Zum folgenden Text
Das tradierte Realitätsverständnis der Naturwissenschaften setzt beobachtungsunabhängig vorhandene Eigenschaften der Gegenstände voraus und ist somit nicht vereinbar mit den Entdeckungen der modernen Physik, welche die Annahme einer wesentlich engeren Verzahnung von Subjekt und Objekt im Erfahrungsvorgang nahe legen. Es ist deshalb ein grundsätzliches Überdenken der jeder Beobachtung zugrunde liegenden Subjekt-Objekt-Relation erforderlich, zu dem der Autor mit seiner Studienreihe zu den erkenntnistheoretischen Grundlagen der Physik beitragen will.
Diese Studienreihe nimmt die physikalischen Entdeckungen des zwanzigsten Jahrhunderts zwar zum Anlaß für die Untersuchung der Subjekt-Objekt-Relation, bezieht aber in ihre Analysen auch die klassische Mechanik, sowie die Mathematik und die Logik ein. Denn sie geht davon aus, daß erst eine saubere Aufarbeitung der Subjekt-Objekt-Problematik in den genannten Wissenschaftszweigen die Voraussetzung für eine Lösung der durch die moderne Physik aufgeworfenen erkenntnistheoretischen Fragen schaffen kann. Der ebenfalls bei GRIN erschienene Band I der die Studienreihe eröffnenden Publikation zu den erkenntnistheoretischen Grundlagen der klassischen Physik führt in das Subjekt-Objekt-Thema ein und untersucht es für die klassische Mechanik sowie die Relativitäts-theorie.
Der vorliegende Band II dieser Studie weitet die Analysen auf die beiden Formalwissenschaften aus und beleuchtet den philosophischen Hintergrund der Thesen des Autors. Während Band I einen in sich geschlossenen Argumentationsgang aufweist und daher auch gesondert rezipiert werden kann, setzt die vorliegende Publikation als eine Vertiefung der Reflexionen des ersten Bandes bei ihren Lesern die Lektüre dieses ersten Bandes voraus.
Eine weitere Publikation im Rahmen der Studienreihe trägt den Titel „Quantenphysik als Herausforderung der Erkenntnistheorie“ und ist beim VERLAG KARL ALBER in der Reihe ‚Fermenta philosophica’ erschienen. Da diese Publikation an ihrem Beginn die für den Argumentationsgang benötigten Reflexionsergebnisse der beiden Bände I und II kurz zusammenfaßt, kann sie auch ohne vorangehende Lektüre der übrigen Publikationen aus der Studienreihe gelesen werden.
Die Homepage zur Studienreihe mit Leseproben aus allen drei Publikationen, Reaktionen anderer Autoren und einem Diskussionsforum findet sich unter:
Inhaltsverzeichnisse
aller drei Publikationen der Studienreihe
Erkenntnistheoretische Grundlagen der klassischen Physik
Band I
Klassische Mechanik und Relativitätstheorie
Danksagung VII
Vorbemerkung des Autors VIII
Einleitung 1
1.
1.1 Fragestellung und Aufbau der Studienreihe 1
1.2 Ontologische und konstruktivistische Positionen 6
1.3 Die Schwierigkeiten der Ontologie mit dem Subjekt 14
1.4 Transzendentale Ansätze 18
1.5 Die Grenzen der transzendentalen Analyse 25
Raum und Zeit in der klassischen Mechanik 31
2.
2.1 Die versäumte Chance 31
2.2 Welt ohne Raum und Zeit. 34
2.3 Komplementarität als universelles Konstitutionsprinzip 37
2.4 Warum wir die Zeit vom Raum unterscheiden müssen 43
2.5 Konstruktivistische Zeittheorie 45
2.6 Die Zeit und der transzendentale Zirkel 48
2.7 Physikalische und soziale Zeit. 50
2.8 Veränderung und Bewegung 56
2.9 Raum und Zeit als Objekte 60
2.10 Zeit als innerer Raum 63
2.11 Geist und Materie 65
2.12 Wie der Raum zu seinen Eigenschaften kommt 69
2.13 Der Raum und das Geheimnis seiner Punkte 71
2.14 Unendlichkeit und Absolutheit des physikalischen Raumes 77
2.15 Die mißverstandene Dimensionalität 79
2.16 Drei Standardrichtungen. 82
2.17 Die Dimension als Grenze des Raumes 84
2.18 Symmetrie. 87
II
Die Raum-Zeit der speziellen Relativitätstheorie 91
3.
3.1 Verlaufsgeschwindigkeit von erlebter Zeit 91
3.2 Erlebte und gemessene Zeit 96
3.3 Verlaufsgeschwindigkeit von gemessener Zeit 101
3.4 Die transzendentale Basis des Äthermodells 104
3.5 Die Konstitution des synchronen Zeitverlaufes 106
3.6 Klassische Relativität 110
3.7 Spezielle Relativität 115
3.8 Die Konstitution der Gleichzeitigkeit 120
3.9 Gleichzeitigkeit im klassischen und relativistischen Sinne 126
3.10 Die transzendentale Basis des Raum-Zeit-Kontinuums 131
Kraft und Materie 138
4.
4.1 Warum wir Kraft von Materie unterscheiden müssen 138
4.2 Die Konstitution der Objektsphäre 143
4.3 Wechselwirkung als Kommunikationsbeziehung 148
4.4 Die Gesetzmäßigkeit des Objektverhaltens 153
4.5 Naturvorgang und zielorientiertes Handeln 157
4.6 Die Erscheinung von Körpern 164
4.7 Träge und schwere Masse 168
4.8 Kraftwirkungen des Subjekts 173
4.9 Kraftwirkungen der Körper 180
Die Entwicklung des Kraft-Materie-Paradigmas 189
5.
5.1 Zur Urgeschichte der Physik 189
5.2 Die Überwindung der Magie 195
5.3 Der Übergang zur modernen Wissenschaft 200
5.4 Kausalität und kapitalistische Warenproduktion 203
5.5 Der pragmatistische Rahmen der Kausalität 207
5.6 Das Leib-Seele-Problem in der Physik 212
5.7 Die mißverstandene Kraft. 219
5.8 Die numerische Identität von schwerer und träger Masse 228
5.9 Machsches Prinzip und kosmische Faulheit 231
Verzeichnis der in den Bänden I und II zitierten Literatur 241
III
Erkenntnistheoretische Grundlagen der klassischen Physik
Band II
Vertiefung der philosophischen Reflexion
Die Muster der Erfahrung 1
6.
6.1 Der Begriff des Objekts 2
6.2 Implikationen des Kommunikationsschemas für den Begriff 9
6.3 Die Kategorien der Erfahrung 17
6.4 Der apriorische Gehalt der Erfahrung 24
6.5 Form und Inhalt 29
6.6 Form und Werkzeug 35
6.7 Der Realitätsverlust des radikalen Konstruktivismus 42
6.8 Ein vergeblicher Versuch zur Rettung der Realität 52
6.9 Der konstruktivistische Formbegriff 60
6.10 Von der Seinsart der Gegenstände der Mathematik 64
6.11 Das Objekt als reine räumliche Form 77
6.12 Die Erscheinung von realen und idealen Quantitäten 85
6.13 Das Universum der reinen Quantität 94
6.14 Mathematik und Sprache 105
6.15 Die Mathematisierung der Erfahrung 110
6.16 Das Unreine an der reinen Mathematik 122
Die Funktionen der Sprache 137
7.
7.1 Sprechen als stellvertretendes Handeln 137
7.2 Gegenüberstellung von Ersatz- und Probehandeln 147
7.3 Die Sprachstruktur als Abbild der Struktur des Handelns 151
7.4 Ergänzende Sprachfunktionen 162
7.5 Das Sprachspiel und seine Grammatik 170
7.6 Einer Regel folgen 175
Die Gesetze der Logik 182
8.
8.1 Das Urteil und die Geltung von Verhaltensregeln 182
8.2 Zum pragmatistischen Stellenwert des Urteils 190
8.3 Das Urteil vor dem Hintergrund des Kommunikationsschemas 197
8.4 Die Rolle des Urteils beim Erkennen und Probehandeln 203
8.5 Die Bedeutung der Termini und der generellen Urteile 208
8.6 Der Sinn von Sein 216
8.7 Der Satz vom Widerspruch 231
8.8 Die Regeln der Konstruktion von Regelsystemen 242
8.9 Die duale Erscheinung des Urteils 250
IV
8.10 Komplexe Sachverhalte und Geltungsrelationen 263
8.11 Die prädikatenlogische Funktion der logischen Partikel 275
8.12 Äquivalenzurteil und physikalisches Äquivalenzprinzip 286
8.13 Die beiden Arten der Negation 292
8.14 Die aussagenlogische Funktion der logischen Partikel 301
8.15 Freges Position 312
8.16 Die Abbildungsprobleme der modernen Logik 318
8.17 Wahrheitswert und Tauschwert 328
8.18 Bedeutung und Sinn im transzendentalen Pragmatismus 337
Pragmatismus und Pragmatik 351
9.
9.1 Verstehen und Erklären 351
9.2 Pragmatismus und Kontemplation 362
9.3 Pragmatismus und praktische Vernunft 373
9.4 Pragmatismus und Pragmatik 383
9.5 Der Sprachidealismus der transzendentalen Hermeneutik 391
9.6 Wahrheit und Diskurs 398
9.7 Die Grenzen der psychoanalytischen Tiefenhermeneutik 418
9.8 Ideologiekritik als Kritik der Grammatik von Sprachspielen. 422
9.9 Kritik und Weltveränderung 434
9.10 Die Aufgaben der Philosophie. 439
9.11 Erkenntnistheorie und Ethik 446
Verzeichnis der in den Bänden I und II zitierten Literatur 453
V
Quantenphysik als Herausforderung der Erkenntnistheorie
Danksagung
Vorbemerkung des Autors 1. Problemstellung und Aufbau der Argumentation 2. Erkenntnistheoretische Grundlagen der klassischen Mechanik 1.1 Die Perspektive des transzendentalen Pragmatismus 1.2 Das Äquivalenzprinzip 1.3 Das Komplementaritätsprinzip 1.4 Das Stellvertreterprinzip
3. Komplementarität und duale Natur des Lichts 3.1 Der Doppelspalt-Versuch 3.2 Die verschiedenen Arten von Komplementarität 3.3 Der Welle-Teilchen-Dualismus und das Mysterium des Lichts 3.4 Dualismus versus Dialektik von Wesen und Erscheinung
o These
o Erläuterungen
o Auflösung des Mysteriums des Lichts
4. Unschärfe und Unbestimmtheit 4.1 Drei Arten der Unbestimmtheit 4.2 Drei Aspekte der Unbestimmtheit zweiter Art
o Meßaspekt
o Formaspekt
o Modellaspekt im Zusammenspiel mit Meß- und Formaspekt 4.3 Die transzendentale Basis des Modellaspekts der Unbestimmtheit 4.4 Zur Quantenstruktur von Raum und Zeit
5. Verschränkung 5.1 Aufriß der Problemgeschichte 5.1 Kritik an der EPR-Argumentation
6. Der Welle-Teilchen-Charakter der Materie 6.1 Die Wellenfunktion und ihre Deutung 6.2 Fehlinterpretationen der Wellenfunktion 6.3 Wellenfunktion und Kommunikationsschema 6.4 Wellenfunktion und Stellvertreterprinzip
7. Ausblick
Verzeichnis der zitierten Literatur Begriffs- und Namensregister
VI
Die Muster der Erfahrung
6. Die Muster der Erfahrung
Nach der in Band I abgeschlossenen Analyse des klassischen Kraft-Materie-Paradigmas wird in weiterer Folge darzustellen sein, wie (und warum) sich der physikalische Begriffsapparat allmählich wandelt. Im Zuge jener Entwicklung ändert sich nicht nur das Verständnis dessen, was man als Objekt bezeichnet, sondern auch die Vorstellung davon, was als Eigenschaften und als Verhalten jenes nun in neuem Lichte erscheinenden Gegenstandes anzusehen sei. Bevor wir jedoch im dritten Band der Studienreihe und in einer auf diesen folgenden Publikation die Details dieser Revolution der physikalischen Sichtweise des Objekts betrachten können, gilt es, im vorliegenden zweiten Band den erkenntnistheoretischen Hintergrund unserer bisher erzielten Ergebnisse ausleuchten. Wir werden die dafür erforderliche systematische Reflexion auf den Vorgang des Begreifens von Gegenständen in vier Anläufen vollziehen: Zunächst haben wir im nun folgenden Teil 6 die wichtigsten Muster der Erfahrung zu analysieren. Im anschließenden Teil 7 müssen wir uns der Rolle der Sprache im Erkenntnisprozeß vergewissern, um dann in Teil 8 eine korrekte Bestimmung des Stellenwerts der Logik bei der Konstitution der uns erscheinenden Welt vornehmen zu können. In Teil 9 schließlich, versuchen wir nochmals eine abschließende Schärfung der Konturen des all unseren Überlegungen zugrunde liegende erkenntnistheoretischen Ansatzes, indem wir ihn mit einigen der für seine Entstehung wichtigen Positionen aus der älteren und jüngeren Geschichte der Philosophie vergleichen.
Im Zuge dieser Auseinandersetzung mit den Grundfragen von Erkenntnistheorie, Sprachphilosophie und Logik wird sich zeigen, daß ein enger Zusammenhang zwischen dem Objektivismus der Einzelwissenschaften, wie etwa der klassischen Physik, und einer in der philosophischen Tradition immer wieder zum Durchbruch kommenden Tendenz zur Verdinglichung des Erkennens selbst besteht. Während man im ersten Fall die Konstitution der Naturphänomene durch die Praxis des erfahrenden Subjekts ausblendet, wird im zweiten die Tätigkeit des Erkennens als ein Hantieren mit Dingen mißverstanden. Wenn es daher bei unseren vorangehenden Reflexionen auf die Methode der Physik darum ging, die verdeckten Bezüge zwischen den Erscheinungen des physikalischen Objekts und dem Handeln zu entdecken, ist in der nun folgenden Auseinandersetzung mit den traditionellen Positionen von Erkenntnistheorie, Sprachphilosophie und Logik, eine Alternative zur ontologischen Sicht des Erkennens aufzuzeigen - wobei eine besondere Herausforderung für die Suche nach einer solchen Alternative darin besteht, daß wir uns dabei zugleich von jenen konstruktivistischen Positionen der modernen Philosophie abgrenzen müssen, welche in ihrem Kampf gegen die traditionelle Ontologie das Kind mit dem Bade ausgießen, indem sie den Vorgang der Konstitution von Erfahrung auf sein subjektives Moment reduzieren und damit übersehen, daß Erfahrung immer nur im Zuge der Praxis, also im Verlauf eines zwischen Subjekt und Objekt ablaufenden Wechselspiels stattfindet.
1
Die Muster der Erfahrung
Die mit den Mustern dieser Erfahrung befaßten Ausführungen des vorliegenden Abschnitts werden zunächst (in 6.1 und 6.2) erläutern, was unter einem ‚Begriff’ zu verstehen ist und dann (in 6.3 und 6.4) den Stellenwert der ‚Kategorien’ des Erfahrens aus der Sicht des transzendentalen Pragmatismus skizzieren. In der Folge (6.5 bis 6.9) wird sich im Zuge einer Diskussion weiterer wesentlicher Aspekte der Tätigkeit des Erkennens die Gelegenheit ergeben, den sowohl von der Ontologie als auch vom Konstruktivismus gründlich mißverstandenen Sinn unserer Rede von der ‚Realität’ zu rekonstruieren und das transzendental-pragmatistische Verständnis des Verhältnisses von Erkennen und Sein zu explizieren. In den Abschnitten 6.10 bis 6.16 schließlich verläßt dann die Reflexion das Feld der qualitativen Erfahrung, um den für das physikalische Weltbild zentralen Gesichtspunkt der Erscheinung von Quantitäten zu erforschen.
6.1 Der Begriff des Objekts
Wir beginnen mit einer kurzen Rekapitulation dessen, was wir bereits über die im vorliegenden Zusammenhang relevanten Aspekte des Konstitutionsprozesses wissen: x Generell ist davon auszugehen, daß die Erscheinung einer in Objekte gegliederten Natur der Kommunikationsorientierung allen Handelns entspricht: Der Akteur kann sich prinzipiell immer nur so verhalten, wie er sich einem Interaktionspartner gegenüber verhält, weshalb die gesamte Welt für ihn aus subjektartigen Gegenspielern besteht. x Die Annäherung an den Gegenstand auf Basis jenes Kommunikationsschemas führt dazu, daß der Handelnde das Objekt als ein Gegenüber in den Blick faßt, das auf sein eigenes, durch Regeln gesteuertes Verhalten in einer ebenfalls regelbezogenen, das heißt erwartbaren Weise reagiert, was infolge des Stellvertreterprinzips auch für die Reaktionen des Objekts auf das Verhalten anderer Gegenstände gilt. 1 Dieser Bezug des Objektverhaltens auf regelgestützte Erwartungen ist die Basis für zwei prinzipiell zu unterscheidende Arten des Zugangs zum Gegenstand: Zum einen können die Reaktionen eines konkreten Objekts in ihrer Spannung zu den ihnen jeweils modellhaft zugrunde gelegten Regeln betrachtet werden, wodurch dieses Objekt in seiner Individualität als einer von vielen ähnlichen, jedoch nicht völlig gleichen Gegenständen in den Blick gerät, die den betreffenden Gesetzmäßigkeiten unterliegen. Zum anderen können die Abweichungen jener Reaktionen von der ihnen unterstellten Regelhaftigkeit übergangen werden, sodaß eine Vorstellung der jeweiligen Verhaltensweisen als reiner Verkörperungen der zugrunde liegenden Regeln entsteht. Wenn wir den Gegen-stand in der zuletzt angeführten Perspektive ansehen, dann erscheint uns das, was an ihm erwartbar bzw. allgemein ist, weil es allen Objekten gemein ist, deren Verhalten der betreffenden Regel unterliegt.
1 Zum Regelbezug des Objektverhaltens vgl. 4.4, zum Stellvertreterprinzip vgl. 4.2
2
Die Muster der Erfahrung
Die Gesamtheit dieser Erwartungen bezüglich der Reaktionen des Objekts auf das Verhalten von uns und von anderen Gegenständen, also das Ensemble unserer Erwartungen an das betreffende Objekt, bezeichnen wir als seinen Begriff, wobei wir vorläufig noch nicht zwischen dem Begriff selbst und seiner sprachlichen Gestalt als Terminus unterscheiden. 2 In der Allgemeinheit des Begriffs spiegelt sich somit letztlich das Wesen der Handlungsregel, die jedem individuellen Tun als eine gemeinsam anerkannte Norm vorausgeht, indem sie ein bestimmtes, vom einzelnen Akteur zu vollziehendes Handlungsmuster vorschreibt. Durch die Übertragung des Kommunikationsschemas auf all unsere Objektkontakte resultiert daraus eine entsprechende Strukturierung unserer Gegenstandswahrnehmung, im Zuge derer das Verhalten dieser Gegenstände als gesetzlich determinierte, individuelle Realisierung eines vorausgesetzten, überindividuellen Verhaltensmusters erscheint.
Da jeder an einer gesellschaftlichen Regel orientierte Akteur den in der betreffenden Norm gesetzten Anforderungen widersprechen oder zuwiderhandeln kann, ist es umgekehrt möglich, eine solche Norm auch kontrafaktisch, also im Gegensatz zum tatsächlichen Verhalten der Handelnden aufrecht zu erhalten. Dieser potentielle Widerspruch zwischen den gesellschaftlichen Regeln und der Praxis der Individuen konstituiert die Erfahrung des Sollcharakters der Normen.
Wie bereits in Abschnitt 4.4 erwähnt, erfährt das soeben skizzierte Wesen der Regel durch deren Übertragung von der gesellschaftlichen Sphäre auf die Objektkontakte eine bedeutsame Wandlung: Da die Gegenstände als bloß virtuelle Subjekte im Unterschied zu den menschlichen Akteuren den auf sie projizierten Regeln prinzipiell nicht widersprechen und auch nicht auf deren Abänderung dringen können, verliert die auf das Objektverhalten bezogene Regel den Sollcharakter und wird zum bloß beschreibenden Ausdruck einer sich mit ‚objektiver’ Notwendigkeit vollziehenden Regelmäßigkeit. Zwei weitere damit zusammenhängende Differenzen zwischen den Regeln des menschlichen und dinglichen Verhaltens sind von ähnlich großer Relevanz: x Während im gesellschaftlichen Bereich der Akteur und die Regel aufgrund der zwischen ihnen bestehenden Spannung einander grundsätzlich immer in Frage stellen und daher auch wechselseitig beeinflussen, ist zwischen den im Begriff enthaltenen Regeln und dem durch jene Regeln beschriebenen Objektverhalten keine entsprechende Wechselwirkung vorhanden. Im Fall einer Diskrepanz zwischen Begriff und Verhalten ist hier daher prinzipiell immer nur der Begriff und nie das durch ihn erfaßte Geschehen in Frage gestellt.
x Wenn die wechselseitige Relativierung von Anspruch und Verhalten im Falle der sozialen Regeln dazu führt, daß sowohl das Handeln als auch die ihm zugrunde liegende Norm als gut oder böse erfahren werden können, so stehen im Bereich der Objekterfah-
2Mit der Differenzierung zwischen dem Begriff und seiner sprachlichen Gestalt werden wir uns erst bei den der Sprache gewidmeten Überlegungen befassen.
3
Die Muster der Erfahrung
rung einem in seiner Faktizität schlichtweg zu akzeptierenden Objektverhalten eine zutreffende oder unzutreffende begriffliche Beschreibungen gegenüber. Fassen wir den Begriff des Objekts in der eben angedeutete Weise als ein Set von Verhaltensregeln auf 3 und bedenken wir deren Herkunft aus dem gesellschaftlichen Kontext, dann wird klar, daß das Allgemeine, welches ja nur Ausdruck dieser Regeln ist, kein Ding sein kann. Denn jene Regeln sind selbst nicht dinglicher Natur, sondern bloß Chiffren für die Selbststeuerung jedes Interaktionsprozesses. Durch Übertragung des Interaktionsmodells auf den Objektkontakt werden die Regeln und mit ihnen das Allgemeine zum Grundelement unserer Naturerfahrung. Sie unterliegen dabei zwar den eben geschilderten Modifikationen, verlieren aber nicht ihren Bezug auf die Interaktion und dürfen daher keinesfalls als dingliche Strukturen vorgestellt werden.
Genau dies passierte aber über weite Strecken im Umgang der philosophischen Tradition mit dem Allgemeinen. Die meisten ihrer zahlreichen Versuche einer Deutung des Wesens der Begriffe sind daher durch Aporien gekennzeichnet, die aus der Reduktion des durch den Begriff verkörperten Allgemeinen auf ein Ding folgen.
So sieht etwa Platon das Allgemeine als Idee 4 , zu der die Einzeldinge, welche unter den jeweiligen Begriff fallen, durch Teilhabe (methexis) in Beziehung treten. Schon Aristoteles erkannte völlig zurecht, daß hier der Begriff nach dem Muster eines Körpers gedacht wird, der sich in seinem Bezug auf die konkreten Objekte zersplittern muß. Er weist damit punktgenau auf den wesentlichen Unterschied zwischen einem Ding und einer Regel hin: während ersteres durch die Teilhabe Vieler seine als körperliche Ganzheit vorgestellte Identität verliert, gewinnt die Regel umgekehrt umso mehr Kraft, je mehr Individuen ihr folgen.
Aristoteles‘ eigener Vorschlag zur Problemlösung führt allerdings nicht aus der von ihm aufgezeigten Sackgasse heraus. Er verwirft zwar die Vorstellung einer Existenz des Allgemeinen in Gestalt eigenständiger Ideen, kann aber dem mit der Verdinglichung des Allgemeinen gesetzten Zersplitterungsproblem nicht entkommen, da er selbst das Allgemeine als ein jedem Einzelding innewohnendes Prinzip auffaßt.
Da sowohl die platonische als auch die aristotelische Auffassung von einer tatsächlichen dinglichen Existenz des Allgemeinen ausgehen, werden beide als Spielarten des sogenannten Universalienrealismus bezeichnet 5 . In neuerer Zeit entwickelten sich dazu zwei Ge-
3Die Definition des Begriffs als ein Set von Regeln ist äquivalent zu seiner Bestimmung als ein Ensemble von Erwartungen, da eine vollständige Entsprechung zwischen den beiden Termini der Erwartung und der Regel besteht: Auf der einen Seite sind Regeln nichts anderes als übereinstimmende wechselseitige Verhaltenserwartungen von Interaktionspartnern. Auf der anderen Seite sind alle Erwartungen mit innerer Notwendigkeit auf Verhaltensregeln bezogen. Ich vermag es zwar, mir beliebige, von jeder Regel unabhängige Inhalte von Erwartungen auszudenken, kann mir also etwa vorstellen, daß der Erzbischof von Wien morgen früh den Kaffee an mein Bett serviert - tatsächlich erwarten kann ich derlei aber nur, wenn ich ihm die Orientierung an einer entsprechenden Verhaltensregel unterstelle. Alles andere sind bloße Wünsche oder Phantasien.
4 idea: das Erschaute
5 Das Allgemeine ist im Lateinischen das ‚universale’.
4
Die Muster der Erfahrung
genpositionen, welche man in grober Vereinfachung, das heißt absehend von der Vielfalt ihrer unterschiedlichen Ausprägungen, als Nominalismus 6 und Konzeptualismus bezeichnen kann. 7
Ersterer versucht den zuvor skizzierten Problemen des Universalienrealismus dadurch auszuweichen, daß er das dingliche Vorhandensein des Allgemeinen leugnet und die Begriffe zu bloßen Zeichen erklärt. Mit der einfachen Negation der verdinglichenden Vorstellung des Allgemeinen ist jedoch noch keine Erklärung für die faktische Anwesenheit dieses Allgemeinen in unserer Erkenntnis geliefert. Und so steht jene Position „vor der Schwierigkeit, erklären zu müssen, wie ein Zeichen, das doch als solches nur ein konkreter Gegenstand ist, als allgemeines fungieren kann, ohne für etwas Allgemeines zu stehen.“ 8 Aus der Perspektive unseres Verständnisses des Begriffs als eines Sets von Verhaltensregeln verweist die Auseinandersetzung zwischen Begriffsrealisten und Nominalisten um das Verhältnis zwischen dem Allgemeinen und dem Gegenstand darauf, daß beide Streitparteien die Fundierung des Begriffs im Kommunikationsschema verkennen. Das gemäß diesem Modell beim Objekt wahrgenommene regelbezogene Verhalten ist als integraler Prozeß zu verstehen, bei dessen Betrachtung man nicht die Norm vom Verhalten abspalten darf. Keiner der beiden Aspekte repräsentiert daher die ‚eigentliche Realität’. Und so ist etwa die platonische Idee, als Ausdruck der Regel, welche dem Verhalten des jeweiligen Gegenstandes modellhaft unterlegt wird, um nichts mehr oder weniger ‚real’ als das betreffende Verhalten selbst.
Der Konzeptualismus fußt auf der cartesianischen Unterscheidung zwischen einer körperlichen und einer geistigen Sphäre, welche aus letzterer von vornherein ein bloßes Spiegelbild der ersteren macht. Das Allgemeine erscheint daher hier im Gegensatz zum Universalienrealismus nicht als Bestandteil der einen, allumfassenden Realität, sondern als Produkt eines selbst körperartig vorgestellten Geistes. Ein typischer Vertreter jenes Ansatzes ist etwa Locke. Er spricht von „abstract ideas“, die für ihn im Unterschied zu den Nominalisten keine bloßen Namen sind, sondern Hilfskonstruktionen des Verstandes darstellen, die letzterer für seinen eigenen Gebrauch geschaffen hat. Das Allgemeine ist in dieser Perspektive ein geistiges Ding, das durch nachträgliche Abstraktion als das Gemeinsame vieler Objekte aus den entsprechenden Einzelwahrnehmungen herausgefiltert wird. Es ist zu beachten, daß bei unserem an das cartesianische Denken gerichteten Vorwurf einer Verdinglichung des Allgemeinen der Terminus der ‚Verdinglichung’ einen anderen Akzent hat als bei der vorangehenden Kritik am Universalienrealismus. Der Unterschied zwischen beiden Spielarten der Verdinglichung kann am besten dadurch verdeutlicht wer- 6Die sozialhistorische Basis des Übergangs vom Universalienrealismus zum Nominalismus an der Schwelle zur Neuzeit wurde bereits in Abschnitt 5.3 dargestellt.
7 Tugendhat, E., Wolf, U. (1983), Seite 131
8 a.a.O., Seite 131
5
Die Muster der Erfahrung
den, daß wir uns noch einmal kurz auf die gemeinsame Problemstellung der zwei Ansätze besinnen:
Diese besteht in beiden Fällen darin, daß sich das Erkennen selbst zum Objekt macht. Da nun aber der Realist das Objekt generell nicht als etwas vom Erkennen Konstituiertes ansieht, ist für ihn auch dieses Erkennen selbst kein von allen anderen Gegenständen prinzipiell zu unterscheidendes Objekt. Und eben jenes Fehlen einer Einsicht in die qualitative Differenz zwischen dem Objekt ‚Erkennen’ und allen übrigen Gegenständen haben wir im Sinn, wenn wir von der Verdinglichung des Erkennens im Realismus sprechen. Demgegenüber liegt die große Leistung des von Descartes ausgehenden Denkens in der Anerkennung eines grundsätzlichen Unterschiedes zwischen dem Erkennen und allen übrigen Gegenständen, indem ersteres hier als jenes Objekt bestimmt wird, das alle anderen Gegenstände durch seine konstituierende Aktivität überhaupt erst zu Objekten macht. Von Verdinglichung müssen wir in diesem Fall nur deshalb sprechen, weil man die Konstitution nicht mit voller Konsequenz als gesellschaftliche Praxis begreift, sondern bloß als negatives Gegenbild der übrigen Objekte bestimmt, das ihnen im Rahmen eines räumlichen Innen-Außen-Verhältnisses gegenübertritt.
Während sich beim Universalienrealismus die Unangemessenheit der verdinglichenden Vorstellung des Allgemeinen in dessen Zersplitterung bei der Teilhabe der Einzelobjekte äußert, zeigt sie sich im Konzeptualismus in Gestalt eines Wahrnehmungs- bzw. Vorstellungsproblems. Schon Berkeley, der seinerseits eine nominalistische Position einnahm, weist in seinem „Treatise Concerning the Principles of Human Knowledge“ auf diese Schwierigkeit hin, indem er darauf beharrt, daß das Bewußtsein immer nur etwas Bestimmtes und nie das Allgemeine selbst wahrnehmen oder vorstellen kann. Erst Kant entgeht jenem Einwand und weist dabei erstmals auf die richtige Spur, indem er in seiner Lehre vom Begriff das Konzept der Regel ins Spiel bringt. Er sieht im Begriff nämlich ein Schema, das heißt eine Regel, zur Erzeugung einer Synthesis einzelner Sinnes- oder Vorstellungsbausteine. So ist für ihn etwa „der Begriff vom Hunde ... eine Regel, nach welcher meine Einbildungskraft die Gestalt eines vierfüßigen Tieres allgemein verzeichnen kann, ohne auf irgend eine einzige besondere Gestalt, die mir die Erfahrung darbietet, oder auch ein jedes mögliche Bild, was ich in concreto darstellen kann, eingeschränkt zu sein.“ 9
So wichtig dieser Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Begriff und Regel auch ist, so deutlich wird doch die konzeptualistische Deformierung des Regelkonzepts in seiner Anwendung durch Kant. Zum einen besteht das Erkennen im Gegensatz zu der im vorangehenden Zitat vertretenen Auffassung nicht darin, daß eine Gestalt nach bestimmten Regeln konstruiert wird. Es geht dabei vielmehr darum, das Muster des menschlichen Tuns und damit auch dessen Regelhaftigkeit modellhaft auf das Verhalten des Objekt zu über-
9Kant, I. (1781), Seite 216 f.
6
Die Muster der Erfahrung
tragen. Zum anderen reflektiert Kant nicht die Einbettung des Prozesses der Regelbefolgung in Kommunikationszusammenhänge.
Eine Position, welche diesen konstitutiven Bezug des Regelkonzepts bzw. des Begriffs auf Interaktionsvorgänge berücksichtigt und damit auch der aus ihm resultierenden Spannung zwischen dem Allgemeinen und dem Individuum bzw. zwischen Begriff und Objekt Rechnung trägt, ist jene von Hegel. Dieser sieht jedoch im Begriff kein bloßes Erkenntnisinstrument, sondern verabsolutiert ihn zu einem der Leibnizschen Monade ähnlichen Prinzip des Seins, was einer Aufgabe der von Kant vorgegebenen erkenntniskritischen Position zugunsten einer Versöhnung des Konzeptualismus mit dem Universalienrealismus gleich kommt.
Auch jüngere Ansätze, wie etwa die von Husserl und Frege, können das Rätsel des Begriffs keiner Lösung zuführen. So wird der Begriff für Husserl durch einen Denkakt, den er als eine höherstufige, das heißt nicht sinnliche Form des Vorstellens beschreibt, konstituiert, womit das Allgemeine wieder zu etwas Produziertem, also zu einem Ding nach Art der platonischen Idee 10 , gemacht ist. Frege dagegen versucht den Begriff in Analogie zur mathematischen Funktion zu verstehen 11 , was uns der Antwort auf die Frage nach seinem Wesen um keinen Schritt näher bringt. Denn die Funktion ist ein Muster des mathematischen Erkennens, und die Mathematik ist, wie wir noch sehen werden 12 , nichts anderes als die Betrachtung der auf ihre nackte Quantität reduzierten Objekte. Sie befaßt sich daher bloß mit einem ganz bestimmten Teilaspekt der Gesamterscheinung des Gegenstands, weshalb die mathematischen Begriffe samt und sonders bloß als Spezialfälle des Begriffsinstrumentariums und nicht als dessen Basis anzusehen sind. Die Rückführung der Begriffe auf Funktionen gelingt Frege nur mit Hilfe eines (ihm selbst vermutlich nicht bewußten) Argumentationstricks, der folgendermaßen aufgebaut ist: Den Ausgangspunkt der Überlegungen bildet das herkömmliche Funktionskonzept, bei dem Frege zwischen dem Funktionsausdruck, dem Wert und dem Argument der jeweiligen Funktion unterscheidet. So steht etwa bei der Funktion (x) 2 das x für das Argument, während der Funktionsausdruck ( ) 2 lautet und der Wert der Funktion im Ergebnis der Berechnung für das jeweils gewählte Argument gegeben ist.
Frege zeigt zunächst, wie sich im Verlauf der Entwicklung der Mathematik das Konzept der Funktion laufend erweiterte, indem man zum einen immer neue Rechenoperationen als mögliche Bestandteile von Funktionsausdrücken anerkannte und zum anderen mit den komplexen Zahlen auch den Kreis dessen vergrößerte, was als Argument auftreten kann. Er selbst geht dann einen Schritt weiter, indem er „zu den Zeichen +, -, usw., die zur Bil- 10Husserl spricht in seinen „Logischen Untersuchungen“ ausdrücklich von allgemeinen Gegenständen, die wir in allgemeinen Anschauungen konstituieren; vgl. Husserl, E. (1901), § 52
11 Vgl. Frege, G. (1891), Seite 28
12 Die transzendentale Analyse der Konstitution der Quantitätserfahrung und der Vorstellung von reinen Quantitäten in Gestalt von Zahlen erfolgt in den Abschnitten 6.12 bis 6.16, wobei Abschnitt 6.16 eine Erörterung des Konzepts der Funktion enthält.
7
Die Muster der Erfahrung
dung eines Funktionsausdruckes dienen, noch ... Zeichen wie =, >, <“ hinzunimmt, sodaß er „z. B. von der Funktion x 2 = 1 sprechen kann, wo x wie früher das Argument vertritt.“ 13 Hier erhebt sich nun die entscheidende Frage, was der Wert einer Funktion ist, deren Funktionsausdruck eine Gleichung (bzw. Ungleichung) darstellt. Frege besinnt sich bei der Beantwortung dieser Frage auf den Umstand, daß jede Gleichung wahr oder falsch sein kann. Er bezeichnet die betreffende Eigenschaft von Gleichungen als deren Wahrheitswert „und unterscheide(t) den Wahrheitswert des Wahren von dem des Falschen.“ 14 Betrachtet man den zuletzt referierten Gedankengang etwas genauer, dann zerfällt er in zwei Teile, von denen der erste unter der Decke bleibt. Wenn Frege nämlich davon ausgeht, daß Gleichungen wahr oder falsch sein können, dann weist er implizit darauf hin, daß jede Gleichung eine Behauptung darstellt, und faßt damit - ohne dies deutlich zu machen - ein mathematisches Objekt als Spezialfall eines Gegenstands der Logik auf. Was explizit wird, ist dann die von dieser unausgesprochenen Basis ausgehende Kehrtwendung der Argumentation: Das Merkmal der Wahrheit bzw. Falschheit, welches an der als Behauptung aufgefaßten Gleichung feststellbar ist, macht Frege nun wieder zu einem Gegen-stand der Mathematik, indem er es als eine Variable mit zwei möglichen Werten betrachtet.
Damit ist aus der Wahrheit, als einer ursprünglich dem Gegenstandsbereich von Logik bzw. Erkenntnistheorie zuzuordnenden Eigenschaft ein Objekt der Mathematik geworden, was dann die Voraussetzung dafür ist, im nächsten Schritt auch weitere logische Gegenstände wie Behauptungen oder Begriffe als mathematische Gegenstände zu behandeln, sodaß zum einen der Behauptungssatz als „sprachliche Form einer Gleichung“ 15 und zum anderen der Begriff als Spezialfall einer Funktion bezeichnet werden kann, während in Wirklichkeit jeweils das genaue Gegenteil gilt.
Als haltbares Ergebnis der hier wiedergegebenen Argumentation bleibt nur der Verweis auf die Verwandtschaft von Funktion und Begriff bzw. Gleichung und Behauptung. Dieser Hinweis hilft aber nicht auf dem von Frege eingeschlagenen Weg, sondern nur in umgekehrter Richtung weiter - nämlich bei dem Versuch, die mathematischen Denk- und Sprachmuster als Sonderformen der allgemeinen Muster des Erfahrens und sprachlichen Begreifens unserer Welt zu verstehen.
Der einzig mögliche Weg zur ‚Entdinglichung‘ des Begriffs findet sich erst in den „Philosophischen Untersuchungen“ des späten Wittgenstein. Letzterer weist in dem genannten Werk zunächst in einer brillanten Kritik des konzeptualistischen Zugangs zum Allgemeinen nach, daß eine sich in völlig privater Innerlichkeit vollziehende Konstitution von Sinn niemals zu dem führen kann, was wir als Erkenntnis bezeichnen, weil ihr das für jedes Wissen unabdingbare reinigende Element der wechselseitigen Kritik abgeht. In weiterer
13 Frege, G. (1891), Seite 26
14 a.a.O., Seite 26
15 a.a.O., Seite 28
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Folge macht er dann deutlich, daß diese Kritik ein sozialer Prozeß ist, der als die gemeinschaftliche Orientierung an einer Norm beschrieben werden kann, womit aufgezeigt ist, daß die in Interaktionsprozessen verankerten Regeln nicht nur die gesellschaftliche Praxis steuern sondern als Basis dessen, was wir das Allgemeine nennen, auch die Grundlage aller Erkenntnis darstellen.
Für die Methodologie der transzendentalen Analyse ist es von großer Wichtigkeit, daß wir Wittgensteins Einwand gegen den Konzeptualismus, also gegen das cartesianische Konzept eines sich in Abgrenzung von der fragwürdig gewordenen äußeren Wirklichkeit definierenden Bewußtseins, das durch diesen Rückzug auf sich selbst ein letztes Refugium der Gewißheit zu finden glaubt, richtig verstehen:
Wittgenstein leugnet keineswegs das Vorhandensein der durch die Phänomenologie bzw. die idealistische Transzendentalphilosophie beschriebenen Bewußtseinsinhalte des Ich. Vielmehr unterläuft er die von vornherein nur ontologisch orientierte Antworten zulassende Frage nach der Existenz oder Nichtexistenz solcher Vorstellungen, indem er zu bedenken gibt, daß die Berufung auf sie keine Erkenntnisbasis abgibt, die für höhere Gewißheit bürgen würde als die in der Interaktion mit Bezugnahme auf gemeinsam befolgte Regeln erzielten Übereinstimmungen. Dies ist deshalb der Fall, weil jede sinnvolle Definition von Richtigkeit bzw. Falschheit - und damit auch von Gewißheit - den Verweis auf Normen impliziert.
Durch diese Sichtweise des Erkenntnisproblems wird der Brennpunkt der transzendentalen Fragestellung aus der je individuellen Erfahrung herausgehoben und im Kommunikationsnetz der gesellschaftlichen Praxis verankert. Die in der Analyse privater Bewußtseinsinhalte aufzuzeigenden Sinnstrukturen werden dadurch nicht einfach negiert, jedoch des ihnen anhaftenden Scheins höchster Gewißheit entkleidet und erhalten so den ihnen eigentlich zukommenden Stellenwert als individuelle Kristallisationspunkte eines seinem Wesen nach kollektiven Prozesses der Erkenntnisgewinnung.
6.2 Implikationen des Kommunikationsschemas für den Begriff
Nach der Abgrenzung unserer Sichtweise des Begriffs von den großen Irrtümern der philosophischen Tradition ist die Analyse dieses zentralen Erkenntnisinstruments fortzusetzen. Wir gehen dabei von der im vorangehenden Abschnitt gewonnenen Einsicht aus, daß der Begriff jenes Set von Verhaltensregeln ist, welches der Gesamtheit unserer Erwartungen an die modellhaft nach dem Muster von Subjekten gedachten Gegenstände entspricht und letztere daher als individuelle Realisierungen eines ihnen gemeinsam zugrunde liegenden Allgemeinen erscheinen läßt.
Wenn sich damit nun aber der Begriff stets auf viele Objekte bezieht, ist im nächsten Schritt zu überlegen, welche Beziehung zwischen jenen Gegenständen besteht. Erinnern
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wir uns zunächst an die Feststellung, daß jedes Objekt infolge seines heimlichen Subjektcharakters als ein sich sozial verhaltender virtueller Akteur aufgefaßt wird. Es scheint auf diese Weise immer in Interaktionszusammenhänge integriert zu sein, welche als Wirkungsbeziehungen bezeichnet werden können 16 und dadurch charakterisiert sind, daß ihre Protagonisten komplementären, reziprokes Verhalten sicherstellenden Regeln unterliegen. Betrachten wir die Stellung derartiger Kommunikationsgefüge innerhalb der menschlichen Gesellschaft, dann kommen wir zu dem Schluß, daß jedes Gemeinwesen aus mehreren derartigen Beziehungseinheiten besteht, welche einander in ihrem Zusammenspiel funktionell ergänzen. Komplexe Gesellschaften zeichnen sich des weiteren dadurch aus, daß es in ihnen neben einer Vielheit unterschiedlicher sozialer Beziehungen mit jeweils anders gearteter Aufgabe für das Ganze, auch eine große Anzahl von einander gleichenden Beziehungen mit jeweils identischer Funktion gibt.
Die das soziale Handeln leitenden Regeln erfahren dadurch im Zuge des Übergangs vom einfachen Gemeinwesen zur komplexen Gesellschaft einen wesentlichen Bedeutungszuwachs: Während die in einer isolierten Gruppe vorhandenen Normen bloß die dem Individuum gegenüberstehenden Erwartungen seiner unmittelbaren Interaktionspartner repräsentieren, fungiert in einer komplexen Gesellschaft jede Norm als Steuerungsinstanz für eine unübersehbare Vielzahl gleich gearteter, neben einander bestehender Beziehungen. Das von den Regeln konstituierte Allgemeine wird so von einem schon immer auf dieselbe Weise Vollzogenen zu einem immer und überall in gleicher Art zu Vollziehenden, wodurch der Gegensatz zwischen dem Allgemeinen und dem ihm gegenüberstehenden Individuum noch schärfere Ausprägung erhält als in der jeweils nur in einfacher Ausführung (oder ‚beschränkter Auflage’) realisierten Sozialbeziehung. Ausdruck jenes in komplexen Gesellschaften verschärften Gegensatzes zwischen der Regel und dem Individuum ist die hier nur noch typisiert erfolgende Wahrnehmung des Einzelnen: Die Verhaltenserwartungen, welche für die Protagonisten eines in vielfacher Ausfertigung an jeweils unterschiedlichen gesellschaftlichen Standorten existierenden Beziehungsmusters bestehen, bilden eine bestimmte Rolle, während das mit diesen Erwartungen konfrontierte Individuum als Rollenträger erscheint. Als das auf die Objekterfahrung übertragene Pendant zur sozialen Rolle ist der Begriff daher nichts anderes als ein bestimmter Typus virtueller Subjektivität (auch Objekttyp genannt), wogegen der durch ihn erfahrene Gegenstand als Pendant des individuellen Rollenträgers für uns zu einer individuellen Realisierung des betreffenden Objekttyps wird.
Wir sehen also, daß die Erscheinung des einzelnen Gegenstands als einer von vielen individuellen Vertretern eines allgemeinen Objekttyps kein notwendiges Merkmal aller Wahrnehmung ist, sondern als Produkt einer höherstufigen Organisationsform der sozialen Praxis des erkennenden Subjekts verstanden werden muß: Erst durch die Übertragung der Rollenstruktur komplexer Gesellschaftsformationen auf die als heimliche Akteure aufge-
16Vgl. Abschnitt 4.3
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faßten Objekte wird aus jedem Gegenstand das Mitglied einer ganzen Gruppe von Objekten bestimmten Typs, auf die sich gleiche Verhaltenserwartungen richten. Der in der Umgangssprache eingebürgerte Brauch, eine solche Gruppe als Klasse zu bezeichnen, erinnert zwar noch unüberhörbar an den soeben explizierten gesellschaftlichen Hintergrund des Begriffs. Die durch einen verdinglichten Zugang zum Denken geprägten Logiker versuchen diesen Bezug jedoch zu verdrängen, indem sie immer wieder auf mathematische Assoziationen ausweichen und anstatt von Klassen und deren Mitgliedern häufig von Mengen und den Elementen derselben sprechen. 17 Auch im vorliegenden Zusammenhang gilt jedoch das schon im vorangehenden Abschnitt zu Freges Theorie des Begriffs Gesagte:
Der Verweis auf die Mathematik kann uns prinzipiell nicht die Reflexion auf das Wesen des Begriffs ersparen, da (wie bereits angedeutet) genau umgekehrt vorzugehen ist, weil die Grundstrukturen des mathematischen Denkens als Spezialfälle des Begriffsinstrumentariums und nicht als dessen Basis anzusehen sind. In diesem Sinne werden wir annehmen müssen, daß auch das Verhältnis zwischen der mathematischen Menge und ihren Elementen letztlich nur ein modellhaftes Abbild der Beziehung zwischen dem individuellen Akteur als Rollenträger und der Gruppe aller individuellen Träger der betreffenden Rolle darstellt.
Die Erwähnung des Konzepts der Menge im Kontext der Erkenntnistheorie darf sich aber nicht auf dessen Rolle bei der Verschleierung der sozio-ökonomische Basis der Begriffe beschränken, sondern muß auch seine kognitive Funktion ansprechen, welche eine Ergänzung zum Konzept der Klasse darstellt. Erfaßt nämlich die Klasse jene (virtuellen) Akteure, die einem bestimmten Set von Regeln (also einem bestimmten Begriff) unterliegen, als Gruppe, so betrachtet die Menge diese Gruppe unter dem Gesichtpunkt der Anzahl ihrer Mitglieder. Der von Georg Cantor systematisch entfaltete Mengenbegriff besetzt damit eine ganz wichtige Schnittstelle zwischen dem qualitativen und dem quantifizierenden Erfahren unserer Welt.
Der wesentliche Unterschied zwischen der begrifflichen Klasse bzw. Menge und ihrem gesellschaftlichen Vorbild, der Gruppe von Menschen, die an jeweils unterschiedlichen Standorten ein und dieselbe gesellschaftliche Funktion erfüllen, besteht darin, daß das Individuum nur im zweiten Fall seine Unterordnung unter das für alle Mitglieder geltende Set von Handlungsregeln widerrufen, also aus der Gruppe austreten kann. Was beide Fälle der Gruppenbildung eint, ist der Umstand, daß der Umfang der jeweiligen Gruppe zumeist nicht über die Festlegung einer bestimmten Anzahl von Mitgliedern definiert wird, sondern nur implizit durch die Art der jeweils konstitutiven Regeln bestimmt ist. Die Begriffsklassen haben damit zwar sehr unterschiedliche Umfänge, sind aber zumeist prinzipiell offen.
17 Vgl. etwa Tugendhat, E., Wolf, U. (1983), Seite 141 f.
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Eine längst zum Gemeingut gewordene Einsicht der Soziologie besagt, daß das Individuum in einer komplexen Gesellschaft immer viele Rollen spielen muß. Als Folge davon gehört der einzelne stets einer entsprechend großen Anzahl jener Gruppen an, die dadurch gekennzeichnet sind, daß ihre Mitglieder eine jeweils identische Rolle verkörpern. Er ist also etwa zugleich ‚Vater’, ‚Angestellter’, ‚Autofahrer’, ‚Patient’ und vieles andere mehr. In genau demselben Sinn ist auch jedes konkrete Objekt immer in zahlreiche Begriffsklassen einordenbar.
Wenn sich die gesellschaftliche Position eines menschlichen Individuums durch seine sozialen Rollen, also seine Zugehörigkeiten zu den unterschiedlichsten funktional definierten sozialen Gruppierungen definieren läßt, dann kann man den Stellenwert eines konkreten Gegenstands für den Akteur als das Ensemble seiner verschiedenen Klassenzugehörigkeiten bestimmen. Es gibt auch so etwas wie eine oberste Klasse, der alle Gegenstände angehören, bzw. einen obersten Begriff, der über allen anderen Begriffen steht. Es handelt sich dabei um den Begriff ‚Objekt’ (zu deutsch ‚Gegenstand’ 18 ) selbst. Kamlah und Lorenzen stellen in ihrer als „Vorschule des vernünftigen Redens“ deklarierten „Logischen Propädeutik“ die Sinnhaftigkeit der Bildung eines solchen obersten Begriffes in Frage, wobei sie sich darauf berufen, „daß Aussagen über den ‚Gegenstand als Ge-genstand‘ über nichtssagende Tautologien in keiner Weise hinausführen, daß es eine ‚Fundamentalontologie‘ als ‚erste Philosophie‘ (so Aristoteles) so wenig geben kann wie eine fundamentale Epistemologie.“ 19
Diese Auffassung ist als ein seinerseits fundamentales Mißverständnis zurückzuweisen. Wie die vorliegenden Ausführungen belegen sollten, handelt es sich nämlich bei der Qualifizierung eines beliebigen Gegenübers als ‚Objekt’ um einen für den gesamten weiteren Erkenntnisprozeß entscheidenden und daher alles andere als nichtssagenden Schritt: Etwas in die oberste Begriffsklasse des ‚Objekts’ einzureihen und damit als Gegenstand aufzufassen, bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als es dem Kommunikationsschema zu unterwerfen, das heißt zu beschließen, es sei fortan nach dem Muster eines regelbezogen agierenden Subjekts zu verstehen und zu behandeln. Dieser Beschluß ist kein Akt der Willkür, sondern ruht auf dem unaufhebbaren Praxisbezug von Erkenntnis, also auf deren Aufgabe, das in der sozialen Interaktion bewährte Modell des kommunikativen, regelbezogenen Handelns auf immer größere Wirkungskreise auszudehnen. Die Tatsache, daß wir uns angesichts jedes beliebigen Gegenübers auf die geschilderte Weise verhalten, daß wir mit anderen Worten kein alternatives Verhaltensmuster kennen, ist kein Grund dafür, Aussagen über das betreffende Vorgehen als sinnlos zu bezeichnen. Ein derartiges Argument würde auf der irrigen Annahme fußen, daß man sich nur mit jenen Aspekten der eigenen Praxis auseinanderzusetzen habe, die durch alternative Hand-
18Das deutsche Wort Gegenstand ist im 17. Jahrhundert als Übersetzung des lateinischen ‚objectum’ entstanden, welches im Englischen und Französischen weiterlebt. Vgl. Kamlah, W., Lorenzen, P. (1996), Seite 43
19 a.a.O., Seite 43
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lungsmöglichkeiten gekennzeichnet sind und wäre daher ungefähr so absurd wie die Auf-forderung, sich nicht mit der Funktion des Atmens für den menschlichen Organismus zu beschäftigen, weil es ja doch keine Alternative dazu gibt. 20 Diese Einstellung spart gerade die tiefsten Sinnschichten unseres Verhaltens von der Selbstreflexion aus, was im Bereich der Erkenntnistheorie notwendig zu verhängnisvollen Konsequenzen führt. Denn wie jeder Handelnde stellt auch der Erkennende unweigerlich die Fragen nach den fundamentalen Begründungen seines Tuns. Wenn sich daher die Philosophie um die Antworten auf diese Fragen herumdrückt, werden sie vom Common Sense gegeben - und der denkt (gerade auch in der Physik) immer auf die eine oder andere Weise ontologisch, was dann fast zwangsläufig in einen der im vorangehenden Abschnitt skizzierten Irrwege des Nominalismus, Konzeptualismus oder Begriffsrealismus führt. Wir kehren nun wieder zur Analyse der Implikationen des Kommunikationsschemas für das begriffliche Erkennen zurück und entdecken als nächstes, daß sich der Bezug des Begriffs auf Handlungsregeln nicht nur darin äußert, daß er den Gegenstand nach dem Muster eines an Regeln orientierten Akteurs erfaßt. Vielmehr bringt die in besagtem Schema enthaltene Vorstellung einer Reziprozität des Verhaltens von Subjekt und Objekt als Interaktionspartner den Begriff auch in eine indirekte Beziehung zu den für den Handelnden selbst geltenden Normen: Wenn der Begriff nämlich die Verhaltensregeln für alle unter ihm subsumierbaren Objekte repräsentiert und damit für das von ihnen zu erwartende Verhalten steht, dann verweist er dadurch mittelbar auch auf die Gesamtheit der für das Subjekt selbst geltenden Regeln einer erfolgversprechenden ‚Behandlung’ jener Gegenstände.
Die eben erwähnte Reziprozität der Verhaltensregeln von Interaktionspartnern ist natürlich nicht nur beim Kontakt zwischen Objekt und Akteur zu beachten, sondern ebenso bei den Beziehungen zwischen den verschiedenen, durchwegs als virtuelle Subjekte aufgefaßten Gegenständen. Als Folge davon ist das Objekt nicht allein von den unmittelbar auf sein eigenes Verhalten bezogenen Regeln betroffen, sondern unterliegt darüber hinaus auch dem mittelbaren Einfluß der das Verhalten sämtlicher übriger Gegenstände regelnden Gesetze.
Man sieht also, daß der Drang des Erkennens, das Verhalten aller Objekte vor dem Hin-tergrund eines umfassenden Netzes reziproker Verhaltensregeln zu verstehen, eine Konsequenz der Logik des Kommunikationsschemas ist. Dieses ist die Basis dafür, daß der Handelnde seine durch den jeweiligen Begriff festgelegte Erwartung an das Verhalten jedes einzelnen konkreten Gegenstands mit den Erwartungen an das Verhalten sämtlicher übri-
20Die in Band I präsentierten Analysen zum raum-zeitlichen Bezugsrahmen und zum Kraft-Materie-Paradigma sollten zur Genüge bewiesen haben, daß selbst auf jener fundamentalsten Ebene unserer Erkenntnisaktivität, auf der wir uns immer in derselben Weise verhalten, noch viele überraschende und auch gehaltvolle, weil für den einzelwissenschaftlichen Forschungsprozeß durchaus nicht folgenlose Entdeckungen zu machen sind.
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ger Objekte verknüpft, sodaß für ihn letztlich jener Gesamtzusammenhang aller Verhaltenserwartungen resultiert, den er als seine Welt bezeichnet.
Wittgensteins Einsicht, daß die Grenzen meiner Sprache identisch mit den Grenzen meiner Welt sind, hält einerseits den engen, in weiterer Folge noch zu präzisierenden Zusammenhang zwischen Begreifen und Sprechen fest und drückt andererseits die Begrenztheit unserer Welt aus. Zugleich aber verweist sie indirekt auf deren prinzipielle Offenheit. Wenn nämlich der Begriff eine Gesamtheit von Erwartungen darstellt, dann repräsentiert meine Sprache, welche ja sämtliche mir verfügbaren Begriffe enthält, auch all meine auf die Objekte gerichteten Erwartungen, bzw. alles von mir als möglich angesehene Objektverhalten. Da nun aber die Tätigkeit des begrifflichen Erkennens genau am Einbruch des Überraschenden, also Unbekannten, in das Reich des Erwarteten, also Bekannten, ansetzt, besteht ihre Funktion in nichts anderem als im ständigen Hinausschieben dieser Grenzen meiner Welt.
Für die dem Akteur erscheinende, durch das Gesamtsystem der jeweils verfügbaren Begriffe definierte Welt der Objekte ist neben dem Merkmal der Offenheit auch jenes der Widerspruchsfreiheit charakteristisch. Letztere ist jedoch nicht unmittelbar gegeben, sondern der Erkenntnis bloß als Aufgabenstellung vorgezeichnet. Es ist wichtig zu verstehen, daß jene als innerer Zwang erlebte Zielvorgabe weder vom Himmel fällt noch als ein bloß psychologisches Phänomen gedeutet werden darf, sondern genau wie die Offenheit unserer Welt aus der reziproken Struktur des aller Objekterkenntnis zugrunde liegenden Kommunikationsschemas resultiert. Dieses fordert nämlich, daß jedes denkbare Objektverhalten durch Regeln erklärbar sein muß, die komplementär zur Gesamtheit der dem Verhalten aller übrigen Objekte zugrunde liegenden Regeln sind. 21 Wenn wir Widerspruchsfreiheit nur als ein Regulativ des Erkenntnisprozesses auffassen, dann ist das gleichbedeutend damit, daß wir von der ständigen Anwesenheit des Widerspruchs im Begriffsapparat ausgehen. Es stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob diese Präsenz des Widerspruchs im Instrumentarium der Erkenntnis ihrerseits bloß zufällig - also Ausdruck von fehlerhafter Anwendung jenes Apparates - ist, bzw. ob sie nicht umgekehrt ebenso systematisch in der Logik des Kommunikationsschemas wurzelt wie das Ziel der Widerspruchsfreiheit. Es handelt sich hier um das seit der Antike im Zentrum des epistemologischen Denkens stehende und immer wieder mißverstandenen Problem der dialektischen Struktur des Begriffs.
Wird das Erkennen als photographische Annäherung des Subjekts an eine ihm gegenüberstehende Wirklichkeit aufgefaßt, so erscheint der Begriff als Abbild von Dingen, was dazu führt, daß sich seine allfällige Unangemessenheit immer bloß als Ungenauigkeit, Unschärfe, Verzerrung oder allenfalls Unübersichtlichkeit darstellt. Nimmt man dagegen eine Verwurzelung des Begriffs in der Handlungsregel an, dann ist, wie wir uns im Folgenden
21 Vgl. auch die transzendentale Analyse des Satzes vom Widerspruch in Abschnitt 8.7
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verdeutlichen wollen, von seiner im engsten Sinn des Wortes zu verstehenden inneren Widersprüchlichkeit auszugehen:
Wie bereits in Abschnitt 4.4 erwähnt, tritt die Norm dem Einzelnen im gesellschaftlichen Leben stets als fordernde Instanz gegenüber, welche die von der jeweiligen Gruppe an ihn gestellten Ansprüche verkörpert. Da die Bedürfnisse des Individuums nie völlig mit den gemeinschaftlich akzeptierten Gruppenzielen übereinstimmen, widersprechen sie, soweit sie im Individuum zu sprachlichem Ausdruck finden, stets in mehr oder weniger großem Ausmaß den Regeln der jeweiligen Gruppe. Wenn nun aber das konkrete Objekt nach dem Vorbild des menschlichen Individuums vorgestellt wird und der Begriff der Handlungsregel nachgebildet ist, dann ist das im Begriff vorhandene Spannungsverhältnis zwischen dem Allgemeinen und dem Individuellen von vornherein als Widerspruch zu verstehen. So lange die gesellschaftliche Norm nur mit dem Widersprechen vereinzelter Individuen konfrontiert ist, wird sie immer stärker sein als diese. Das Widersprechen des Einzelnen hat nur dann Chance gehört zu werden, wenn es sich durch die vereinten Stimmen vieler Individuen Gehör verschaffen kann. Letztere konstituieren sich dann als Teilgruppe innerhalb des jeweiligen Gesamtensembles, welche eine Modifikation der gemeinsamen Handlungsregel durchsetzen kann, die auf die besonderen Bedürfnisse ihrer Mitglieder Rücksicht nimmt.
Analoge Verhältnisse finden wir bei der begrifflichen Annäherung an die Gegenstände: So lange sich nur vereinzelte konkrete Objekte auf unerwartete Weise verhalten, wird von bloß zufälligen Abweichungen gesprochen. 22 Erst wenn sich die Zufälle mehren, hat der jedem Begriff immanente Widerspruch zwischen dem Allgemeinen und Individuellen eine derartige Stärke entfaltet, daß man in den individuellen Abweichungen ein neues Allgemeines erkennt. Wir bezeichnen dieses nur für einen Teil der durch den ursprünglichen Begriff erfaßten Gesamtgruppe von Objekten zutreffende Allgemeine, als das Besondere und sehen in ihm eine Untergruppe der ursprünglich ungegliederten Begriffsklasse. Nachdem wir nun die Zusammenhänge zwischen dem Begriff und der Handlungsregel beleuchtet haben, sind noch einige erläuternde Bemerkungen zum Charakter jener auf das Objekt gerichteten Erwartungen anfügen, welche durch die den jeweiligen Begriff konstituierenden Verhaltensregeln definiert werden. Es geht vor allem darum zu verstehen, daß wir es dabei aus mehreren Gründen niemals mit der bloßen Summe punktueller Einzelerwartungen zu tun haben:
Allein schon die durch die Allgemeinheit bzw. den Regelbezug des Begriffs konstituierte Situationsunabhängigkeit der durch ihn repräsentierten Erwartungen läßt sich nicht zureichend als ein Zusammentreten von unendlich vielen Einzelerwartungen bezüglich unendlich vieler möglicher Einzelsituationen beschreiben. Darüber hinaus ist daran zu erinnern,
22 In der Sprache der philosophischen Tradition werden seit Aristoteles ‚zufällige’ von ‚wesentlichen’, also der jeweiligen Regel entsprechenden, Eigenschaften der Gegenstände unterschieden. Vgl. Kamlah, W., Lorenzen, P. (1996), Seite 101
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Die Muster der Erfahrung
daß sich die dem Begriff zugrunde liegenden Regeln auf Verhalten, also auf ein prozeßhaftes Geschehen beziehen, das von seiner Zielorientierung her als Einheit zu verstehen ist, die sich erst nachträglich in Teilmomente zerlegen läßt, denen dann momenthafte Einzelerwartungen zuordenbar sind.
Ferner muß folgendes bedacht werden: Wenn wir den Gegenstand konsequent nach dem Vorbild des Subjekts vorstellen, dann weist er auch so etwas wie eine übergeordnete, die verschiedenen Aktionsbereiche integrierende Identität auf. Die auf einzelne Verhaltensweisen des jeweiligen Objekts projizierten Regeln (bzw. die durch sie konstituierten Verhaltenserwartungen) stehen daher nicht isoliert nebeneinander, sondern bilden Zusammenhänge, die ihrerseits als Ausdrücke von zugrunde liegenden Regeln zu verstehen sind. Jede für das Verhalten eines bestimmten Objekts geltende Regel verweist somit auf eine Vielfalt weiterer Regeln (bzw. Verhaltenserwartungen).
Der Begriff bezieht sich deshalb niemals auf einzelne regelbezogene Verhaltensweisen des Gegenstandes sondern stets auf das hinter allem möglichen Verhalten stehende virtuelle Subjekt. Und wie der Handelnde bei sich selbst zwischen Aktualität und Potentialität, also zwischen aktuell vollzogenen und bloß möglichen Handlungen unterscheidet, wird damit durch den Begriff auch sein als Interaktionspartner aufgefaßter Gegenstand zu einer Einheit aus Aktualität und Potentialität. Wie die das Tun des Akteurs leitenden Regeln nicht nur sein gegenwärtiges Verhalten bestimmen, sondern auch die Gesamtheit der für ihn bestehenden Handlungsmöglichkeiten festlegen, definieren die im Begriff des jeweiligen Objekts versammelten Verhaltensregeln das gesamte Verhaltens- bzw. Eigenschaftspotential des Gegenstands.
Diese vieldimensionale Unendlichkeit des in jedem Begriff implizierten Geflechts von Erwartungen des Akteurs an sein Objekt bettet jede einzelne von ihnen in ein ganzes Erwartungsfeld ein, das nicht nur auf das jeweils aktuelle Verhalten des Gegenstandes bezogen ist, sondern alle unter anderen Umständen, in der fernsten Vergangenheit und Zukunft erfahrbaren Verhaltensweisen des betreffenden Objekts umfaßt. Im Bewußtsein des Akteurs ist jedoch immer nur ein kleiner Ausschnitt dieses durch den jeweiligen Begriff abgedeckten Erwartungsfeldes präsent.
Da nämlich das Subjekt stets nur einzelne Handlungsmöglichkeiten aus seinem unendlich großen Aktionsrepertoire herausgreift, richtet es auch seine Aufmerksamkeit, das heißt seine bewußte Erwartung an den Gegenstand, immer nur auf ganz bestimmte, von seinen jeweiligen Handlungszielen und den Besonderheiten der Handlungssituation abhängige Aspekte von dessen Verhalten. Wir müssen deshalb die Gesamtheit des Erwartungsfeldes, welches durch die von einem Begriff verkörperten Verhaltensregeln definiert wird, in je-
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Die Muster der Erfahrung
weils situationsabhängig bestimmte explizite (bewußte) und implizite (vorbewußte) Erwartungen unterteilen 23 .
Die Zweiteilung der durch Erwartungen konstituierten Erscheinung des Objekts in sichtbare Aktualität und unsichtbare Potentialität deckt sich mit jener Untergliederung unseres Gegenübers, bei welcher sich ein im Zentrum der Aufmerksamkeit stehender Vorder-grund von einem nur mittelbar präsenten Hintergrund abhebt. Wir haben es beide Male mit demselben Unterschied zu tun. Dieser ist jedoch im ersten Fall aus der Perspektive des sich verhaltenden und dabei einen Teil seines Potentials aktivierenden Objekts betrachtet, während er im zweiten aus der Sicht des das Objektverhalten erfahrenden Beobachters beschrieben wird.
6.3 Die Kategorien der Erfahrung
Der Begriff ist nicht nur als das Ensemble aller auf das Verhalten eines bestimmten Objekttyps bezogenen Erwartungen von vielschichtiger Gestalt. Auch jede einzelne, aus dem Gesamtzusammenhang des jeweiligen Begriffs herausgelöste Erwartung ist mehrfach in sich gegliedert und besteht somit aus unterschiedlichen Erwartungskomponenten. Dies hat damit zu tun, daß der Gegenstand dieser Erwartungen, also das dem Objektverhalten modellhaft zugrunde gelegte kommunikative Handeln, eine komplexe Gestalt aufweist, welche unterschiedliche Aspekte umfaßt. In diesem Sinne können wir etwa die der Aktion vorausgesetzte Bereitschaft zu einem Verhalten bestimmten Typs von der eigentlichen Aktion, also der Ausführung des betreffenden Verhaltensmusters unterscheiden. Da unsere Interpretation des Objektverhaltens stets auf ein und demselben Kommunikationsschema fußt, ist der innere Aufbau jener Erwartungsbestandteile immer derselbe. Die unendliche Vielfalt der Erwartungen und der aus diesen zusammengesetzten Begriffe besteht damit aus einer begrenzten Anzahl von Strukturkomponenten, weshalb letztere den
23 Unter den großen Philosophen ist es wieder einmal Leibniz, der den hier angesprochenen Aspekt des Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozesses am deutlichsten sieht. Er unterscheidet zwischen „petites perceptions“ und „apperceptions“, wobei erstere die nicht klar und deutlich im Bewußtsein vorhandenen Vorstellungen bezeichnen und sich damit auf das beziehen, was wir eine implizite Erwartung nennen, während letztere bewußt reflektierte Vorstellungen, also explizite Erwartungen, darstellen. Die Konzeption von Leibniz unterscheidet sich vom hier vertretenen Ansatz durch das Fehlen der Einsicht, daß es sich bei beiden Vorstellungsarten um Erwartungen handelt, die sich im Zuge der gemeinsamen Befolgung von Handlungsregeln konstituieren. Darüber hinaus begeht Leibniz, wie bereits in 3.8 angedeutet, den Fehler, im Objekt nicht bloß eine modellhafte Nachbildung des Subjekts zu sehen, sondern dieses als Realsubjekt zu begreifen. Als solches verfügt der Ge-genstand für ihn auch selbst über petites perceptions. Diese erfüllen damit in der Philosophie von Leibniz jene Funktion, die im vorliegenden Ansatz an das Komplementaritäts-, das Äquivalenz- und das Stellvertreterprinzip delegiert ist, welche in ihrem Zusammenspiel eine virtuelle Subjektivität in die Objektsphäre hineintragen.
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Die Muster der Erfahrung
Stellenwert von Konstruktionselementen unserer begrifflichen Erfahrung besitzen. Wir können diese Konstruktionselemente auch die Kategorien der Erfahrung nennen. 24 Übersetzte man den Terminus ‚Kategorie’ im vorliegenden Zusammenhang mit ‚Grundbegriff’, dann wäre der entscheidende Unterschied zum Begriff verwischt 25 . Da die Kate-gorien Strukturkomponenten des Begriffs darstellen, sind sie keine Sonderformen desselben und somit natürlich auch keine Grundbegriffe. Während der Begriff auf den gleichsam hinter all seinen einzelnen Erscheinungen stehenden Objekttyp abzielt und diesen in seinem vollen inhaltlichen Reichtum erfaßt, strukturieren die Kategorien die unterschiedlichen Teilaspekte jener Erscheinungen, indem sie unser gesamtes durch den Begriff auf das Objekt bezogenes Erleben vor dem Hintergrund des Kommunikationsschemas interpretieren.
Man kann den Unterschied zwischen den Termini ‚Begriff’ und ‚Kategorie’ auch folgendermaßen erläutern: Jeder Begriff besteht aus einem Bündel einzelner Verhaltenserwartungen, die sich auf einen (virtuellen) Akteur bestimmten Typs beziehen. Es ist möglich, jede dieser Erwartungen in einige wenige Aspekte zu untergliedern, welche nun ihrerseits den Kategorien entsprechen.
Um sprachliche Verwirrungen zu vermeiden, müssen wir bei unserer Rede von Begriffen und Kategorien immer drei Ebenen auseinander halten:
x Bei der ersten handelt es sich um jene Metaebene, auf der wir einen Begriff des Begriffs von einem Begriff der Kategorie unterscheiden. Wenn der eine besagt, daß jeder Begriff ein Bündel von Erwartungen ist, hält der andere fest, daß jede Kategorie einem bestimmten Aspekt jener Erwartungen entspricht, die durch Begriffe gebündelt werden. x Die zweite Ebene ist die, auf der wir von dem Begriff als dem Erwartungsbündel und den Kategorien als den unterschiedlichen Aspekten der einzelnen Erwartungen jenes Erwartungsbündels sprechen.
x Die dritte Ebene besteht einerseits aus der unendlich großen Zahl der einzelnen Begriffe und andererseits aus der ebenfalls unbegrenzten Vielheit von Ausprägungen jeder der Kategorien. 26
Bezeichnen wir das Erleben des Eintreffens bzw. Nichteintreffens einer Erwartung als Erfahrung, dann handelt es sich bei den Kategorien um jene strukturellen Komponenten der Erwartung, die unsere Erfahrung konstituieren. Da sich alle kategorialen Erwartungen
24 Wie schon bei der vorangehenden Diskussion des Begriffs differenzieren wir auch hier zunächst nicht zwischen den Kategorien und ihrer sprachlichen Gestalt, mit welcher wir uns erst bei den der Sprache gewidmeten Überlegungen befassen.
25 Eine derartige Fehldeutung findet sich in Kants Kritik der reinen Vernunft; vgl. Kant, I. (1781), Seite 151. Im Anschluß daran begehen auch andere Autoren denselben Fehler; vgl. etwa Kamlah, W., Lorenzen, P. (1996), Seite 92
26 Um beispielhaft zu erläutern, was wir unter der Ausprägung einer Kategorie verstehen, ist ein kurzer Vorgriff auf die weitere Argumentation erforderlich. Es werden in deren Verlauf vier Kategorien näher untersucht. Eine davon ist die Kategorie der Eigenschaft. Die einzelnen Ausprägungen dieser Kategorie sind die verschiedenen Eigenschaften: schwer, träge, schnell, hart, usw..
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Die Muster der Erfahrung
auf ein subjektartig vorgestelltes Gegenüber beziehen, das an eben jenen Regeln orientiert ist, welche unseren Erwartungen zugrunde liegen, interpretieren wir jede der auf die geschilderte Weise konstituierten Erfahrungen als Ausdruck der Erscheinung dieses Gegenübers. Man kann daher auch sagen, daß die Kategorien die Erscheinung des Objekts konstituieren.
Die universelle Anwendung des Kommunikationsschemas, welche für die Reduktion der unendlichen Vielfalt der Erscheinungen auf eine überschaubare Anzahl von sich kontinuierlich wiederholenden Grundmustern der Erfahrung verantwortlich zeichnet, ist ihrerseits, wie wir bereits wissen, keine kognitive Marotte, sondern Ausdruck eines pragmatistischen Erfordernisses: Um unsere grundsätzlich kommunikative Form des Handelns angesichts eines zunächst unbekannten Gegenübers ins Spiel bringen zu können, müssen wir dieses als Subjekt, das heißt als einen sich selbst ebenfalls kommunikativ verhaltenden Akteur auffassen, weshalb für uns all seine Äußerungen eine durch die identische Grundstruktur jeder Kommunikation bestimmte Gestalt annehmen.
Die Diskussion des Stellvertreterprinzips in Abschnitt 4.2 hat gezeigt, daß wir auch den als virtuelle Subjekte begriffenen Objekten eine fiktive wechselseitige Wahrnehmung auf Basis des Kommunikationsschemas unterstellen. Wir gehen in diesem Sinne davon aus, daß die Gegenstände nicht nur vom Handelnden selbst als Subjekte erlebt werden, sondern tun vielmehr so, als ob sie einander auch wechselseitig, das heißt unabhängig von der Präsenz eines menschlichen Akteurs als kommunizierende Subjekte gegenübertreten, also für einander in derselben Weise erscheinen, wie sie dies für uns tun. Dies wieder bewirkt, daß die kommunikativen Äußerungen des Gegenstands aus ihrem Bezug zum Handelnden herausgelöst werden und den Anschein einer Unabhängigkeit vom Akteur erhalten. Die Grundmuster jener Erscheinungen, unsere Kategorien der Erfahrung, werden dadurch zu Kategorien eines vorgeblich objektiven Seins und sind als solche eines der Lieblingsspielzeuge der philosophischen Ontologie.
Es liegt hier ein Paradoxon vor: Gerade weil der Mensch die Objekte im Zuge der universellen Anwendung des Kommunikationsschemas immer als Subjekte auffaßt und weil er dieser Auffassung so konsequent anhängt, daß er auf seine Gegenstände auch wechselseitige subjektartige Wahrnehmung projiziert, entsteht die Illusion eines unabhängig von ihm ablaufenden Geschehens, die ihn mit unwiderstehlichem Sog in die objektivistische Weltsicht hineinzieht.
Wir lassen uns hier jedoch von dem durch die Anwendung des Stellvertreterprinzips erzeugten ontologischen Schein nicht beirren und werfen nun einen kurzen Blick auf einige dieser Kategorien, für welche bereits im Zuge der Analyse des Kraft-Materie-Paradigmas in Teil 4 die Verankerung im Modell der menschlichen Kommunikation aufgezeigt wurde. Gemeint sind die ‚Eigenschaft’, das ‚Verhalten’ und das ‚Wirken’, wobei die eben angeführten Benennungen weder Merkmalstypen, wie etwa ‚die Härte’ oder ‚die Schwere’ noch Tätigkeitsmuster wie ‚das Fallen’, oder ‚das Drücken’ bezeichnen, sondern auf jene
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Die Muster der Erfahrung
Erfahrungsmodalitäten hinweisen, welche ihren sprachlichen Ausdruck in Eigenschaftswörtern (hart, schwer, usw.) und Zeitwörtern (fällt, drückt, usw.) finden. 27 Der jeweilige Bezug zwischen dem Erleben und dessen Interpretation auf Basis des Kommunikationsschemas kann in den drei genannten Fällen folgendermaßen skizziert werden:
x Aus dem Blickwinkel der all meinem Tun vorangehenden Absichten erscheint mir das Objekt stets im Lichte der mit meinen jeweiligen Zielen verbundenen Erwartung seiner Bereitschaft, in bestimmter Weise auf mein Handeln zu reagieren. Diese Disposition zur kommunikativen Reaktion auf eine beabsichtigte Aktion wird als Objekteigenschaft oder -merkmal 28 bezeichnet. Vermittels des Stellvertreterprinzips konstituieren die Objekte im Zuge des Interaktionsgeschehens ihre Merkmale auch untereinander, sodaß die Eigenschaft als ‚Qualität’ zu einer der Grundbestimmungen (‚Kategorien’) des Seienden der Ontologie mutiert.
x Sobald ich die im Stadium der Eigenschaftswahrnehmung bloß beabsichtigte Handlung tatsächlich vollziehe, findet das aktuelle Erleben der zuvor nur erwarteten Reaktion meines Gegenübers statt. Diese wird infolge der dem Visavis unterstellten Subjekthaftigkeit als ein zu meinem eigenen Tun reziprokes Verhalten aufgefaßt. x Indem ich mein gesamtes Handeln nach Motiven ausrichte, die ihrerseits durch die Erwartungen meiner Interaktionspartner beeinflußt werden, sind für mich sowohl das an den Objekten wahrgenommene Verhalten als auch die sich in ihrem jeweiligen Eigenschaftsprofil ausdrückenden Verhaltensdispositionen am Verhalten und den ‚Erwartungen’ der übrigen subjektartig vorgestellten Gegenstände ‚orientiert’. Ich bezeichne diese wechselseitige Beeinflussung von ‚motivorientiertem’ Verhalten als Wirken und unterstelle, daß die Vielheit der mir erscheinenden Abläufe durch ein Geflecht von objektiven Wirkungen bzw. Wechselwirkungen bedingt ist.
Zwischen den verschiedenen Kategorien besteht eine äußerst enge Verzahnung, die darauf beruht, daß jede von ihnen in einem bestimmten Aspekt des die Strukturen aller Erlebnisse prägenden Kommunikationsschemas verankert ist. Wenn wir zur Illustration dieser Behauptung einige Wechselbezüge zwischen den Kategorien der Eigenschaft und des Verhaltens herausgreifen, dann können wir eine dreifache Verknüpfung feststellen: Das erste dieser drei Scharniere, welche die beiden genannten Erfahrungsmuster mit ei-nander verbinden, ist, wie bereits erwähnt, das dem Verhalten zugrunde liegende Ziel. Es bestimmt einerseits die beim (menschlichen oder virtuellen) Akteur stattfindende Selbsterfahrung seiner auf das jeweilige Visavis bezogenen Aktion und konstituiert für ihn andererseits die dieser Aktion entsprechende Eigenschaft jenes Gegenübers, also die Erschei- 27Bei den Erscheinungen von Merkmals- bzw. Tätigkeitstypen (‚die Härte’, ‚das Fallen’ usw.) handelt es sich um die Resultate von höherstufigen Konstitutionsprozessen, mit denen wir uns erst im Abschnitt 6.5 näher befassen werden.
28 Vgl. Abschnitt 8.5, wo wir der Kategorie der Objekteigenschaft jene der Verhaltenseigenschaft gegenüberstellen werden.
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nung von dessen Bereitschaft, in ganz bestimmter Weise auf das betreffende Verhalten zu reagieren. 29
Besonders hervorzuheben ist der Umstand, daß diese Komplementarität zwischen der am Gegenstand wahrgenommene Eigenschaft und der merkmalskonstitutiven Tätigkeit des Subjekts nicht nur für die Art der jeweils erscheinenden Eigenschaft, sondern auch für deren Ausprägung gilt: Die Erfahrung unterschiedlicher Ausprägungsgrade ein und derselben Eigenschaft deutet also nicht allein auf diesbezügliche Verschiedenheiten seitens des Objekts hin. Sie ist zugleich immer auch ein Hinweis auf entsprechende Tätigkeitsunterschiede beim Subjekt. In diesem Sinne sind zum Beispiel weitere räumliche Ausdehnung nur durch vermehrte Bewegung und größere Schwere nur durch verstärkte Hebeanstrengung erfahrbar. 30
Neben Art und Ausprägung eines Merkmals hängt auch dessen Zuordnung zur Gruppe der extensiven oder zu jener der intensiven Eigenschaften 31 davon ab, wie der das betreffende Merkmal erfahrende Akteur sein eigenes Interaktionsverhalten erlebt: Wenn ich mich zu den verschiedenen Teilen meines Objekts so verhalte wie zu einer mir gegenüber als Kollektiv agierenden Gruppe von Gegenspielern, dann hat für mich das als ein derartiges Kollektiv aufgefaßte Gesamtobjekt eine entsprechend stärkere Ausprägung des im Zuge der betreffenden Interaktion erfahrenen Merkmals als einer oder mehrerer seiner Teile. 32 Wenn ich dagegen mit jedem der Teile meines Gegenstands gesondert interagiere, hat das Gesamtobjekt für mich dieselbe Eigenschaftsausprägung wie jeder seiner Teile, weil ich in diesem Fall meinen Gegenstand nicht als ein Kollektiv auffasse, dessen Mitglieder bei ihrem auf mich bezogenen Verhalten mit einander kooperieren.
Die zweite Verbindung zwischen der Kategorie der Objekteigenschaft und der des Verhaltens besteht darin, daß erstere infolge ihres Stellenwerts als Bereitschaft für uns nichts
29 Wie schwer es ist, den ontologischen Schein von an sich gegebenen Objekteigenschaften zu durchbrechen und konsequent an der Einsicht festzuhalten, daß sich das, was wir als Objekteigenschaft wahrnehmen, immer nur vor dem Hintergrund der Ziele unseres jeweiligen Handelns konstituiert, wird deutlich, wenn wir erfahren, daß selbst C. S. Peirce, der Vater des Pragmatismus, der Meinung war, es gebe neben den handlungskonstituierten Merkmalen des Objekts, wie etwa seiner nur unter dem Druck des Messers zu erfahrenden Härte, auch so etwas wie unmittelbar erlebbare Qualitäten, wie etwa seine Farbe. Die detaillierte Kritik dieser Position findet sich in Abschnitt 9.4
30 Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen kann das Newtonsche Axiom der Gleichheit von actio und reactio als spezifischer Ausdruck des für alle Wahrnehmungen geltenden Komplementaritätsprinzips im Bereich der Krafterfahrung interpretiert werden.
31 Merkmale, deren Ausprägung bei einem Gesamtobjekt genau der Summe ihrer Ausprägungen bei dessen einzelnen Teilen entspricht, werden als extensiv bezeichnet. Beispiele dafür sind Masse, elektrische Ladung und Energie. Das Gegenstück dazu sind intensive Eigenschaften, wie etwa die Farbe, welche für eine Gesamtgruppe von gleichartigen Elementen dieselbe Ausprägung aufweisen wie für jeden ihrer Teile. Vgl. Krieger, M. (1992), Seite 21
32 Man denke etwa an den Versuch, einen Körper mittels des Seils ein Stück weit zu ziehen: So wie beim Spiel des ‚Seilziehens’ jeweils alle Mitglieder der mir gegenüberstehenden Gruppe gemeinsam an ihrem Ende des Seils ziehen, scheinen auch alle Teile des betreffenden Körpers gemeinsam an dem um ihn geschlungenen Seil zu ziehen.
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anderes repräsentiert als ein ganz bestimmtes Aktionspotential des Objekts, das sich im Zuge des entsprechenden Verhaltens aktualisiert. Daraus resultiert eine wichtige Implikation für die Erfahrbarkeit von Objekteigenschaften: Da wir zuvor Erfahrung als das Eintreffen bzw. Nichteintreffen einer Erwartung definierten, ist klar, daß das, was wir erfahren, niemals die Objekteigenschaft ist, sondern immer das Verhalten des Objekts. Dieses Verhalten bestätigt bzw. widerlegt dann unsere Annahme bezüglich der dem Gegenstand unterstellten Eigenschaften.
Eine dritte Verknüpfung der beiden genannten Grundmuster der Erfahrung beruht darauf, daß wir eine dem Wechselverhältnis zwischen Bedürfnis und Bedürfnisbefriedigung nachgebildete Beziehung zwischen Verhaltensbereitschaft (Eigenschaft) und Verhalten unterstellen: So wie das Bedürfnis durch seine Befriedigung im Handeln gestillt wird, ist für uns jedes Objektverhalten mit einer entsprechenden Änderung der ihm zugrundeliegenden Verhaltensbereitschaft (Eigenschaft) des betreffenden Gegenstandes verbunden. Umgekehrt sehen wir auch jede Veränderung einer Eigenschaft (zum Beispiel der räumlichen Position oder der Härte) als Folge eines Verhaltens an.
Zu den drei bereits angeführten Kategorien gesellt sich als ein viertes Grundelement der Erfahrung die bisher noch nicht in ihrer kategorialen Gestalt, sondern bloß in dem auf Raum und Zeit bezogenen Erscheinungstypus 33 untersuchte Relation. Ein Beispiel für das Vorkommen einer solchen Relation in physikalischem Kontext wäre etwa die Feststellung ‘Der Mond ist Trabant der Erde.’, in welcher der Relationsausdruck ‘... ist Trabant der ...’ eine Beziehung zwischen den beiden Objekten ‘Mond’ und ‘Erde’ herstellt. Wenn bei der Kategorie der Eigenschaft sowie jener des Verhaltens an der Oberfläche nur der Bezug auf ein einzelnes Subjekt bzw. einen bestimmten Subjekttyp erscheint und die Einbettung in das Kommunikationsschema erst durch die Reflexion auf die komplementäre Verzahnung der beiden Erfahrungsmuster klar hervortritt, so repräsentiert die Relation genau wie die Kategorie der (Wechsel-) Wirkung das Kommunikationsgeschehen auf unmittelbare Weise.
Was ist nun aber der Unterschied zwischen Relation und (Wechsel-) Wirkung? Letztere stellt die Aktualisierung einer den Gegenständen unterstellten Beziehung dar und statuiert dadurch zugleich einen Tätigkeitsbezug zwischen den als Interaktionspartner aufgefaßten Objekten. Sie ist somit das Pendant zur Kategorie des Verhaltens, welche ebenfalls auf den Aktualisierungsaspekt bzw. die Tätigkeit abstellt, aber den kommunikativen Gehalt derselben nur implizit enthält. Die Relation steht dagegen für die der Interaktion zugrunde liegende Beziehung der virtuellen Kommunikationspartner, also für das vorhandene Potential zur (Wechsel-) Wirkung und ist deshalb das Gegenstück zur Kategorie der Eigenschaft.
33 Vgl. die Ausführungen zum Bedeutungsgehalt unserer Rede vom Neben- und Nacheinander in den Abschnitten 2.2 bis 2.4
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Die Muster der Erfahrung
Am deutlichsten wird der Unterschied zwischen Wirkung bzw. Wechselwirkung und Relation in seiner Analogie zum sozialen Verhalten. Während die Wechselwirkung dem aktuellen Spiel der in einer bestimmten sozialen Beziehung vorhandenen Rollen durch deren Exponenten entspricht, wird durch die Relation der Wechselbezug der Rollen selbst, unabhängig von dessen Aktualisierung durch das Rollenspiel der Interaktionspartner, erfaßt. Wenn wir jede dieser Rollen als ein Ensemble von Verhaltensregeln begreifen, dann entspricht die Relation dem Wechselbezug jener dem tatsächlichen Interagieren vorausgesetzten Regelsets. Die Funktion der Relation für die Interpretation der Erfahrung vor dem Hin-tergrund des Kommunikationsschemas besteht somit in der Darstellung der Wechselbezüge zwischen den Verhaltensregeln der im Rahmen einer bestimmten Wirkungsbeziehung als virtuelle Interaktionspartner mit einander verbundenen Objekte. Unsere in Teil 8 folgende Auseinandersetzung mit der Logik wird zeigen, daß die Vertreter der genannten Disziplin dieses Wesen der Relation nicht erfaßt haben. Sie können nämlich nicht zwischen der Kategorie der Relation und jener der Wirkung unterscheiden 34 , was daran liegt, daß die Logiker immer nur den formalen Aufbau von Aussagen untersuchen und nicht deren pragmatistischen Stellenwert reflektieren, also keinen Bezug zwischen der jeweils analysierten Behauptung und dem die Erfahrungsbasis jeder Behauptung strukturierenden Kommunikationsschema herstellen.
Ein zusätzliches Defizit der Logik im Umgang mit der vorliegenden Kategorie besteht darin, daß sie den gravierenden Differenzen zwischen der soeben dargestellten Art von Relationen und einem weiteren Relationstyp zu wenig Beachtung schenkt, welchen wir erst in 6.5 behandeln werden. Bevor wir jedoch diese Vertiefung unseres Verständnisses der Relationen in Angriff nehmen können, sind noch einige grundsätzliche Überlegungen zum Stellenwert von Begriffen und Kategorien sowie zu weiteren Grundelementen unseres Erkenntnisapparats anzustellen.
34 Vgl. etwa Tugendhat, E., Wolf, U. (1983), Seite 81, wo die Kategorie der Relation anhand des Beispielsatzes ‚Peter malt einen Kreis‘ eingeführt wird. Erläuternd heißt es dann: „Der Ausdruck ‚malt ...‘ ist ein Relationsausdruck. Andere Relationsausdrücke sind z.B. ‚ist größer als ...‘, ‚ist Vater von ...‘. Solche Ausdrücke stehen nicht für eine Eigenschaft eines Gegenstandes, sondern für die Relation, in der ein Gegenstand zu einem anderen steht, der dann in dem ergänzenden Ausdruck (z.B. ‚einen Kreis‘) genannt wird.“
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6.4 Der apriorische Gehalt der Erfahrung
Wir beginnen mit der Darstellung eines bisher noch nicht behandelten elementaren Bausteins unseres Erkenntnisvermögens, der als Ergänzung von Begriff und Kategorie wesentliche Funktionen bei der Konstitution der Erfahrung erfüllt. Das damit angesprochene Deutungsmuster wird als ‚Theorie’ bezeichnet und hat folgenden Stellenwert: Während wir ausgehend von der Auffassung des Objekts als eines virtuellen Subjekts mit der Gesamtheit unserer Begriffe eine differenzierte Palette von Typen virtueller Akteure (genannt ‚Objekttypen’) bilden, schaffen wir uns auf Basis des Vorsatzes, alle Abläufe im Objektbereich nach dem Muster von Interaktionen zu interpretieren, mittels der Theorien eine ebenso differenzierte Palette von Interaktionstypen, welche man auch als ‚typisierte Wirkungsbeziehungen’ bezeichnen kann.
Wenn somit jeder einzelne Begriff eine bestimmte Konkretisierung der allgemeinen Überzeugung von der Subjektartigkeit des Objekts repräsentiert, so sind sämtliche Theorien als Konkretisierungen des allgemeinen Kommunikationsschemas zu sehen. Diese Konkretisierungen haben immer zwei Aspekte:
x Zum einen spezifiziert jede Theorie das abstrakte Grundmuster der menschlichen Interaktion in Richtung auf eine ganz bestimmte Art des Kommunizierens, wobei sie etwa auf gewisse Formen der Interaktion (wie die ‚gegenseitige Anziehung oder Abstoßung’), bestimmte Kooperationsmuster (wie das ‚Übermitteln von Information’ bzw. das ‚Erteilen von Befehlen’) oder Formen der feindlichen Auseinandersetzung (wie das ‚Eindringen bzw. Abwehren von Gegnern’) abstellt.
x Zum anderen appliziert sie die jeweils gewählte Art der Konkretisierung des allgemeinen Kommunikationsschemas auf einen ganz bestimmten Erfahrungsbereich - etwa auf das Bewegungsverhalten von Himmelskörpern, oder auf bestimmte Vorgänge im menschlichen Organismus.
Die hier nur beispielhaft erwähnten Arten des Kommunizierens sind Teilstrukturen dessen, was für das erkennende Subjekt als ‚das Bekannte’ fungiert, auf das alles ‚Unbekannte’ zurückgeführt werden soll. Indem eine Theorie jene Strukturen des Bekannten unter Anwendung des Äquivalenzprinzips auf bestimmte (vorläufig noch) unstrukturierte Erfahrungsbereiche überträgt, dehnt sie die Sphäre dessen, was bekannt ist, auf den Bereich des bisher Unbekannten aus, wobei es zur Bildung neuer Begriffe und Kategorien kommt. Letzteres hat zur Konsequenz, daß man nun alle Erfahrungen des betreffenden Bereiches auf ein System von Erwartungen beziehen kann, das aus neuen Typen von virtuellen Akteuren mit neuen Eigenschaften, neuen wechselseitigen Relationen, sowie neuen Verhaltens- und Wirkungsmustern besteht. Die sprachlichen Ausdrücke dieser von einer bestimmten Theorie geschaffenen Erwartungen haben die Gestalt von Behauptungssätzen 35 und werden als die aus der jeweiligen Theorie abgeleiteten Hypothesen bezeichnet.
35 Vgl. Abschnitt 8.1
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Die Muster der Erfahrung
Fußen mehrere, auf verschiedenste Erfahrungsbereiche bezogene Theorien auf ein und derselben Konkretisierung des abstrakten Grundmusters aller menschlichen Interaktion (also etwa auf dem Kommunikationstyp des ‚Übermittelns von Informationen’), dann bezeichnen wir den betreffenden Kommunikationstyp samt dem auf ihn bezogenen Repertoire an Typen von virtuellen Akteuren (mit den jeweils dazugehörenden Eigenschaften, Relationen, Verhaltens- und Wirkungsmustern) als das Paradigma der betreffenden Theorien.
Während sich also die Theorie immer auf einen ganz bestimmten Erfahrungsbereich bezieht, ist das Paradigma stets offen für die Übertragung auf verschiedenste Erfahrungsbereiche. Ein gutes Beispiel dafür ist jenes der klassischen Mechanik, in dem es um virtuelle Akteure geht, die ihr Bewegungsverhalten durch gegenseitige Anziehung bzw. Abstoßung beeinflussen und bei einem Zusammentreffen wechselseitig körperliche Kraft auf einander ausüben. Dieses von uns im Teil 4 in seiner kommunikativen Tiefenstruktur betrachtete Kraft-Materie-Paradigma wurde einige Jahrhunderte lang auf breitester Front angewendet, was zur Entstehung eines weiten Spektrums entsprechender mechanischer Theorien führte, das von der Astronomie über die Optik bis zu Wärme- und Elektrizitätslehre reichte. Wenn das schon etablierte Paradigma also auch über bzw. zwischen den einzelnen Theorien angesiedelt ist, so entsteht doch ein neues Paradigma stets nur im Zuge der Entwicklung einer innovativen, auf ein ganz bestimmtes Erfahrungsgebiet bezogenen Theorie, um dann im weiteren Verlauf (wieder unter Anwendung des Äquivalenzprinzips) die Theoriebildung in anderen Bereichen zu strukturieren.
In dem Maße, in dem vorangehende Erkenntnisleistungen Vorgänge aus der Objektsphäre oder dem Bereich des Subjekt-Objektkontakts in den Bestand des als gesichert geltenden Wissens integriert haben, kann bei der Entwicklung neuer Paradigmen auch auf derartige, nun als ‚bekannt’ geltende Vorgänge zurückgegriffen werden. Einschlägige Beispiele dafür bietet das weite Feld der Analogien aus der Welt der Werkzeuge und Maschinen 36 . Da aber, wie eben erwähnt, nur solche Vorgänge zur Paradigmenbildung taugen, die ihrerseits bereits nach dem Muster der menschlichen Interaktion verstanden sind, verweisen alle objektbezogenen Paradigmen zumindest indirekt wieder auf das Kommunikationsschema als letzte Basis dessen, was als gewiß angesehen wird.
Der soeben explizierte Paradigmen-Begriff ist deutlich unterschieden von dem durch Th. S. Kuhn in die wissenschaftstheoretische Diskussion eingebrachten Konzept des Paradigmas 37 :
36 Wenn dabei, wie etwa im Fall der Anwendung des Modells der informationsverarbeitenden Maschinen auf das Verständnis des menschlichen Gedächtnisses, objektbezogene Paradigmen zur Grundlage von Theorien werden, welche ihrerseits menschliches Verhalten zum Gegenstand haben, dann kommt es zu einer über das Objekt vermittelten Selbstinterpretation des Subjekts. Vgl. auch die diesbezüglichen Ausführungen am Beginn des Abschnitts 4.5.
37 Vgl. Kuhn, Th. S. (1962)
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Die Muster der Erfahrung
Das Kuhnsche Paradigma ist ein primär deskriptiv-wissenssoziologisch orientierter Begriff, der neu auftretende Interpretationsmuster beschreibt, welche in der Community der Forscher Anklang finden, weil sie einerseits faszinierend und einleuchtend sind, andererseits jedoch so viele Fragen offen lassen, daß sie ein breites Feld für weiterführende Forschung eröffnen 38 . Demgegenüber hat das hier verwendete Konzept des Paradigmas sys-tematisch-erkenntnistheoretischen Stellenwert, da es auf die Beziehung der empirischen Theorien zum transzendentalen Kommunikationsschema abstellt. Wir begnügen uns daher nicht mit der Feststellung, daß das Paradigma einleuchtend, faszinierend und forschungsanregend ist, sondern können auch die Frage beantworten, warum dies so ist. Die Begründung liegt darin, daß ein breit akzeptiertes Paradigma stets Ausdruck der jeweils historisch gegebenen gesellschaftlichen Kommunikations- und Kooperationsstrukturen ist und damit einen optimalen Ansatzpunkt zur Rückführung des Unbekannten auf das Bekannte sowie zur Verknüpfung der auf Basis der Theorien gemachten Erfahrungen mit der jeweiligen gesellschaftlichen Praxis bietet. 39
Mit der Feststellung der Einbettung des Paradigmas in bestimmte historisch gegebene Kommunikations- und Kooperationsstrukturen sind wir bei einem der wichtigsten Themen der Erkenntnistheorie angelangt. Gemeint ist die Frage nach dem apriorischen Stellenwert des kategorialen Rahmens unserer Erfahrungen.
Die Relevanz des Begriffs des Apriori für die Erkenntnistheorie hat ihren Ursprung im zentralen Stellenwert desselben in der „Kritik der reinen Vernunft“. Kant geht im genannten Werk davon aus, daß zwar „alle Erkenntnis mit der Erfahrung anhebt“, jedoch „nicht eben alle aus der Erfahrung“ entspringt. Er bezeichnet solche nicht aus der Erfahrung entspringenden Einsichten als „Erkenntnisse a priori, und unterscheidet sie von den empirischen, die ihre Quellen a posteriori, nämlich in der Erfahrung haben.“ 40 Diese Formulierungen geben breiten Auslegungsspielraum und es ist daher erforderlich zu präzisieren, wie wir den Begriff des Apriori im vorlegenden Zusammenhang verstehen. Zunächst muß darauf hingewiesen werden, daß wir ihn immer nur auf begriffliche, also regelbezogene Erfahrung beziehen dürfen. Es gibt nämlich sowohl in individueller als auch in gattungsgeschichtlicher Perspektive Vorläufer der begrifflichen Erfahrung, die nicht durch die Kategorien konstituiert sind.
Weiters zeigt die soeben dargestellte Einbettung sämtlicher konkreter Ausprägungen der Kategorien in eine jeweils durch historisch-gesellschaftliche Determinanten bestimmte, paradigmatische Spezifizierung des Kommunikationsschemas, daß die Rede vom apriori-
38Vgl. a.a.O., Seite 25
39 Die systematisch-erkenntnistheoretische Funktion unseres Paradigmenkonzepts wird auch daran deutlich, daß es sich nicht bloß auf wissenschaftliches Erkennen bezieht: So wie die Begriffe und Kategorien nicht nur in methodisch reflektierter Gestalt auftreten, sondern schon den aller Wissenschaft vorausgesetzten alltäglichen Zugang zur Welt strukturieren, gibt es auch Theorien und Paradigmen bereits auf der Ebene unseres Alltagsbewußtseins.
40 Kant, I. (1781), Seite 50f.; Hervorhebungen durch I. Kant.
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schen Stellenwert der Kategorien nicht zu deren Erhebung in den Rang von anthropologischen Konstanten führen darf. In diesem Sinne haben wir etwa schon in dem der Entwicklung der gesellschaftlichen Basis des Kraft-Materie-Paradigmas gewidmeten Teil 5 41 aufgezeigt, wie der mit dem Übergang vom feudalen zum kapitalistischen Gemeinwesen ver-bundene Wandel der gesellschaftlichen Praxis zu einer wesentlichen Akzentverschiebung in der Kategorie des Wirkens führte, im Zuge derer aus dem finalen ein kausales Ursachenverhältnis wurde. 42
Die historische Plastizität des kategorialen Rahmens der Erkenntnis ist aber nicht unbegrenzt: So sehr die gesellschaftliche Praxis auch ihre Gestalt verändern mag, sie wird doch ihrem Wesen nach immer Kommunikation bleiben. Beide Grundbestimmungen der Interaktion, die Orientierung des Verhaltens an wechselseitigen Erwartungen und der Bezug jener Erwartungen auf gemeinsam anerkannte Regeln, stellen deshalb stabile Merkmale aller denkbaren Formen von menschlicher Gesellschaft dar. Damit aber bilden diese zwei Bestimmungen zugleich das Fundament jeder möglichen historischen Ausformung des der begrifflich-kategorialen Erfahrung zugrunde liegenden Kommunikationsschemas. Die Vorstellung einer Subjektartigkeit des Gegenstandes, wird auf diese Weise ebenso zum Bestandteil des genannten Erfahrungstyps wie etwa die Erscheinungen von Eigenschaften und Wirkungen. Wenn wir Änderungen im Erfahrungsmuster begegnen, dann betreffen diese daher immer nur das, was jeweils unter einem Subjekt, unter einer Eigenschaft oder unter wirkendem Verhalten verstanden wird. Das dritte mögliche Mißverständnis des apiorischen Stellenwerts der Kategorien betrifft die Frage ihrer Abhängigkeit oder Unabhängigkeit von der Erfahrung. In gewissem Sinne gilt beides: Zum einen sind die Kategorien notwendigerweise erfahrungsunabhängig, da sie ja wegen ihrer konstitutiven Rolle jeder einzelnen begrifflich-kategorialen Erfahrung vorausgesetzt sind. Zum anderen fußen sie aber aufgrund ihrer Fundierung im Kommunikationsschema mit ebensolcher Notwendigkeit selbst auf Erfahrung. Denn das Kommunikationsschema repräsentiert ja jenes als gewiß geltende Bekannte, auf welches wir das Unbekannte zurückführen müssen, um es zu erkennen. Dies Bekannte, muß jedoch auch selbst erfahren worden sein und täglich aufs Neue erfahren werden, um bekannt zu sein. Auch bei dem vorangehenden Hinweis darauf, daß sich unser dem Kommunikationsschema zugrunde liegendes Verständnis von Interaktion im Zuge des Wandels
41 Vgl. Abschnitt 5.4
42 Neben den möglichen Modifikationen des kategorialen Rahmens gibt es noch weitere Spielarten der Veränderung im Bereich des apriorischen Gehalts unserer Erfahrung. Ein wichtiges Beispiel dafür ist der in Abschnitt 3.10 analysierte Übergang von der klassischen Raum-Zeit zum relativistischen Raum-Zeit-Kontinuum. Die dabei stattfindende Veränderung des aller Erfahrung vorausgesetzten raum-zeitlichen Bezugsrahmens resultiert nicht aus einem Wandel des sozialen Hintergrunds der Kategorien, sondern hängt damit zusammen, daß die technische Entwicklung ein Niveau erreicht, auf dem eine wesentliche Eigenschaft des zur Koordinierung der Zeitmessungen verwendeten Objekts Licht (nämlich dessen Geschwindigkeit) erstmals erfahrbar bzw. meßbar wird.
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der sozialen Praxis verändert, wird ja vorausgesetzt, daß die betreffenden Modifikationen der Kooperationsform von uns gelebt und damit erfahren werden.
Die Einführung der Kategorie in die philosophische Diskussion erfolgte durch Aristoteles, bei dem ihre Funktion für das Erkennen im Sinne der naiven Ontologie der klassischen griechischen Philosophie noch unmittelbar mit ihrem Seinsaspekt zusammenfiel. Explizit erkenntnistheoretischen Stellenwert erhält die Kategorie dann erst in der Kritik der reinen Vernunft. Eines der gravierendsten Defizite von Kants Annäherung an das mit dem Terminus ‚Kategorie’ bezeichnete philosophische Problem besteht darin, daß in ihr das soeben angedeutete diffizile Wechselspiel zwischen Erfahrungsbegründung und Erfahrungsabhängigkeit vorschnell im Sinne einer Erfahrungsunabhängigkeit der Kategorien gedeutet wird. Ein weiterer Fehler liegt in mangelnder Reflexion auf die Einbettung der Kategorien in das Kommunikationsschema.
Dieses Defizit führt dazu, daß Kants zwölfteiliges System der Kategorien aus heterogenen Elementen besteht, deren Zusammenhang ungeklärt bleibt. Die Kategorientafel der Kritik der reinen Vernunft enthält nämlich neben dem Verhältnis von Ursache und Wirkung, das einem der wichtigsten Strukturmomente des Kommunikationsschemas entspricht und damit eine Kategorie in dem von uns skizzierten Sinn darstellt, eine Reihe weiterer Bestimmungen, wie etwa Realität, Negation und Limitation oder auch Einheit, Vielheit und Allheit, welche zwar ebenfalls apriorischen Charakter haben, jedoch in ganz anderer Weise auf das Kommunikationsschema Bezug nehmen als die bisher von uns erwähnten Kategorien. 43
Die angeführten Reflexionsmängel mögen ebenso wie die zuvor aufgezeigte ‚Anfälligkeit’ des Kategoriebegriffs für ontologische Fehlinterpretationen mit dazu beigetragen haben, daß in neuerer Zeit sowohl die Logik als auch die Erkenntnistheorie dem Konzept der Ka-tegorie generell sehr reserviert gegenüberstehen. 44 Diese Skepsis hat um so mehr Berechtigung, als eine gewisser Vorsicht im Umgang mit dem Konzept der Kategorie selbst dann angebracht ist, wenn wir seine objektivistische Interpretation abgewehrt und sein Verhältnis zu den Begriffen, zur Erfahrung sowie zum Kommunikationsschema korrekt bestimmt haben.
Die Rede von den Kategorien verleitet nämlich zu der Illusion, es gäbe so etwas wie einen abgeschlossenen und damit dogmatisch verkündbaren Katalog von Grundmustern der Erfahrungsinterpretation. Hinter einer solchen Überbetonung der Geschlossenheit des systemischen Zusammenhangs der Kategorien, welche jeder Suche nach einem vollständigen Katalog derselben zugrunde liegt, verbirgt sich letztlich wieder nur die implizite Annahme, daß das Kommunikationsschema, auf das alle Systematisierungsversuche rekurrieren müssen, eine historisch unwandelbare Gestalt habe.
43 Die Bestimmung des systematischen Stellenwerts der zuletzt beispielhaft erwähnten Arten von Kategorien erfolgt erst im Rahmen der transzendentalen Analyse der Tätigkeit des Urteilens. Vgl. Abschnitt 8.3
44 Vgl. etwa Kamlah, W., Lorenzen, P. (1996), Seite 92
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Die Muster der Erfahrung
Fruchtbarer erscheint ein nicht vom Katalog-Denken her kommender Zugang zur Kategorie, der diese bloß als ein regulatives Prinzip der erkenntniskritischen Analyse begreift: Das genannte Prinzip hält uns erstens an, in den einzelwissenschaftlichen Erkenntnissen nach jenen Elementen zu suchen, welche den in sehr weit gestecktem Rahmen historisch wandelbaren Strukturen des aller Erfahrungsinterpretation zugrunde liegenden Kommunikationsschemas entsprechen. Zweitens läßt es uns Ausschau halten nach den zwischen diesen elementaren Interpretationsmustern bestehenden Wechselbezügen. 45 Und drittens erinnert der pathetische „Fundamentalismus“ des Kategoriebegriffs 46 daran, daß unser Interpretationsrahmen nicht die Beliebigkeit von konstruktivistischen Deutungsrastern hat, sondern jenen bereits mehrfach erläuterten pragmatistischen Erfordernissen gehorcht, die dazu zwingen, unsere eigenen Interaktionsmuster zum Ausgangspunkt aller Auslegungen von Erfahrung zu machen.
6.5 Form und Inhalt
Bei der Diskussion der Kategorien der Eigenschaft und des Verhaltens in Abschnitt 6.3 erwähnten wir, daß diese auf sprachlicher Ebene durch Eigenschafts- bzw. Zeitwörter repräsentierten Interpretationselemente nicht mit der Erscheinung der durch Hauptworte benannten Merkmalstypen und Tätigkeitsmuster verwechselt werden dürfen. Wir wenden uns nun der in 6.3 angekündigten Analyse des Konstitutionsprozesses der beiden letztgenannten Erfahrungsbausteine zu und beginnen jenes Vorhaben mit einem Nachtrag zur Kategorie der Relation. Auch diesen Nachtrag haben wir bereits angekündigt, und zwar durch den am Ende von Abschnitt 6.3 notierten Verweis auf eine weitere, bisher noch nicht behandelte Art von Relationen.
Während die in 6.3 untersuchten Relationen vor dem Hintergrund der auf die Objekte projizierten Kommunikationsbeziehungen erscheinen, fußt die Konstitution der nunmehr darzustellenden Relationen auf dem Umstand, daß die menschlichen Träger jener Beziehungen über reflexive Identität verfügen. Sie gehen daher nicht in ihren jeweils aktuellen Handlungen auf, sondern setzen diese in Verbindung zu ihren früheren und künftigen Aktionen. Das führt dazu, daß sie auch zwischen den Verhaltensbereitschaften und Verhaltensweisen ihrer Objekte entsprechende Bezüge wahrnehmen. Es sind zwei Arten solcher Bezüge zu unterscheiden, und zwar die qualitativen und die quantitativen Relationen 47 .
45 Die gesamte Argumentation des vierten Teils der vorliegenden Studie, in der wir das wechselseitig bewirkte aktive und passive Verhalten der Körper und ihre im Zuge dieses Verhaltens konstituierten Eigenschaften analysierten, ist nichts anderes als eine im Bereich der klassischen Mechanik vorgenommene Suche nach solchen im Kommunikationsschema wurzelnden Interpretationselementen und ihren Wechselbezügen.
46 Vgl. Kamlah, W., Lorenzen, P. (1996), Seite Seite 92
47 Die Thematik der Relation ist in der nun folgenden Reflexion auf das Wesen der qualitativen und quantitativen Relationen noch nicht mit der erforderlichen Vollständigkeit erfaßt. Wir werden uns daher im Rahmen der im Teil 8 stattfindenden transzendentalen Untersuchungen zur Logik neuerlich mit den Relationen befassen und dabei noch einem weiteren Relationstyp begegnen. (Vgl. die Abschnitte 8.9 und 8.10)
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Die Muster der Erfahrung
Erstere werden nicht nur zwischen verschiedenen Verhaltensweisen eines Objekts wahrgenommen (Dieses Messer sticht und schneidet.), sondern auch zwischen den jeweils als Grundlagen der betreffenden Verhaltensweisen postulierten Verhaltensbereitschaften (Dieses Messer ist spitz und scharf.). Aufgrund des in allen Erfahrungsprozessen zur Anwendung gelangenden Komplementaritätsprinzips verweist die Wahrnehmung jeder derartigen Relation im Bereich der Objekte auf eine in komplementärer Selbstwahrnehmung festgestellte Beziehung zwischen den jeweils erfahrungskonstitutiven Handlungsvollzügen unterschiedlichen Typs. Im vorliegenden Beispiel der Wahrnehmung einer Relation zwischen der Spitze und Schärfe eines Gegenstandes bzw. dessen Stechen und Schneiden wäre dies die Selbsterfahrung des Unterschiedes zwischen der mit dem Daumen ausgeführten Tätigkeit des Drückens, bei welcher das Stechen der Messerspitze erlebt wird, und jener gleitenden Bewegung des genannten Fingers, in deren Verlauf man die möglicherweise blutige Erfahrung der Schärfe der Schneide des Messers macht. Im Gegensatz zu den qualitativen erscheinen die quantitative Relationen nicht zwischen verschiedenen Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen, sondern zwischen verschiedenen Graden der Bereitschaft zur Durchführung ein und derselben Art des Verhaltens bzw. zwischen verschiedenen Graden der Intensität von Aktivitäten identischen Typs. Die komplementäre Selbsterfahrung des die Relation registrierenden Subjekts bezieht sich in diesem Fall nicht auf unterschiedliche Typen der erfahrungskonstitutiven Tätigkeit, sondern auf entsprechende Unterschiede der Intensität von eigenen Aktionen ein und desselben Tätigkeitstyps.
In diesem Sinne erscheint etwa zwischen zwei bestimmten Gegenständen nur deshalb eine quantitative Relation unterschiedlicher Schwere, weil das Subjekt in dem identitätsstiftenden Prozeß der Selbstreflexion die jeweils entsprechenden Hebehandlungen mit der Erfahrung bzw. Erwartung eines unterschiedlichen Kraftaufwands verknüpft. Und so wie die an jedem der beiden Objekte beobachtete Eigenschaft der Schwere das Komplement zum jeweiligen Kraftaufwand beim Heben darstellt, ist die zwischen den zwei Gegenständen wahrgenommene Schwererelation nur das Gegenstück zu der introspektiv registrierten Beziehung zwischen den beiden Hebehandlungen. 48
Wenn wir hier wieder die Perspektive der individuellen Selbsterfahrung einnehmen, verlieren wir dabei nicht aus den Augen, daß (entsprechend der in 6.1 referierten Kritik Wittgensteins am Ansatz der Introspektion) beide eben erwähnten Vorgänge der Selbstreflexion in den sozialen Prozeß der gemeinsamen Befolgung von Regeln eingebettet sind. Denn die in jeder qualitativen und quantitativen Relation enthaltene Feststellung von bestimmten Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen der in die betreffende Relation einbezogenen Objekte ist Resultat von Beobachtungsaktivitäten. Und deren Durchführung mit einer gegen die ständig drohende Gefahr der Selbsttäuschung abgesicherten Verläßlichkeit
48 Vgl. die Ausführungen zur Tätigkeit des Messens in Abschnitt 6.15
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ist letztlich nur möglich als kollektiver Prozeß, der die wechselseitige Kritik der Beobachter auf der Basis von intersubjektiv gültigen Beobachtungsregeln umfaßt. Um den in Abschnitt 6.3 dargestellten Relationstyp von den beiden nun im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehenden Relationen zu unterscheiden, können wir ihn als Wirkungsrelation bezeichnen, da er unmittelbar der in das Kommunikationsschema eingelassenen Wirkungsbeziehung zuzuordnen ist. Im Gegensatz zur Wirkungsrelation sieht es beim derzeitigen Stand der Betrachtung so aus, als ob die zwischen den Eigenschaften und Verhaltensweisen der Gegenstände erscheinenden qualitativen und quantitativen Relationen keinen Bezug zum interaktiven Kern des auf die Objekte projizierten Kommunikationsschemas aufwiesen, resultieren sie doch in der eben angedeuteten Weise aus der Reflexion der Handelnden auf ihr eigenes Tun, bei welcher unterschiedliche erfahrungskonstitutive Tätigkeiten in Bezug zu einander gebracht werden.
Der Schein trügt jedoch. Denn infolge der bereits mehrfach erwähnten, unerhörten Konsequenz, mit der die Akteure ihre Subjektivität auf die Objekte übertragen, projizieren sie auch jene Reflexivität, die sie zu ihrem eigenen Verhalten entwickeln, auf die Gegenstände. Dadurch verliert das auf den ersten Blick nur in Komplementarität zur Selbstreflexion des erfahrenden Akteurs konstituierte Phänomen der qualitativen und quantitativen Relationen seinen unmittelbaren Bezug auf das Subjekt der Erfahrung. Dies bedeutet zweierlei: Zum einen wird so die Reflexivität - natürlich nur in spezifisch abgewandelter Form - zu einer Eigenschaft aller virtuellen Subjekte 49 . Zum anderen sind dadurch die quantitativen und qualitativen Relationen genau wie die Wirkungsrelationen nicht bloß Grundbestimmungen der Erfahrung, sondern auch solche des als subjektunabhängig vorgestellten Seins.
So wie die objektbezogene Gliederung der Erfahrung und die Strukturierung aller Erscheinungen des mittels der Begriffe als Subjekt interpretierten Objekts durch die in 6.3 und 6.4 behandelten Kategorien, Theorien und Paradigmen stellt auch das Registrieren von qualitativen und quantitativen Relationen keinen kognitiven Selbstzweck sondern die Erfüllung von wesentlichen pragmatistischen Funktionen dar: x Die Wahrnehmung von qualitativen Relationen zwischen den unterschiedlichen Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen ein und desselben Objekts, im Zuge derer dieses etwa als spitz ‚und’ 50 scharf registriert wird, bringt verschiedene, jeweils merkmalskonstitutive Handlungsmuster in Verbindung mit einander und umgibt dadurch jede einzelne dieser Tätigkeiten mit einem Horizont von Vorstellungen aller möglichen Verhaltensweisen gegenüber dem betreffenden Gegenstand.
x Die Bildung von quantitativen Relationen zwischen den unterschiedlichen Ausprägungen ein und derselben Eigenschaft bzw. Verhaltensweise bei verschiedenen Gegenständen bettet schließlich das Ergebnis der auf das einzelne Objekt bezogenen Handlung
49 Mehr zu dieser spezifisch abgewandelten Form der Reflexivität bei virtuellen Subjekten in 8.10
50 Das ‚und’ ist im vorliegenden Fall sprachlicher Ausdruck der qualitativen Relation.
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Die Muster der Erfahrung
eines bestimmten Typs in die Vorstellung der Gesamtpalette aller möglichen Resultate von Aktionen der betreffenden Art ein. Sie stellt damit nicht nur den jeweiligen Ge-genstand in ein Verhältnis zu den übrigen Gegenständen, sondern reißt zugleich auch die Bezüge zwischen der aktuellen Handlung und der Gesamtheit der bereits vollzogenen bzw. als möglich erachteten Aktivitäten des betreffenden Typs auf. Erst durch die Feststellung von quantitativen und qualitativen Relationen entwickelt sich somit das zunächst dem Hier und Jetzt verhafteten Tun zu erfahrungsorientiertem und planvollem Agieren.
Betrachten wir nun eine Gemeinsamkeit, welche die quantitativen und qualitativen Relationen nicht nur mit den Wirkungsrelationen sondern auch mit allen übrigen Kategorien verbindet: In jedem der genannten Fälle haben wir es mit einem bestimmten Aspekt der Erfahrung zu tun, dem sich der Akteur in reflexiver Haltung zuwenden kann. Dabei geschieht dann genau das, was immer passiert, wenn sich sein Bewußtsein auf etwas bezieht: Das Bewußtsein muß dieses Etwas als einen sich interaktiv verhaltenden Gegenspieler auffassen, das heißt: zu seinem Objekt machen.
Wenn wir die alles begriffliche Erkennen kennzeichnende Verwandlung des Unbekannten in ein nach dem Vorbild des Subjekts interpretiertes Gegenüber als den ersten, grundlegenden Schritt der Reflexion ansehen, dann sind wir hier auf eine zweite Reflexionsebene gestoßen. Auf ihr werden die einzelnen Aspekte der Erfahrung, welche sich durch die verschiedenen Komponenten der auf jenes subjektartige Gegenüber gerichteten Erwartungen konstituieren, selbst zu Gegenständen begrifflichen Erkennens gemacht. Dieses Vorgehen ermöglicht es dem Akteur, Verhaltens- und Wirkungsweisen, Eigenschaften und Relationen unabhängig von ihrer Verbindung mit den jeweiligen Gegenständen nach dem Muster eigenständiger Objekte zielgerichteten Handelns zu betrachten, was sie in erhöhtem Maße kontrollier- bzw. gestaltbar macht. Im Bereich der Erscheinungen entsteht dadurch neben der aus Gegenständen mit Eigenschaften und Wechselbeziehungen zusammengesetzten ‚ersten’ Welt so etwas wie ein ‚inneres’ Universum der Reflexion, welches sich folgendermaßen konstituiert:
x Abstrahiert der Handelnde vom jeweiligen Gegenstand seines Tuns, dann erscheinen ihm anstelle der Eigenschaften und Aktionen eines bestimmten Objekts die unabhängig von ihrer Verbindung mit dem jeweiligen Gegenstand betrachteten Merkmale und Verhaltensweisen. Wir bezeichnen diese aus ihrem Bezug zum ursprünglichen Objekt (etwa zu dem oben als Beispiel benutzten Messer) herausgelösten und als eigenständige Gegenstände wahrgenommenen Eigenschaften und Verhaltensweisen als Inhalte. Da letztere stets unmittelbare Komplemente zu den jeweils erfahrungskonstitutiven Handlungen des individuellen Akteurs darstellen, haben wir es dabei immer mit konkreten Inhalten zu tun (eine ganz bestimmte Schärfe, ein ganz bestimmtes Schneiden, usw.) x Wenn der Akteur in einem weiteren Schritt der Abstraktion seine für die Erfahrung eines solchen Inhalts konstitutive Aktion nicht als konkrete Handlung sondern als allge-
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meinen Tätigkeitstyp ins Auge faßt, dann erscheint ihm auch der jeweilige Inhalt selbst nicht mehr in einer bestimmten Ausprägung sondern in seiner allgemeinen Gestalt als ein Merkmals- bzw. Verhaltenstyp (die Schärfe, das Schneiden, usw.) 51 . Wird ein solcher Merkmals- bzw. Verhaltenstyp als eine meßbare Größe angesehen, dann sprechen wir von einer Dimension.
x Jeder Merkmals- bzw. Verhaltenstyp repräsentiert nun seinerseits ein begrifflich erschlossenes Objekt, das selbst wieder bestimmte ‚Eigenschaften’ und ‚Verhaltensweisen’ zeigt und in ganz bestimmten ‚Relationen’ zu den übrigen Merkmals- und Verhaltenstypen steht. So haben etwa viele Merkmals- und Verhaltenstypen die Eigenschaft der Meßbarkeit, andere nicht, einige Eigenschaften sind mit bloßem Auge besser beobachtbar als andere, usw.
x Betrachtet der Akteur weder den ursprünglichen Gegenstand seines Handelns noch dessen Eigenschaften oder Verhaltensweisen als sein zu behandelndes Gegenüber, sondern behält bloß die Beziehung zwischen verschiedenen Ausprägungsgraden eines oder mehrerer Merkmale (bzw. einer oder mehrerer Verhaltensweisen) im Blick, dann verhält er sich zu jenen Relationen wie zu einem eigenständigen Objekt. Der auf diese Weise konstituierte Gegenstand der Reflexion, das als Objekt betrachtete Relationsgefüge also, wird üblicherweise als Form bezeichnet.
x Wie der Gegenstand der ersten Reflexionsebene existiert auch das Formobjekt für den Akteur sowohl in individueller als auch in allgemeiner Gestalt. Während es sich bei der individuellen Form stets um ein von einem konkreten Gegenstand ‚abgezogenes’ Gefüge von Relationen handelt, hat die allgemeine Form ihr Pendant nicht im konkreten Objekt sondern in dessen Begriff und ist damit (so wie letzterer) als ein bestimmtes Set von Erwartungen zu charakterisieren.
x Entsprechend unserer Unterscheidung von qualitativen und quantitativen Relationen müssen wir im Bereich der Formerscheinungen zwischen ein- und mehrdimensionalen Formen differenzieren. Formen des ersten Typs liegen vor, wenn nur die Ausprägungsverhältnisse eines einzigen Merkmals (bzw. einer isolierten Verhaltensweise) als Gegenstand betrachtet werden. Mit Formen des zweiten Typs haben wir es dann zu tun, wenn das Formobjekt aus den jeweiligen Ausprägungsverhältnissen mehrerer Merkmale (bzw. Verhaltensweisen) besteht. 52
Ein bereits in Abschnitt 4.6 erwähntes Beispiel für das Auftreten des Phänomens der Form im Kontext der klassischen Mechanik ist die Erscheinung der räumlichen Gestalt von
51 Ausdrücke wie ‚die Schärfe’ heißen in der Sprache der Logiker „abstrakte singuläre Termini“, weil sie jeweils für einen einzelnen, abstrakten Gegenstand - ein Universale - stehen. Vgl. Tugendhat, E., Wolf, U. (1983), Seite 142. Es ist von entscheidender Bedeutung, daß wir die Gegenständlichkeit dieser Universalien nicht im ontologischen bzw. platonischen Sinne mißverstehen, sondern als Resultat des oben dargestellten Konstitutionsprozesses begreifen.
52 Beispiel für das, was wir eine eindimensionale Form nennen, ist etwa eine Folge von Tönen, die sich ausschließlich hinsichtlich ihrer Höhe unterscheiden. Eine mehrdimensionale Formen würde dagegen vorliegen, wenn die Töne auch Unterschiede in Lautstärke, Klangfarbe und Tondauer aufwiesen.
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Dr. Karl Czasny, 2010, Erkenntnistheoretische Grundlagen der klassischen Physik, München, GRIN Verlag GmbH
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