1 Einleitung
1.1 Das Problem
Die Sprache ist ein zentraler Bestandteil der Integration von Migranten in die Aufnahmegesellschaft. (Esser 2006, S. 7)
Für Migranten ist der Erwerb der Sprache ihres neuen Heimatlandes eine unabdingbare Voraussetzung, da sie erst mit ihr die Möglichkeit haben, sich in die Gesellschaft zu integrieren und ihre Rechte zu nutzen.
Für Kinder mit Migrationshintergrund, die in Deutschland geboren sind und zur Schule gehen, ist es wichtig, dass in der Schule auf ihr besonderes Bedürfnis, nämlich das der Förderung ihres Zweitspracherwerbs, eingegangen wird. Besonders in Schulen mit einem hohen Migrationsanteil ist die Frage nach dem Umgang mit dem Zweitspracherwerb der Schüler essentiell. In deutschen Schulen lassen sich zahlreiche Konzepte finden, die den Unterricht Deutsch als Zweitsprache gestalten.
Über das Verhältnis des Gebrauchs von Muttersprache und Zweitsprache der Schüler scheint es jedoch auf deutschen Schulhöfen keine Einigkeit zu geben. So gab es vor einigen Jahren eine von den Medien vorangetriebene Debatte über die Deutschpflicht an Berliner Schulen, die eine Schuldirektorin für ihre Weddinger Schule durchsetzte (Lau 2006). Die vielen kritischen Stimmen ließen vor allem Zweifel an der Toleranz gegenüber Schülern mit Migrationshintergrund und ihrer Kultur verlauten. Aus Sicht der
Zweitspracherwerbsforschung gibt es jedoch bisher kaum Studien, die dieses Konzept auf seine Wirksamkeit hinsichtlich eines verbesserten Zweitspracherwerbs untersuchen. Intuitive Argumente, die für eine Deutschpflicht in den entsprechenden Schulen angeführt werden können, sind vor allem, dass viele Schüler mit Migrationshintergrund in ihrer familiären Umgebung kein deutsches Sprachumfeld vorfinden. Da dies ihnen allerdings den Zugang zu ihrer Zweitsprache, in diesem Falle Deutsch, erleichtern würde, muss die Schule für ein homogenes Sprachumfeld sorgen, denn durch erhöhte Sprachpraxis wird die Sprachkompetenz gesteigert. (o.A. 2007).
Andere Schulen, wie etwa eine Modellschule in Hamburg oder auch die Jens-Nydahl-Schule in Berlin, versuchen das Problem des Spracherwerbs auf andere Art und Weise anzugehen. Es handelt sich hierbei um Schulen, die ihre Schüler zweisprachig alphabetisieren und den Unterricht sowohl in deutscher als auch in türkischer Sprache führen. Die Argumente, die
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hinter diesem Konzept stehen, sind vor allem, dass Kinder mit Migrationshintergrund den „Zugang zur Welt“ am besten in ihrer Muttersprache haben. Doch auch dieses Konzept konnte durch Studien bislang nicht belegt werden (Spiewak 2006). Forscher argumentieren, dass viele Schüler weder in ihrer Muttersprache, noch in ihrer Zweitsprache sicher sind, was sich negativ auf ihr Selbstbewusstsein und ihre Entwicklung auswirkt. Um dem zu entgehen, muss die Muttersprache gefördert werden (Eder 2007).
Die grundlegende Frage für die Zweitspracherwerbsforschung, die sich aus diesen kontroversen Diskussionen um die verschiedenen Schulkonzepte ergibt, ist vor allem die nach dem Einfluss der Muttersprache auf den Zweitspracherwerb.
1.2 Ziel der Arbeit
Um das Thema Zweitspracherwerb für diese Arbeit fassbar zu machen, ist der Schwerpunkt auf die drei sogenannten „großen“ Hypothesen gesetzt (Bausch/Kasper 1979, S. 4). Zunächst folgt ein Überblick über das Thema Zweitspracherwerb. Anschließend werden die drei Theorien dargestellt und kritisch untersucht. Der Arbeit geht die These voran, dass die drei großen Theorien, die die Erforschung des Zweitspracherwerbs seit den 1950er Jahren dominieren, hilfreiche Beiträge zum Verständnis des Zweitspracherwerbs liefern. Dennoch können sie keine ultimative Erklärung dieses komplexen Prozesses bieten. Die aus ihnen gewonnen Erkenntnisse sind Grundlage zahlreicher Studien und weiterführender Theorien. Somit stellen die großen Hypothesen einen wichtigen Baustein in der Zweitspracherwerbsforschung dar. Aus ihnen können pädagogische Ansätze abgeleitet werden, die mit der anhaltenden Forschung immer auf dem neusten Stand gehalten werden müssen.
2 Zweitspracherwerb
2.1 Überblick
Der Begriff Zweitspracherwerb bezeichnet den Erwerb einer Sprache, der nach oder mit dem Erst-, bzw. Mutterspracherwerb erfolgt. Zudem kann zwischen gesteuertem und ungesteuertem Zweitspracherwerb differenziert werden, was für diese Arbeit jedoch nicht weiter relevant sein soll. Es soll sich hier speziell um Lerner handeln, die durch ihren familiären Hintergrund bereits eine Muttersprache erlernt haben, welche sich allerdings nicht
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mit der Sprache des Landes, in dem sie aufwachsen, deckt. Somit erlernen sie ihre Zweitsprache sowohl gesteuert (in der Schule) als auch ungesteuert (im Umgang mit Gleichaltrigen, etc.).
Die systematische Erforschung des Zweitspracherwerbs setzte erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein und wird bis heute von drei großen Hypothesen geprägt, die Gegenstand dieser Arbeit sein werden. Hierbei handelt es sich um die Kontrastivhypothese (Robert Lado), die Identitätshypothese (Heidi Dulay und Marina Burt) und die Interlanguage-Hypothese (Lary Selinker). (Merten 1997, S. 65).
Die drei Hypothesen bauen sowohl zeitlich, als auch inhaltlich aufeinander auf. Keine der Hypothesen kann eine universelle Theorie bieten, durch die der Zweitspracherwerb vollständig erklärt werden kann. Zur Zeit ihrer Entstehung, lag ihnen kaum reale Feldforschung zugrunde, vielmehr wurden sie anhand künstlich angelegter Experimente entwickelt. Viele Erkenntnisse wurden auch aus der Erstspracherwerbsforschung übernommen, wobei es zwischen diesen beiden Spracherwerbsformen enorme Unterschiede gibt (Merten 1997, S. 72). Es gilt als erwiesen, dass sich der Mensch durch den Erwerb seiner Erstsprache eine soziale und kulturelle Identität zulegt. Der Erwerb einer zweiten Sprache baut lediglich auf diese Identität auf, es sei denn, es handelt sich um bilingual aufwachsende Kinder. (Merten 1997, S. 66).
Das Verhältnis, welches zwischen der Muttersprache und der Zweitsprache eines Lerners besteht, ist also ein zentraler Aspekt in der Erforschung des Zweitspracherwerbs und spielt auch in den drei großen Theorien eine wesentliche Rolle. Vor allem Merten untersucht die grundlegenden Theorien des Zweitspracherwerbs hinsichtlich der Frage, ob der Erstspracherwerb für den Zweitspracherwerb von Relevanz ist (Merten 1997, S. 72). Dieser Aspekt wird auch für diese Arbeit von zentraler Bedeutung sein, da über den Einfluss der Muttersprache auf die Zweitsprache zwei gegenläufig Meinungen vertreten werden. Zum einen gehen Forscher davon aus, dass eine wachsende Kenntnis der Muttersprache positiv mit dem Erlernen der zweiten Sprache korreliert. Diese Position vertritt vor allem James Cummins mit seiner Interdependenzhypothese (Esser 2006, S. 62). Eine Konsequenz dieses Ansatzes wäre demnach, die Muttersprache des Zweitspracherwerbers weiterhin zu fördern, etwa durch Sprachunterricht oder auch durch Interaktion im Familien- oder Freundeskreis, weil der Umgang mit der Muttersprache einen positiven Effekt auf die Zweitsprache hat. (Esser 2006, S. 66). Da diese Theorie jedoch bisher empirisch nicht ausreichend nachgewiesen werden konnte, wird andererseits die Position vertreten, dass der Zweitspracherwerb weitestgehend unabhängig von der Kenntnis der Muttersprache verläuft
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Arbeit zitieren:
2008, Das Verhältnis von Erst- und Zweitsprache in drei grundlegenden Theorien des Zweitspracherwerbs, München, GRIN Verlag GmbH
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DOI
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