiert und die verschiedenen Haustypen formal aneinander
angeglichen. 87
In den ersten Jahren des Dritten Reichs (etwa bis 1935) hatte der Maÿ nahmenkatalog des nationalsozialistischen Wohnungsbaus folgendes zu bieten: Kleinsiedlungen und Eigenheimbau, Instandsetzung alter Wohnungen und den Umbau von Gewerbegebäuden zu Wohnungen, den Rückzug des Staates aus der direkten Förderung hin zu indirekten Förderungsmaÿnahmen sowie den Not- und Behelfswohnungsbau. Schwerpunktmäÿig wurden Mittel für Gebäu
deinstandsetzungen ausgegeben 88
Anstelle der Groÿstadt, die laut Feder 89 in eine geistige, körperliche und sitt
liche Entwurzelung trieb und auch den Verlust des Willens zum Kind fördere, wurde nach der Machtergreifung eine Auockerung der Groÿstädte gefordert. Die Stadtrandsiedlung war dabei nicht das Ziel, sondern nur in dem Ausmaÿ gebilligt [. . . ], in dem die ungesunden Altstadtquartiere niedergelegt werden können. 90 Stattdessen müsse es zu einer groÿangelegten Industrieverlagerung
und der Neugründung von Hunderten von kleinen Landstädten und Siedlun gen kommen. Feder träumte wie bereits Howard 30 Jahre zuvor von Land
84 Seldte (1882 1957) war ein wohlhabender Chemieunternehmer und Führer des National sozialistischen deutschen Frontkämpferbundes, vgl. Harlander: Zwischen, S. 50.
85 Vgl. Ebd. S.50.
86 Zitiert nach: Ebd. S. 71. Er zitiert hier die DAF (Reichsheimstättenamt) (Hg.): Sichere Kapitalanlage 13, Eberswalde [u.a.] 1934, S. 37.
87 Sieverts: Wandel, S. 26
88 Vgl. Harlander: Zwischen, S. 51f.
89 Gottfried Feder lebte 1883 bis 1941, war Diplomingenieur, Wirtschaftstheoretiker und NS-Politiker. Seit 1934 war er Reichskommissar für das Siedlungswesen, verlor allerdings angesichts des nanz- und wirtschaftspolitischen Kurses Hitlers zunehmend an politischem Einuss und wurde mit einem Lehrstuhl an der Technischen Hochschule Berlin betraut, vgl. http://www.dhm.de/lemo/html/biograen/FederGottfried/index.html (17.04.2009).
90 Zitiert nach: Harlander: Zwischen, S. 60. Er zitiert hier Feder.
17
städten, die eine bestimmte, übersehbare Gröÿe nicht überschritten und im Aus strahlungsgebiet der Groÿstädte gleichmäÿig verteilt werden sollten. Die an den eigentlichen Stadtkern anschlieÿenden Gebiete gedachte er durch das Einschie
ben breiter Grüngürtel zu sanieren. 91 Ein vorbildliches Beispiel war für Feder die Krupp-Siedlung Margarethenhöhe. 92 Zwar war die Groÿstadtfeindschaft Fe
ders eine kurzlebige Zuspitzung, jedoch setzte sich eine etwas gemäÿigtere Vari ante von Feders Vorstellungen bei einem Groÿteil der Fachleute durch, die noch immer eine Auockerung der Groÿstädte und die Rückführung eines Teils der
Arbeitslosen auf das Land als wichtig erachteten. 93 Kleinsiedlungen waren aus
drücklich für gewerbliche Arbeiter und Angestellte bezogen vorbehalten, rassi
sche und politische sowie sonstige auf Siedlertauglichkeit zielende Auswahlkri terien waren spätestens seit 1935 selbstverständlich. 94
Jedoch gab es zwischen der Propaganda und der Realität auch im Falle des Wohnungsbaus enorme Gegensätze. Der Wohnungsfehlbedarf stieg. Bereits oh ne Altstadtsanierungen, Umsiedlungen und Auockerungen [. . . ] müssen, um nur mit dem Haushaltszuwachs mitzukommen und ein schnelles Anwachsen
der Wohnungsnot zu vermeiden, in den nächsten Jahren umfangreiche Baupro
gramme durchgeführt werden. 95 Ein Grund für den Rückgang der Wohnungs
produktion war, dass der Wohnungsbau in handwerkliche Herstellungsmetho den zurückel. Massenproduktion und Industrialisierung fanden vorerst nur bei Bauvorhaben für Rüstung und Militär einen Platz. Eine Industrialisierung im Wohnungsbau galt dagegen als bolschewistisch. 96 Die steigende Unterversor gung der Bevölkerung mit Wohnraum traf besonders die Unterschichten, denn ihr Lohn war zu gering für die Kosten eines Kleinhauses. 97
91 Vgl. Ebd. S. 61.
92 Vgl. Ebd. S. 65. Die Wohnstiftung Margarethenhöhe war der Höhepunkt der Entwicklung der Kruppschen Siedlungen. Sie wurde seit 1906 bis 1938 erbaut und war die erste deutsche Siedlung, die oziell von der Gartenstadtgesellschaft als Gartenstadt anerkannt wurde, vgl. Reinborn: Städtebau, S. 46.
93 Vgl. Harlander: Zwischen, S. 70.
94 Vgl. Ebd. S. 104.
95 Zitiert nach Ebd. S. 65. Er zitiert hier Feder. Hervorhebung im Original.
96 Vgl. Sieverts: Wandel, S. 26. 97 Vgl. Ebd. S. 26
18
Trotz der niedrigen und stagnierenden Baukosten und wegen enormer Finan zierungsschwierigkeiten blieb der Kleinsiedlungsbau weit hinter den erwarteten Zahlen zurück.
Je weniger der Staat im Zeichen beschleunigter Aufrüstung, des Westwallbaus etc. bereit war, sich in einem so förderungsintensiven Programm wie der Kleinsiedlung
98
nachhaltig zu engagieren, desto lauter wurden die Propagandatöne.
1934 versiegten nahezu alle Finanzierungsquellen für die Kleinsiedlungen und auch auockernde Altstadtsanierungen konnten nicht mehr begonnen werden. 99 Nur im Rahmen der Arbeitsbeschaungsprogramme und im Zusammenhang mit dem Vierjahresplan wurden gröÿere nanzielle Mittel für Wohnungen aus geschüttet, die jedoch primär für Instandsetzungs- und Umbaumaÿnahmen ge nutzt wurden. 100
Das Siedlungswerk Vierjahresplan stand im Gegensatz zur Kleinsiedlungs- Ideologie. Es rehabilitierte die Groÿstadt, den Geschoss- und Mietwohnungs bau im Dritten Reich. Zwar stelle die Siedlung die idealste Form des Arbei terwohnstättenbaus dar, aber wegen der räumlichen und nanziellen Grenzen müssten auch Geschosswohnungsbauten für Arbeiter gefördert werden, so Gott fried Dierig, der Leiter der Reichsgruppe Industrie. 101 Die Bejahung von Ratio nalisierungsprozessen im Wohnungsbau sollte beim Aufbau neuer Industrien die benötigte Zahl an Wohnungen für die dort beschäftigten Arbeiter ermögli chen. 102 In diesem Programm war also wieder nicht die Wohnungsproduktion vordergründig, sondern die Aufrüstung. Dies unterstrich auch Göring in seinen Erklärungen zur Rolle des Wohnungsbaus im Vierjahresplan. 103 Eine generelle Wohnungsbauförderung kam allerdings nicht in Frage. Im Jahr 1937 ossen auch nur 0,7% der Mittel des Vierjahresplans in den Wohnungsbau. 104 Durch den Kriegsausbruch 1939 wurden gänzlich neue Bedingungen geschaf fen. Die durch den Vierjahresplan geförderten Wohnungen bekamen eine neue 98 Harlander: Zwischen, S. 81. 99 Vgl. Ebd. S. 83f.
Funktionsbestimmung: überall dort, wo zusätzliche Arbeitskräfte in der Rüs tung gebraucht wurden, sollten die neuen Wohnungen als Massenunterkünfte dienen. 105
2.2.2. 1939-1945
Von 1936 bis 1938 nahm der Weg in den Krieg mit dem Eingreifen in den spanischen Bürgerkrieg, dem Anschluss Österreichs und der Sudetenkrise seinen Lauf. Dabei waren Hitlers Worte im März 1936 noch die folgenden gewesen:
Ich habe den Ehrgeiz, mir einmal im deutschen Volk ein Denkmal zu setzen. Aber ich weiÿ auch, daÿ dieses Denkmal besser im Frieden aufzustellen ist, als in einem
Kriege. Wenn wir heute in einen Krieg gestoÿen würden, dann kostet jede 30-Zentime ter-Granate gleich 3000 Mark, und wenn ich noch anderhalbtausend Mark dazulege,
dann habe ich dafür ein Arbeiterwohnhaus, wenn ich aber Granaten auf einen Haufen
lege, dann ist das noch lange kein Monument. Wenn ich aber 1 Million solcher Häuser
habe, in denen so viele deutsche Arbeiter wohnen können, dann setze ich mir damit
106
ein Denkmal.
Durch die Blitzkriegerfolge wurde bei den Deutschen die Honung auf einen baldigen Siegfrieden geweckt und damit Erwartungen sozial- und gesellschafts politischer Art geschürt. 107 Zielsetzungen für den Nachkriegswohnungsbau 108 , der ohne millionenfache Zwangsarbeit ausgegrenzter Bevölkerungsteile und der besiegten und verschleppten Völker unmöglich durchzuführen gewesen wäre, 109 wurden gesteckt. Bis zur Erfüllung des geschätzten Bedarfs von 6 Millionen Wohnungen sollten jedes Jahr 600.000 neue Unterkünfte geschaen werden. 110 Die Zerstörungen durch die Bombardements auf die Groÿstädte bedingten ei ne schlechte Wohnraumversorgung, 111 die bald zum innenpolitischen Problem wurde. 112 Deshalb wurde das schon zuvor bereits auf ein Minimum reduzierte
mer, Lutz (Hg.): Wohnen im Wandel. Beiträge zur Geschichte des Alltags in der bürgerli
chen Gesellschaft, Wuppertal 1979, S. 408 428, hier: S. 420.
20
nanzielle Kontingent der Wohnungspolitik ab 1942 immer mehr auf den Ver such einer reaktiven Kompensation der gegnerischen dehousing -Strategie redu ziert. 113
Der Führer, dem die Auswirkungen der Katastrophen-Luftangrie bekannt sind, steht
auf dem Standpunkt, daÿ wenn 5 Millionen Obdachlose nicht untergebracht werden können, der Krieg verloren wäre. Es ist daher notwendig, 1 Million Wohnungen mitten
im Kriege zu erstellen. Die Parole heiÿt dann nicht: 'Berlin wird evakuiert', sondern
114
sie heiÿt: 'Berlin baut'.
Das Deutsche Wohnungshilfswerk wurde geschaen um diese Aufgaben zu übernehmen. 115
Der kriegsmäÿige Behelfswohnungsbau war vom generellen Bauverbot, das während des Krieges herrschte, ausgenommen. Es handelte sich bei den Neu bauten um eilig hergerichtete Barackenlager, deren geringe Qualität mit dem Krieg entschuldigt wurde. Die für den Frieden gültigen wohnungspolitischen Grundsätze sollten wegen Bausto- und Arbeitsmangel des Krieges nicht gül tig sein. 116 Um Arbeitskräfte und Baustoe zu sparen wurde die vorher als bolschewistisch betrachtete industrielle Fertigung für den Wohnungsbau ein gesetzt. Auch noch Jahre nach dem Krieg lebten in diesen Notunterkünften zehntausende von Menschen. 117
Bis zum 08. Mai 1945 wurden Millionen von Wohnungen zerstört. Die Ferti gungszahlen der Behelfs- und Notbauten im Stampehmbau mit Flachdächern waren dagegen unproportional gering. 118
(Bd. 5), Ludwigsburg 1999, S. 17 79, hier: S. 31.
2.3. Wieder- und Neuaufbau nach dem Zweiten
Weltkrieg
2.3.1. 1945: Zerstörte Städte
Die Verstärkung des Luftkriegs ab Frühjahr 1942 das englische Kriegskabinett hatte sich für eine Schädigung der Moral der Zivilbevölkerung, besonders der Industriearbeiterschaft entschieden und das Eingreifen der amerikanischen Luftwae hatten fatale Folgen für den Wohnungsbestand. Die schwere Verwüs tung von Wohnraum durch die Bombenangrie der Alliierten beeinträchtigte die Wohn- und Lebensverhältnisse in Deutschland massiv. 119 Wegen des knap per werdenden Wohnraums in den Städten und der Furcht vor weiteren massi ven Angrien stieg die Zahl der Evakuierten 120 schnell an. 121 Während des Zwei ten Weltrkieges waren Millionen von Menschen aus den bedrohten Groÿstädten geohen oder evakuiert worden. Kinderlandverschickungen sowie ein Reichsum quartierungsplan sollten bei der Aufnahme der üchtenden Menschen auf dem Land helfen. Denjenigen, die aus beruichen Gründen nicht an ihren Wohnort gebunden waren, wurde schon nach den ersten Angrien die baldige Abreise nahegelegt, auch wenn ihre Wohnung noch intakt war. Hierdurch wurde Wohn raum für jene frei, die in der Stadt bleiben mussten. Mit dem Voranschreiten des Luftkriegs wurde das Schwergewicht dann auf die Evakuierung von Famili en gelegt, die ihre Wohnungen bereits verloren hatten. 122 Die Bedingungen, in denen die übrigen lebten, waren in den meisten Fällen sehr schlecht. Die Woh nungen waren oft überbelegt, zum Teil nur notdürftig instand gesetzt und das Verkehrs- und Versorgungsnetz nicht mehr intakt. 123 Von den geschätzten 16 Millionen Wohnungen, die in Deutschen Städten bis 1939 gestanden hatten, wurden im Sommer 1945 etwa 2,5 Millionen zerstört
und 4 Millionen in unterschiedlichen Graden beschädigt. Die dafür ver antwortlichen Luftangrie hatten primär auf innerstädtische Wohngebiete ge zielt. 124 Produktionsanlagen und Industrie waren dagegen eher gering betrof fen. Letztere war lediglich um jenen Teil vermindert worden, um den sie unter dem Druck der Kriegsrüstung in den 40er Jahren erweitert worden war und wurde somit zur Basis des wirtschaftlichen Aufschwungs. 125 Eher die Organisa tion der industriellen Produktion stellte ein Problem dar, denn Transportwege und Versorgungsanlagen, Verwaltungs- und öentliche Gebäude hatte es schwe rer getroen. 126 Handel und Verkehr waren weitestgehend lahmgelegt, sodass die Waenbollwerke beispielsweise im Ruhrgebiet isoliert waren. Eine zwei te Zerstörungswelle erledigten die deutschen Truppen, indem sie den Alliierten den Weg erschwerten und Brücken sowie Telefonnetze zerstörten. 127 Je dichter die Bebauung einer Stadt war, umso verheerender war ihre Zer störung. Besonders mittelalterliche Stadtkerne und Stadterweiterungen des 19. Jahrhunderts mit engen Hinterhöfen wurden zu Trümmerfeldern. Im aufgelo ckerten Siedlungsbau dagegen war die Zerstörung geringer. 128 1945 waren sich viele Menschen nicht im Klaren darüber, ob die zerstörten Städte wieder aufgebaut werden oder die Ruinen als Mahnmal erhalten bleiben sollten. Wegen der durch die Zerstörung noch dringlicheren Wohnungsnot war dies eine wichtige und schnell zu beantwortendende Frage. Die Entscheidungen für den Wiederaufbau vor Ort elen auch sehr schnell, war es doch schlicht die ökonomischere Variante. Sowohl die Infrastruktur also Straÿen, Stromleitun gen, Wasserleitungen usw. als auch die überirdischen Trümmer erwiesen sich als wertvoll. 129
Die Enttrümmerung war eine der ersten Aufgaben, die die Alliierten an die von ihnen eingesetzten Kommunalpolitiker übertrugen. In einigen Städten wur
23
den die Baureste auch beschlagnahmt und dem Wiederaufbau zur Verfügung gestellt. 130
Viele Ausgebombte setzten sich über Zuzugs- und Bausperren hinweg, ström ten in die Städte zurück und bauten in völliger Konzeptlosigkeit ihre Städ te wieder auf. Einige Städte bepanzten die geräumten Trümmerächen, um den Schwarzbau so zu stoppen. 131 Trotz der verheerenden Zerstörungen zog es die Menschen schnell zurück in die Städte und sie mussten vorerst in Kellern, Ruinen, verlassenen Schulen und Kasernen unterkommen. Die nicht zerstörten Wohnungen waren trotz der reglementierten Wohnungsvergabe durch die Be satzungsbehörden überbelegt. Mehrere Familien mussten sich eine Wohnung teilen und auch Dachböden sowie Keller wurden belegt. 132
2.3.2. Baugesetzgebung
In der unmittelbaren Nachkriegszeit herrschte eine verworrene und zersplitter te Rechtslage, die angesichts der drängenden Neuaufbauprobleme nach einer Bereinigung verlangte. Um 1950 schufen die Bundesländer auÿer Bayern und Bremen Aufbaugesetze, die aus dem Fundus der 30er stammten. Dieser oss auch in das Bundesbaugesetz von 1960 ein, das erst nach zehnjähriger Bera tungszeit in Kraft treten konnte. Das rechtliche Instrumentarium des vorigen Jahrzehnts wurde durch das Bundesbaugesetz vielerorts kaum verbessert, es hatte vielmehr den Sinn die Baugesetzgebung zu vereinheitlichen. 133 Nach der Gründung der Bundesrepublik sollten die Bodenfrage und die Bautätigkeit gesetzlich neu geregelt werden, mit der Umverteilung von Boden tat sich der demokratische Staat nach der Diktatur jedoch schwer. Sozialre formerische Gedanken kamen in der Fachpresse zwar gut an, Gesetzesentwür fe mit Vorschlägen zur Enteignung hatten allerdings keine Chance. 134 Als die Bundesländer entstanden waren, war auch die Chance, eine groÿräumige, die ganze Bundesrepublik betreende Lösung für eine Baugesetzgebung zu nden,
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Melanie Lenk, 2009, Nürnberg-Langwasser - Trabantenstadt zur Bekämpfung der Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg, München, GRIN Verlag GmbH
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