1 Einleitung und Überblick
Das Kunstwerk Die Anbetung der Hirten (Abb.1) des altniederländischen Malers Hugo van der Goes entstand um 1480 im Rode Kloster bei Brüssel, etwa zwei Jahre vor seinem Tod. Das Œuvre des Hugo van der Goes umfasst zahlreiche Gemälde zur Darstellung der Geburt Christi und besonders seine Auftragsarbeiten zum Portinari-Altar 1476-78 (Abb. 2) und zum Monforte-Altar um 1470 (Abb. 3) machten ihn bereits zu Lebzeiten zu einem angesehenen Maler. 1 Die Anbetung der Hirten, eines seiner letzten Werke, reiht sich zwar thematisch in Hugos Œuvre ein, hebt sich jedoch vor allem durch die Farbgebung und veränderte Personendarstellungen von Hugos vorherigen Gemälden ab. Dies wird besonders im Kontext der Mittelbilder der beiden Altäre deutlich. Nach eingehender Analyse und Interpretation der Anbetung der Hirten bietet es sich für diese Arbeit somit an, einen knappen Vergleich zu diesen Gemälden des Hugo van der Goes anzuschließen, um die Besonderheiten der Anbetung der Hirten im Kontext von Hugos Œuvre herauszustellen. Hierbei sollen besonders die Fragen nach der ungewöhnlich matten Farbgestaltung und der Darstellung des Christuskindes, der Maria und den Hirten im Blickfeld stehen.
2 Nähere Betrachtung des Gemäldes Die Anbetung der Hirten 1480
2.1 Bildbeschreibung
Das Gemälde ist mit Öl auf Eichenholz gemalt und die Maße ergeben mit 97 x 245 cm ein ungewöhnliches Breitformat. Daher wurden in der Forschungsliteratur verschiedene Mutmaßungen über dessen Funktion angestellt. Colin Eisler geht davon aus, dass es sich um ein Tafelbild unter dem Altar handelt. 2 Friedrich Winkler ist dahingegen der Auffassung, dass es vom Format her zwar an eine Predella, also ein Bild unter dem Altarbild, erinnert, allerdings keine Vergleichstücke vorliegen, da die Altäre in der altniederländischen Malerei vermutlich keine Predellen hatten. 3 Trotz des außergewöhnlichen Formats ist die Tafel durch Hugos gelungene Komposition gut genutzt. Der Aufbau wirkt systematisch und ausgeglichen. 4 Mit seiner Darstellung der Geburt Chrisi hält Hugo sich eng an die biblische
1 Vgl. Eisler, Colin: Meisterwerke in Berlin. Die Gemälde vom Mittelalter zur Moderne, Köln 1996. S. 79.
2 Vgl. Eisler 1996. S. 79.
3 Vgl. Winkler, Friedrich: Das Werk des Hugo van der Goes, Berlin 1964. S. 60.
4 Vgl. Winkler 1964. S. 60.
1
Überlieferung. Das Geschehen findet in einem gemauerten Stall statt, den der Betrachter offen und frontal überblicken kann. Im Zentrum des Bildgeschehens liegt Jesus in der Krippe, umgeben von Maria und Joseph. Um sie herum befinden sich zehn Engel, sowie Esel und Ochse. Von links laufen hastig Hirten in den Stall. Am rechten und linken unteren Bildrand halten zwei Propheten einen grünen Vorhang zurück und enthüllen somit das Geschehen für den Betrachter. Die Fensteröffnungen des Stalls ermöglichen es, das dahinterliegende Feld mit der Verkündung an die Hirten 5 und die kleine Stadt zu sehen. Das Gemälde gewinnt dadurch an enormer Tiefe.
2.2 Analyse und Interpretation
Im folgenden Abschnitt soll das Gemälde genauer betrachtet werden, um Besonderheiten und Entwicklungen innerhalb des Werkes und im Vergleich zu vorherigen Werken des Hugo van der Goes aufzeigen zu können. Die Komposition des Gemäldes führt den Blick des Betrachters kreisförmig von Maria, Jesus und Joseph über die vielen Engelsköpfe hin zu den Hirten, dann zu den beiden Propheten und schlussendlich zur Verkündung der Hirten hinter dem Stall. Das Zentrum des Bildes wird von Maria, Joseph und Jesus dominiert. Maria ist frontal zu sehen, ihr Gewand ist breit und ausladend und ihre Gesichtszüge sanft und lieblich. 6 Ihre Körperhaltung, die weichen Falten ihres Gewands und die Haltung ihrer Hände strahlen eine heilige Ruhe aus, welche durch den von ihr ausgehenden Lichtschein untermalt wird. Sie erscheint reifer, sicherer und gewissermaßen vollkommener als in den Darstellungen im Monforte-Altar und im Portinari-Altar. Während sich Maria in der Anbetung der Hirten farblich in die Reihe der Engel einfügt, kniet die ruhige und ehrfurchtsvolle Figur des Joseph ihr gegenüber im Schatten. Er scheint entgegen der biblischen Überlieferungen relativ jung, was auch im Vergleich zu den beiden Altären auffällt, da Joseph dort dem Betrachter als grauhaariger, bärtiger Mann begegnet.
Das Christuskind ist in diesem Gemälde besonders dünn und zart dargestellt. Durch seine schiefe Lage und seine Nacktheit wirkt es angreifbar und verletzlich. Im Vergleich zur Darstellung des Jesuskindes in der Anbetung der Könige (vgl. Abb. 3) wird diese Tatsache besonders deutlich. Während das Kind hier von Maria gehalten
5 Vgl. Gemäldegalerie Berlin : Katalog der ausgestellten Gemälde des 13.-18. Jh. Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin 1975. S. 177.
6 Vgl. Winkler 1964. S. 61.
2
wird und durch seine propere Figur viel kindlicher wirkt, liegt das Jesuskind in der Anbetung der Hirten allein und schutzlos auf der Krippe. Dadurch wirkt es weniger kindlich und seine dünne Figur erinnert bereits an den erwachsenen Jesus. Colin Eisler merkt an, dass Jesus mit den ausgestreckten Armen und mit den übereinanderliegenden Füßen eine Haltung einnimmt, die an seine Kreuzigung erinnert. 7
Die Engel neben der Krippe sind nur halb so groß wie die restlichen Figuren. Ihr Aussehen ist „anmutig und vollwangig“ 8 , was laut Winkler eine Neuerung in Hugos Bildern darstellt. So hatten die Engel im Portinari-Altar noch herbe, kantige Gesichter und wirkten erwachsener. 9 Zudem haben sie in der Anbetung der Hirten vielfältige individuelle Attribute, wie etwa die unterschiedlichen Flügel mit Pfauenfedern und die farbigen Gewänder.
Eine weitere Neuerung in Hugos Werk ist die Darstellung der hereineilenden Hirten, die halb fallend, halb kniend in den Raum hasten. Sie stellen einen enormen Kontrast zur Ruhe der anderen Figuren dar und sind für den Betrachter Eindringlinge in die heilige Atmosphäre. Die beiden Hirten scheinen in Ehrfurcht in ihrer Position erstarrt zu sein und dennoch drücken sie eine große Dynamik aus. Unter den Armen tragen sie noch ihre Arbeitswerkzeuge, was die große Eile und Aufregung unterstreicht. Ihre Gesichtszüge sind markant und bei weitem nicht so fein wie die von Joseph, der Engel oder gar Maria. Auch ihre Kleidung ist sowohl farblich als auch stofflich nicht so prachtvoll, wie die der anderen Figuren. Der Kontrast zwischen den gewöhnlichen Hirten und den heiligen Figuren im Zentrum des Bildes ist also bis ins kleinste Detail ausgearbeitet. 10
Vor einer Mauer am unteren Bildrand, die mit feinen Gräsern bewachsen ist, stehen zwei große Propheten, die als Halbfiguren dargestellt sind. Sie enthüllen das Gemälde und locken den Betrachter in das Geschehen. So sieht der rechte Prophet als einzige Figur im Gemälde den Betrachter direkt an und adressiert ihn durch seine offene, deutende Haltung der rechten Hand. Beide Propheten sind in prachtvolle Gewänder gekleidet, die durch ihre pastos aufgetragene Farbe fast plastisch hervorstehen. Die feinen Muster und der realistische Faltenwurf der Gewänder lässt die Propheten noch lebendiger erscheinen und nicht zuletzt durch ihre Größe
7 Vgl. Eisler 1996. S. 79.
8 Winkler 1964. S. 61.
9 Vgl. Winkler 1964. S. 61.
10 Vgl. Winkler 1964. S. 61.
3
Arbeit zitieren:
2009, Die "Anbetung der Hirten" des Hugo van der Goes, München, GRIN Verlag GmbH
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