I. Einleitung
In der vorliegenden Arbeit werde ich mich mit der religionspädagogischen Konzeption der Evangelischen Unterweisung beschäftigen. Wie bereits dem Titel der Arbeit zu entnehmen ist, soll hierbei die Rolle der Lehrperson besondere Beachtung finden. Um die Evangelische Unterweisung in ihrem Wesen richtig zu verstehen, werde ich mich zunächst mit dem religionspädagogischen und historischen Kontext dieser Konzeption befassen (Kapitel II). Hierauf gehe ich zu Beginn des Kapitels III auf die Begründung der Evangelischen Unterweisung durch die wichtigsten Autoren und deren Werke ein. Dann folgt eine eingehende Untersuchung der Konzeption der Evangelischen Unterweisung in Hinblick auf Inhalte, die Rolle der SchülerInnen und schließlich die der Lehrperson. Hierbei werde ich einige der bedeutendsten Primärquellen hinzuziehen. Zum Abschluss der Arbeit (Kapitel IV) nehme ich eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse und eigene Bewertung vor.
An dieser Stelle sei bereits der zentrale Begriff „religionspädagogische Konzeption“ definiert: „(...) eine religionspädagogische Konzeption [gibt] Auskunft darüber, was Religionsunterricht - zu einer bestimmten Zeit - am Ort öffentliche Schule - nach vorherrschender Meinung will und soll“ 1 .
II. Der Kontext der Evangelischen Unterweisung
1. Die Liberale Religionspädagogik als Vorgängerin der Evangelischen Unterweisung
Beschäftigt man sich mit einer religionspädagogischen Konzeption, ist es durchaus sinnvoll, auch ihre Vorgängerin mit in die Betrachtungen einzubeziehen. Dies ergibt sich aus der Feststellung, dass der Gegenstand des religionspädagogischen Begriffs „Konzeption“ „(...) das geschichtlich und soziokulturell vielfach bedingte Selbstver-
1 Ritter,Werner H.: Religionspädagogische Konzeptionen - zwischen Vielfalt und Profil. In: Schreiner, Martin (Hg.): Vielfalt und Profil. Zur evangelischen Identität heute. Neukirchen-Vluyn 1999, S. 144.
2
ständnis (...) und Erscheinungsbild von Religionsunterricht“ 2 ist. Diese Bedingtheit kann nur mit dem Blick auf die vorangegangene Konzeption erkannt werden.
Als Vorgängerin der Evangelischen Unterweisung bestimmte die Konzeption der Liberalen Religionspädagogik den Religionsunterricht in Deutschland im Zeitraum von etwa 1900 bis 1920/25 3 . Begründer und wichtigster Vertreter ist Richard Kabisch mit seinem Buch „Wie lehren wir Religion? Versuch einer Methodik des Evangelischen Unterrichts für alle Schulen auf psychologischer Grundlage“ (1910, 1931). Notwendig geworden war die Entwicklung einer neuen Konzeption, weil der Religionsunterricht des 19. Jahrhunderts durch Konservatismus und Dogmatismus „am Kind vorbeiging“ 4 . So versuchte nun die Liberale Religionspädagogik, liberale Theologie und wissenschaftliche Pädagogik zu verbinden.
Ausgehend von der Annahme, Religion an sich sei lehrbar, sah man die Aufgabe des Religionsunterrichts darin, die „religiöse Anlage“ im Menschen zu pflegen und weiterzuentwickeln. Dies sollte durch die Vermittlung religiöser Erlebnisse geschehen. Daraus ergab sich auch, dass die Methodik vor der Didaktik Priorität hatte. Damit waren alle Themen für den Unterricht geeignet, wenn diese den SchülerInnen Erlebnisse vermitteln konnten. Unterrichtsstoffe waren also nur Mittel, um Religion zu erzeugen. Zu diesem Zweck eigneten sich beeindruckende Ereignisse wie Naturerscheinungen, Gewissenserfahrungen und insbesondere biblische Geschichten.
Begründet sah Kabisch den Religionsunterricht in seiner Funktion, zur staatsbürgerlichen Erziehung in der christlich-abendländischen Kultur beizutragen.
Den Lehrenden und ihrer Autorität wurde große Bedeutung beigemessen. Aufgrund der Autoritätsposition des Lehrers / der Lehrerin dachte man, die SchülerInnen seien so besonders emotional beeinflussbar und religiösen Gefühlen zugänglich. Vorrangiges methodisches Mittel im Unterricht waren Erzählungen, welche Erlebnisse anderer lebendig machen und bei den SchülerInnen Emotionen hervorrufen konnten.
2 Ebd.
3 Vgl. auch im Folgenden Ritter, S. 145-147.
4 A.a.O., S. 145.
3
2. Der (kirchen-) geschichtliche Kontext der Evangelischen Unterweisung
Zum entscheidenden (kirchen-) geschichtlichen Kontext für die Entstehung der Evangelischen Unterweisung gehören die Ereignisse der 20er Jahre im Anschluss an den von Deutschland verlorenen 1. Weltkrieg (1914-1918). Als Folge der Niederlage und des Endes der Monarchie (gleichzeitig das Ende des landesherrlichen Kirchenregiments) befand sich der Protestantismus in einer Phase der Krise 5 . Eine Kirchenverfassung und neue geistige Grundlagen mussten gefunden werden.
In den 20er Jahren bildete sich die „Theologie der Krisis“, begründet durch Karl Barth. Auch „Theologie des Wortes Gottes“ oder „dialektische Theologie“ genannt, stellte sie einen Bruch mit der liberalen Theologie dar. Barth betonte insbesondere die Transzendenz Gottes 6 und übte Kritik am Religionsbegriff der liberalen Theologie 7 . Das Wort Gottes rückte nun ins Zentrum 8 . Die dialektische Theologie beeinflusste die Vertreter der Evangelischen Unterweisung in hohem Maße 9 .
Zur gleichen Zeit kam es zur sog. „Lutherrenaissance“ durch Karl Holls Lutheraufsätze 10 . Elemente der Rückbesinnung auf die reformatorische Theologie gab es ebenfalls in der dialektischen Theologie.
Im Zeichen der Auseinandersetzung mit dem NS-Regime (Kirchenkampf) stand die Kirche in den 30er Jahren. Lämmermann bezeichnet das Verhältnis der Vertreter der Evangelischen Unterweisung in dieser Hinsicht als ambivalent 11 . Oft scheinen dabei die Religionspädagogen der Evangelischen Unterweisung mit den dialektischen Theologen - und damit der Distanz bzw. dem Widerstand gegenüber dem Nationalsozialismusautomatisch gleichgesetzt zu werden. Kritische Momente sieht Lämmermann vor allem in der Biographie Kittels und in einigen Ideen Bohnes 12,13 .
5 Vgl. auch im Folgenden Wallmann, Johannes: Kirchengeschichte Deutschlands seit der Reformation. Tübingen 2 1985 (UTB für Wissenschaft: Uni Taschenbücher 1355), S. 265.
6 Vgl. a.a.O., S. 266.
7 Vgl. Lämmermann, Godwin: Prüfungswissen Theologie. Religionspädagogik im 20. Jahrhundert. Gütersloh 1994 (Kaiser Taschenbücher 160), S. 65.
8 Vgl. a.a.O., S. 71.
9 Vgl. a.a.O., S. 64f.
10 Vgl. Wallmann, S. 268.
11 Vgl. Lämmermann, S. 65f. 12 Vgl. a.a.O., S. 67; Genaueres dazu s. ebd. 13 Zu den beiden Autoren s.u., Kap. III.1.
4
Auch die Zeit nach dem 2. Weltkrieg mit der Neugründung der Bundesrepublik gehört noch zum geschichtlichen Kontext der Evangelischen Unterweisung, sie übte allerdings nicht mehr diesen prägenden Einfluss auf die Konzeption aus wie die früheren Ereignisse.
III. Die religionspädagogische Konzeption der Evangelischen Unterweisung
1. Die Begründung der Evangelischen Unterweisung
Die Evangelische Unterweisung löste die Liberale Religionspädagogik als Konzeption für den evangelischen Religionsunterricht ab und bestimmte diesen in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg bis Ende der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts 14 . Einflüsse der Evangelischen Unterweisung sind auch später noch erkennbar, beispielsweise in Schulbüchern oder Lehrplänen der 60er Jahre 15 . Besonders in den Volksschulen war sie bis in die 70er Jahre die vorherrschende religionspädagogische Konzeption 16 .
Grundlegende Werke zur Evangelischen Unterweisung wurden allerdings bereits ab Ende der 20er Jahre verfasst 17 . Zu den wichtigsten Autoren gehören Helmuth Kittel (1902-1984), Gerhard Bohne (1895-1977) und Oskar Hammelsbeck (1899-1975) 18 . Bohnes „Das Wort Gottes und der Unterricht“ 19 aus dem Jahre 1929 gilt als erstes Werk der hier behandelten Konzeption 20 . Das bedeutendste Buch mit der weitreichendsten Wirkung stellt Kittels „Vom Religionsunterricht zur Evangelischen Unterweisung“ 21 von 1947 dar. Kittel ist sowohl Namensgeber als auch Hauptvertreter der Evangelischen Unterweisung 22 . Des Weiteren sind bedeutsam Hammelsbecks „Der kirchliche Unterricht“ 23 und die „Evangelische Christenlehre“ 24 von Albertz / Forck.
14 Vgl. Weiße, Wolfram (et al. Hg.): Hauptströmungen evangelischer Religionspädagogik im 20. Jahr-hundert. Ein Quellen- und Arbeitsbuch. (Jugend - Religion - Unterricht. Beiträge zu einer dialogischen Religionspädagogik. Band 8) Münster, New York, München, Berlin 2002.
15 Vgl. ebd.
16 Vgl. Lämmermann, S. 93.
17 Vgl. Ritter, S. 147.
18 Vgl. ebd.
19 Bohne, Gerhard: Das Wort Gottes und der Unterricht (1929). Berlin 3 1964.
20 Vgl. Ritter, S. 147.
21 Kittel, Helmuth: Vom Religionsunterricht zur Evangelischen Unterweisung. Lüneburg 1947.
22 Vgl. Weiße, S. 129.
23 Hammelsbeck, Oskar: Der kirchliche Unterricht. München 2 1947.
5
Besonders anzumerken ist, dass die konzeptionellen Grundzüge der Evangelischen Unterweisung (ohne Verwendung dieser Bezeichnung) von Angehörigen der Bekennenden Kirche im Kontext der Konflikte mit den Deutschen Christen und der NS-Schulpolitik ab den 30er Jahren formuliert wurden 25 . Dazu gehören u.a. die „Richtlinien für die Gestaltung des evangelischen Religionsunterrichts in der Schule“ (vom 24. August 1945), die von der „Kammer für Schule und Unterricht“ herausgegeben wurden 26 .
2. Die Konzeption der Evangelischen Unterweisung im Einzelnen
2.1. Allgemeines
Die Vertreter der Evangelischen Unterweisung sahen in der Konzeption der Liberalen Religionspädagogik eine „übermächtige Pädagogisierung und Psychologisierung des Religionsunterrichts“ 27 . Die Evangelische Unterweisung wollte daher bewusst eine Abwendung vom „Lehren“ von Religion (Liberale Religionspädagogik), sogar vom Wesen des Religionsunterrichts per se sein 28 . Für Kittel lag das Problem des Religionsunterrichts bereits in der Begrifflichkeit und der Bezeichnung an sich, weil sich seit der Aufklärung „Religion“ nicht mehr selbstverständlich auf das Christentum allein bezog, sondern auf Religion als Abstraktum, welche als „Religion im Allgemeinen“ viele „Spielarten“ hat 29 . Nach und nach kam es zu einer Entchristlichung des Religionsunterrichts, in dem nun ein allgemeines religiöses Bewusstsein gepflegt wurde. Eine Möglichkeit, diesem Notstand abzuhelfen, sah Kittel in den Ansätzen Luthers und Kierkegaards, die im 20. Jahrhundert bei Karl Barth und Friedrich Gogarten eine Erneuerung erfuhren 30 . Es wurde deutlich, dass „nur konkrete Religion wirkliche Religion ist, und die Aufblähung des Abstraktums Religion zum Religionsersatz eben Ersatz ist“ 31 .
24 Albertz, Martin und Bernhard Heinrich Forck: Evangelische Christenlehre. Ein Altersstufen-Lehrplan. Wuppertal 1948.
25 Vgl. Weiße, S. 129.
26 Vgl. ebd.
27 Ritter, S. 148.
28 Vgl. Weiße, S. 129.
29 Vgl. Kittel, S. 7-8.
30 Vgl. a.a.O., S. 8.
31 A.a.O., S. 9.
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Diplom-Übersetzer Christoph Aschoff, 2006, Die religionspädagogische Konzeption der Evangelischen Unterweisung unter besonderer Berücksichtigung der Lehrperson, München, GRIN Verlag GmbH
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