Vorwort ________________________________________________________________
Die Idee zu dieser Arbeit entstand im Juni des vergangenen Jahres während einer Führung im ehemaligen Lager Ellrich-Juliushütte, einem Außenlager des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora bei Nordhausen. Ich betreute eine französische Familie, deren Vater in diesem Lager verstarb. Von dem Lager ist heute kaum noch etwas zu sehen, Reste ehemaliger Baracken und Gebäude liegen zwischen Gestrüpp verborgen. An einem Hang direkt gegenüber befinden sich heute Einfamilienhäuser. Ein Mitglied der Familie fragte rhetorisch: „Ob die überhaupt wissen, an welchem Ort sie heute wohnen?“ Nehmen die Einwohner Nordhausens und der umliegenden Orte diese Vergangenheit bewusst wahr oder ist es mittlerweile eine Tatsache, die in Vergessenheit gerät? Die vorliegende Arbeit kann diese Frage nicht beantworten, sie soll einen Eindruck über vorherrschende Meinungen bei Mitarbeitern der Stadt, Nordhäuser Bürgern sowie verschiedenen Schülern und Lehrern geben, aber auch Einschätzungen von Mitarbeitern der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Hierfür wurden qualitative Leitfadeninterviews durchgeführt, um zu zeigen, welchen Stellenwert die Geschichte des ehemaligen Konzentrationslager bzw. welche Präsenz die heutige Gedenkstätte im Stadtbild hat. An dieser Stelle möchte ich allen Personen danken, die mich beim Prozess der Erstellung durch Ideen und Anregungen sowie durch ihre Ansichten und Erfahrungen während der Befragungen unterstützt haben, insbesondere danke ich der Stadtverwaltung Nordhausen, dem Stadtarchiv Nordhausen, dem Kreisarchiv Nordhausen, dem Staatlichen Gymnasium „Wilhelm von Humboldt“, dem Staatlichen Förderzentrum "Johann Heinrich Pestalozzi“ und den Mitarbeitern der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Die befragten Personen werden in dieser Arbeit aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht namentlich erwähnt, sie wurden mit Hilfe von Codes klassifiziert und entsprechend gekennzeichnet. Die geführten Interviews werden dieser Arbeit nicht beigefügt, sie liegen beim Verfasser.
Inhalt ___________________________________________________________________
Vorwort
1 Einleitung
2 Allgemeine Charakterisierung des Begriffs der KZ-Gedenkstätte
3 Die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora
3.1 Kurzer historischer Überblick zum Konzentrationslager Mittelbau-Dora
3.2 Von der Stunde Null bis in die Gegenwart - 60 Jahre Erinnerungsarbeit
4 Die Wahrnehmung der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora in Nordhausen
4.1 Zentrale Forschungsfragen
4.2 Methodisches Vorgehen
4.3 Auswertung
4.3.1 Definition der Kategorien
4.3.2 Ergebnisse der Untersuchung
4.4 Beantwortung der Forschungsfrage
5 Fazit und Ausblick
Quellen - und Literaturverzeichnis
Verzeichnis der Anlagen
1 Einleitung _____________________________________________________________
„Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen: Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben,“ (Levi 1990: 205.) betont Primo Levi, Überlebender des Konzentrationslagers Auschwitz. Die Aufgabe der Erinnerungsträger, also der Überlebenden des nationalsozialistischen Völkermords, sei es, ihre Erinnerung an die nachwachsenden Generationen weiterzugeben. Doch je mehr Zeit vergeht, umso wichtiger wird diese Aufgabe, denn umso weiter liegen der Nationalsozialismus und der Holocaust in der Geschichte zurück. Das bedeutet, diese Ereignisse werden zunehmend historisiert und im schlimmsten Falle relativiert oder sogar vergessen. Eine zunehmende zeitliche Distanz vom Geschehen und die Generationenfolge haben große Auswirkungen auf die Erinnerungsarbeit und deren Zukunft. Für heutige Jugendliche sind die Ereignisse zwischen 1933 und 1945 Themen im Unterricht, sie werden kaum noch als Geschehnisse der realen Zeitgeschichte verstanden. Dieser Prozess wird derzeit begünstigt durch die verstärkte Präsenz in den visuellen Medien, vor allem die Verarbeitung in Spielfilmen oder populärwissenschaftlichen Dokumentationen à la Guido Knopp. Solche Darstellungen fördern den Prozess der Distanzierung von der Geschichte, sie bewirken eine abnehmende kritische Auseinandersetzung. “Angesichts der alltäglichen realen und fiktionalen Grausamkeiten, denen vor allen [sic!] Jugendliche in unserer Mediengesellschaft von der Tagesschau bis zum Horrorfilm ausgesetzt sind, ist die Einzigartigkeit der NS-Verbrechen nur vergleichend zu erschließen.“ (Jelich 1994: 88.) Es ist also wichtig, die Erinnerung der Zeitzeugen zu sichern und so aufzubereiten, dass heranwachsende Generationen für diese Vergangenheit sensibilisiert werden und sich mit dieser kritisch auseinandersetzen, denn „die Vergangenheit ist gleichsam ein negativer Hintergrund, an dem die eigene Gegenwart immer wieder reflektiert werden muss.“ (Knigge 2000: 60.) Unsere Gegenwart wird also einerseits aus den Lehren der Vergangenheit und andererseits aus einer ständigen kritischen Betrachtung und Reflektion dieser legitimiert. Das bedeutet auch, dass eine Sensibilität dafür entstehen muss, dass etwas Vergleichbares jederzeit wieder geschehen kann.
Diese Arbeit wird zu einem großen Teil von Gedenkstätten geleistet. Sie sind Bildungs-und Informationszentren am historischen Ort. Ihre Aufgabe ist, grob gesagt, das Zusammentragen von Erinnerungen, zum Beispiel in Form von Zeitzeugenbefragungen,
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und die Vermittlung dieser, z.B. durch Führungen oder Publikationen, um somit die Relevanz des Vergangenen für die gegenwärtige und zukünftige Gesellschaftsgestaltung deutlich zu machen. Es besteht hierbei aber die Gefahr, dass den Gedenkstätten in Zukunft die Trauerarbeit und die Aufarbeitung der Geschichte des Dritten Reiches überlassen werden. Sind die Gedenkstätten für die Erinnerung allein zuständig, so würden sie die Gesellschaft von der Erinnerungs- und Trauerarbeit entlasten. Damit verbunden wäre eine zunehmende Verdrängung der Geschichte aus dem öffentlichen Bewusstsein, das Gedenken wäre nur noch auf Jahrestage zentraler Ereignisse beschränkt. Gerade der Umgang mit dem nationalsozialistischen Erbe und dessen Stellenwert in der öffentlichen Wahrnehmung sind insgesamt Ausdruck des kollektiven Gedächtnisses der Gesamtgesellschaft. Insbesondere die Gedenkstätten an Orten ehemaliger Konzentrationslager verdeutlichen die Formen von Gewalt und Repression. Sie sollen außerdem begreiflich machen, wie solche unmenschlichen Erscheinungen und Praktiken entstehen konnten.
Die Erinnerung an die ehemaligen Konzentrationslager muss wach gehalten werden, in der Gegenwart und vor allem auch in der Zukunft, denn die „Wahrnehmung dieser Orte ist ein Seismograph erinnerungskultureller Entwicklungen in der deutschen
Nachkriegsgeschichte.“ (Wagner 2002: 6.) Am Beispiel der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora soll mit Hilfe dieser Studienarbeit der Stellenwert der Wahrnehmung der nationalsozialistischen Vergangenheit aufgezeigt werden. Das einstige Konzentrationslager Mittelbau-Dora befand sich in unmittelbarer Nähe zur Stadt und wurde von der Bevölkerung wahrgenommen. Auch die heutige Gedenkstätte erweckt Aufsehen und ist den Einwohnern der Stadt bekannt.
Die vorliegende Studienarbeit soll deshalb einen Einblick in die Wahrnehmung der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora in Nordhausen geben. Hierzu wurden mehrere Einwohner der Stadt unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher beruflicher Positionen befragt. Wichtig erschien hier vor allem die Präsenz des Themas bei den Verantwortlichen der Stadt sowie in verschiedenen Schularten Es geht dabei nicht darum, Wissen zum ehemaligen Konzentrationslager Mittelbau-Dora abzufragen oder die Kompetenz der Lehrer zu untersuchen, dieses Projekt soll zeigen, wie dieses Thema bei den jeweiligen Befragten behandelt wird bzw. ob eine Sensibilität dafür existiert. Das Verständnis für die Bedeutung dieses historischen Kapitels für die Gegenwart und die Zukunft sind Grundlage
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für eine weitere erfolgreiche Erinnerungsarbeit, vor allem durch das zunehmende Aussterben der Zeitzeugengeneration.
Diese Arbeit erhebt dabei keinesfalls den Anspruch der Vollständigkeit oder der Repräsentativität, sondern soll zeigen, welchen Stellenwert die nationalsozialistische Vergangenheit an einem solchen historischen (Tat-) Ort nach über sechzig Jahren sowohl bei der Zeitzeugengeneration als auch bei deren Nachfahren einnimmt. Vergleichbare Studien sind bisher nicht bekannt. Im Forschungsinteresse lag bisher die Wahrnehmung des Nationalsozialismus und der Konzentrationslager. Erwähnenswert ist hier Robert Gellatelys Buch: „Hingeschaut und Weggesehen. Hitler und sein Volk.“ oder Jens-Christian Wagners „Produktion des Todes. Das KZ-Mittelbau-Dora“, hierbei vor allem der Abschnitt „’Wir fuhren immer schnell vorbei’: Die Wahrnehmung der Mittelbau-Lager durch die Bevölkerung.“ (S. 554ff.) Weiterhin wurde die Vermittlung historischen Wissens in Gedenkstätten und deren Wahrnehmung durch die Besucher betrachtet, zum Beispiel durch Christian Gudehus Studie: „Dem Gedächtnis zuhören. Erzählungen über NS-Verbrechen und ihre Repräsentation in Gedenkstätten.“
Die vorliegende Studienarbeit befasst sich jedoch mit der äußeren Wahrnehmung der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Sie gliedert sich in drei zentrale Abschnitte: Der erste Abschnitt stellt eine Heranführung an das Thema KZ-Gedenkstätten dar, zunächst wird der Begriff der KZ-Gedenkstätte im Allgemeinen charakterisiert. Gedenkstätten vereinen eine Vielzahl verschiedener Funktionen, die Fachliteratur gibt hierzu unterschiedlichste Informationen. In diesem Gliederungspunkt werden also einige zentrale Definitionen und Funktionen zusammengefasst.
Der zweite Abschnitt geht auf die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora ein, zunächst mit einem kurzen historischen Überblick über das ehemalige Konzentrationslager Mittelbau-Dora und einer anschließenden Betrachtung der Entwicklung der Gedenkstätte seit 1945 bis in die Gegenwart, dem 60. Jahrestag der Befreiung am 11. April des vergangenen Jahres. Darauf folgt eine Darstellung der aktuellen Ereignisse der KZ-Gedenkstätte, wie der Eröffnung einer neuen Dauerausstellung.
Der dritte Abschnitt stellt den Kern dieser Arbeit dar, die Wahrnehmung der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Hier werden die zentralen Fragestellungen sowie die verwendeten Methoden der Befragung und Auswertung vorgestellt. Daran schließt die Auswertung der gewonnen Daten und die Beantwortung der Forschungsfragen.
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In einem abschließenden Fazit werden die Ergebnisse dieser Arbeit resümiert und die Notwendigkeit einer zukünftigen Erinnerung unterstrichen, gerade weil es „keine unmittelbare Erinnerung mehr geben [wird], kein direktes Zeugnis, kein direktes Gedächtnis: Das Erlebnis jenes Todes wird zu Ende gegangen sein. Niemand wird mehr sagen können: ‚Ja, so war es, ich war dabei.’ […] denn es wird keine Überlebenden mehr geben, die eine Weitervermittlung der eigenen Erfahrungen leisten könnten und die hinausginge über die notwendige, aber unzureichende Arbeit der Historiker und Soziologen“ (Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora 2005: 54). So formulierte es der ehemalige Buchenwald-Häftling Jorge Semprun zur Feierstunde anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora am 10. April 2005 im Deutschen Nationaltheater in Weimar treffend. Die große Sorge besteht darin, dass mit dem Aussterben der Zeitzeugen die Erinnerung an den Nationalsozialismus und die Konzentrationslager reduziert wird und im Laufe der Zeit zunehmend in Vergessenheit gerät, möglicherweise in vielen Jahren nur noch ein Kapitel in Geschichtsbüchern sein wird. Daraus ergibt sich die wichtige Aufgabe, die Erinnerung fortzuführen, junge Generationen an die Geschichte heranzuführen und zu zeigen, dass sich die Ereignisse zwischen 1933 und 1945 jederzeit wiederholen können.
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2 Allgemeine Charakterisierung des Begriffes der KZ-Gedenkstätte _____________
KZ-Gedenkstätten bieten verschiedene Formen des Zugangs zu Vergangenheit und Erinnerung. Sie vereinen sehr oft mehrere dieser Formen miteinander. Die Literatur gibt hierzu verschiedene Definitionen, doch weist jede dieser Definitionen Lücken auf. Der folgende Abschnitt soll daher eine umfassende, jedoch nicht erschöpfende, Charakterisierung der KZ-Gedenkstätten anbieten.
Für eine allgemeine Charakterisierung der KZ-Gedenkstätten, ist zunächst ein Blick in die Vergangenheit notwendig, zum Ausgangspunkt der heutigen Erinnerungskultur. Zwischen 1933 und 1945 entstanden Konzentrationslager verschiedenen Typs. In der Forschung wird diese Entwicklung mittlerweile in drei Phasen untergliedert (vgl. Wagner 2001a: 45.). Die erste Phase von der Machtergreifung im Jahr 1933 bis etwa 1935/ 36 war geprägt von der Errichtung erster „wilder“ Lager und von der anschließenden Vereinheitlichung und Institutionalisierung des KZ-Systems. (vgl. ebd.: 45.) Diese ersten Lager dienten „als Haftstätten für tatsächliche oder vermeintliche Gegner, gleichzeitig aber auch als nach außen gerichtete Institutionen des Terrors, die die Bevölkerung einschüchtern und potentielle Gegner vom Widerstand abhalten sollten.“ (ebd.: 45.) Ab Sommer 1936 begann mit der Gründung von neuen, für einen dauerhaften Gebrauch bestimmten, Konzentrationslagern die zweite Phase. Die Haftkriterien wurden ausgedehnt, zu den politischen Gegnern kamen Homosexuelle, Zeugen Jehovas und als „kriminell“ oder „asozial“ bezeichnete Häftlinge hinzu (vgl. ebd: 47.). Mit dem Kriegsbeginn im September 1939 stieg auch die Zahl ausländischer Häftlinge in den Lagern. Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion leitete die dritte Phase in der Entwicklung des KZ-Systems ein. Die anfangs noch erfolgreiche Blitzkriegsstrategie scheiterte, der drohende Abnutzungskrieg bewirkte ein Umdenken in der deutschen Kriegswirtschaft. Bedingt durch verstärkte Einberufungswellen herrschte außerdem ein verstärkter Arbeitskräftemangel, für dessen Ausgleich erschienen die Häftlinge der Konzentrationslager „als eine der letzten mobilisierbaren Reserven.“ (Kotek/ Rigoulot 2001: 322.) Zwangsarbeit in den Konzentrationslagern war prägend für die letzte Zeit der Konzentrationslager.
Diese grobe Darstellung der Entwicklung der nationalsozialistischen Konzentrationslager verdeutlicht die Komplexität des KZ-Systems. Daraus ergibt sich die Funktionen der
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Lager, bzw. welche Personen inhaftiert wurden. Damit werden zum einen die verschiedenen Perspektiven auf die Lager bzw. die gegenwärtige Erinnerungsarbeit, zum anderen aber auch die Aufgaben der KZ-Gedenkstätten verdeutlicht. Die wichtigste dieser Perspektiven ist die der Opfer dieser Lager. Für sie stellen die heutigen KZ-Gedenkstätten die Orte ihres Leidens dar. Orte, an denen sie ihre Familien, Angehörigen und Freunde verloren. Mehrere Millionen Menschen wurden in den Konzentrations- und Vernichtungslagern auf bestialische Weise ermordet, ganze Familien wurden ausgelöscht. Die ehemaligen Lager sind also Erinnerungsorte, die an die Verfolgung, Inhaftierung und Ermordung erinnern. Für die Überlebenden und die Nachfahren der KZ-Häftlinge sind die „Areale der ehemaligen Häftlingslager sowie deren baulichen Relikte - insbesondere die Krematorien - insgesamt stellvertretende, ersatzweise Grabdenkmale. Nur zu deutlich erinnerten sie sich daran, daß die Ermordeten nicht nur um ihre Würde und ihr Leben, sondern auch um jede Möglichkeit, ihrer zu erinnern und ihrer zu gedenken, gebracht werden sollten.“ (Knigge 2000: 54.) In den meisten Gedenkstätten existieren keine Gräber, an denen Angehörige trauern und Abschied nehmen können. Die Toten wurden verbrannt und die Asche auf dem Gelände verstreut. Die ehemaligen Lager werden heute als große (symbolische) Friedhöfe verstanden und auch dementsprechend gestaltet, um „den Ermordeten wenigstens nachträglich die ihnen abgesprochene Menschenwürde zurückzuerstatten.“ (Knigge 2000: 55.) Gleichzeitig sind die heutigen Gedenkstätten Tatorte, sie sind der Beweis für die Wahrhaftigkeit des Geschehenen, für die millionenfach verübten Verbrechen. Für die nachgeborenen Generationen, die keinen direkten historischen Kontakt zum Nationalsozialismus hatten oder haben, diese Zeit also nur aus Erzählungen der Eltern bzw. Großeltern kennen, dienen die KZ-Gedenkstätten der Veranschaulichung und als Beweise für die Berichte sowie die Informationen aus den Medien. Die Gedenkstätten sind also einerseits Relikte, gleichzeitig aber auch „vergangenheitshaltige Realien und beweiskräftige Spuren.“ (Knigge 2000: 55.) Sie verweisen auf die Opfer und auch die Täter der Konzentrationslager (vgl. Skriebeleit 2001: 8.). Sie sind aber nicht nur Beweise für die Geschehnisse in den Lagern sondern auch „gegen die Widerstände der Mehrheit der Deutschen, die mit sich selbst beschäftigt war und von den Verbrechen nichts hören wollte oder sie gar leugnete.“ (Schwietring 2003: 141.)
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Daraus ergibt sich natürlich eine mahnende und erinnernde Funktion der KZ-Gedenkstätten. Die Orte der ehemaligen Konzentrationslager machen das Geschehene bewusst, sie zeugen von deren Existenz und den dort begangenen Verbrechen. Gerade mit Hilfe dieser Beweise erinnern die Gedenkstätten am Ort des Geschehens „an den Nationalsozialismus vor Ort und weisen auf die Allgegenwart und Alltäglichkeit des nationalsozialistischen Terrors in der unmittelbaren Umgebung und Nachbarschaft hin.“ (Puvogel/ Stankowski 1995: 12.) Die Besucher der Gedenkstätten werden unmittelbar mit diesen Fakten konfrontiert, um „ein ‚Nochmalgeschehen’ der Verbrechen zu verhindern.“ (Schwietring 2003: 142.) Dies geschieht einerseits in den Gedenkstätten selbst, aber auch in den Medien, verstärkt an Jahrestagen bestimmter Ereignisse, wie jährlich am 27. Januar, dem internationalen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus. Gedenkstätten müssen jedoch „mehr sein als Orte individueller Trauer und (politischer) Zeremonien und Rituale. (…) Gerade um den Opfern gerecht zu werden, braucht Gedenken Wissen.“ (Knigge 2000: 61.) „Trauern, Gedenken und Lernen sind an diesen Orten unauflöslich miteinander verbunden.“ (Enquête 1998: 241.) Das bedeutet, Gedenkstätten dienen der Dokumentation der Geschichte, sie sind zeithistorische Museen an den Tat- und Leidensorten (vgl. Knigge 2000: 61.). „Sammlung, Archiv, Bibliothek, Dauer- und Wechselausstellungen sind unabdingbar für die Gedenkstättenarbeit.“ (Knigge 2000: 63.) „Zur Erarbeitung von Ausstellungen müssen Gedenkstätten Forschungen zur Geschichte der jeweiligen Orte fördern und selbst durchführen.“ (Enquête 1998: 242.) Neben dieser wissenschaftlichen Arbeit ist die pädagogische Arbeit zur angemessenen Vermittlung des historischen Wissens notwendig. „Die authentischen Orte müssen, gerade bei wachsendem zeitlichem Abstand für die Nachgeborenen, erschlossen und ‚zum Sprechen gebracht’ werden. Dazu gehört, zunächst die Spuren der baulichen Überreste zu sichern und in didaktisch-pädagogischer Perspektive aufzubereiten. (…) In gleicher Form wie die baulichen Überreste sind weitere Erinnerungsstücke wie Bilder, Kleidungsstücke, Einrichtungen etc. zu bewahren. Im Vordergrund müssen dabei die authentischen Zeugnisse der Opfer stehen, wie die Berichte der Zeitzeugen, Tagebücher, Zeichnungen oder Photos.“ (Enquête 1998: 242.)
Die Gedenkstätten erarbeiten didaktische Methoden, zum Beispiel Führungen oder mehrtägige Projekte, um eine umfassende Auseinandersetzung mit der Geschichte zu ermöglichen und das historische Interesse zu wecken, um Gedenken zu ermöglichen (vgl.
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Enquête 1998: 243.). Um gerade auch jungen Menschen diesen Zugang zur Geschichte zu ermöglichen, ist eine Zusammenarbeit mit Bildungseinrichtungen notwendig, denn die aufklärerische Arbeit kann nicht allein die Aufgabe der Gedenkstätten sein, denn oft sehen Lehrer „in einem Gedenkstättenbesuch eine Art pädagogisches Allheilmittel,“ sogar eine „’immunisierende Wirkung’ gegenüber dem Neonazismus. (…) Der Besuch kann nur unterstützen und befördern, keineswegs aber die geforderten Bildungsanstrengungen ersetzen.“ (Garbe 1992: 268.) KZ-Gedenkstätten nehmen hierbei also auch die Funktion von Bildungseinrichtungen wahr.
KZ-Gedenkstätten sind also multifunktionale Einrichtungen, „die zugleich als Ort der individuellen Trauer, des kollektiven Gedenkens, des Lernens, des Forschens und der Begegnung dienen. Neben ihrer Funktion als Mahnmal und Museum sollten Gedenkstätten sich also verstärkt als Bildungseinrichtungen verstehen, an denen wissenschaftliche Forschung, pädagogische Arbeit und politisches Handeln miteinander verbunden werden können.“ (Garbe 1992: 278.) In den Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten in Deutschland werden die Gedenkstätten und deren Aufgaben treffend charakterisiert, dies soll abschließend den vorangegangenen Abschnitt noch einmal zusammenfassen. „Die KZ-Gedenkstätten dokumentieren die Geschichte des nationalsozialistischen Deutschland, seiner Verbrechen und deren Opfer am historischen Ort. (…) Als Bestandteile demokratischer Geschichtskultur leisten sie einen wesentlichen Beitrag zur Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und antidemokratischen, die Prinzipien unteilbarer Menschenwürde, unteilbarer menschlicher Grundrechte und der Toleranz mißachtenden Einstellungen in der Gegenwart. (…) KZ-Gedenkstätten sind Friedhöfe; symbolisch im Ganzen und konkret dort, wo sich Gräber befinden. Pflege und Gestaltung der Gräber, die Bewahrung der Namen der Toten, die Schaffung von Orten des Gedenkens, der Besinnung und der Trauer gehören zu den Kernaufgaben der Gedenkstätten.“ (Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten in Deutschland 2000: 18.) Die Gedenkstätten dienen vor diesem Hintergrund auch dazu, Einzelschicksale der Opfer zu klären und deren Angehörigen Auskünfte darüber zu geben und unterstützen so die Opfer, deren Angehörige oder Nachkommen bei der Verfolgung von mit dem Verfolgungsschicksal verbundenen Anliegen. (vgl. Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten in Deutschland 2000: 18.) „Als ehemalige Tat- und Leidensorte sind KZ-Gedenkstätten im Gegensatz zu nachträglich geschaffenen Denkmalen oder
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Ralf Junge, 2007, Bewusste Erinnerung oder verdrängte Vergangenheit? , München, GRIN Verlag GmbH
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