Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Fragestellung Seite 1
2. Biografie Ludwig Erhards Seite 2
3. Adenauer und Erhard Seite 4
4. Die Kanzlerschaft Ludwig Erhards 1963-1966 Seite 5
4.1. Erhards Lavieren zwischen Außen- und Innenpolitik Seite 7
4.2. Erhards Distanz zur politischen Macht Seite 9
4.3. Erhards politisches Ende Seite 12
5. Zusammenfassung und Fazit Seite 13
Anhang
A Literaturverzeichnis Seite 15
1
1. Einleitung und Fragestellung
„Der Beitrag Ludwig Erhards zum Aufbau […] der Bundesrepublik Deutschland war in vieler Hinsicht entscheidend. Mit seinem Namen verbindet sich der wirtschaftliche Aufstieg nach [der] beispiellosen Katastrophe [des Zweiten Weltkrieges]. Nach dem ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer und neben ihm war Erhard der wichtigste Gestalter der jungen Bundesrepublik.“ 1
Was vermittelt diese Aussage? Sie überträgt Erhards Bedeutung für die Bundesrepublik auf sein wirtschaftliches Schaffen und stellt ihn dabei an die Seite Konrad Adenauers. Erhards Weg in die Politik erfolgte über die Wirtschaft. Bereits in der Weimarer Republik trat er in diesem Metier hervor und sollte darin bis in die junge Bundesrepublik hinein brillieren. Doch seine Rolle in den Gründerjahren darf nicht ausschließlich auf dem wirtschaftlichen Gebiet angesiedelt werden. Unterschwellig wird dies auch im einleitenden Zitat vermittelt, in dem Erhard indirekt als Nachfolger Adenauers dargestellt wird. Bei der Betrachtung der Person Ludwig Erhards darf seine Zeit als Bundeskanzler jedoch nicht in einer solchen untergeordneten; nur marginal zu erwähnenden Rolle vermutet werden. Denn obwohl seine Kanzlerschaft nur vom 18. Oktober 1963 bis zum 30. November 1966 andauern sollte, ist sie nicht als unbedeutendes Intermezzo anzusehen. Während seiner Rolle als Wirtschaftsminister und als „Vater des Wirtschaftswunders“ 2 hatte Erhard sich ein Prestige in der deutschen Bevölkerung geschaffen, das ihm seinen Weg in das Kanzleramt ebnete. Umso überraschender erscheint es, dass Erhard offenbar nicht imstande war, sein Amt auf Dauer zu sichern. Dies zeigt bereits die literarische Reflexion zur Person Ludwig Erhards. So bezeichnet ihn Karlheinz Niclauß als „Zwischenkanzler“ 3 , Hermann Schreiber versteht ihn gar als Politikverächter und Johannes Gros glaubt, dass Erhards Charakter gar die Politik verdorben hatte. 4 Sind diese Einschätzungen zutreffend? Kann man Erhards Kanzlerschaft als ein „[…] entbehrliches Accessoire“ 5 bezeichnen? Wenn ja, stellt sich die Frage, wie es dazu kommen konnte. Wie konnte der gemütlich wirkende
1 Zit. nach: LAITENBERGER, Volker: Nationalökonom als Politiker, Seite 7
2 JÄGER, Wolfgang: Parteidemokratie, Seite 23.
3 NICLAUß, Karlheinz: Kanzlerdemokratie, Seite 78.
4 Vgl. Ebd., Seite 98.
5 NOWAK, Paul: Ludwig Erhard, in: Wilhelm von STERNBURG (Hrsg.): Die deutschen Kanzler. Von Bismarck bis Kohl, Frankfurt/Main 1994, Seite 393.
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Erhard, der mit seiner Erscheinung Sympathie im Volk erweckte 6 , nach so kurzer Zeit nur scheitern? Wenn aber seine Regierung nicht nur bundesrepublikanische Dekoration war, wie muss dann sein Regierungsstil gekennzeichnet werden? Und warum scheiterte er?
In den nachfolgenden Ausführungen wird dahingehend die These vertreten, dass Erhards Kanzlerschaft zwar eine folgerichtige Weiterentwicklung war, dass sein politsicher Sturz aber erfolgte, weil äußere - von ihm nicht zu beeinflussende Faktoren - und innere Bedingungen zusammentrafen. Zu Beginn der Ausführungen wird zunächst Erhards biografischer Werdegang dargestellt. Anschließend folgt die Erläuterung der Beziehung zwischen ihm und Konrad Adenauer. Diese Betrachtung scheint unumgänglich, da Erhard sich selbst auf die Fahnen schrieb, das politische Erbe Adenauers in gewissen Belangen weiterführen zu müssen. Im Fokus der Untersuchung steht dann die Analyse der Kanzlerschaft Erhards. Hier sollen dann bestimmte Felder - vornehmlich Innen- und Außenpolitik sowie Erhards „Distanz zur Macht“ 7 - herausgegriffen werden, um seinen politischen Sturz nachvollziehbar darstellen zu können.
2. Biografie Ludwig Erhards
Als Ludwig Erhard am 15. September 1949 zum ersten Wirtschaftsminister der Bundesrepublik Deutschland wurde, konnte niemand absehen, dass aus ihm eine Symbolfigur für den wirtschaftlichen Aufstieg Nachkriegsdeutschlands, ja geschweige denn Bundeskanzler werden würde.
Erhard kam am 4. Februar 1897 im fränkischen Fürth als zweites von insgesamt vier Kindern zur Welt. Seine Eltern, Augusta und Wilhelm, betrieben ein Wäsche- und Ausstattungsgeschäft, das Ludwig einst übernehmen sollte. Doch aufgrund der Folgeerscheinung einer Kinderlähmung und einer Kriegsverletzung während des Ersten Weltkrieges, ließ sein physischer Zustand dies nicht zu. 8 Das Kaufmännische jedoch, mit dem er seit frühster Jugend aufwuchs, prägte ihn stark. Er schlug deshalb die akademische Laufbahn ein: 1922 schloss er in Nürnberg sein Studium zum Betriebswirt ab, erwarb dann 1925 in Frankfurt die Doktorwürde und wurde
6 Vgl. KLEIN, Hans: Ludwig Erhard, Seite 97.
7 OBERREUTER, Heinrich: Führungsschwäche in der Kanzlerdemokratie, Seite 226.
8 Vgl. Ebd., Seite 98 sowie NOWAK, Paul: Ludwig Erhard, Seite 395.
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anschließend in Nürnberg Assistent am „Institut für Wirtschaftsbeobachtung“. Seine Zeit in Frankfurt, unter den Fittichen seines Doktorvaters Franz Oppenheimer, kann hierbei als Grundstein seiner späteren wirtschaftlichen Überzeugungen angesehen werden. Der Soziologe Oppenheimer machte ihn mit dem Prinzip des „Liberalen Sozialismus“ vertraut, aus dem Erhard später seine Idee der „Sozialen Marktwirtschaft“ ableitete. 9 Zwischen 1936 bis 1942 war er hauptsächlich als Marktanalytiker der „Reichsgruppe Industrie“ tätig. Politisch betätigte er sich in jener Zeit nicht. 10 Nach Ende des Krieges kam ihm seine liberale Gesinnung zugute. Von der amerikanischen Militärregierung wurde er zunächst zum bayrischen Wirtschaftsminister berufen. Anschließend wurde er Anfang 1948 zum Wirtschaftsbeauftragten der britisch-amerikanischen Zone. 11 Erhard hatte also bis 1948 den Sprung vom „Außenseiter“ zum Politiker geschafft. In der Rolle des bizonalen Wirtschaftsbeauftragten hatte er keine selbstständige Befugnisgewalt. Den Alliierten oblag die Neustrukturierung Deutschlands - auch im Bereich der Wirtschaft. Mit dieser Situation konnte Erhard sich nicht zufrieden geben. So berichtet John H. Backer von einer interessanten Begebenheit: Am 18. Juni 1948 wurde Erhard zum General Lucius D. Clay zitiert, der ihn über die Einführung einer neuen Währung informieren wollte. Im Vorfeld gab es schon etliche Gerüchte über diesen Schritt der Alliierten, doch man ließ die Deutschen bis auf wenige Stunden vor Bekanntgabe darüber im Unklaren. „Bevor Clay etwas sagen konnte, begann sein Besucher […] zu sprechen. Wenn eine neue Währung eingeführt werden sollte und er als Wirtschaftsdirektor darüber nichts wüßte, dann habe man ihn getäuscht [und er müsse] zurücktreten.“ 12 Wütend verließ Erhard die Unterredung und fuhr - ohne ausdrückliche Erlaubnis der amerikanischen Administration - zum Hessischen Rundfunk. „[Hier] nun griff er zum Mikrofon und gab die Währungsreform bekannt, als erfolge sie auf seine Veranlassung.“ 13 Diese Initiative verschaffte Erhard ein enormes Ansehen in der deutschen Bevölkerung. Noch bevor die westlichen Besatzungszonen zur Bundesrepublik Deutschland umgeformt wurden, schaffte es Erhard den Deutschen das Gefühl von Souveränität und Eigenverantwortung zu vermitteln. Dies mag auch Konrad Adenauer dazu bewogen
9 Vgl. NOWAK, Paul: Ludwig Erhard, Seite 395.
10 Vgl. NICLAUß, Karlheinz: Kanzlerdemokratie, Seite 74.
11 Vgl. Ebd., Seite 75.
12 Zit. nach: NOWAK, Paul: Ludwig Erhard, Seite 396.
13 Zit. nach: Ebd., Seite 397.
Arbeit zitieren:
Daniel Meyer, 2009, Warum scheiterte die Regierung Ludwig Erhard?, München, GRIN Verlag GmbH
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