„Kategorien“, unterschiedlich gebraucht werden (MEY, MRUCK 2007). Zu dieser Entwicklung trugen nicht zuletzt die Väter der Grounded Theory-Methodologie bei, die sich hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen Arbeit auseinander entwickelten: Der von der Columbia School geprägte GLASER mit kritisch-rationalistischer Haltung sah in der Grounded Theory weiterhin eine Methode zur „Entdeckung“ von Theorie, während der im Pragmatismus und im symbolischen Interaktionismus verankerte STRAUSS von der Chicagoer Schule sich ein Stück mehr der Verifikation von Theorie zuwandte und den Fokus auf die Arbeitstechnik und weniger auf die Methode des ständigen Vergleiches legte (MEY, MRUCK 2007; CHARMAZ 2006). Dies brachte ihm und seiner späteren Koautorin Juliet CORBIN (siehe u.a. STRAUSS, CORBIN 1996) den Vorwurf ein, sie würden Daten und die Interpretation in vorgefasste Kategorie zwängen, anstatt Theorie aus den Daten zu generieren. In diese Diskussion bringt Kathy CHARMAZ (2006) einen Beitrag zur Praxis der Grounded Theory-Methodologie aus konstruktivistischer Sicht ein. Demnach sei der Forscher Teil der Welt, die er untersucht, und der Informationen, die er sammelt, ist. Dadurch könne Theorie bzw. Daten nicht „entdeckt“ werden, ebenso wenig wie ein exaktes Abbild der Wirklichkeit erstellt werden kann. Die entstandenen Theorien seien dadurch stets subjektiv geprägt. Sie definiert die Methoden der Grounded Theory als „social actions that researchers construct in concert with others in particular places and times. (…) [Researchers] interact with data and create theories about it.“ (129) CHARMAZ sieht in der Grounded Theory-Methodologie dennoch ein geeignetes Mittel, darüber zu „theoretisieren“, wie Bedeutungen, Handeln und soziale Strukturen konstruiert würden. Eine Stärke der Methodologie liege darin, Prozesse in neuen theoretischen Begriffen zu erklären sowie darzulegen, unter welchen Bedingungen, aus welchen Gründen und mit welchen Konsequenzen sich ein Prozess bildet und verändert. Mittels fortschreitender Abstraktion der Daten durch den ständigen Vergleich entstehe Theorie, wobei CHARMAZ zufolge erst definiert werden müsse, was Theorie überhaupt sei. Sie bringt epistemologische Überlegungen in die Debatte mit ein und kontrastiert die positivistische mit der interpretativen Theoriedefinition sowie den objektivistischen mit dem konstruktivistischen Theorieansatz. Viele Quellen von Streitfragen und Kernthemen - von denen ich einige im Folgenden darstelle - lassen sich mit unterschiedlichen erkenntnistheoretischen Ansichten erklären.
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Flexibilität: Qualitative vs. Quantitative Daten, Forschungsfrage und Vorwissen GLASER und STRAUSS (1967) widmeten der Verwendung quantitativer Daten zur Theoriegenerierung ein ganzes Kapitel. Für sie eignen sich beide Formen von Datenqualitative wie quantitative - sowohl zur Verifizierung als auch zur Generierung von Theorie, sie ergänzen sich, wobei „die wesentlichen Elemente soziologischer Theorie häufig am besten mit einer qualitativen Methode bestimmt werden (…); weil qualitative Forschung in der Regel bis an die Grenzen eines Sachgebietes stößt“ (26f). STRAUSS und CORBIN (1996) betonen das Wechselspiel der Nutzung qualitativer Daten zur Veranschaulichung quantitativer Befunde und der teilweisen Validierung qualitativer Analyse durch quantitative Daten. Den Vorteil qualitativer Forschung sehen sie in der Möglichkeit, komplexe Phänomene zu erfassen. Will ein Forscher ein komplexes Phänomen ergründen, muss die Forschungsfrage offen und flexibel genug bleiben, um alle potenziellen Facetten des Phänomens einzuschließen. Im Verlauf des Forschungsprozesses wird die anfangs weit gefasste Fragestellung dann konkreter. Anreiz zu Forschungsfragen können persönliche oder berufliche Erfahrungen sein, aber auch Beiträge aus der Fachliteratur. Beim Thema Fachliteratur beginnen sich die Geister zu scheiden 1 : GLASER und STRAUSS (1967) argumentierten, dass ein Problem ohne eine vorgefasste Theorie zu untersuchen sei, ihr Ansatz es aber zulasse, sich formaler Theorien zur Generierung materialer Theorien zu bedienen. Man kann bestehende Theorie als Ausgangspunkt nutzen, um sie mit Hilfe der Grounded Theory-Methodologie zu erweitern bzw. zu modifizieren. Sie räumen jedoch ein, dass die Nutzung von in der Fachliteratur bestehenden Kategorien von der Erstellung neuer Kategorien 2 ablenken. Dabei sind die Entwicklung neuer Begrifflichkeiten, die Entdeckung relevanter Kategorien und ihrer Beziehungen zueinander ein Merkmal von Grounded Theory (STRAUSS und CORBIN 1996). STRAUSS und CORBIN warnen zudem vor „geborgten Konzepten“, da mit ihnen bereits bestimmte Bedeutungen assoziiert werden. Die Fachliteratur könne aber auf vielfache Weise genutzt werden. Zum einen soll man nach erfolgter Interpretation des eigenen Materials auf sie zurückgreifen, um festzustellen, ob sich eine der aufgefundenen Kategorien dort wieder findet, sodass dies in die Literaturdiskussion eingeht. Weiters kann sie eine sekundäre Datenquelle darstellen und die theoretische Sensibilität anregen, indem sie mögliche Fragen an Interviewpartner bzw. das Material aufzeigt. Bei der Erweiterung bestehender Theorien liefert die Fachliteratur schließlich Anhaltspunkte für
1 Allerdings nicht so sehr, wie manche Kritiker darstellen;
2 Anmerkung der Verfasserin: Neue Begrifflichkeiten (Kategorien) zu generieren ist ein Merkmal von Grounded
Theory (siehe oben CHARMAZ).
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Variationen des Kontextes, in dem ein zu untersuchendes Phänomen auftritt. GLASER lehnt das Studium der Fachliteratur vor der Generierung eigener Theorie ab und betont stattdessen die Emergenz der Kategorien aus den Daten (MEY, MRUCK 2009). Zwar könne man sich mit theoretisch-abstrakter Literatur befassen, die fachspezifische Literatur soll allerdings erst nach der Theorieerstellung für die Literaturdiskussion zum Einsatz kommen (TRUSCHKAT, KAISER-BELTZ, REINARTZ 2007). Keinesfalls soll das Vorwissen - aus Alltagserfahrungen oder Literatur - den Forschungsprozess oder die Ergebnisse beeinflussen oder gar Vorab-Hypothesen bestimmt werden. Um dem Entgegenzuwirken, müssen der eigene Wissensstand und das Vorwissen durch den Forscher reflektiert werden (MEY, MRUCK 2009). Die Kodierpraxis
GLASER und STRAUSS (1967) schlugen mit der Grounded Theory-Methodologie eine „analytische Triade“ (LUEGER 2010: 221) des zeitgleichen Erhebens der Daten, deren Kodierens und der Analyse vor. Es entwickelten sich vielfältige Methoden zur Praxis des Kodierens. Bei STRAUSS und CORBIN (1996: 39) bedeutet Kodieren die Vorgehensweise, „durch die die Daten aufgebrochen, konzeptualisiert und auf neue Art zusammengesetzt werden. Es ist der zentrale Prozess, durch den aus den Daten Theorien entwickelt werden.“ Sie unterscheiden drei Arten des Kodierens, wobei die Grenzen nicht genau auszumachen sind:
1) Das offene Kodieren: Jedem Phänomen in den Daten - bei einem Interview etwa Zeile-für Zeile, pro Abschnitt oder hinsichtlich eines ganzen Dokumentes - wird eine Bezeichnung (Kode) gegeben 3 , sodann die Daten mit anderen Daten auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede verglichen. Wenn ähnliche Phänomene dieselben Bezeichnungen erhalten haben, entstehen Konzepte, die wiederum zu Kategorien werden, sobald sie gruppiert worden sind. Diese Kategorien unterfüttert der Forscher im Laufe der Kodierarbeit mit Daten; er erarbeitet deren dimensionalisierbaren Eigenschaften.
2) Das axiale Kodieren: Auf Basis der Eigenschaften einer Kategorie wird die Beziehung zwischen ihr und ihren Subkategorien entwickelt. STRAUSS und CORBIN schlagen dazu das „paradigmatische Modell“ vor. Das „Phänomen“, auf das sich die Kategorie bezieht, steht im Mittelpunkt. Dazu stellt der Forscher Überlegungen zu den möglichen Subkategorien an:
3 Dies geschieht am ehesten dadurch, dass man die Bezeichnung an den Seitenrand eines Datenblattes schreibt.
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Arbeit zitieren:
Diana Klein, 2010, Die Grounded Theory-Methodologie - Einführung in Theorie und Praxis, München, GRIN Verlag GmbH
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