Michael Ebers Der Raum im Spiegel - Georg Trakls Gedicht „Untergang“ in seinen Fassungen und Varianten
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 4
2 Zum Material der Untersuchung 7
3 Zur Gliederung der Untersuchung und der philologischen Methode 9
4 Allgemeine Untersuchungen zum Wortbestand der Fassungen und
Varianten 11
4.1 Zum Wortbestand, der durchgängig beibehalten bzw.
wieder aufgegriffen wurde. 14
4.2 Zum Wortbestand, der gleiche Motive variiert. 16
4.3 Zum Wortbestand, der singulär ist 25
5 Einzeluntersuchungen zu Besonderheiten des dichterischen
Prozesses. 27
5.1 Die Farbigkeit im Gedicht. 27
5.2 Der Raum im Gedicht 32
5.3 Die Zeit im Gedicht 35
6 Diskussion der Forschungslage 39
6.1 Intertextualität - Trakls Ansprache an den Bruder (Friedrich Nietzsche:
Also sprach Zarathustra) 39
6.2 Dechiffrierung oder „absolute Chiffre“? (Walther Killy) 43
7 Literatur-/Medienverzeichnis. 45
7.1 Primärliteratur 45
7.2 Allgemeine Darstellungen zu Trakls Werk und Leben 45
7.3 Sekundärliteratur zu Untergang 45
7.4 Zur philologischen Methode. 46
7.5 Sonstige Literatur. 46
7.6 Medien 47
Anhang: Vorstufen 47
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Michael Ebers Der Raum im Spiegel - Georg Trakls Gedicht „Untergang“ in seinen Fassungen und Varianten
1 Einleitung
Nach der Lektüre von Sebastian im Traum schreibt Rainer Maria Rilke:
Ich denke mir, daß selbst der Nahestehende immer noch wie an Scheiben gepresst diese Aussichten und Einblicke erfährt, als ein Ausgeschlossener: denn Trakls Erleben geht wie in Spiegelbildern und füllt seinen ganzen Raum, der unbetretbar ist, wie der Raum im Spiegel. 1
Der mit diesen Dichterworten belegte Dichter Georg Trakl selbst überarbeitet wenige Tage oder Stunden vor seinem Tod das Gedicht Traum des Bösen in der Zelle in Krakau. Er schreibt:
Verhallend eines Sterbeglöckchens Klänge - Ein Liebender erwacht in schwarzen Zimmern, Die Wang‘ an Sternen, die am Fenster flimmern 2
Diese Untersuchung will versuchsweise wagen, beide Dichterworte beim Wort zu nehmen und am Beispiel des Gedichts Untergang - dessen Entstehungsprozess in acht Vorstufen und Varianten gut belegt ist - den Raum, den das Traklsche Gedicht konstituiert, als den „Raum im Spiegel“ und damit ineins als die schwarzen Zimmer eines Liebenden durchsichtig, d. h. ein Stück weit betretbar zu machen.
Die 5. Fassung von Untergang mit seiner „kristallharten und -hellen Kälte“ 3 , in der „eine lyrische Stimmung […] einem Beschluß“ 4 , d.h. „einem
1 Rainer Maria Rilke: Briefe aus den Jahren 1914 - 1921. Leipzig: 1938, S. 36f.
2 Georg Trakl: Traum des Bösen; zum dichterischen Gebrauch der Vokabel Fenster in Trakls Gesamtwerk vgl. ausführlich Michael Ebers: Das Fenster-Motiv in Trakls Dichtungen, München: GRIN 2009, ISBN: 978-3-640-46535-4 (E-Book), ISBN: 978-3-640-46243-8 (Buch).
3 Jacques Legrand: Chromatische Variationen über Georg Trakls ‚Untergang‘. In: Untersuchungen zum Brenner. Festschrift für Ignaz Zangerle zum 75. Geburtstag.
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Untergangsgefühl zugeführt“ 5 wird, soll also - gegen den Strich der üblichen Lesarten - als Liebeslyrik ausgewiesen werden.
Ich habe das Gedicht einigen Menschen zu lesen gegeben und erfahren, daß von der Letztfassung eine weit weniger „euphorische Stimmung“ ausgehen soll als von der Erstfassung. Dasselbe behauptet Jacques Legrand, wenn er schreibt, daß Untergang „von Anfang an […] von leuchtenden, ‚frohen‘ Farben gekennzeichnet war“ 6 sich die 3. Fassung als „Wendepunkt des poetischen Vorgangs“ 7 erweise und mit dem dichterischen Prozeß „das ‚Unheimliche‘ [….] verstärkt“ 8 würde; oder Detlev Lüders, der bemerkt, daß in der Schlußwendung der Letztfassung „der Vorgang […] sich der innersten Mitte des Untergangs“ 9 nähere.
Deutungen dieser Art scheinen mir von dem Vorurteil herzurühren, daß eine Dichtung, die Untergang heißt und auf Mitternacht endet, notwendig auf einen vernichtenden Abschluß verweisen müsse.
Daß das aber eben nicht notwendig so sein muß, bezeugen u.a. bereits Goethe
Hrsg. von Walter Methlagl, Eberhard Sauermann, Sigurd Paul Schleichl. Salzburg: 1981, S. 449.
4 Hermann Schreiber: Der Dichter und die Farben. In: Plan. Literatur - Kunst - Kultur. Wien: 1946, S. 276.
5 Ebda.
6 Legrand S. 447.
7 Ebda.
8 a. a. O.
9 Detlev Lüders: Abendmuse. Untergang. Anif. Drei Gedichte von Georg Trakl. In: Wirkendes Wort: deutsches Sprachschaffen in Lehre und Leben. Düsseldorf: 1961, S. 98.
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Die Uhr steht still -
Steht still! Sie schweigt wie Mitternacht. 10
und Friedrich Nietzsche:
„Kommt! Kommt! Es geht gen Mitternacht!“ - und seine Stimme hatte sich verwandelt. 11
Kommt! Kommt! Kommt! Lasst uns jetzo wandeln! Es ist die Stunde: lasst uns in die Nacht wandeln! 12
So mag gefragt werden, ob Trakls Mitternacht nicht als die Hohe Stunde des Heimlichsten zu denken ist, die Zeit, da erwachen alle Lieder der Liebenden 13 - für Nietzsches Zarathustra ist das eine Zeit des Sprechens, da lauter reden alle springenden Brunnen 14 .
Mein Versuch, den Entstehungsprozeß des Gedichts Untergang a l s P r o z e ß in einer t e x t i m m a n e n t e n Lektüre durchsichtig zu machen, wird anzeigen, daß und wie Trakls Mitternacht als eine solche Hohe Stunde Liebender dem aufmerksamen Leser e r s c h e i n e n kann. 15
10 Johann Wolfgang von Goethe: Faust II, V. 11593f.
11 Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. KSA 4. Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. München: 1988, S. 397.
12 Ebda.; man beachte, daß es sich bei Trakls gen Mitternacht um die gleiche Wendung handelt wie bei Nietzsche. Trakls Wortwahl erscheint umso mehr von Nietzsche her motiviert, wenn man bedenkt, daß der erste Versuch wandern gen Mitternacht (vgl. wandeln bei Nietzsche) heißt. Schon der Titel des Gedichts Untergang legt einen Bezug zu Nietzsche (vgl. Also begann Zarathustras Untergang) nahe.
13 Nietzsche S. 136.
14 Ebda.
15 Vgl. Franz Fühmann: Der Sturz des Engels. Erfahrungen mit Dichtung. München: 1985, S. 36.
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2 Zum Material der Untersuchung
Trakls Gedicht Untergang liegt in neun Varianten, die zu fünf Fassungen zusammengefaßt werden können, vor.
Die erste Variante (V1) bildet die erste Fassung (I), V2 und V3 - wie V1, V4, V5, V6 und V8 von Trakls Hand - bilden die zweite Fassung (II), V4 und V5 die dritte Fassung (III), V6 und V7 die vierte (IV) sowie V8 und V9 die Letztfassung (V).
Bei V7 und V9 handelt es sich um Typoskripte Trakls ohne handschriftliche Überarbeitung oder Korrektur.
Das Gedicht in seinen Fassungen und Varianten ist frühestens Ende Januar 1913, und dann noch in Innsbruck begonnen worden. II und III sind für Februar 1913 in Salzburg anzusetzen, IV hat wahrscheinlich am 17. Februar 1913, V mit Sicherheit am 23. Februar 1913 vorgelegen.
Damit fällt die Produktion von Untergang in die Zeit der Fertigstellung des Helian und der ersten beiden Gedichte der Rosenkranzlieder: An meine Schwester und Nähe des Todes.
Der Titel des Gedichts Untergang erscheint nur in den Typoskripten V7 und V9, auf V1 ist er (nachträglich?) mit Bleistift von Trakls Hand vermerkt.
V7 trägt zusätzlich mit schwarzer Tinte die Widmung von Trakls Hand: "seinem lieben Bruder Borromaeus Heinrich statt eines Briefs".
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V wurde am 1. März 1913 in Heft 11 des Brenner erstveröffentlicht.
Die Zeitspanne der Produktion des Gedichts von den ersten Ansätzen bis zur Fertigstellung umfaßt somit wahrscheinlich nur vier, bis zur Veröffentlichung fünf Wochen.
Textgrundlage der Untersuchung ist die von Walther Killy und Hans Szklenar herausgegebene Historisch-kritische Ausgabe von Trakls Dichtungen und Briefen in zwei Bänden. 16 Die Textgrundlage gilt als philologisch gesichert.
16 Georg Trakl: Dichtungen und Briefe. Historisch-kritische Ausgabe. Hrsg. von Walther Killy und Hans Szklenar. 2 Bände. Salzburg: 1969.
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3 Zur Gliederung der Untersuchung und der philologischen Methode
Die vorliegende Untersuchung gliedert sich
a) in einen allgemeinen Teil, in dem ich Aussagen zu Unterschieden und Gemeinsamkeiten im Wortbestand der Fassungen und Varianten machen werde;
b) in einen besonderen Teil, in dem ich nach
ba) der Farbigkeit im Gedicht,
bb) dem Raum im Gedicht
und
bc) der Zeit im Gedicht
fragen werde sowie
c) in eine kurze Diskussion der Forschungslage.
Was die philologische Methode angeht, so habe ich versucht, mir Peter Szondis Erwägungen aus seinem Traktat über philologische Erkenntnis 17 für mein Arbeiten stets gegenwärtig zu halten; insbesondere, insofern
17 Peter Szondi: Traktat über philologische Erkenntnis. In: Hölderlin-Studien. Frankfurt a. M.: 1977, S. 9-34.
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Michael Ebers, 1992, Der Raum im Spiegel - Georg Trakls Gedicht "Untergang" in seinen Fassungen und Varianten, München, GRIN Verlag GmbH
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