Die französische Wesenskunde von 1914 bis 1933 am Beispiel Eduard Wechsslers Esprit und Geist
Inhalt
Einleitung. 3
1. Entwicklung der Romanistik und politischer Hintergrund. 4
1.1 Entwicklung der Romanistik bis 1914. 4
1.2 Politische Ereignisse und Auswirkungen auf die Romanistik bis 1933. 5
2. Die Wesenskunde Wechsslers. 6
2.1 Biographischer Hintergrund Wechsslers. 6
2.2 Entwicklung und Ziele der Wesenskunde. 8
2.3 Differenzierung zwischen der Methodik der Kultur- und der Wesenskunde. 8
2.4 Anwendung der wesenskundlichen Methode in Esprit und Geist. 9
3. Darstellung französischer und deutscher Wesensart in Esprit und Geist. 11
3.1 Entstehung des französischen und deutschen Volkscharakters. 11
3.2 Französischer Verstand und deutsche Vernunft. 12
3.3 Naturferne der Franzosen und deutsche Natürlichkeit. 13
3.4 Gesellschaftlicher Charakter der Franzosen und deutscher Individualismus. 15
4. Rezeption und Wirkung von Wechsslers Wesenskunde. 16
4.1 Reaktionen auf Esprit und Geist. 16
4.2 Auswirkungen auf den Französischunterricht. 17
4.3 Instrumentalisierung der Wesenskunde im Dritten Reich. 18
Zusammenfassung. 19
Literatur. 21
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Die französische Wesenskunde von 1914 bis 1933 am Beispiel Eduard Wechsslers Esprit und Geist
Die Wesenskunde ist eine Richtung innerhalb der kulturkundlichen Romanistik, die während
In dieser Arbeit soll die Wesenskunde Eduard Wechsslers dargestellt und seine Beschreibung
Zum besseren Verständnis dieser Forschungsrichtung wird im 1. Kapitel ein Überblick über
Die französische Wesenskunde von 1914 bis 1933 am Beispiel Eduard Wechsslers Esprit und Geist
1. Entwicklung der Romanistik und politischer Hintergrund
1.1 Entwicklung der Romanistik bis 1914
Die Romanistik entstand zu Beginn des 19. Jahrhunderts als wissenschaftliche Disziplin in Deutschland und umfasste die Sprach- und Literaturwissenschaft aller romanischen Sprachen und Literaturen (vgl. Bott 1992: 7f). Nach und nach rückte die Erforschung der romanischen Sprachen als einzelne Philologien in den Mittelpunkt. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts dominierten in den Geisteswissenschaften die Prinzipien positivistischer Wissenschaft, d.h. der Forschungsgegenstand wurde mit
naturwissenschaftlichen Methoden untersucht und jeglicher Idealismus und Subjektivismus wurde ausgeblendet (vgl. Ebd.: 10ff).
Die Begründung einer Methodologie der Geisteswissenschaften durch den Philosophen Wilhelm Dilthey um 1900, der sich gegen den Positivismus wandte, führte zu einer „Schicksalswende für das wissenschaftliche Leben in Deutschland“ (Werner Krauss zitiert nach Ebd.: 14). Dilthey geht davon aus, dass keine objektive Wissenschaft möglich sei, da jedes Individuum subjektiv unterschiedliche Erfahrungen der Welt mache und diese nach seinem Willen strukturiere. Dieser Strukturbegriff ist die methodische Grundlage eines Großteils der subjektiv geprägten Kulturkunde, die sich ab 1914 in Ergänzung zur Sprach-und Literaturwissenschaft entwickelte (Ebd.: 14ff). Wechssler schließt sich Diltheys Kritik am Positivismus an und stellt ihn im Vorwort zu Esprit und Geist kontrastiv seiner Wesenskunde gegenüber: „Einzelforschung und strenge Texterklärung [...] wachsen nicht hervor aus Wesenstiefen und werden keinem Jünger wahrhaft helfen. Nur der Gelehrte, der von jedem geistigen Gebilde nachweisen kann, wie es in einer Wesenseinheit gründet [...] ist wahrhaft gründlich“ (Wechssler 1927: VI).
Eine weitere wichtige Entwicklung in den Geisteswissenschaften, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts stattfand, war die Begründung der Phänomenologie durch den Philosophen Edmund Husserl. Wie Dilthey kritisiert Husserl den Positivismus und geht davon aus, dass psychische Gegenstände, die er als „Phänomene“ bezeichnet, sich der objektiven Erkenntnis entzögen. Phänomene könnten deshalb nicht erfasst, sondern nur „erschaut“ werden (zitiert nach Bott 1992: 17). Der phänomenologisch arbeitende Wissenschaftler nimmt die sprachlichen Bezeichnungen zum Ausgangspunkt und ermittelt das Wesen der bezeichneten Phänomene durch subjektives Erlebnis. Trotz der Subjektivität der Sichtweisen ist es Husserls Ziel, eine „strenge Wissenschaft“ zu begründen, indem der Erkenntnis eine rational
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Die französische Wesenskunde von 1914 bis 1933 am Beispiel Eduard Wechsslers Esprit und Geist wissenschaftliche Form gegeben wird (vgl. Bott 1992: 16ff). Eduard Wechssler übertrug die Phänomenologie Husserls, den er als „Theoretiker der neuen Wesensforschung“ bezeichnet, auf die Romanistik und wendete die phänomenologische Methode auf seine Wesenskunde der Franzosen und der Deutschen an (zitiert nach Paff 2005: 176).
1.2 Politische Ereignisse und Auswirkungen auf die Romanistik bis 1933
Das 19. Jahrhundert war von einer Radikalisierung der nationalen Konzeptionen in Deutschland gekennzeichnet. Ab dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/1871 wurde das Bild einer Erbfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland stilisiert. Es fand in der Folgezeit eine scheinbare Verwissenschaftlichung dieser Feindschaft und des Gegensatzes zwischen Deutschland und Frankreich statt, die sich in zahlreichen Veröffentlichungen deutscher Romanisten in dieser Zeit widerspiegelte (vgl. Gross 1980: 11). Der Konflikt zwischen den beiden Ländern eskalierte 1914 mit dem Beginn des ersten Weltkriegs. Viele Romanisten sahen sich gezwungen, die Existenz ihres Faches, das sich hauptsächlich mit der Kultur des so genannten „Erbfeinds“ beschäftigte, zu verteidigen. Ein Großteil von ihnen setzte sich aktiv auf wissenschaftlicher Ebene für den Krieg gegen Frankreich ein (vgl. Bott 1992: 30). Gleichzeitig führte der Krieg in Deutschland zu einem verstärkten psychologischen Interesse am Wesen des französischen Nachbarn, da man nun feststellte, dass man bisher ein falsches Bild von ihm gehabt hatte. Dadurch wurde ein Wandel, in der zuvor auf Sprach- und Literaturwissenschaft konzentrierten Romanistik, ausgelöst. Mehrere Wissenschaftler - darunter Wechssler - wandten sich der Ausarbeitung national-charakteristischer Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich zu und begründeten somit die Kultur- und Wesenskunde, die die Romanistik der Weimarer Republik dominieren sollte (vgl. Gross 1980: 12).
Auch nach der Kriegsniederlage des Deutsches Reichs im Jahr 1918 blieb das angespannte politische Verhältnis zu Frankreich bestehen, vor allem aufgrund der Nachwirkungen der Kriegspropaganda und des im Versailler Vertrag festgeschriebenen Mächteverhältnisses. Dieses wurde von den Deutschen als ungerecht empfunden und das Deutsche Reich zielte auf dessen Revision ab (vgl. Bock 2005a: 21ff). Diese konfliktäre Situation prägte auch die Romanistik in den 1920er Jahren, wie Wechsslers Ausruf „Der Krieg geht weiter“ bei einem Vortrag im Jahr 1922 zeigt (vgl. Jehle 1996: 165).
Die Verträge von Locarno, ein 1925 zwischen Frankreich, dem Deutschen Reich und drei
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Die französische Wesenskunde von 1914 bis 1933 am Beispiel Eduard Wechsslers Esprit und Geist weiteren europäischen Staaten abgeschlossener Sicherheitspakt, führten schließlich zu einer Entspannung in den deutsch-französischen Beziehungen. In der darauf folgenden, als Locarno-Ära bezeichneten Zeit, entstanden verstärkt deutsch-französische
Verständigungsprojekte mit dem Ziel, den Frieden in Europa zu sichern (vgl. Bock 2005a: 24f). Obwohl Wechsslers Werk Esprit und Geist durch ein sehr negatives Frankreichbild geprägt ist, enthält es Elemente, die das auf Versöhnung abzielende „Geistige Locarno“ der 1920er Jahre widerspiegeln (Bock 2005a: 25). So schreibt Wechssler zum Beispiel im Vorwort von Esprit und Geist: „Wie lange soll es noch dauern, daß der Bürger irgend eines Staats indem er Hass und Abscheu weiterpflanzt, seiner vaterländischen Pflicht zu genügen meint?“ (Wechssler 1927: IX).
Mit dem Wahlsieg der Nationalsozialisten 1930 und dem dadurch wachsenden Misstrauen Frankreichs gegenüber Deutschland trat der Konflikt zwischen den beiden Nationen wieder stärker in den Vordergrund (gl. Bock 2005a: 26). Welchen Einfluss die Herrschaft der Nationalsozialisten auf die Romanistik hatte und welche Rolle die Wesenskunde in dieser Zeit spielte, wird in Abschnitt 4.3 dargestellt.
Nach dieser Übersicht über die Entwicklung der Romanistik ab dem 19. Jahrhundert und den politischen Kontext, in dem die Wesenskunde entstand, soll nun im nächsten Kapitel Wechsslers Wesenskunde vorgestellt werden. Dabei wird zuerst auf den biographischen Hintergrund des Romanistens eingegangen, da dieser zum Verständnis der von ihm entwickelten Wissenschaft beiträgt.
2. Die Wesenskunde Wechsslers
2.1 Biographischer Hintergrund Wechsslers
Eduard Wechssler wurde 1869 in Ulm geboren. Er studierte in Tübingen, Heidelberg und München klassische, romanische, germanische und orientalische Philologie. Der Philologe spezialisierte sich auf die Romanistik und promovierte in Halle über die romanische Marienklage des Mittelalters und habilitierte über den altfranzösischen Lancelot-Gral-Prosaroman. Wechssler lehrte von 1903 bis 1920 als Professor für Romanistik in Marburg und forschte in dieser Zeit vor allem im Bereich der Mediävistik und der modernen französischen Literatur, für deren Anerkennung als wissenschaftlicher Forschungsgegenstand er sich einsetzte (vgl. Geisler 1949: 60).
Mit Ausbruch des ersten Weltkriegs begann Wechssler völkerpsychologische Studien über
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Arbeit zitieren:
Susanne Held, 2006, Die französische Wesenskunde von 1914 bis 1933 am Beispiel Eduard Wechsslers Esprit und Geist, München, GRIN Verlag GmbH
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