2
1 Einleitung 4
2 Begriffsdefinitionen 6
2.1 Was ist eine Frau? 6
2.2 Was ist Gesundheit? 8
2.3 Was ist Psychosomatik? 9
3 Die Entwicklung der weiblichen Identität 12
3.1 Die Kindheit 13
3.1.1 Geschlechtsspezifische Unterschiede 14
3.2 Die Pubertät 17
3.3 Die erwachsene Frau 21
3.3.1 Die Menstruation 23
3.3.2 Schwangerschaft und Geburt 26
3.4 Die Wechseljahre 32
3.5 Das Alter 36
4 Gesundheitliche Auswirkungen
von Frauenarbeit in Beruf und Familie 40
4.1 Arbeitswelt und Familienleben
in der Vergangenheit 41
4.2 Arbeitswelt und Familienleben
in der Gegenwart 43
4.2.1 Mutterschaft 43
4.2.2 Erwerbstätigkeit 44
4.3 Erwerbstätigkeit und Gesundheit 47
4.4 Frauenarbeitslosigkeit und Gesundheit 48
4.5 Haus - und Familienarbeit und Gesundheit 49
3
5 Zusammenhang zwischen sozialer
Lebenslage und Gesundheit von Frauen 53
5.1 Alkoholkonsum 56
5.2 Rauchen 58
5.3 Mundgesundheit 59
6 Ausgewählte Krankheiten 61
6.1 Brustkrebs 61
6.1.1 Ursachen 62
6.2 Essstörungen 67
6.2.1 Übergewicht und Adipositas 69
6.2.1.1 Ursachen 70
6.2.2 Magersuc ht oder Anorexia nervosa 71
6.2.2.1 Ursachen 72
6.2.3 Bulimie 74
6.2.3.1 Ursachen 76
6.3 Migräne 77
6.3.1 Ursachen 78
7 Schlussbetrachtung 81
8 Literaturverzeichnis 83
4
Mit dem Thema „Frauen und Gesundheit“ beschäftige ich mich schon lange, denn ich bin eine Frau. Während meinem BPS II in einem Mutter-Kind-Kurhaus sowie in der anschließenden Arbeit dort habe ich mich mit Frauen beschäftigt, die nicht gesund sind. Die Zusammenarbeit in einem interdisziplinären Team, bestehend aus Sozialpädagogen, Psychologen, Medizinern und Erziehern, macht bewusst, dass kranke Frauen nicht nur einfach Medikamen- te oder eine Erholungspause vom alltäglichen Stress brauchen, um ihren Körper funktionsfähig zu erhalten bzw. wieder funktions- fähig zu machen. Da ihre Lebensgeschichte sowie ihre individuelle Sozial- und Lebenslage einen wesentlichen Einfluss auf ihre psy- chische Verfassung und ihren Gesundheitszustand hat, sollte es deshalb bei der Behandlung einer kranken Frau auch darum ge- hen, die krankmachenden Umstände aufzuzeigen und Lösungen zu finden.
Frauen und Männer sind anders krank, handeln im Alltag anders, wenn es um Gesundheit und Krankheit geht, nehmen die medizi- nische Versorgung anders in Anspruch, unterscheiden sich in ih- rem Gesundheitswissen, haben andere Wahrnehmungs- und Deu- tungsmuster im Umgang mit Gesundheit und Krankheit entwickelt, haben ein anderes Verhältnis zu ihrem Körper, zur Körperlichkeit, zur Sinnlichkeit und zur Schönheit aufzuweisen. 1
Mit dieser Arbeit möchte ich Verbindungen aufzeigen zwischen der körperlichen und seelischen Entwicklung vom Mädchen zur Frau, was es bedeutet, in dieser Gesellschaft eine Frau zu sein
1
vgl. Bedenbecker-Busch/Wohlfart in: Die Gesundheit der Männer ist das Glück der Frauen?, S. 7
5
und den eventuell daraus resultierenden frauenspezifischen Stö- rungen der Gesundheit, kurz: die Psychosomatik der Frau.
Dafür sind vorab einige Definitionen notwendig. In Kapitel 2 erläutere ich daher die Begriffe Frau, Gesundheit und Psychoso- matik. Zur Psychosomatik möchte ich vorab erklären, dass diese biologische, psychologische und soziale Elemente von Gesundheit als gleichwertig begreift. Eine Trennung zwischen der biologi- schen, personalen, zwischenmenschlichen und soziokulturellen Ebene kann nur künstlich sein. Dennoch habe ich diese Arbeit folgendermaßen aufgegliedert:
In Kapitel 3 beschäftige ich mich mit der Frau als Individuum, was am ehesten der biologischen und personalen Ebene entspricht. Ich zeige auf, welche Faktoren in den verschiedenen Altersstufen der weiblichen Entwicklung Einfluss auf die Gesundheit haben können.
In Kapitel 4 und 5 geht es um die Rolle der Frau in unserer Ge- sellschaft, welche die zwischenmenschliche und soziokulturelle Ebene umfasst.
Auf die gesundheitlichen Auswirkungen der spezifischen Belas- tungen durch Fraue narbeit in Beruf und Familie gehe ich in Kapitel 4 ein.
In Kapitel 5 stelle ich den Zusammenhang zwischen Sozial- und Lebenslage von Frauen und ihrem Gesundheitszustand dar.
In Kapitel 6 werde ich anhand ausgewählter Krankheiten darste l- len, welchen Einfluss psychosomatische Risikofaktoren auf die Entstehung und den Verlauf von Krankheiten haben können.
6
Zu Beginn meiner Arbeit möchte ich die Begriffe „Frau“, „Gesund-
heit“ sowie „Psychosomatik“ definieren, da es mir wichtig ist, dass
die Leser wissen, was ich darunter verstehe und wie ich sie im
Verlauf der Arbeit anwende.
2.1 Was ist eine Frau?
Milleniumsfrau
Frau sein ist Anpassen, einordnen, unterordnen Verzichten Alles geben, Und mit nichts Zufrieden zu sein!
Frau sein ist
Die Aneinanderreihung von Kompromissen Ein Leben lang!
Alice Lucklum 1
Warum ist hierfür eine Definition notwendig? Weiß denn nicht je-
der, was eine Frau ist? Hier kommt es mir nicht nur auf biologi-
sche Gegebenheiten an, sondern auch auf das Wesen (das We-
sentliche?!) einer Frau.
Die gängige biologische Definition ist: Frau ist ein weiblicher, er-
wachsener Mensch, deren geschlechtsspezifische körperliche
Merkmale geprägt sind durch ihre biologische Funktion der Fort-
pflanzung. 2
2 vgl. www.aol.wissen.de, Stichwort Frau
7
Auf der Suche nach der sprachlichen Herkunft des Begriffes „Frau“ erfä hrt man, dass er sich im Deutschen von „frô = Herr“ ableiten lässt. 1 Ist Frau damit, wie Eva, die aus Adams Rippe ge- schaffen wurde, also nur eine „Ableitung“ des Mannes? Für Bezeichnungen wie Fräulein, Weib oder Dame, die zudem meist abwertend gebraucht werden, findet sich kein männliches Äquivalent.
Andere Bezeichnungen für die Frau beziehen sich nicht auf die Frau selbst, sondern auf die Beziehung zum Kind (die Mutter) oder zum Mann (die Ehefrau, die „Jungfrau“, die Geliebte). Bei der Su- che nach einer Definition spielen Vorurteile, Klischees und feste Rollenvo rstellungen also eine große Rolle. 2
Die Frau besitzt Fähigkeiten, die nur ihr zu eigen sind: die des Gebärens und des Nährens. „So ist die Frau Ursprung für Körper und Seele. Ihr Körper ... ist Symbol der Wandlung, der zyklischen Vorgänge, des Sterbens und Neuwerdens. Alles, was sie tut, wenn sie ihre ursprünglichen Quellen beachtet, steht im Einklang mit dem Leben, das sowohl konstruktiv wie destruktiv ist.“ 3 PIN- KOLA ESTÉS bezeichnet die Frau als „die Hüterin der Lebenszyk- len; das Gebärende und damit im Endeffekt Todbringende liegt ihr im Blut.“ 4
Aber „die Frau“ existiert nicht, so, wie „der Mann“ nicht existiert. Es gibt eine reiche Vielfalt weiblicher Realitäten, die trotzdem eines verbindet: sie sind vereinigt durch die universellen Bande des glei- chen Geschlechts.
1
vgl.
www.aol.wissen.de,
Stichwort Frau
2
vgl. Olbricht (b), S. 64
3
Olbricht (b), S. 68
4
Pinkola Estés, S. 147
8
Die Natur oder das Wesen der Frauen zu definieren oder zu er- gründen, sofern das überhaupt möglich ist, bedürfte es weitaus mehr als einen Abschnitt in einer Diplomarbeit, sind doch über dieses Thema bereits unzählige Bücher geschrieben worden - seit die Menschheit Bücher schreibt.
2.2 Was ist Gesundheit?
Nach Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Ge- sundheit der Zustand völligen körperlichen, geistigen, seelischen und sozialen Wohlbefindens. Im engeren Sinne wird Gesundheit so als das subjektive Empfinden des Fehlens körperlicher, geisti- ger und seelischer Störungen bzw. Veränderungen definiert. 1
Diese Definition von Gesundheit orientiert sich aber an männli- chen Lebens zusammenhängen, denn sie impliziert, gesund ist, wer immer über die gleiche körperliche Leistungsfähigkeit und immer über die gleiche seelische Stimmungslage verfügt. Die normalen zyklischen Schwankungen des Befindens einer Frau finden aber in einem solche n Gesundheitsbegriff keine Berück- sichtigung. Um nach solchen Definitionen als gesund zu gelten, müsste eine Frau ihre weiblichen Besonderheiten verleugnen; dann ist sie aber keine „richtige Frau“, also nicht gesund. 2
Im Hinblick auf das Thema Frauen und Gesundheit unter beson- derer Berücksichtigung der Psychosomatik möchte ich hier noch anmerken, wie wichtig es ist, das weibliche Geschlecht genauer wahrzunehmen und zu würdigen, denn „die Medizin wurde bisher so betrieben, als ob allein die Brüste, die Gebärmutter und die Ei- erstöcke einer Frau spezifisch weiblich seien – und als ob ihr Herz, ihr Gehirn und jeder andere Teil ihres Körpers identisch wä- ren mit denen des Mannes. ... Die Daten, die vom männlichen
9
Körper bekannt sind, gelten bis auf Ausnahmen als Standard für beide Geschlechter.“ 1
2.3 Was ist Psychosomatik?
Der Begriff Psychosomatik wurde 1818 von dem deutschen Arzt Heinroth geprägt. 2 Er setzt sich zusammen aus den Worten „Psy- che“ (Seele) und „Soma“ (Körper). Sie ist die Lehre von den Be- ziehungen und Wechselwirkungen zwischen seelischen Vorgän- gen und körperlichen Erkrankungen und Gesundheitsstörungen, zwischen Körper und Seele, die untrennbar miteinander verbun- den sind. Da Menschen in der Regel nicht als Einsiedler heran- wachsen, muss in der psychosomatischen Medizin auch die ge- samte soziale Umwelt mit kulturellen, ethnischen, klimatischen und anderen Faktoren berücksichtigt werden. 3 Daher wird in der Psychosomatik eine nicht-dualistische, ganzheitliche Sichtweise angestrebt.
In den magischen, schamanischen Heilverfahren, die in vielen Kul- turen heute noch angewendet werden, finden sich Ansätze des psychosomatischen Krankheitsverständnisses. Doch bei uns herrscht bis heute eine Spaltung zwischen technisierter und phar- makologischer Medizin einerseits und Psychologie und Psychiatrie andererseits. 4 Der Mensch wird in der traditionellen Medizin so behandelt, als sei nur der Körper krank; die Psychiatrie behandelt nur die kranke Seele. Doch da der Mensch beides ist, Körper und Seele, und beides unmittelbar aufeinander einwirkt, gibt es „keine psychische Belastung, keinen seelischen Konflikt ganz ohne kör-
2 vgl. Minker, S. 32 3 vgl. Olbricht (c), S. 13 4 vgl. www.aol.wissen.de, Stichwort Psychosomatik
10
perliche Folgen, es gibt auch keine körperlichen Erkrankungen, die sich nicht irgendwie seelisch bemerkbar machen.“ 1
So hat jede seelische Regung eine körperliche Entsprechung: Angst zum Beispiel kann körperlich lähmen, Scham lässt uns das Blut in den Kopf steigen - wir erröten, Freude lässt uns tanzen. Je stärker das Gefühl ist, desto intensiver ist auch der körperliche Ausdruck. Oft wird sogar zuerst der körperliche Ausdruck einer Emotion wahrgenommen, bevor die seelische Ursache dafür be- wusst geworden ist. Hier besteht die Gefahr, die Körpersprache bewusst oder unbewusst nicht richtig wahrzunehmen, um uner- wünschten Gefühlen keinen Raum zu lassen. Doch diese Gefühle sind auch dann vorhanden, wenn sie nicht gelebt und gefühlt wer- den.
Ein Beispiel: Aggression ist gerade bei Frauen eher unerwünscht. Mädchen werden zu Anpassung und Gehorsam erzogen. Äußern sie dennoch ihre Wut, werden sie oft dafür bestraft. Nun versucht die erwachsene Frau, ihre Wut nicht zu zeigen und zu unterdrü- cken, oder sie fühlt sich womöglich noch schuldig, überhaupt wü- tend zu sein. Das kann dann auf Dauer zu einer psychosomati- schen Erkrankung führen.
Dasselbe gilt umgekehrt für Bedürfnisse des Körpers, die nur un- genügend oder gar nicht befriedigt werden. Jedem Menschen ist das Streben nach Entfaltung und Bewegung angeboren. Wird die- ser Drang zum Beispiel durch einschränkende Erziehung und Mo- ralvorstellungen gebremst, verschlechtert sich der Körperzustand, was wiederum die Seele als Gefühlszustand übernimmt. 2
Da hinter psychosomatischen Krankheiten meist „ungelöste Kon- flikte, Gefühle von Schuld, Ausweglosigkeit und Sinnlosigkeit, un-
11
erfüllte Wünsche und ungelebte Gefühle“ 1 stehen, ist es entschei- dend, diese auf psychotherapeutischem Wege aufzudecken. Da- bei muss sehr behutsam vorgegangen werden, da die Verdrän- gung aus dem Bewusstsein nicht grundlos stattfand.
Das macht deutlich, wie wichtig die Bereitschaft zur Mitarbeit und Eigenverantwortlichkeit des einzelnen Patienten ist. Nur mit dem Verständnis der Zusammenhänge zwischen Krankheit und indivi- dueller Lebenssituation können Veränderungen gefunden und umgesetzt werden.
Die Gegensätzlichkeit zwischen Körper und Seele bleibt leider sowohl in der Theorie als auch in der ärztlichen Praxis erha lten, „wie ja schon allein durch das Wort Psychosomatik zum Ausdruck gebracht wird.“ 2
12
Von der Kindheit bis zum Alter durchleben Frauen eine ganze Reihe von physiologischen und psychologischen Veränderungen, die sich meist auch auf ihre soziale Rolle auswirken:
Mädchen erfahren eine andere Erziehung als Jungen. Ihre Bezie- hung zur Mutter ist von besonderer Wichtigkeit für die Entwicklung von Authentizität und Selbstachtung. In der Pubertät finden sowohl äußerlich als auch innerlich massive Veränderungen statt. Emp- fängnisverhütung und Familienplanung werden Themen, mit de- nen sich die Frau meist auseinandersetzen muss. Schwanger- schaft und Entbindung bedeuten e norme organische, hormonelle und seelische Umstellungen. Schwangerschaftsabbrüche stellen für die betroffene Frau eine starke körperliche und seelische Be- lastung dar. Ungewollt kinderlose Frauen geraten in schwere Kri- sen. Mütter haben ein Übermaß an Stress zu verkraften, wenn sie mit Haushalt, Mann, Kindern und Beruf drei- bis vierfach belastet sind. In den Wechseljahren und auch im Alter erfährt die Frau e r- neut körperliche und seelische Veränderungen. MARGRET MIN- KER nennt diese Umbrüche „spezifisch weibliche Reifungskri- sen“. 1 Krisen sind Zeiten der Veränderung, aus ihnen geht etwas
Neues hervor. Viele Frauen bewältigen diese Krisen mehr oder weniger leicht. Unter ungünstigen Umständen können jedoch Kon- flikte auftreten, mit denen die Frau nicht so leicht fertig wird und in denen möglicherweise die Ursache für psychosomatische Krank- heiten zu finden ist.
Darum möchte ich hier näher auf die Altersstufen in der weiblichen Entwicklung eingehen und erklären, zu welchen Konflikten es je- weils kommen kann.
13
Lebensstufen
Unbedarft auf diese Welt kommen, Lernen als Freude empfinden, Verbogen werden, In der Pubertät schmerzhaft erfahren, Was die Gesellschaft Erwartet
Sich ein- und unterordnen, Damit man in dieser Gesellschaft sein Auskommen hat, Mit dem man ein Leben führen kann Ein Leben, das erwartet, Die eigenen Kinder Wieder so zu verbiegen, Dass von deren Individualität genauso viel übrig bleibt, Wie von den Träumen, die man selbst einmal hatte!
Alice Lucklum 1
3.1 Die Kindheit
In der frühen Entwicklung eines Kindes wird das Selbstempfinden
ausgebildet und das Selbstbewusstsein geprägt. Das Neugebore-
ne erlebt wechselnde Gefühlszustände und Sinneseindrücke, Be-
dür fnisse wie z. B. Hunger und Durst und deren Befriedigung
durch die Bezugsperson. Es lernt durch Erfahrungen zu unter-
scheiden und Grenzen zu finden. Unangemessene Angebote und
die Erfahrung von Überfluss oder Mangel erschweren diese Ent-
wicklung des Gefühls für die eigene Identität.
Die Haut ist in dieser Zeit als „Grenzorgan“ von besonderer Be-
deutung: Ein Zuviel an körperlicher Zuwendung kann bei dem Kind
das Gefühl erwecken, dass seine Grenzen nicht geachtet werden;
14
ein Zuwenig oder widerwillige Zuwendung können dazu führen, dass das Kind sich selbst ablehnt.
Ähnlich verhält es sich bei der Nahrungsaufnahme: Eine Überfüt- terung hat ebenso wie mangelnde Versorgung einen Einfluss auf das spätere Essverhalten.
Die Achtung des Eigenrhythmus des Kindes ist also von großer Bedeutung. Nur so kann es die Fähigkeit entwickeln, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und „lernen, selbst zu dosieren, im Fordern wie im Geben.“ 1 Auch die Entdeckung des eigenen Geschlechtsorgans fällt in die- se Zeit. Das Verhalten der Bezugspersonen beim Baden und Wi- ckeln spielt eine wichtige Rolle für die Selbsterfahrung und die eigene Sexualität des Kindes. 2
3.1.1 Geschlechtsspezifische Unterschiede
Einem Neugeborenen sieht man auf den ersten Blick meist nicht an, zu welchem Geschlecht es gehört. Unsere Wahrnehmung und unser Verhalten wird von dem Wissen beeinflusst, ob es sich um ein Mädchen oder einen Jungen handelt. Die ersten geschlechts- spezifischen Unterschiede sind also in der Wahrnehmung der A u- ßenwelt begründet, denn das Kind selbst ahnt ja derzeit noch nichts von seiner Geschlechtszugehörigkeit. 3 Aus diesem Grund verläuft die Entwicklung in den ersten 24 Lebensmonaten bei Mädchen und Jungen unterschiedlich.
Bis zum dritten Lebensmonat werden Jungen häufiger als Mäd- chen gleichen Alters in den Arm genommen und auch länger gehalten. Wie oben bereits erwähnt, hat die Haut für die Selbst- entwicklung eine große Bedeutung. Mädchen bekommen dann ab dem dritten Lebensmonat mehr Zuwendung, und infolge des Man- gels, den sie bis dahin erlebt haben, werden sie sehr anhänglich,
15
während bei Jungen bereits die Hinwendung nach außen geför- dert wird. 1 Auc h in ihren körperlichen Fähigkeiten werden Mäd- chen weniger gefördert, was zur Folge hat, dass sie sich unsiche- rer und weniger stark fühlen, als sie tatsächlich sein könnten. 2
Beim Stillen und auch bei den Flaschenmahlzeiten wurden Unter- schiede bei Mädchen und Jungen beobachtet. So wird Jungen insgesamt und auch pro Stillvorgang bzw. Flaschenmahlzeit mehr Zeit eingeräumt und sie dürfen auch ihren Schnuller länger behal- ten als Mädchen. Diese werden öfter als Jungen dazu angehalten, schneller zu trinken. Hier zeigt sich, dass der Eigenrhythmus bei Mädchen weniger gewürdigt wird, sie werden eher nach festen Zeitplänen als nach eigenem Hungergefühl gefüttert. 3 Das kann zu Essstörungen und „späteren Schwierigkeiten beim Umgang mit anderen Eigenrhythmen“ 4 führen.
Bei der Nahrungsaufnahme geht es nicht allein um die Ernährung. Die enge körperliche Verbindung zwischen Mutter und Kind hat eine wichtige Bedeutung für die spätere Beziehungsfähigkeit. Wie es scheint, können Frauen die Nähe zu Jungen eher akzeptieren als zu Mädchen, denn mit dem Stillen sind auch Lustgefühle ver- bunden, welche offenbar mit der gleichgeschlechtlichen Tochter weniger akzeptiert werden können. Das bedeutet für das Mäd- chen, dass „sie nicht so, wie sie ist, angenommen und schon gar nicht begehr t wird.“ 5
Auch bei der Sauberkeitserziehung fällt auf, dass von Mädchen früher Selbstständigkeit erwartet wird, die auch strenger durchge-
1
vgl. Olbricht (c), S. 38
2
vgl. Minker, S. 90
3
vgl. ebd., S. 89
4
vgl. Olbricht (c), S. 39
5
ebd., S. 40
16
setzt wird. 1 Zudem wird den äußeren Geschlechtsorganen von Jungen eine größere liebevolle Aufmerksamkeit zuteil, für die Pflegepersonen eine Fülle von Bezeichnungen finden – bis hin zum eigenen Namen. Die Benennung der weiblichen Ge- schlechtsorgane scheint hingegen Schwierigkeiten zu bereiten, denn die „Scham“ wird meist nur erwähnt, wenn „untenrum“ Reini- gungsbedarf besteht. In solchen Bezeichnungen steckt „die Pein- lichkeit des weiblichen Geschlechtsorgans“ 2 . Wieder – wie bereits oben erwähnt – fühlt sich das kleine Mädchen nicht so akzeptiert wie sie ist, muss sie doch erfahren, dass ihre Geschlechtsorgane, anders als bei Jungen, tabuisiert werden. Mädchen können so nur schwer ein positives Körperbild entwickeln, dass jedoch für die Entwicklung eines guten Selbstbewusstseins wesentlich ist.
Bei der Auswahl des Spielzeugs gibt es weitere Unterschiede. Die klassischen Beispiele sind Puppen für Mädchen, die gepflegt und umsorgt werden, einen Namen bekommen, nicht auswechselbar sind und zum Gegenüber für das Kind werden; Jungen spielen mit Autos, diese sind meist austauschbar, es sind Gegenstände, die benutzt werden. Und - im Gegensatz zum Mädchen mit ihrer Pup- pe - entwickeln Jungen kaum eine gefühlsbetonte Verbindung zu Autos. Damit wird deutlich, dass Mädchen sich eher an dem orien- tieren, was sich innerhalb der Familie bzw. des Hauses abspielt, während Jungen nach außen expandieren. 3
Auch die bei Mädchen stärkere Beurteilung nach dem äußeren Erscheinungsbild beginnt bereits im Kleinkindalter. Damit wird der körperlichen Schönheit eine Relevanz beigemessen, die bei Frau- en immer wieder Minderwertigkeitsgefühle hervorruft, zum Bei-
1
vgl. Olbricht (c), S. 41
2
ebd., S. 47
3
vgl. ebd., S. 47 f.
17
spiel, wenn sich ihr Körper durch Gewichtszunahme oder Schwangerschaft verändert. 1
Insgesamt werden Mädchen viel früher als Jungen zu Selbststä n- digkeit und Sauberkeit erzogen. Sie sollen möglichst wenig Arbeit machen, rücksichtsvoll und verantwortungsbewusst sein. Mit die- ser beziehungsorientierten Erziehung von Mädchen wird aber auch deren Aggression gehemmt, Fürsorglichkeit und Harmonie- bedürfnis bekommen eine größere Bedeutung als ein angemes- senes Maß an Egoismus. All diese Erziehungsmaßnahmen, die sich tief im Unterbewusstsein der Frau verankern, können im wei- teren Lebenslauf Auslöser für psychosomatische Krankheiten werden.
3.2 Die Pubertät
Die Zeit der Pubertät ist besonders für Mädchen verbunden mit gravierenden körperlichen, seelischen und auch sozialen Verän- derungen. Vielfältige Konflikte, die zum Beispiel durch das Einset- zen der Menstruation, die Entwicklung der Brust und den ersten Geschlechtsverkehr auftreten, sind zu bewältigen, und auch sol- che, die mit Verha ltens- und Rollenerwartungen zu tun haben und daher nicht naturgegeben sind.
Zu Beginn der Pubertät verändert sich der Hormonhaushalt. Die- ser steuert die Reifung der Eierstöcke, das Wachstum der Brust, der ersten Haare am Genitale und in der Achselhöhle sowie das Wachstum der Gebärmutter, die schließlich die Schleimhaut auf- baut, was dann zur ersten Menstruation (Menarche) und damit zum Erreichen der biologischen Geschlechtsreife führt. 2
18
Die Menarche setzt heute im Durchschnittsalter von 12,9 Jahren 1 ein und ist ein Meilenstein in der Entwicklung zur Frau. Dieser Ü- bergangsprozess kann von sehr ambivalenten Gefühlen begleitet werden: der Freude, erwachsen zu werden und der Trauer, nicht mehr länger Kind zu sein. 2 Die Vorbereitung und Aufklärung des Mädchens auf die Menarche wird hauptsächlich von der Mutter übernommen. Daher hat die mütterliche Einstellung generell einen wesentlichen Einfluss auf das spätere Erleben von Mädchen, auch wenn sie heute, zum Beispiel durch Medien wie „Bravo“, vermeint- lich offen aufgeklärt werden. Nur rund ein Drittel der Mädchen wird gut vorbereitet und erlebt die Menarche und Menstruation eher als normalen Entwicklungsschritt. Schlecht vorbereitete Frauen ha- ben die Menarche in eher negativer Erinnerung, ve rbunden mit Scham, Unsicherheit, Ekel, Angst und Schmerzen oder ambiva- lenten Gefühlen. 3
Schwierigkeiten mit ihrem eigenen Körperbild oder mit ihren eige- nen Empfindungen machen es vielen Frauen nicht leicht, ihren Töchtern ein positives Vorbild zu sein und die Menarche zum Bei- spiel, wie in anderen Kulturen durcha us üblich, als wichtigen Ein- schnitt in ihrem Leben zu feiern. Bei ihnen macht sich die „kulturel- le Missachtung ihrer Leiblichkeit“ 4 deutlich bemerkbar. Zudem setzt mit der Menarche die Möglichkeit der Fruchtbarkeit ein, die aber für junge Mädchen ein Risiko bedeutet, denn sie sollen ja jetzt noch keine Kinder bekommen.
Ein Ereignis, das mit so unterschiedlichen Gefühlen besetzt ist, ist auch sehr anfällig für Störungen, zum Beispiel tritt die Menarche zu spät ein oder die Menstruation wird von starken Schmerzen begleitet. Von „primärer Amenorrhoe“ spricht man, wenn die erste
1
vgl. Schriftenreihe des BM FSFJ; Bd. 209, S. 278
2
vgl. Schindele (b), S. 112
3
vgl. Schriftenreihe des BM FSFJ; Bd. 209, S. 278 f.
4 Schindele (b), S. 112
Arbeit zitieren:
Susan Derouiche, 2003, Frauen und Gesundheit, München, GRIN Verlag GmbH
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