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Die Aristotelische ,,Vier-Ursachen-Lehre im
Philosophieunterricht
ein Vorschlag für eine Unterrichtseinheit in der gymnasialen Oberstufe
Von ROBERT VETTER (Berlin)
1. Einleitung
Die Lehr-, Rahmen- oder Bildungspläne der Bundesländer für das Fach
Philosophie in der gymnasialen Oberstufe enthalten meist in der einen oder
anderen Form die Teilbereiche der Metaphysik, der Erkenntnistheorie oder der
Wissenschaftstheorie. Hier wird u.a. auf die Formen und Voraussetzungen des
menschlichen Denkens und Handelns reflektiert. Eine Form des menschlichen
Handelns, das Gegenstand von Metaphysik, Erkenntnistheorie oder ist, ist das
wissenschaftliche Erklären. In der Reflexion, was das Erklären ist, lassen sich
verschiedene Formen unterscheiden und metaphysische Voraussetzungen betrachten.
Teil dieser Reflexion und wichtige zu erlernende Kompetenz ist die Kritik der
Annahme metaphysischer Entitäten. Dass ihre Annahme berechtigt ist, muss
gerechtfertigt werden können. Gleichfalls sollten die Formen des Erklärens nicht
nur betrachtet, sondern auch gerechtfertigt werden können und an exemplarischen
Sachverhalten aus der Wissenschaft erläutert werden können.
Einen Ansatz der Reflexion darauf, was das Erklären ist, liefert Aristoteles mit der so genannten ,,Vier-Ursachen-Lehre". Diese unterscheidet vier Erklärungstypen und enthält metaphysische Entitäten, die vier Ursachentypen. Sie kann als exemplarischer Fall betrachtet werden, an dem die philosophischen Kompetenzen der Kritik und Rechtfertigung metaphysischer Annahmen und ihre Erläuterung an Beispielen gelehrt, gelernt und geübt werden können. Die Annahme metaphysischer Entitäten sollte dem Ökonomieprinzip (Ockham´s razor) gehorchen, wonach diese in Theorien darüber, was etwas ist, sparsam verwendet werden sollten. Die Problematisierung der Annahme metaphysischer Entitäten und die Kenntnis des Ökonomieprinzips muss bei den Schülern vorausgesetzt werden können und entsprechend im Unterricht vor Beginn der hier vorgestellten Unterrichtseinheit behandelt werden.
Ziel dieser Untersuchung ist es nun entsprechend aufzuzeigen und
vorzuschlagen, (a) wie im Unterricht für das wissenschaftliche Erklären die
Annahme metaphysischer Entitäten gerechtfertigt werden kann (Kapitel 3), (b) wie
die Annahme der vier Ursachen gerechtfertigt werden kann (Kapitel 5) und (c) an
welchen Beispielen aus der Naturwissenschaft die ,,Vier-Ursachen-Lehre"
erläutert werden kann (Kapitel 6).
Weil die Erklärungen der Physik am besten zu formalisieren sind, wird diese
hierbei als paradigmatische Naturwissenschaft gewählt. Mit der Verwendung
physikalischer Inhalte im Physikunterricht wird bei den Schülern so genanntes
,,Schubladendenken" überwunden. Zudem werden die Inhalte der Physik als auch der
Philosophie besser behalten und übergreifendes Denken in Zusammenhängen geübt.
2. Die logische Form der wissenschaftlichen Erklärung
Ausgangspunkt der philosophischen Reflexion ist die Frage: ,,Was ist eine (wissenschaftliche) Erklärung?". Als Antwort auf diese Frage wurde von Hempel und Oppenheim die logische Form der wissenschaftlichen Erklärung expliziert. Die erste Unterrichtseinheit sollte sich daher mit dieser beschäftigen. Als Originaltexte können Abschnitte aus Hempels ,,Aspekte wissenschaftlicher Erklärung" (1977, 5ff.) oder ein passender Abschnitt aus einem Einführungsbuch zur Wissenschaftstheorie verwendet werden. (z.B. Hans Posers ,,Wissenschaftstheorie", 2001).
Das Hempel-Oppenheim-Schema wird auch das Deduktiv-Nomologische Modell der Erklärung (D-N-Modell) genannt. (Vgl. Hempel, Oppenheim 1948, 138; Hempel 1977, 6ff.; Lauth, Sareiter 2005, 69f.) Danach wird aus allgemeinen Gesetzmäßigkeiten ii G 1 ,..., G m und den Antezedenzbedingungen A 1 ,..., A n auf den zu erklärenden Sachverhalt, das Explanandum E, geschlossen. E ist also der Sachverhalt, der erklärt wird. Die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten und die Antezedenzbedingungen machen zusammen das Explanans aus, das das Explanandum erklärt. Das D-N-Modell sieht wie folgt aus:
(1) Allgemeine Gesetzmäßigkeiten: G 1 ,...,G m
(2) Antezedenzbedingungen: A 1 ,..., A n
--------------------------------------------------------
(3) Explanandum: E
Zwei Beispiele aus der Physik sollen sein Funktionieren demonstrieren:
a.) Zu erklären ist der Sachverhalt, dass sich bei Temperaturerhöhung eines idealen Gases bei konstantem Druck das Volumen des Gases um 10% erhöht. (Vgl. Lauth, Sareiter 2005, 70) Das Explanandum E lautet also: ,,Das Gasvolumen hat sich um 10% ausgedehnt". Die allgemeine Gesetzmäßigkeit G 1 , die zur Erklärung herangezogen werden kann, ist eine Kombination aus dem Gesetz von Gay-Lussac und dem Gesetz von Amontons., pV/T=const. , wobei p der Druck ist, V das Volumen und T die Temperatur des Gases.. Die Antezedenzbedingung A 1 , die nun zusammen mit der allgemeinen Gesetzmäßigkeit das Explanandum E erklärt, lautet: ,,Die Temperatur im Behälter ist bei konstantem Druck um 10% erhöht worden". Die Erklärung des Sachverhalts enthält hier quantitative Gesetzmäßigkeiten und physikalische Größen. Dies ist im Physikunterricht oft der Fall.
b.) Als weiterer zu erklärender Sachverhalt soll betrachtet werden, dass ein
(mathematisches) Fadenpendel eine bestimmte Periodendauer T, z.B. 3 Sekunden,
besitzt. Dann lautet das Explanandum: ,,Das Fadenpendel hat eine Periodendauer
von T=3s." Die allgemeine Gesetzmäßigkeit G 1 ist die Schwingungsgleichung für
das Fadenpendel. Diese lautet: T=2 (l/g), wobei l die Länge des Fadenpendels ist
und g der Ortsfaktor. Die Antezedenzbedingungen sind dann g 9,81m/s 2 und l
2,24m.
Diese Form der Erklärung ist relativ arm an metaphysischen Entitäten. So
verwendet sie nur Sachverhalte, die wiederum Gesetzmäßigkeiten oder
physikalische Größen enthalten. Bei dieser Form der Erklärung ist bisher in
keiner Weise von Ursachen die Rede gewesen, und man könnte meinen, man bräuchte
die zusätzliche Annahme metaphysischer Entitäten wie Ursachen nicht, um
physikalische Erklärungen durchzuführen. Allerdings gibt es eine Reihe von
Problemen mit diesem D-N-Modell, die darauf hinauslaufen, dass für die
Explikation dessen, was eine Erklärung ist, doch noch die Rede von Ursachen
nötig ist. Die nächste Unterrichtseinheit sollte sich daher mit einem dieser
Probleme, dem Asymmetrieproblem, befassen.
3. Das Asymmetrieproblem
Das Asymmetrieproblem soll zunächst an einem bekannten nicht-physikalischen Beispiel verdeutlicht werden, dessen grundlegendes geometrisches Gesetz den Schülern bekannt ist:
a.) Man stelle sich einen Fahnenmast vor, der eine bestimmte Höhe hat, und
der einen Schatten mit einer bestimmten Länge wirft. (Vgl. Bromberger 1966, 92)
Mit Hilfe eines 3 einfachen geometrischen Gesetzes kann die Schattenlänge bei
gegebenem Winkel der Sonneneinstrahlung aus der Höhe des Fahnenmastes abgeleitet
werden. Hier wird die Länge des Schattens durch die Höhe des Mastes erklärt.
Umgekehrt lässt sich jedoch mit Hilfe desselben geometrischen Gesetzes aus der
Länge des Schattens die Höhe des Turmes ableiten. Hier würde man jedoch nicht
von einer Erklärung sprechen. Die Höhe des Turmes und die Länge des Schattens
sind interdependent, sie lassen sich voneinander mit Hilfe einer allgemeinen
Gesetzmäßigkeit ableiten. Jedoch lässt sich nur die Länge des Schattens durch
die Höhe des Turmes erklären, umgekehrt geht das nicht. Ableitbarkeit ist eine
symmetrische Beziehung, Erklärung ist dagegen asymmetrisch. Jede Ableitung
gehorcht dem D-N-Modell der Erklärung, das Modell bestimmt nicht hinreichend,
was eine Erklärung ist.
Nun ein Beispiel aus der Physik, dessen Grundlagen den Schülern aus dem
Physikunterricht bekannt sind:
b.) Betrachten wir das Hooksche Gesetz für eine Eisenfeder. Dieses lautet
F=k^x, wobei F die Kraft ist, die die Feder dehnt oder zusammendrückt, k die
Federkraftkonstante, die angibt, wie ,,stark" die Feder ist, und x die
Auslenkung, um die die Feder gedehnt oder zusammengedrückt wird. Hier lässt sich
die zum Zusammendrücken oder Dehnen aufgewendete Kraft F aus der
Federkraftkonstanten k und der Auslenkung ^x der Feder ableiten. Umgekehrt lässt
sich auch die Auslenkung x der Feder aus der aufgewendeten Kraft F und der
Konstante k ableiten. Intuitiv würde man jedoch nur sagen, dass sich die
Auslenkung der Feder aus der Federkraftkonstante k und der aufgewandten Kraft F
erklärt, jedoch nicht umgekehrt die Kraft aus der Auslenkung und der
Federkraftkonstante. Die Auslenkung der Feder erklärt nicht, wie die Kraft
zustande kommt. Auch hier erfüllen Ableitungen das D-N-Modell der Erklärung, die
intuitiv nicht als Erklärungen bezeichnet werden können.
Aristoteles hat die Asymmetrie der Erklärung schon erwähnt in seiner Zweiten
Analytik im Buch I, Kapitel 13 (78a28 - 78b3). Am Beispiel der Erklärung des
Funkelns der Planeten durch ihre Nähe zur Erde unterscheidet er zwischen dem
Nicht-Ursächlichen und dem ursprünglich Ursächlichen. Auch diese Erklärung lässt
sich im D-N-Modell formalisieren. Nach Aristoteles funkeln Planeten nicht, weil
sie nah sind. Die Nähe ist die Ursache für ihr Nicht-Funkeln. Umgekehrt kann man
sagen, dass Planeten nah sind, weil sie nicht funkeln. Hier wird für die Nähe
der Planeten jedoch keine Ursache angegeben, sondern nur ein Glaubensgrund.
(Vgl. Brody 1972, 20ff.; van Fraassen 1988, 38) Das Nicht-funkeln ist nicht
ursächlich für die Nähe der Planeten, diese ist nur daraus ableitbar.
Das D-N-Modell bestimmt nicht hinreichend, was eine Erklärung ist. Als Lösung
dieses Problems wird z.B. von van Fraassen (1988, 45, vgl. Bartelborth 2007, 42)
vorgeschlagen, das Explanandum als Wirkung von Ursachen zu betrachten. Die
metaphysische Rede von Ursachen und Wirkungen scheint notwendig zu sein, um zu
bestimmen, was eine Erklärung ist.
4. Die Aristotelische ,,Vier-Ursachen-Lehre"
Die ,,Vier-Ursachen-Lehre" wird nun in der nächsten Unterrichtseinheit behandelt. Sie findet sich vor allem in Aristoteles´ ,,Physik" (Buch II, Kap. 3 und 7) und in der ,,Metaphysik" (Buch V, Kap. 2), deren anspruchsvolle aber recht kurze Originaltexte durch die Schüler in der gymnasialen Oberstufe gelesen werden können. Klassisch werden die vier Ursachen als (a.) Stoffursache, (b.) Formursache, (c.) Bewegursache und (d.) Zweckursache benannt. Bei Aristoteles selbst finden sich diese Benennungen nicht.
a.) Die Stoffursache bezeichnet das, woraus als schon Vorhandenem etwas entsteht. Als Beispiele führt Aristoteles das Erz als Ursache des Standbildes an, das Silber, aus dem die Schale besteht, die Sprachelemente, aus denen die Silben bestehen, oder die Prämissen, aus denen eine Konklusion besteht. Erz, Silber, Sprachelemente und Prämissen sind die Stoffursachen. Ebenso bezeichnet Aristoteles ihre Gattungen als solche. Dass es sich bei der Stoffursache nicht nur um so etwas wie den Stoff oder die Materie handelt, aus dem ein Ding besteht, lässt sich am Beispiel der Silben oder der Konklusion sehen, die aus Elementen bestehen, die keine ,,materielle" Natur haben. Moravcsik (1974, 7) schlägt denn auch vor, diese ,,Ursache" besser ,,constitutive factor" zu nennen. Hennig (2009, 142) macht einen noch allgemeineren Vorschlag. Weil auch falsche Prämissen eine (wahre) Konklusion konstituieren können, man jedoch kaum davon sprechen kann, dass diese dann aus den Prämissen besteht, ist die Stoffursache allgemeiner das, was potentiell das Resultat ist, für das es Ursache ist.
b.) Die Formursache bezeichnet die Form oder das Musterbild, das Wesenswas von etwas. Als Beispiel nennt Aristoteles das Verhältnis von zwei zu eins als Ursache für die Oktave oder allgemeiner den Zahlbegriff als ihre Ursache. Als Beispiel nennt er auch die Mondfinsternis, bei der es sich um die Beraubung des Lichts durch das Dazwischentreten der Erde handelt, und die die Formursache der Mondfinsternis ist. (Metaphysik, VIII, 4.Kap.) Bei diesem letzten Beispiel wird deutlicher, dass die Formursache das Wesenswas oder die Essenz eines Dinges ist.
c.) Die Bewegursache bezeichnet das, woher der anfängliche Anstoß zu Wandel und Beharrung kommt. Es handelt sich um den Anfang von Bewegung und Ruhe. So verursacht 5 der Ratgeber den Plan, der Vater sein Kind, der Same die Pflanze, die Bildhauerei das Standbild, allgemein das Bewirkende das Bewirkte bzw. das Verändernde das Veränderte.
d.) Die Zweckursache bezeichnet das, um dessen Willen oder wozu etwas geschieht. So geht man um der Gesundheit willen spazieren oder macht eine Abmagerungskur. Typisch für ein Explanandum, das mit Zweckursachen erklärt wird, ist nach Hennig (2009, 150ff.), dass es eine Grenze hat, zu der es ,,strebt", und einen Verlauf, dem es folgt. (Vgl. Physik II, 196b21- 22).
Die vier Ursachentypen sind die Kategorien, in die sich eine Information mindestens einordnen lassen können muss, um als relevanter Faktor einer wissenschaftlichen Erklärung betrachtet werden zu können. Die Einteilung der Ursachen in vier Typen und damit die Annahme zusätzlicher metaphysischer Entitäten muss nun gerechtfertigt werden. Damit beschäftigt sich die nächste Unterrichtseinheit.
5. Die Rechtfertigung der Einteilung in vier Ursachen
Aristoteles hat die Einteilung in vier Ursachen selbst nicht gerechtfertigt.
Moravcsik (1974) und Hennig (2009) haben jedoch den Versuch unternommen zu
zeigen, wie Aristoteles die Einteilung in die vier Ursachen wahrscheinlich
gerechtfertigt hätte.
In seinem englischsprachigen Artikel ,,Aristotle on Adequate Explanations"
(1974, 5f.) führt Moravcsik die Einteilung in die vier Ursachen auf die
Reflexion über die Natur der Substanz bzw. eines jeden Dinges zurück. Er
verwendet dazu die Kapitel I und II aus Aristoteles Physik. Eine Substanz kann
unter vier verschiedenen Aspekten betrachtet werden. So ist sie eine Menge von
Elementen, hat eine feste Struktur, und bewegt sich selbst zu einem selbst-
bestimmten Ziel. Die Natur eines Dinges ist Quelle von Bewegung und Ruhe in
einer Entität, ist das Substratum dessen, das sich selbst bewegt, ist die
Struktur einer Entität offenbart in einem Logos, und ist schließlich Zweck.
Diese vier Aspekte der Substanz bzw. der Natur eines jeden Dinges haben u.U.
entsprechende externe Ursachen, die sich so in die vier Ursachentypen einteilen
lassen.
In seinem ebenfalls englischsprachigen Artikel ,,The Four Causes" (2009, 137f.)
führt Hennig die Einteilung in vier Ursachen auf die Kombination zweier
Unterscheidungen zurück, die sich auf alle natürlichen Dinge und ihre
Veränderungen anwenden lässt. Zum einen kann man das natürliche Ding, das sich
verändert, unterscheiden von der natürlichen Veränderung selbst, der das Ding
unterliegt. Veränderung kann dabei z.B. Bewegung und Beharrung sein. Zum anderen
kann man unterscheiden: das, woraus ein natürliches Ding oder eine natürliche
Veränderung das wird, was sie ist, und das, was ein natürliches Ding oder eine
natürliche Veränderung natürlicherweise wird. Mit diesen beiden Unterscheidungen
lässt sich nach Hennig (ebd., 143ff.) eine Kreuz-Klassifikation aufmachen, aus
der sich die vier Ursachentypen ergeben:
[Diese Tabelle in ihrer korrekten Darstellung kann in der Flash-Vorschau oder im Download-Dokument eingesehen werden.]
Kreuzklassifikation
--------
woraus das Ding
oder die Veränderung wird, was es/sie ist
--------
was das Ding oder die Veränderung wird
|
natürliches Ding, das sich verändert
--------
Die Stoffursache betrifft natürliche Dinge,
nicht Veränderungen und ist das woraus diese werden, was sie sind.
--------
Die Formursache betrifft auch nur natürliche Dinge und ist das,
was das Ding wird, wenn es sich natürlich entwickelt
|
die natürliche Veränderung, der das Ding unterliegt
--------
Die Bewegursache betrifft natürliche Veränderungen und ist das,
woraus die Veränderung wird. was sie ist.
--------
Die Zweckursache betrifft auch nur natürliche Veränderungen
und ist das, was diese werden, wenn sie sich ereignen.
6. Veranschaulichung der Vier-Ursachen-Lehre an physikalischen Beispielen
Aristoteles´ Vier-Ursachen-Lehre lässt sich nun an einigen elementaren Beispielen aus der Physik veranschaulichen, wie sie den Schülern der gymnasialen Oberstufe bekannt sein dürften. Diese letzte Unterrichtseinheit schließt mit ihnen die Behandlung der Vier-Ursachen- Lehre ab.
a.) Stoffursache: Als natürliches Ding sei eine Welle (z.B. aus Licht oder Wasser) betrachtet. Eine ihrer Eigenschaften ist ihre Ausbreitungsrichtung. Diese lässt sich unter Berufung auf das Huygenssche Prinzip erklären. Danach bestehen Wellen aus Elementarwellen, deren Einhüllende die Wellenfront der Welle ausmachen und so die Richtung der Ausbreitung der Welle bestimmen. Der die Welle konstituierende Stoff sind also die Elementarwellen.
b.) Formursache: Diese ist häufig mit der Stoffursache kombiniert. Die Ausbreitungsrichtung der Welle erklärt sich nicht nur aus die sie konstituierenden Elementarwellen, sondern auch 7 aus ihrer Anordnung zu einer Einhüllenden, die die Wellenfront ausmacht. Es ist die Form der Anordnung der Elementarwellen, die die Ausbreitungsrichtung der Welle erklärt. Betrachtet man als anderes Beispiel Wasser als natürliches Ding, so wird seine Lösungsmitteleigenschaft dadurch erklärt, dass die Atome, aus denen das Wassermolekül besteht, polar angeordnet sind. Auch hier sind als Ursachen Stoff und Form miteinander kombiniert. Stoffursache für die Lösungsmitteleigenschaft sind die Atome, aus denen das Wassermolekül besteht, Formursache ist die spezielle polare Anordnung dieser Atome im Molekül.
c.) Bewegursache: Als Kennzeichnungen für zu erklärende natürliche Veränderungen können physikalische Größen betrachtet werden, die durch ein ^ gekennzeichnet sind. So können etwa Temperaturänderungen (^T), Längen- (^x) oder Geschwindigkeitsänderungen (^v) betrachtet werden. Bewegursache für die Temperaturänderung ist dann z.B. die Wärmezufuhr oder -abgabe eines Systems, wie sie im Gesetz Q=mc^T ausgedrückt wird. Bewegursache für die Längenänderung einer Metallfeder ist eine Kraft F, wie sie im Hookschen Gesetz F=k^x ausgedrückt wird und schließlich für die Geschwindigkeitsänderung eines Körpers ist es auch eine Kraft F, wie sie im Newtonschen Axiom F=m^v/^t ausgedrückt wird.
d.) Zweckursache: Zu behaupten, dass die Naturwissenschaft Physik
Zweckursachen verwendet, um natürliche Veränderungen zu erklären, erscheint
reichlich provokativ.
Nach Foellesdal et. al. (1986, 150ff.) verwendet die Physik jedoch auch
Prinzipien, die den Anschein von so genannten ,,Intentionalerklärungen" haben.
Man kann alle physikalischen Prozesse so beschreiben, als ob sie von einer
Absicht gelenkt würden, so wenig oder so viel wie möglich von der einen oder
anderen physikalischen Größe zu verwenden. Derartige Beschreibungen haben
allerdings keinen Erklärungswert. Vielmehr sind sie Voraussetzungen um
Erklärungen zuzulassen.
Betrachten wir als natürliche Veränderung das Beharren eines unbeeinflussten
Körpers auf seiner Geschwindigkeit und Bewegungsrichtung, wie es laut
Trägheitsprinzip der Fall ist. Zum einen scheint das Beharren des Körpers der
Absicht zu folgen, in Geschwindigkeit und Bewegungsrichtung konstant zu bleiben,
zum anderen ist diese Beharrung Grundlage dafür, dass dann eventuell auftretende
Abweichungen des Körpers von seiner Richtung und Geschwindigkeit
Erklärungsbedarf haben. Das Trägheitsprinzip ist Voraussetzung für die
Möglichkeit der Erklärung eventueller Abweichungen des Körpers in seiner
Bewegungsrichtung und Geschwindigkeit. Analog verhält es sich beispielsweise mit
dem Prinzip der geradlinigen Ausbreitung des Lichtes. Zudem ist das Prinzip
Voraussetzung dafür, dass Abweichungen von der geradlinigen Ausbreitung
erklärungsbedürftig sind.
Das Explanandum dieser ,,Intentionalerklärungen" hat wie bei einer Erklärung,
die Zweckursachen verwendet, scheinbar eine Grenze, zu der es ,,strebt", so dass
es so scheint, als ob man es mit Zweckursachen erklären könne.
Erwähnt sei noch, dass viele physikalische Erklärungen keine Ursachen zu
gegebenen Wirkungen angeben. Als Beispiel sei hier z.B. die Erklärung der
Periodendauer eines Fadenpendels mittels Schwingungsgleichung T=2pi Wurzel aus(l/g)
genannt, bei der man intuitiv nicht davon sprechen würde, dass die Länge des
Fadenpendels l oder der Ortsfaktor g eine Ursache für die Periodendauer T sei.
7. Fazit
Die von uns vorgeschlagene Unterrichtseinheit zur Aristotelischen ,,Vier-Ursachen-Lehre" untergliedert sich also in fünf aufeinander folgende Abschnitte:
(1) Zunächst wird ausgehend von der Reflexionsfrage ,,Was ist eine wissenschaftliche Erklärung?" und dem Anspruch ihrer Beantwortung die logische Form der wissenschaftlichen Erklärung betrachtet und expliziert,
(2) dann wird gemäß unseres Anspruchs das Asymmetrieproblem betrachtet, das aufzeigt, dass die logische Form der wissenschaftlichen Erklärung nicht die vollständige Antwort auf unsere Reflexionsfrage ist. Um zu klären, was eine wissenschaftliche Erklärung ist, müssen scheinbar die metaphysischen Entitäten Ursache und Wirkung eingeführt werden.
(3) Im nächsten Abschnitt der Unterrichtseinheit wird die Aristotelische ,,Vier-Ursachen-Lehre" als Theorie der Erklärung behandelt.
(4) Im vorletzten Abschnitt wird diese Lehre gerechtfertigt, und
(5) im letzten Abschnitt wird sie an elementaren physikalischen Fällen veranschaulicht. Die Schüler lernen und üben anhand der Aristotelischen ,,Vier-Ursachen-Lehre" die philosophischen Kompetenzen der Kritik und Rechtfertigung metaphysischer Annahmen und die Erläuterung dieser Lehre an physikalischen Beispielen. Damit wird interdispziplinäres Denken gefördert und ,,Schubladendenken" entgegengewirkt.
8. Literaturverzeichnis
Aristoteles ,,Metaphysik".
---- ,,Physik".
---- ,,Zweite Analytik".
Bartelborth ,,Erklären", Berlin [u.a.] 2007.
Boehner ,,Ockham", Edinburgh 1962.
Brody ,,Towards an Aristotelian Theory of Scientific Explanation", in: Philosophy of Science, 39, 1972, S.20-31.
Bromberger "Why-Questions", in: Colodny (Hrsg.) 1966, S.86-111.
Colodny (Hrsg.) ,,Mind and Cosmos", University of Pittsburgh Press 1966.
Foellesdal, Walloe, Elster "Rationale Argumentation ¬ ein Grundkurs in Argumentations- und Wissenschaftstheorie", Berlin [u.a.] 1986.
Hempel ,,Aspekte wissenschaftlicher Erklärung", Berlin [u.a.] 1977.
Hempel, Oppenheim ,,Studies in the Logic of Explanation", in: Philosophy of Science, 15, 1948, S. 135-175.
Lauth, Sareiter ,,Wissenschaftliche Erkenntnis ¬ eine ideenwissenschaftliche Einführung in die Wissenschaftstheorie", Paderborn 2005.
Moravcsik ,,Aristotle on Adequate Explanations", in: Synthese, 28, 1974, S.3-17.
Poser ,,Wissenschaftstheorie", Stuttgart 2001.
Schurz (Hrsg.) ,,Erklären und Verstehen in der Wissenschaft", München 1988.
van Fraassen "Die Pragmatik des Erklärens ¬ Warum-Fragen und ihre Antworten", in: Schurz (Hrsg.) 1988, S.31-90. 10
i ,,What can be explained by the assumption of fewer things is vainly explained by the assumption of more things." (Boehner 1962)
ii Dabei werden hier nur nicht-statistische Gesetze betrachtet, für statistische Gesetze gilt ein abgewandeltes Modell. (Vgl. Hempel 1977)
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Robert Vetter, 2010, Die Aristotelische „Vier-Ursachen-Lehre“ im Philosophieunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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Robert Vetter
Kommentar vom Autor:
In der hier kostenlos angebotenen Version der Arbeit hat der Grin-Verlag wohl versehentlich mathematische Zeichen (z.B. das Wurzel-Symbol) und Symbole des griechischen Alphabets herausgefiltert. Somit ist z.B. die Schwingungsgleichung für das Fadenpendel (T=2*Pi*Wurzel(l/g)) nicht richtig wiedergegeben. Und vor die Symbole der Längenänderungen, Temperaturänderungen und Geschwindigkeitsänderungen gehört ein "Delta".
am Friday, March 26, 2010-
Antje Bärmann
Leider lassen sich die mathematischen Sonderzeichen in der computergenerierten Vorschau nicht darstellen. In der Flashvorschau werden jedoch alle Zeichen korrekt dargestellt. Wir werden versuchen, die computergenerierte Vorschau von Hand zu reparieren. Antje Bärmann (GRIN Verlag GmbH)
am Monday, April 12, 2010-