Allerdings zielt die Schule nicht nur darauf ab, fachspezifisches Wissen an ihre Schüler weiterzugeben. Sie trägt gleichermaßen zur Zivilisation bei, denn Kindern werden Normen und Werte der Gesellschaft vermittelt. Sie haben sich in der Schule an Regeln zu halten, die das Miteinander erleichtern und auch organisieren. So lernen schon die Kleinsten, dass man, wenn jemand anderes etwas sagt, ruhig ist und mit der Antwort wartet, bis der Gesprächspartner fertig ist oder dass man sich beim Husten aufgrund der Höflichkeit die Hand vor den Mund hält. Dies impliziert natürlich auch ein gewisses Maß an Erziehung durch die Schule. Zwar bleibt diese immer noch primär Hauptbestandteil der Familie, es ist jedoch nicht von der Hand zu weisen, dass die Schule auch in dieser Hinsicht auf die Schüler Einfluss nimmt. Die Erziehung geht mir der Zivilisation einher und ist in den Prozess der Sozialisation, welchen die Kinder und Jugendlichen auch in der Schule durchlaufen, eingebettet. „Wenn du nicht zur Schule gehst, bekommst du auch keinen anständigen Beruf.“ Auch diese Antwort ist allseits bekannt und knüpft an die erstgenannte an. Das in der Schule erworbene Wissen soll als Grundausbildung in einen Beruf führen und weiterhin die Notwendigkeit einer Arbeit verdeutlichen. Somit ist die Schule auch als die Institution zu betrachten, welche spätere Arbeitskräfte „produziert“. Hier ist jedoch nicht nur die Bildung entscheidend: Schüler werden während ihrer Schulzeit auf Anforderungen an ihre späteren Rollen als Arbeitnehmer vorbereitet und entwickeln ihrerseits eigene Rollenerwartungen. So würde ein Lehrer, der die Schüler auffordert, ihm jetzt Algebra beizubringen oder ein Pfarrer, der betrunken in der Kirche eine Predigt vorträgt, Kindern seltsam vorkommen, da sie sich bereits selbst eine Vorstellung davon gemacht haben, wie so ein Lehrer, beziehungsweise Pfarrer, auszusehen und sich zu verhalten hat. Somit konstruieren sich Schüler nicht nur ein Bild der Gesellschaft mit ihren verschiedenen Rollen, sie verstehen auch die Anforderungen an die eigene Person und was diese beinhalten. Sie erleben es bereits in ihrer Position als Schüler: Es wird von ihnen erwartet, regelmäßig in die Schule zu gehen, ihre Hausaufgaben zu machen und fleißig zu lernen. Dieser Aspekt ist sehr entscheidend, um seinen Platz in der Gesellschaft einnehmen und sich mit diesem zurechtfinden zu können.
Mit dem Schuleintritt beginnt ein wichtiger und vor allem sehr prägender Lebensabschnitt, denn ab jetzt werden Kinder zum ersten Mal nach ihrer Leistung beurteilt. Diese Beurteilung wird in der Schule durch Noten ausgedrückt. Es geschieht in dieser Form weder in der Familie noch in Krippen oder Kindergärten. Die Schüler erkennen, dass sie Einfluss auf ihr Leben haben und eine Verantwortung
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für sich tragen, denn nur sie sind in der Lage, die Anforderungen zu erfüllen. Es ist nicht möglich, die Schwester, den Opa oder die Nachbarin für sich in die Schule gehen zu lassen; Kinder müssen die Leistung selbst erbringen. Die mit der Funktion der Vorbereitung und Verteilung der späteren Arbeitskräfte verbundene Selektionsfunktion der Schule ist in Deutschland besonders gewichtig. Hier wird nach der Leistung in der Grundschule nach Hauptschule, Realschule und Gymnasium differenziert. Je nach Schulform ist ein anderer Schulabschluss möglich, der wiederum die Weichen für den Beruf stellt. Jemand, der einen Hauptschulabschluss hat, wird nicht studieren können, ihm bleiben somit Berufe wie Arzt, Anwalt, Lehrer etc verwehrt, da er nicht die erforderlichen Kriterien erfüllt. Somit ist der Schulabschluss ein entscheidender Faktor für die Wahl des späteren Berufs. Die Selektionsfunktion ist in Deutschland, vor allem nach den Ergebnissen der PISA - Studie und im Vergleich mit anderen Ländern oft kritisiert und diskutiert worden. Zwar ist man nicht für immer einer Schulform zugeordnet (schließlich kann man nach der mittleren Reife noch das Abitur anstreben), jedoch unterscheiden sich die Anforderungen in den einzelnen Formen sehr stark voneinander. Selbst für gute Hauptschulabsolventen ist es schwer, den Anschluss im Gymnasium zu finden, da hier das wissenschaftliche Niveau von Beginn an höher angelegt wird. Es bleibt fraglich, ob eine Zuordnung nach der 4. Klasse, welche Auswirkungen auf den gesamten späteren Lebensverlauf hat, für sinnvoll erachtet werden kann. Unter die Selektionsfunktion fällt allerdings nicht nur die Differenzierung nach Schulformen, es beginnt schon beim Schulanfang. Kinder müssen bereits hier beweisen, ob sie für die Schule die gewünschten Kompetenzen mitbringen oder lieber noch mal ein Jahr die Vorschule oder den Kindergarten besuchen sollten. Auch das allgemeine „sitzen bleiben“ ist ein Teil davon. Je nach Schule und Region kann man ab der 2. Klasse sitzen bleiben, was einen immensen Druck auf die Kinder auswirkt. Mit gerade einmal 7-8 Jahren müssen sie bereits dem vorgegebenen Leistungsstandard von Schule, Institutionen und der Gesellschaft standhalten, um nicht in der Schulbiografie zurückzufallen. Selbst in diesem jungen Alter wissen sie, was dieses „sitzen bleiben“ bedeutet, denn sie empfinden und begreifen es als Sanktion für unzureichende Leistung. Weiterhin sind es nicht nur die Noten für Fächer wie Mathematik, Deutsch und Sport - auch das Arbeits- und Sozialverhalten wird beurteilt, woran sich wieder die Sozialisationsfunktion der Schule aufzeigt. „Deine Freunde gehen doch auch alle in die Schule.“ Schule beeinflusst Kinder und Jugendliche keineswegs nur hinsichtlich ihrem Wissen und Können, sie betrachtet
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Arbeit zitieren:
Nicole Fischer, 2008, Wozu brauchen wir Schule?, München, GRIN Verlag GmbH
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