Michel Beger
Von der Unwahrheit der Wahrheit
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 01
2. Zwischen Wahrheit und Unwahrheit 01
2.1 Was ist Wahrheit? Was ist Unwahrheit? 01
2.2 Bedeutung einer „Theorie der Wahrheit“ 02
3. Die wissenschaftliche Frage nach der Wahrheit 04
3.1 Platon und Aristoteles: Anfänge der Suche nach der Wahrheit 04
3.2 Die Korrespondenztheorie der Wahrheit 05
3.3 Die Kohärenztheorie der Wahrheit 08
3.4 Summa Summarum 10
4. Fazit 11
Literaturverzeichnis 12
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Michel Beger
Von der Unwahrheit der Wahrheit
1. Einleitung
Um den Einstieg in die theoretische Abhandlung dieser Arbeit zu finden, möchte ich zunächst ein Zitat des deutschen Autors Wolfgang Borchert anbringen, der in seiner Erzählung „Draußen vor der Tür“ folgendes niederschreibt: „Mit der Wahrheit ist es wie mit einer stadtbekannten Hure. Jeder kennt sie, aber es ist peinlich, wenn man ihr auf der Straße begegnet.“ (Borchert, 1956, S.33)
Bei einem ersten Blick auf dieses Zitat, wird man sich ein Lächeln kaum verkneifen können, doch beim nochmaligen Lesen sieht man dann spätestens, dass es darin nicht um jemanden geht, der in der ganzen Stadt bekannt ist, sondern um ein Gebilde mit dem Namen „Wahrheit“. Wenn man diese einmal bildhaft darstellen will, kann man sie mit einem Bahnhof vergleichen. Dabei ist dieser Bahnhof aber keine normale Haltestelle, sondern vielmehr eine Endstelle. Man kann zu ihr hinfahren, aber nur in entgegen gesetzter Richtung auch wieder weg fahren und sie nicht als Zwischenstation auf der Weiterreise nutzen.
Im Folgenden werde ich untersuchen, inwieweit man von Wahrheit spricht, wenn man über die Wahrheit spricht. Es gilt also herauszufinden, wie viel Wahres in der Wahrheit steckt, zu prüfen, woraus diese entsteht und warum es oft unangenehm ist sie zu kennen.
Dazu werde ich zunächst allgemein aufzeigen, worum es sich bei der Wahrheit handelt, um anschließend im Schwerpunkt auf wissenschaftliche Theorien eingehen zu können. Diese Arbeit soll keine komplette Darlegung wissenschaftlicher Wahrheitstheorien sein, sondern sich mit den Hauptthemen beschäftigen, die grundlegend für dieses Feld der Wissenschaft sind.
2. Zwischen Wahrheit und Unwahrheit
2.1 Was ist Wahrheit? Was ist Unwahrheit?
Es gibt viele verschiedene Charaktere, doch lügen tut jeder und das auch noch sehr oft am Tag. Häufig lügen wir ohne es zu wissen, weil es vielleicht schon zur Gewohnheit geworden ist. In manchen Momenten kann man gar nicht anders: man will Unannehmlichkeiten aus dem Weg gehen oder sich durch Vortäuschen falscher Tatsachen größer machen als man ist. Und doch würde jeder von uns behaupten, dass er ein ehrlicher Mensch ist. Paradox ohnegleichen, denn der Mensch will die Wahrheit wissen, er will sie kennen und verschlingen und ist dennoch oft nicht in der Lage selbst die Wahrheit zu sagen.
In der Natur tendiert alles zu einem Zustand, der für ihn am angenehmsten ist und der am wenigsten Energie verbraucht. Dieser Zustand ist derjenige, in dem keinerlei Ordnung herrscht, denn Ordnung braucht Energie, um bestehen zu können. Ein Beispiel dafür kommt aus der Chemie: Wasser gefriert bei 0°C und siedet bei 100°C. Wenn man dabei die Energien vergleicht, findet man heraus, dass beim Gefrieren sehr viel Energie gebraucht wird, um die vielen, kleinen Wassermoleküle in
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einer Gesamtheit zusammenzuhalten. Diesen Zustand nennt man „Eis“. Schauen wir uns dahingehend einmal das andere Extrem an. Wenn man Wasser siedet, dann entsteht Wasserdampf. Dabei sind die Moleküle frei und können fast ungehindert ihren Weg „gehen“. Es gibt in diesem Fall keine Gesamtheit, die die einzelnen Teilchen zusammenhält, das heißt es gibt keine Energie, welche dafür sorgen würde, dass die Wassermoleküle starr an einem Ort bleiben, obgleich sehr viel Energie frei wird, was jeder, der schon einmal einen heißen Topf ohne Topfhandschuhe angefasst hat, nachvollziehen kann.
Diese beiden Zustände sind jeder für sich ein System. Eis ist dabei ein sehr geschlossenes System, in das andere Teilchen nur schwer eindringen können. Der Wasserdampf dagegen scheint viel offener zu sein, was ermöglicht, dass auch andere Teilchen in dieses „System“ aufgenommen werden können. Wir halten also fest: der Zustand der Ordnung ist ein geschlossenes System; der der Unordnung eher ein offenes System.
Kehren wir nun zum Menschen zurück. Wie die Natur zur Unordnung strebt, so neigt auch der Mensch als Teil der Natur dazu, sich und seine Umgebung unordentlich zu gestalten. Ob es nun die natürliche Verfettung seines Körpers ist oder aber der nicht aufgeräumte Schreibtisch, er wählt stets den für ihn angenehmsten Zustand. Und dieser hat für ihn selten etwas mit Wahrheit zu tun.
„Wahrheit“ ist demzufolge ein System der Ordnung mit viel Energie, meist positiver, und einem hohen gesellschaftlichen „Status quo“. „Lüge“ ist dagegen ein System der Unordnung, für das sehr wenig Energie gebraucht wird, dabei aber einiges an Energie frei wird. Ein Lügner vegetiert geradezu vor sich hin, ohne dabei auch nur einen Hauch an Energie für seine Umwelt und seine ihn umgebende Gesellschaft zu verschwenden. Martin Luther sagte einmal: „Eine Lüge ist wie ein Schneeball; je länger man ihn wälzt, je größer wird er.“(www.zita.de) Die Energie, die eine Lüge abgibt, erzeugt neue Lügen um schlussendlich in einem Wirrwarr von Un- und Halbwahrheiten zu enden.
Begeben wir uns auf den Pfad der Wahrheit, wird dieser mit ansteigendem Weg immer schmaler. Jeder glaubt zu wissen, was wahr und was unwahr, was richtig und was falsch, was gut und was schlecht ist. Doch steckt darin ein gehöriges Maß an Subjektivität, Selbstdarstellung und Hochmut. Kann man also überhaupt sagen was „Wahrheit“ bedeutet, oder steckt dahinter ein Begriff, der undefinierbar scheint? Philosophen aller Epochen haben sich mit dem Wahrheitsbegriff beschäftigt und entwickelten eine Vielzahl von Theorien, welche versuchen den Wahrheitsbegriff zu erklären. Der folgende Abschnitt soll deutlich machen, welche Bedeutung diesen Denkweisen zuzuschreiben ist und wie sich der Begriff „Theorie“ zu anderen Wissenschaften verhält.
2.2 Bedeutung einer „Theorie der Wahrheit“
Bevor man sich dem Erforschen und Deuten der Wahrheit hingeben kann, muss doch zunächst einmal geklärt werden, was man unter eine Theorie versteht, welche die Wahrheit erklären soll.
Im Allgemeinen bezeichnet eine Theorie das systematische Beobachten und Erklären der Realität. Durch diese verschafft sich die Wissenschaft Erkenntnisse, die als Instrumente zur Ordnung und Bewältigung des Alltags eingesetzt werden können. Genauer bezeichnet man mit einer Theorie ein wissenschaftliches Aussagensystem, das in der Lage ist, ein Eintreten von Ereignissen vorauszusagen. (vgl. Schubert; Klein, 2006, S.479)
Studiert man die wissenschaftlichen Werke vieler Philosophen, die sich auf die Suche
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nach der Wahrheit begeben haben, erkennt man schnell, welches Ausmaß der Begriff „Theorie“ in diesem Kontext hat. Es gibt zum Beispiel eine Korrespondenztheorie, eine Kohärenztheorie, eine semantische Theorie nach Tarski, sprachanalytische Theorien und Intersubjektivitätstheorien, wobei es sich hierbei auch teilweise nur um Überbegriffe für noch mehr andersbezeichnete Theorien handelt.
Es wird klar, dass es sich - ausgehend von jedem einzelnen Philosophen - vielmehr um Auffassungen, Sichtweisen, Konzeptionen oder auch Verständnisse handeln muss. Dabei bauen diese teilweise aufeinander auf, kritisieren sich gegenseitig und widerlegen andere Wahrheitstheorien. Warum aber nun „Theorie“ ? Je öfter der Theoriebegriff verwendet wird, desto unklarer und verschwommener wird dieser. Der Begriff „Theorie“ spielt nach L. Bruno Puntel die Rolle, dass damit vor allem die neuere Philosophie versucht hat und immer noch versucht, dem Wahrheitsbegriff eine gewisse Wissenschaftlichkeit zu verleihen. (vgl. Puntel, 1978, S.2 f.) Es wird also versucht die Wissenschaftlichkeit der Philosophie hervorzuheben, um diese mit anderen Wissenschaften gleichzustellen.
Auf der anderen Seite gibt es allerdings auch Philosophen, die streng davon absehen ihre Auffassung der Wahrheit mit dem Begriff „Theorie“ zu paaren. So zum Beispiel Husserl oder Heidegger, die lediglich von Wahrheitsbegriffen reden, ohne dabei unwissenschaftlicher zu wirken. Mann kann also sagen, dass sich die „veritas investigatio“ grundsätzlich mit der Wissenschaft identifiziert, aber nur schwer mit anderen Wissenschaften vergleichen lässt.
Gehen wir in den folgenden Ausführungen nun einmal von einer Theorie der Wahrheit aus, so stellt sich die Frage: „Was ist für eine Theorie ausschlaggebend, dass man diesen Begriff überhaupt verwendet?“.
Grundgerüst einer Theorie ist immer etwas, was diese untersucht, ein sog. Explikandum. Dies ist der Gegenstand, nach dem sich der Philosoph auf die Suche begibt. Andere Begriffe dafür sind auch das „Zuerklärende“, das „Zudeutende“ und auch das „Zubegreifende“. Puntel unterscheidet im Sinne der Wahrheitstheorie vier große Explikandi: zunächst die Bedeutung der Wahrheit, weitergehend das Kriterium der Wahrheit, als drittes die Bedingungen der Wahrheit und zuletzt die Relevanz der Wahrheit. (vgl. Puntel, 1978, S.4) Anders formuliert: man stellt sich die Wahrheit als ein Wesen vor und versucht nun diesem „Gebilde“ Eigenschaften zuzuschreiben, um ihm schlussendlich eine Definition zu verpassen.
Es zeigt sich also, dass man eine Theorie in der Philosophie keinesfalls mit einer Relativitätstheorie nach Einstein gleichsetzen kann. Der Grund dafür liegt ganz einfach in der Beweisführung. Natürlich kann auch ein Philosoph Dinge, Zustände oder Verhalten belegen und widerlegen, doch fehlt ihm ein wichtiger Aspekt: der Mensch hat sich im Laufe seiner Entwicklung zunehmend an Zahlen orientiert. Die Physik fühlt sich mit Zahlen sehr vertraut. Der Philosoph erklärt dagegen seine Theorien lieber mit Gleichungen und Buchstaben. Wo liegt nun aber der gravierende Unterschied? Ich glaube dieser Unterschied besteht, weil der Mensch weiß „1+1=2“. Da gibt es kein anderes Ergebnis, keine andere Theorie, deshalb ist diese Aussage zumindest mathematisch gesehen war. Wenn der Philosoph nun sagt, dass Wahrheit die Übereinstimmung von Aussage und Realität ist, gibt es Zweifler, die die Wahrheit anders interpretieren, anders über sie philosophieren. Es gibt demzufolge in der Philosophie keine hundertprozentige Sicherheit für eine wahre Theorie. Dennoch ist es von entscheidender Bedeutung die Idee hinter der „Wahrheit“, möge sie existieren oder nicht, zu erforschen, denn der denkende Mensch, wird getrieben seine Erkenntnis auf einen Punkt des absoluten Wissens zu erhöhen, um sich und seine Umgebung verstehen und verbessern zu können. (vgl. Göhlich; Zirfas, 2007, Stuttgart)
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Arbeit zitieren:
Michel Beger, 2008, Von der Unwahrheit der Wahrheit, München, GRIN Verlag GmbH
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