Frankreich : Die Emanzipierung der Provinzstädte und deren Images Nico BEUSTER
Gliederung
Einleitung. 3
1. Stadtsystem Frankreichs. 4
1.1 Anfang und Zentralisierung. 4
1.2 Dezentralisierung und Gleichgewichtsstädte. 5
2. Stadtimages nach einer Analyse von Le Point (2005) 8
2.1 Methodologie. 9
2.2 Auswertung. 10
3. Ausgewählte Städte. 14
3.1 Marseille - Schwieriger Imagewandel. 14
3.2 Nantes - Die bretonische Renaissance 17
3.3 Toulouse - Boomtown mit Höhenflug 19
4. Zusammenfassung. 21
Bibliographie. 23
2
Frankreich: Die Emanzipierung der Provinzstädte und deren Images Nico BEUSTER
„Jeder Freiheitsliebende hat zwei Vaterländer, sein eigenes und Frankreich“
Thomas JEFFERSON
Einleitung
Die Stadtsysteme der verschiedenen Staaten Europas und der Welt unterscheiden sich bekanntermaßen. Sich mit ihnen eingehenden zu beschäftigen, sich genauer an zu schauen, wie „es woanders funktioniert“, ist von gewisser Anziehungskraft. Was ist anders, was ist gleich? Innerhalb Europas lassen sich schon zig Verschiedenheiten feststellen, die entweder historisch gewachsen oder auch zum Teil politisch gewollt waren und sind. Aus deutscher Sicht hat Frankreich schon seit je her ein besonderes Interesse erweckt. Die nicht immer einfache Nachbarschaft der beiden Länder trägt dazu bei.
Bis in die frühen siebziger Jahre beschrieb das auf J.-F. GRAVIERs fußende Schlagwort „Paris und die französische Wüste“ relativ gut den Alltag und den Zustand von französischen Städten der Provinz. Doch allmählich sollte sich der zentralistische Einfluss der übermächtigen Kapitale Paris schmälern. An den von François MITTERAND eingeleiteten Reformen zur Dezentralisierung der Republik war schon Charles DE GAULLE politisch gescheitert. Dieser nicht allzu leichte Prozess gab auch den Städten die Chance aus ihrer Lethargie zu erwachen. So erlebten die Städte der Provinz (métropoles de province) eine neuerliche Renaissance. Wer einstmals von außen auf Frankreich schaute und dessen Städte dachte, dem viel nicht viel ein, außer natürlich Paris (nach wie vor die Touristendestination Nummer 1, für ein ganzes Land imagebildend) und einige Städte des mediterranen Südens. Doch mittlerweile hat sich einiges geändert.
In der vorliegenden Arbeit sollen die Grundzüge und Eigenarten des französischen Stadtsystems näher beleuchtet werden. Beginnend mit einer historischen Einführung zu den Entwicklungen des Stadtsystems und den Reformen zur Dezentralisierung, werden anschließend, anhand eines Städterankings der Zeitschrift Le Point von 2005 die Images der größten Städte Frankreichs näher betrachtet. Abschließend wird das Augenmerk auf drei große Städte (Marseille, Nantes und Toulouse) gerichtet und deren neuerliche Entwicklung eingehender analysiert. Auf die bekanntermaßen
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besondere Rolle der Hauptstadt und deren Agglomeration wird nur bei Bedarf bedingt eingegangen.
Inwiefern sich die oftmals sinnbildlich erwähnte exception française, die nahezu schon obligatorische Ausnahme von allem und jedem, auch in bezug auf Stadtimages gilt, soll in der nachfolgenden Abhandlung untersucht werden. Paris erstickte über Jahrzehnte jegliche Ideen und Initiativen in den Provinzstädten. Alle Wege führten in die Hauptstadt und die wenigsten führten zurück. Welchen Stellenwert nehmen in diesem Kontext heutzutage die métroploes de province ein?
1. Stadtsystem Frankreichs
1.1 Anfang und Zentralisierung
Kaum ein Stadtsystem Europas unterscheidet sich stark von den anderen als das Gefüge der Städte in Frankreich. So entwickelte sich bereits in prähistorischer Zeit ein Stadtsystem, dass sich dann sukzessive verdichtete. Insbesondere durch intensiven Handel und Handwerk gestützt, entwickelte sich die Struktur im Mittelalter weiter, aber ermöglichte auch Stadtneugründungen, wie in anderen Ländern Europas. A. PLETSCH sieht in der Kontinuität des Standortes, also die Weiterentwicklung der städtischen Siedlungen aus frühesten Wurzeln, als eines der prägenden Besonderheiten des französischen Stadtsystems 1 . Vor der Revolution von 1789 war Frankreich ein eher heterogenes Gebilde, in dem die Provinzen eine Reihe von administrativen Sonderrechten innehatten 2 . Der postrevolutionäre (moderne) Zentralstaat, der unter Napoleon seinen Höhepunkt erreichte, war dann nur möglich, indem die Geschicke des Territoriums von einer Entscheidungszentrale (Paris) gelenkt werden. Ein homogener Raum ohne viele Eigenarten, war die Vorraussetzung die Bestimmungen und Informationen reibungslos in die entlegensten Räume zu übermitteln. Das Entstehen der Departements im Jahre 1790 stärkte den Zentralismus und begünstigte die
1 PLETSCH, Alfred, 2003, S. 127
2 vgl. LÜSEBRINK, Hans-Jürgen, 2000, S. 13
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Entwicklung zahlreicher Mittelstädte und kleinerer Großstädte, mit jeweils geringem Wirtschaftspotential 3 . Hierbei handelte es sich fast ausschließlich um Präfekturen (chef-lieu), also um die Departementshauptorte. Diese Orte stellen im übrigen immer noch ein herausragendes Merkmal für Frankreichs Städtenetz dar. Dementsprechend gab es unter dem straff organisierten zentralistischen Verwaltungssystem nur geringe Entfaltungsmöglichkeiten für die Städte des Landes. Die vormals möglich gewesenen eigenständigen Entwicklungen der Provinzstädte, stagnierten aber spätestens zum Beginn des Industriezeitalters. Aus ehemals aktiven Zentren wurden dahinvegetierende Flecken 4 . Der Niedergang der Provinzstädte aufgrund des Zentralismus führte auch zur Stagnation bzw. zum Verlust der dortigen Bevölkerung. Die Durchsetzung der zentralistisch-einheitlichen Strukturen ging einher mit einer parallelen flächendeckenden Schwächung und Zersplitterung des Raumes 5 . Vor allem die Städte des Pariser Beckens wurden stark in ihrer Entwicklung gebremst. „Paris saugte aus der Provinz die Substanz.“ 6 Die Städte in der französischen Provinz verweilten bis weit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in einer Lethargie.
1.2 Dezentralisierung und Gleichgewichtsstädte
Die unter Präsident François MITTERAND im Jahre 1982 verabschiedeten Dezentralisierungsgesetze brechen erstmals mit der für Frankreich so charakteristischen Dominanz der zentralstaatlichen Verwaltungsorganisation. Deren Beginn und Idee reicht bis in die 1950er Jahre zurück. Auf diese zum Teil sehr komplexe Verwirklichung soll hier nicht weiter eingegangen werden. Grundgedanke war es, das Gewicht der regionalen Metropolen zu stärken und ihnen mehr Kompetenzen zu übertragen. Die 26 Regionen (22 im Mutterland und Korsika, vier in Übersee) erhielten erstmals autonome Entscheidungsbefugnisse und hierfür erforderliche Finanzmittel. In erster Linie betraf das die Raumordnung, den Wohnungsbau, den Verkehr, das Bildungswesen, die Umwelt sowie die Kultur 7 .
3 LÜSEBRINK, Hans-Jürgen, 2000, S. 13
4 vgl. PLETSCH, Alfred, 2003, S. 151
5 vgl. AUPHAN, Etienne; BRÜCHER, Wolfgang, 2005, S. 6
6 AUPHAN, Etienne; BRÜCHER, Wolfgang, 2005, S. 6
7 vgl. LÜSEBRINK, Hans-Jürgen, 2000, S. 85
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Das urbane System Frankreichs war lange Zeit von Paris und der Region Ile-de-France dominiert. Die übermächtige Hauptstadt hielt jegliches Wachstum der Provinzstädte regelrecht nieder. In zahlreichen Publikationen wurde dieses Thema kontrovers diskutiert. Diese Werke haben eines gemeinsam. Sie weisen eingehend auf die negativen wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen des Zentralismus in Frankreich hin. „Paris, chance ou malheur de la France ?“ (Paris - Glück oder Unglück Frankreichs?) fragte der französische Geograph J. BEAUJEU-GARNIER in den 1960er Jahren und stellte sich damit in eine Reihe von Menschen, die das GRAVIER-Werk „Paris et le désert français“ hinterfragten. Viele sahen in der Schwächung der Hauptstadt den einzigen Ausweg, den Rest des Landes angemessen zu entwickeln. Andere sahen in der Entwicklung der Hauptstadtregion eine nicht unvermeidbare, aber unerlässliche Aufgabe, um Frankreichs Platz in einem vereinten Europas zu behaupten. 8
Zu Beginn der 1960er entwarfen die Geographen J. HAUTREUX und M. ROCHEFORT ein seither oft modifiziertes und aktualisiertes Bild des französischen Städtesystems, der armature urbaine (Abb. 2). Anhand des Tertiärisierungsgrades des Handels, des öffentlichen und kulturellen Sektors ergaben sich sechs Hierarchiestufen (Abb. 1). 9
Abb. 1: Hierarchiestufen (eigene Abbildung nach PLETSCH, Alfred, 2003, S. 158)
8 vgl. MARCONIS, Robert, 2002, S. 4
9 PLETSCH, Alfred, 2003, S. 158
Arbeit zitieren:
Dipl.-Geogr. Nico Beuster, 2006, Frankreich: Die Emanzipierung der Provinzstädte und deren Images, München, GRIN Verlag GmbH
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