Der Bauernkrieg wurde zur Konsequenz und zum Höhepunkt des Ringens um die nationale Einheit.
Luther wurde inhaltlich-ideologisch identifiziert mit dem negativ besetzten Begriff „Fürstenreformation“, der die „Volksreformation“ von Müntzer als positives Reformationsverständnis entgegengestellt wurde.
Ab 1952 sprach man dann in Anlehnung an Erkenntnisse sowjetischer Historiker(M.M. Smirin) von frühbürgerlicher Revolution.
Im Oktober 1952 wurde auf der Tagung des Wissenschaftlichen Rates des Museums für deutsche Geschichte vor allem von Kurt Hager und Jürgen Kuczynski auf Luthers Bedeutung für die nationale Erziehung und die Schaffung eines Nationalbewusstseins hingewiesen. Man begann zu dieser Zeit, zwei Seiten Luthers zu unterscheiden, nämlich seine fortschrittlich nationale Rolle in der ersten Periode seiner Wirksamkeit als auch seine nachfolgende reaktionäre Rolle im weiteren Verlauf seiner Wirkung. Luther wurde inhaltlich-ideologisch weiterhin als Repräsentant des Bürgertums dargestellt, während Müntzer im Range eines Verfechters der Interessen des Volkes gesehen wurde.
Luther und die Frühbürgerliche Revolution
Obwohl bis in die Mitte der sechziger Jahre eine negative Lutherdeutung vorherrschte, war dies in der DDR-Geschichtswissenschaft nicht mehr die alleinige Tendenz. Günter Vogler 4 brachte 1962 die frühbürgerliche Revolution mit einer auf nationale Einheit abzielenden Politik in Verbindung.
Außerdem stellte sich die SED um 1960, zumindest programmatisch , liberaler zur Kirche dar.
Man vertrat die Zwei-Linien-Theorie in de deutschen Geschichte mit einer weiteren Akzentuierung der Zweistaatlichkeit. In dieser Periodisierungsdefinition war Luther eine mittelalterliche Persönlichkeit, während der ideologische Schwerpunkt eindeutig beim Bauernkrieg und der historischen Gestalt Müntzers lag.
Im Jahre 1960 tagte in Wernigerode die deutsche Historikergesellschaft zum Thema „Frühbürgerliche Revolution in Deutschland (1476-1535)“.
Dabei waren vor allem die 34 Thesen von Max Steinmetz von großer Bedeutung, die u.a. darauf hinwiesen, dass die frühbürgerliche Revolution einen prozessualen Verlauf habe. Außerdem argumentierte er, dass Luther den Kampf gegen die römische Knechtung und Aussaugung zwar eröffnete und zum Held und Sprecher der deutschen Nation wurde, dass
4 Vogler, Günter: Perspektiven der deutschen Nationalentwicklung beim Übergang vom Feudalismus zum
Kapitalismus. In: ZfG, Sonderheft 1962, S. 348.
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aber seine bürgerlich-gemäßigte Reformation in die Hände der antinationalen Fürsten gelangte.
Das Konzept der frühbürgerlichen Revolution findet sich auch in dem von Steinmetz verfassten „Lehrbuch der deutschen Geschichte. Deutschland von 1476 bis 1648“ von 1965 wieder. 5
Steinmetz geht davon aus, dass Luther kein theologischer Systematiker war und bei allen progressiven Einzelheiten seiner Lehre das jenseitsbezogene Denken des christlichen Mittelalters nicht zu überwinden vermochte. Er argumentiert weiter, dass Luthers progressive Leistung, die ihn zeitweilig zum Helden des deutschen Volkes erhob, nicht in seinen Lehren sondern im praktischen Kampf gegen das parasitäre Wesen der römischen Kirche liege. Damit leitete Luther die Klassenschlachten der frühbürgerlichen Revolution ein. Die positive Phase Luthers beschränkt sich danach auf die Zeit von 1517-1521. Ab 1967 wandte sich die DDR-Geschichtswissenschaft einer nach Foschepoth universalgeschichtlichen, welthistorisch-dialektischen Interpretation zu. Dabei wurde die Bedeutung der Reformation und somit Luthers als Initiator und Wegbereiter der frühbürgerlichen Revolution gewichtiger.
Dies hing u.a. auch mit dem 450.Reformationsjubiläum 1967 zusammen und bildet eine deutliche Zäsur.
Im Jahr 1967 rief außerdem der VII. Parteitag der SED zur Gestaltung des entwickelten gesellschaftlichen System des Sozialismus auf. Es gab damit nach Brinks eine Verbindung zwischen dem Reformationsjubiläum und der Proklamation des ESS. Allerdings wurde diese Verbindung während des Symposiums anlässlich des Reformationsjubiläums von Steinmetz verneint.
Andererseits stellte er heraus, dass Luthers große geschichtliche Leistung im Entstehen einer neuen Theologie besteht.
Auch Zschäbitz 6 stellt in seiner 1967 erschienenen Lutherbiographie als erster DDR-Historiker die theologischen und persönlichen Aspekte von Luther prononciert dar. Er erklärte Luthers Stellungnahme gegen die Bauern mit seiner Klassenbindung , nannte ihn aber nicht mehr einen Verräter der Bauern.
Für ihn war Luther einer der großen Repräsentanten der deutschen Vergangenheit. Mit der ab 1960 geltenden Konzeption der frühbürgerlichen Revolution und der nun differenzierten Wertung Luthers und seiner Reformation und der welthistorisch dialektischen Betrachtungsweise ab 1967 war ein Höhepunkt in der Lutherdeutung erreicht.
5 Steinmetz, M.: Deutschland 1476-1648. Lehrbuch der deutschen Geschichte 3, Berlin 1965.
6 Zschäbitz,G.: Martin Luther. Größe und Grenze, Teil 1(1483-1526), Berlin 1967.
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Diese neue Sicht verläuft parallel zu abnehmenden nationalstaatlichen Einigungsbestrebungen und diente sowohl einer Stabilisierung im Inneren durch eine verstärkte Identitätsfindung als auch einer Abgrenzung zur BRD in der deutsch-deutschen Konfliktsituation. Die von Laube, Steinmetz und Vogler verfasste „Geschichte der deutschen frühbürgerlichen Revolution“ von 1974 führte das Lutherbild der sechziger Jahre weiter, denn die antirömische Bewegung und die reformatorische Bewegung wurden ausführlicher und differenzierter dargestellt.
Trotzdem wurde Luthers Haltung in bezug auf den Bauernkrieg weiterhin inhaltlichideologisch linientreu angeprangert.
In der zweiten Auflage dieses Lehrbuches von 1978 wurde ein Abschnitt über „Die Entwicklung Martin Luthers nach dem Bauernkrieg“ neu eingefügt, in dem Luther nicht mehr als Fürstenknecht bezeichnet wurde sondern als ein an der Fürstenmacht rüttelnder gesehen wurde.
Man verwies bereits deutlich auf Luthers Sprachschaffen, die Gesamteinschätzung des Protestantismus bleibt aber doch überwiegend negativ.
Ein neues Lutherbild entsteht
Von einem eigentlichen wissenschaftlich ausgebildetem Lutherbild, das alle Seiten es Lebens und Wirkens der Persönlichkeit Martin Luthers integriert, kann erst seit dem Beginn der achtziger Jahre gesprochen werden.
Im März 1978 kam es zu einem Gespräch zwischen dem Staatratvorsitzenden Honecker mit dem Vorstand der Konferenz der Kirchenleitungen, in dem die Konstituierung des Martin-Luther-Komitees der DDR zum Lutherjubiläum 1983 vereinbart wurde. Zuvor
Anlässlich des 30. Jahrestages der Staatsgründung der DDR am am 16. und 17. Mai 1979 wurde von einer wissenschaftlichen Konferenz der Historiker der DDR die Aufgaben für Lutherinterpretation für das Lutherjubiläum 1983 neu formuliert. Das wurde eine markante Zäsur in der Luthersicht der Historiker. Luther wird nun als Auslöser der Reformation und damit der ersten Phase der frühbürgerlichen Revolution gesehen, der als führender Ideologe der klassenmäßig heterogenen antirömischen Bewegung in seinen Hauptschriften die Programmatik einer die Volksbewegung kanalisierenden Reformation von oben auslöst. Er versucht in den Jahren 1521 bis 1524 trotz des Auseinanderbrechens der antirömischen Bewegung an der illusorischen Einheit von Volksbewegung und reformatorischer Ständeopposition festzuhalten
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Klaus-Peter Mentzel, 2010, Die Luther-Renaissance, München, GRIN Verlag GmbH
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