Analyse
In der Nachkriegszeit war das Kino ein Zufluchtsort, in dem sich die Menschen von der sie umgebenden Realität erholen konnten und Amerika brauchte eine Form der Propaganda in Europa, um Westeuropa in ihrer Ideologie im Zuge des sich anbahnenden bzw. bald anwesenden „Kalten Krieges“ zu einen. In Hollywood fand Washington das dazu passende Werkzeug und die Filmproduktionsfirmen konnten ihren eigenen Profit aus dem Pakt ziehen. Hollywood lieferte die gewünschte Nordamerika-freundliche Propaganda und Washington öffnete den europäischen Markt, indem es Importquoten für Filme abschaffen ließ oder deren Einführung verhinderte: so z.B. die Reduktion der französischen Importquote von 55% auf 30% als Ergebnis der León Blum und Byrnes Verhandlungen am 28. Mai 1946, oder dass die ISD 2 in Deutschland die Einführung einer Importquote überhaupt verhinderte, oder dass in Italien im Oktober 1945 das Alfieri Gesetz, welches die Regulierung der Einfuhr „fremder“ Filme regelte, abgeschafft wurde. 3 All diese Bestimmungen der Amerikaner wurden im Rahmen der Forderungen nach der Freien Marktwirtschaft formuliert. Das entscheidende Machtmittel in diesen Verhandlungen war die Monroe-Doktrin: Nur wer die Bestimmungen aus Amerika akzeptierte, konnte auch die entsprechenden Geldmittel erwarten. 4 So bildeten Filmindustrie und Regierung eine Art Bündnis, da die Regierung eine Öffnung der europäischen Märkte für die Filme bewirkte und die Filme wiederum eine pro-amerikanische Ideologie erzeugten. Doch wurde die US-amerikanische Regierung auch stark von Hollywood dahingehend unter Druck gesetzt, dass die Interessen der Filmindustrie in Europa durchgesetzt werden. Als z. B. Hollywood deutsche Kinos aufkaufen wollte, hatte die USamerikanische Regierung diesen Bestrebungen zunächst widersprochen, um keine Destabilisierung der Gesellschaftsstruktur zu bewirken. Die ISD sollte nur in der Phase der Entnazifizierung die Kontrolle haben und danach sollte ein unabhängiges, ein „freies“, System existieren. Nichtsdestotrotz konnte die Filmindustrie ihren Willen mit „Gewalt“ durchsetzen, da die Regierung von der Produktion der Propaganda und „Umerziehungsfilme“ abhängig war. 5 Der eigentliche Effekt der Amerikanisierung in Deutschland ging langsam von statten, wurde jedoch durch eine physische Präsenz der USA in Europa und vor allem in Deutschland verstärkt. Militärisch, politisch und wirtschaftlich waren die USA bald für jeden im Alltag wahrzunehmen. Deutschland hatte eine US-amerikanische Besatzungszone, USamerikanische Stützpunkte in den Alliierten Staaten und auch in der globalen Politik spielte
2 Information Services Division of the U.S. Army
3 Wagnleitner, Reinhold, American Cultural Diplomacy, S. 200-203.
4 De Gracia, Victoria, Mass Culture and Sovereignty: The American Challenge to European Cinemas,
1920-1960, in: The Journal of Modern History, Vol. 61, No. 1 , Chicago 1989, S. 80.
5 Wagnleitner, Reinhold, American Cultural Diplomacy, S. 203.
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Amerika als militärische und ökonomische Supermacht eine zunehmend wichtigere Rolle. US-amerikanische Soldaten waren auf den Straßen teilweise präsent, ihre Stützpunkt waren in der US-amerikanischen Besatzungszone ein erheblicher Wirtschaftsfaktor, die USA und ihre politische Pläne für Deutschland waren in den Nachrichten gegenwärtig und die wirtschaftliche Stärke Nordamerikas wirkte verlockend.
Ferner ist das Kino an sich ist eine Art „Tor“ zu einer surrealen Welt, in der alles möglich ist, und die doch einen Bezug zur Wirklichkeit hat. Dies macht Filme zu einem wichtigen Boten für gezielte Meinungen; Man spricht dabei auch von „Infotainment“. 6 Diese potente Mischung und ihren nützlichen Gebrauch hat die amerikanische Regierung im Zweiten Weltkrieg und vor allem in den Nachkriegsjahren erkannt und begonnen einen Pakt mit der USamerikanischen Filmindustrie bzw. Hollywood einzugehen. Kaspar Maase stellt besonders die Surrealität des Kinos heraus. Der Zuschauer kann sich in eine unterhaltende Fiktion begeben und doch wird ihm vom Film respektive dem Regisseur eine bestimmte implizierte Botschaft übermittelt, die er in seinen Alltag mitnimmt. Vor allem, da sich der Zuschauer in der vermeintlichen Situation befindet, dass er „nur“ unterhalten wird, nimmt er diese Botschaften bereitwilliger auf, als wenn er sich einer explizierten Propaganda stellen müsste. 7 Kaspar Maase formuliert Kritik an der gegenwärtigen Gesellschaft, die er der absichtlichen Flucht in die Surrealität bezichtigt, um alles um sich herum zu vergessen. Dies vergleicht er mit dem Augenverschließen der deutschen Bevölkerung im Nationalsozialismus: Der moderne Mensch würde sich nicht den Problemen der Welt stellen, sondern sich von dem Universum der Filme unterhalten und ablenken lassen. 8
Um auf die Macht des „Infotainments“, die von Washington erkannt wurde, zurückzukommen, ist auch die besondere hypnotische Kraft des Kinos zu betrachten. Die physische Atmosphäre des Kinos, ein abgedunkelter Raum und eine schweigende Menge, die gebannt die Botschaft von einem konzentrierten Punkt absorbiert, kreiert diesen sozusagen hypnotischen Effekt. Der Zuschauer nimmt die Botschaften unterbewusst oder direkt wahr und transportiert sie in seinen eigenen Alltag. 9
Inwieweit die Bestrebungen von der Regierung der USA und Hollywood die europäischen und im Besonderen die deutschen Bürgern zu beeinflussen, fruchteten, soll im Folgenden
6 Wagnleitner, Reinhold, American Cultural Diplomacy, The Cinema, and the Cold War in Central
Europe, in: David W. Ellwood, Rob Kroes (Hrsg.), Hollywood in Europe, Experiences of a Cultural
Hegemony, Amsterdam 1994, S. 209.
7 Vgl. erstes Zitat in ebd. S. 196.
8 Vgl. Maase, Kaspar, Grenzenloses Vergnügen, Der Aufstieg der Massenkultur 1850-1970, Frankfurt
am Main 1997, S. 283.
9 Kaes, Anton, German Cultural History and the Study of Film: Ten Theses and a Postscript, in: New
German Critique, No. 65, New York 1995, S. 52.
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dargestellt werden. In der Situation der Nachkriegszeit war man auf der Suche nach einem „heilen“ Alltag. Ruhe und Geborgenheit in der Familie waren Werte die eine enorme Wichtigkeit besaßen. Zwei Sorten von Filmen spielten in Deutschland eine besondere Rolle: Der deutsche Heimatfilm und der deutsche Musikfilm. Filme wie „Schwarzwaldmädel“(1950/51) oder „Die Försterchristel“(1926, 1931, 1952, 1962) waren deutsche Produktionen, 10 die ein Heimatgefühl transportierten und auch den positiven Heimatbezug wieder erzeugen sollten. Außerdem wurde das christlich-konservative Bild der Familie propagiert. 11 Auch US-amerikanische Filme zeigten diese Werte, doch waren diese Filme zu dem Zeitpunkt schwach auf dem deutschen Markt vertreten. Ein Blick in die Auswertung von Garncarz zu den Statistiken der kommerziellen Erfolge von Filmen ab 1950 zeigt, dass US-amerikanische Produktionen bis zu den 70ern einen geringen Anteil an den sehr erfolgreichen Filmen hatten, auch wenn die Quantität der amerikanischen Filme auf dem deutschen Filmmarkt erheblich höher war als die nationalen Produktionen.
Weimarer
Republik
1950er 63.5 % 14.7 %
1980er 20.4 % 65 %
Nach den 70ern gab es dann eine Trendwende, worauf noch einzugehen sein wird. In den 50ern waren vor allem biblische Motive, der sogenannte Sandalenfilm und Kriegsfilme Erfolge aus Amerika, z.B. „Ben Hur“(1960/61).Wie bereits erwähnt setzte der wirkliche Massenkonsum in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts ein. Zu diesem Zeitpunkt war Hollywood schon zu einer bedeutsamen Filmproduktionsstätte mit einem ausgeprägten Sendungsbewusstsein, die eigenen Filme über den Atlantik zu transportieren, geworden. Zusammen mit den US-amerikanischen Streifen kam auch eine konkrete Präsentation des American Way of Life und dessen Rezeption beim europäischen Publikum. 12 Hierbei kam einmal mehr die Besonderheit des Films zum Tragen, nicht nur für ein Massenpublikum produziert zu sein, sondern sich auch als Sprachrohr einer Massenkultur zu gebärden und letztere dabei langsam neu zu erfinden. So war das Kino ein Ort für den Plebs und nicht für
10 Garncarz, Joseph, Hollywood in Germany, The Role of American Films in Germany, 1925-1990, in:
David W. Ellwood, Rob Kroes (Hrsg.), Hollywood in Europe, Experiences of a Cultural Hegemony,
Amsterdam 1994, S. 103.
11 Vgl: Fehrenbach, Heide, Cinema in Democratizing Germany: Reconstructing National Identity after
Hitler, North Carolina (USA) 1995.
12 De Gracia, Victoria, Mass Culture and Sovereignty: The American Challenge to European Cinemas,
1920-1960, in: The Journal of Modern History, Vol. 61, No. 1 , Chicago 1989, S. 53.
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Arbeit zitieren:
Konrad Maas, 2006, Amerikanisierung im Europa der Nachkriegszeit, München, GRIN Verlag GmbH
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