Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Polynesien 3
2.1 Status und Gesellschaft 4
2.1.1 Drei Typen von polynesischen Gesellschaftssystemen 6
3 Feste 9
3.1 Definition 9
3.2 Feste und Status 12
3.3 Feste und soziale Evolution 14
4 Feste in Polynesien 15
4.1 Tikopia 16
4.2 Marquesas 17
5 Fazit 18
Literatur 19
1 Einleitung
Am Beispiel Polynesiens lässt sich sehr anschaulich zeigen, welche Rolle Feste für den Erhalt oder den Erwerb von Status und Prestige spielen. Dies soll in der vorliegenden Arbeit versucht werden. Nach einer sehr kurzen, allgemeinen Darstellung Polynesiens, möchte ich einen Aspekt seiner Kultur etwas genauer beleuchten, den gesellschaftlichen Aufbau und die Vorstellungen von Status und Prestige. Im Anschluss daran folgt eine ausführliche Einführung in die ethnologische Betrachtung von Festen im Allgemeinen, in der die Verbindung von Festen zu Status und Prestige eher theoretisch-abstrakt gezogen wird. In der daran anschließenden Darstellung von Festen in Polynesien wird diese Verbindung dann konkret veranschaulicht. Als polynesische Beispielgesellschaften habe ich Tikopia und die Marquesas ausgewählt, auf die ich mich immer wieder bei einzelnen detailierten Betrachtungen beziehen werde. Eine ausführlichere Vorstellung von Tikopia und den Marquesas erfolgt am Ende der Arbeit.
2 Polynesien
It is extraordinary that the same Nation should have spread themselves over all the isles in this vast Ocean from New Zealand to this Island which is almost a fourth part of the circumference of the Globe
Ähnlich wie James Cook bei seinem Eintreffen auf der Osterinsel waren wohl viele europäische Entdecker fasziniert bei ihrem ersten Kontakt mit den Völkern Polynesiens (Bellwood, 1978, S. 5). Denn bis zum Beginn der europäischen Entdeckungen waren die Polynesier die geographisch am weitesten verbreitete ‘Nation’ der Erde. Spätestens seit dem 10. Jhd. n. Chr. besiedelten sie alle Inseln innerhalb des sogenannten polynesischen Dreiecks zwischen Neuseeland, Hawai’i und der Osterinsel und haben sich trotz dieser gewaltigen geographischen Ausbreitung eine in vielen Zügen einheitliche Kultur bewahrt (Bellwood, 1978, S. 7). Insbesondere die große Ähnlichkeit der polynesischen Sprachen untereinander, aber auch ihre einheitliche äußere Erscheinung, die sich stark von der der benachbarten Melanesier unterscheidet, legen eine enge Verwandtschaft und einen gemeinsamen Ursprung aller polynesischen Völker nahe (Bellwood, 1978, S. 23ff). Wo genau dieser Ursprung zu suchen ist, soll hier nicht weiter diskutiert werden, es gilt jedoch heute als weitgehend unbestritten, dass das polynesische Dreieck von Westen nach Osten, also vermutlich von Melanesien aus besiedelt wurde 1 . Als Belege hierfür seien glottochronologische Untersuchungen der polynesischen Sprachen und ihrer Einordnung ins Austronesische genannt, sowie die archäologischen Töpferei-Zeugnisse der Lapita-Kultur, die von Melanesien nach Polynesien und innerhalb Polynesiens von West nach Ost immer spärlicher werden (Bellwood, 1978,
1 Der Vollständigkeit halber sei hier (Heyerdahl, 1952) erwähnt, der eine Besiedlung Polynesiens von (Süd-)
Amerika aus annimmt, mit dieser Meinung heute jedoch weitgehend alleine dasteht.
3
S. 45ff). Außerhalb des polynesischen Dreiecks werden noch einige Inseln im Bereich der melanesischen Inselgruppe der Salomonen zu Polynesien gerechnet und als (Polynesian) outliers bezeichnet. Das in dieser Arbeit als Beispiel dienende Tikopia ist eine davon. Trotz der beachtlichen kulturellen Homogenität lässt sich eine Unterteilung in West- und Ostpolynesien begründen, wobei ersteres neben den outliers u.a. die Inselgruppen Tonga, Samoa und Niue umfasst, während die Cook- und Gesellschaftsinseln, die Tuamotus und Marquesas, sowie Neuseeland, Hawai’i und die Osterinsel Ostpolynesien bilden (Bellwood, 1978, S. 20f). Die Unterschiede zwischen beiden Räumen liegen vor allem (aber keinesfalls ausschließlich) in der materiellen Kultur begründet, insbesondere ist die Steinverarbeitung in Ostpolynesien wesentlich ausgeprägter als im Westen, was die eindrucksvollen archäologischen Funde z.B. auf den Marquesas 2 belegen. In der weiteren Darstellung der polynesischen Kultur möchte ich mich auf die gesellschaftliche Schichtung und die Vorstellungen von Status und Prestige beschränken.
2.1 Status und Gesellschaft
Polynesische Gesellschaften weisen eine derart beachtliche Variabilität im Grad ihrer Stratifikation auf, dass viele Ethnologen sich geradezu genötigt sahen, umfassende theoretische Erklärungen für diese Vielfalt zu entwerfen. In seinem Buch Social stratification in Polynesia unternimmt Sahlins (1958, S. 1) den Versuch, die polynesischen Gesellschaften nach dem Grad ihrer Stratifikation zu ordnen und Ausgangspunkt seiner Analyse ist die Feststellung, dass in Polynesien alle Gemeinwesen zu einem gewissen Grade stratifiziert sind. Ausdruck der Stratifikation einer Gesellschaft ist der unterschiedliche Status ihrer jeweiligen Mitglieder. So sind in egalitären Gesellschaften alle Statusebenen im Prinzip für jeden erreichbar, während in stratifizierten Gesellschaften Status einen statischen Charakter annimmt (Sahlins, 1958, S. 2). Als universale Statusmerkmale identifiziert Sahlins (1958, S. 1) Alter, Geschlecht und persönliche Charakterereigenschaften, wobei in einer eher egalitären Gesellschaft vor allem letztere eine entscheidende Rolle spielen. Goldman (1970, S. 9) fügt in seinem voluminösen Werk Ancient Polynesian Society dieser Liste zwei weitere entscheidende Punkte hinzu: Erstgeburt und die Geschichte der Abstammungslinie, und stellt fest, dass in Polynesien Status vor allem nach genealogischen Kriterien zugeschrieben wird. Persönlicher Verdienst und herausragende Fähigkeiten können ebenfalls zum Status beitragen, jedoch nicht, indem sie diesen begründen; vielmehr werden sie als Ausdruck von Status verstanden. Denn Status bedeutet in Polynesien die Fähigkeit, ‘Mächte’ zu kontrollieren und hat somit einen religiösen Charakter:
a status position stems fundamentally from an expectation of notable efficacy ort he ability to control powers. In Polynesia, all powers are from the gods and,
2 oder auf der Osterinsel, auf Hawai’i oder Raiatea.
4
in principle, are transmitted genealogically, which is to say authentically along established lines (Goldman, 1970, S. 9).
Das Konzept von sich im Menschen manifestierender göttlicher Macht ist in großen Teilen Ozeaniens verbreitet und wird als Mana bezeichnet. Die weltliche Macht eines Chiefs und sein Status sind Ausdruck seiner göttlichen Abstammung, die ihm die Fähigkeit verleiht, Mana zu kontrollieren:
all conspicuous success is a proof that a man has mana; his influence depends on the impression made on the people’s mind that he has it; he becomes a chief by virtue of it. Hence a man’s power, though political or social in its character, is his mana (Codrington, 1891, S. 120).
Je größer das Mana eines Menschen, desto größer auch die Verpflichtung, dies durch Taten zum Ausdruck zu bringen. Status verlangt also würdiges Verhalten, und eine gute Möglichkeit, sich als des eigenen Status würdig zu erweisen, ist diesen weiter auszubauen (Goldman, 1970, S. 18). Das erklärt auch, warum in weiten Teilen Polynesiens eine ausgeprägte Statusrivalität zu beobachten ist.
Untrennbar mit Mana und somit auch mit Status verbunden ist das ebenfalls in weiten Teilen Ozeaniens anzutreffende Konzept des Tapu 3 , das in ‘erster Näherung’ als eine Form von Prestige angesehen werden kann 4 (Sahlins, 1958, S. 9), so dass der Grad der unterschiedlichen Ausprägung von Tapu in verschiedenen Gesellschaften als ein Index für den Grad der Stratifikation dienen kann. Ein weiterer Maßstab für die Stratifikation einer polynesischen Gesellschaft und den Status ihrer Chiefs ist deren wirkliche politische Macht, insbesondere die direkte Macht über Menschenleben (Goldman, 1970, S. 18), z.B. bei Tapu-Brüchen: Auch in den am wenigsten stratifizierten Gesellschaften wie Tikopia durfte die Würde des Chiefs (ariki) nicht angetastet werden, die Art der Bestrafung unterschied sich jedoch (zumindest formal) von der Vorgehensweise in stratifizierteren Gesellschaften: „The more power-minded societies had offenders against chiefly dignity killed; Tikopian ariki asked them to commit suicide“ (Goldman, 1970, S. 365).
Dass das Ergebnis für den Tapu-Brecher in beiden Fällen letztlich doch dasselbe ist, mag einen Hinweis darauf geben, warum Goldman die polynesischen Gesellschaften als aristokratisch bezeichnet. Nach seinem Verständnis ist Aristokratie „the imposition of a commanding and natural authority over the entire cultural domain“ (Goldman, 1970, S. 4) und die Chiefs sind die Quellen und Garanten dieser natürlichen Authorität. Aristokratie in Polynesien ist nicht einfach eine Herrschaftsform, sondern entsprechend obiger Definition eine
3 Obwohl Tapu sicherlich nicht in ganz Polynesien einheitlich geschrieben wird, habe ich mich für diese
Schreibweise entschieden, um eine Gleichsetzung mit dem - von eben diesem Wort abgeleiteten - deutschen
Wort „Tabu“ zu vermeiden.
4 Diese ‘erste Näherung’ wird dem Konzept des Tapu selbstverständlich in keiner Weise gerecht, aber eine
genauere Betrachtung ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich.
5
kulturelle Überzeugung über den Aufbau der gesamten sozialen Ordnung, die den Unterschied zwischen den einzelnen Menschen zum Ausdruck bringt. Und als solche kann Aristokratie als eine „Doktrin des sozialen Status“ (Goldman, 1970, S. 4) verstanden werden. Eine derart auf sozialen Status aufbauende Gesellschaftsstruktur ermöglicht es, soziale Beziehungen durch den unterschiedlichen Wert von Menschen auszudrücken und befriedigt somit laut Goldman (1970, S. 6) das zutiefst menschliche Bedürfnis danach, sich und andere zu bewerten:
By status system I mean the principles that define worth and more specifically honor, that establish the scales of personal and group value, that relate position or role to privileges and obligations, that allocate respects, and that codify respect behavior (Goldman, 1970, S. 7).
Ob Goldman mit dieser Einschätzung tatsächlich die polynesische Wirklichkeit darstellt, darf durchaus bezweifelt werden, zumal er selbst keine praktische Feldforschung dort geleistet hat und sich somit in die lange Reihe der Armchair-Scholars einreiht (Howard, 1972, S. 811f).
2.1.1 Drei Typen von polynesischen Gesellschaftssystemen
In dieser Tradition hat er eine auf den ersten Blick theoretisch sehr überzeugende Einteilung der polynesischen Gesellschaften in drei Gruppen von Status- und Gesellschaftssystemen vorgenomme, die bis heute gerne zitiert wird: 1. Traditionelle Gesellschaften 2. Offene Gesellschaften 3. Stratifizierte Gesellschaften
In ‘traditionellen’ Gesellschaften ist das Prinzip der Seniorität zentral, Status wird in erster Linie mit zunehmendem Alter und entsprechender Lebenserfahrung erworben. Entsprechend sind die Statusunterschiede eher kontinuierlich und kaum mit weltlicher Macht oder ökonomischen Unterschieden verbunden. Stattdessen drückt sich Status im Bereich des Religiösen aus und bezeichnet die Fähigkeit, Rituale durchzuführen und Verantwortung für die Gruppe zu übernehmen (Goldman, 1970, S. 20). Diese Form des Status könnte, trotz ihrer immer vorhandenen genealogischen Komponente, als Prestige bezeichnet werden, da das Lebenswerk und die Lebenserfahrung eine entscheidende Rolle spielen. Auch in ‘offenen’ Gesellschaften gründet ein großer Teil des Status auf Prestige. Im Gegensatz zu traditionellen Systemen spielen Lebenserfahrung und Alter jedoch eine unterge-ordnete Rolle, stattdessen zählen persönliche Leistungen wie militärischer oder politischer
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Arbeit zitieren:
Peter Baumann, 2008, Polynesische Feste als Ausdruck von Status und Prestige, München, GRIN Verlag GmbH
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