Inhaltsverzeichnis
0 Voraussetzungen, Methoden, Zielsetzungen. 2
1 Grundlagen. 3
1.1 Zeit und Tempus. 3
1.2 Aspekt. 3
2 Tempora der Zukunft - FP vs. FS. 5
2.1 Der semantische Unterschied zwischen dem FP und FS in der Forschungsgeschichte. 5
2.2 Neuere Theorien. 7
2.2.1 Der Ansatz Hans Petter Hellands (1997) 7
2.2.2 A. Schrott (1997): Zwischen aktueller Konditionierung und Virtualität 10
3 Diskussion - Pro und Kontra. 13
3.1 Faktizität vs. Virtualität 13
3.2 Facetten: Aspekte des FP und FS. 17
3.3 Pfänder (2000): Futurische Aspektmarker in den Frankokreolsprachen. 22
4 Evaluierung: Der Versuch einer These zur Erstellung einer These ? 23
5 Biographie 29
0 Voraussetzungen, Methoden, Zielsetzungen
In den letzten drei Jahrzehnten wurden zahlreiche Arbeiten zum Problem der Differenzierung zwischen dem futur simple und dem futur périphrastique veröffentlicht. Die Linguisten untersuchten dafür Texte, führten Interviews und Befragungen durch oder näherten sich auf alternativen Wegen einer eventuellen These. Einige von ihnen zogen schriftliche Erzeugnisse heran, wohingegen andere Linguisten die mündliche Verwendung der Futurformen im Französischen untersuchten.
In der vorliegenden Arbeit wollen wir uns mit der Verwendung der Futurformen im gesprochene Französisch auseinandersetzen. Nachdem zunächst die Grundlagen erläutert worden sind, werden wir uns in der Folge mit der Theorienentwicklung in der Forschungsgeschichte befassen und am Ende des ersten Teils der Arbeit in die Erläuterung zweier neuerer Ansätze von Hans Petter Helland (1997) und Angela Schrott (1997) münden. Dieser eingehenden Darstellung wird sich eine Pro- & Kontra-Diskussion anschließen, wobei weitere Ansätze einfließen, so u.a. von Monika Sokol (1999) und Martin Hummel (2001), die uns bei der Evaluierung der Thesen mit Hilfe zahlreicher Beispielsätze behilflich sein werden.
Das Ziel der Arbeit wird in der kritischen Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Theorien und deren Anwendung auf zahlreiche Beispiele liegen. Sie versteht sich nicht als ein allumfassendes, Problem lösendes Werk, das schließlich eine eigenständige Theorie anbieten wird; im Gegenteil: sie soll Probleme und Widersprüche in neueren Ansätzen aufzeigen und damit den Linguisten ein Stück weit behilflich sein, den Weg für die künftige Forschung zu ebnen, indem sie ausgewählte Aspekte aus einer bestimmten Perspektive logisch aufeinanderfolgend analysiert und gegeneinander abwägt; das gesamte Spektrum bisheriger Forschung kann sie dabei jedoch nicht abdecken (z.B. die Frage nach der Rolle der Negation).
1 Grundlagen
1.1 Zeit und Tempus
Der lateinische Terminus tempus lässt sich zwar mit dem deutschen Begriff 'Zeit' übersetzen, jedoch muss eine klare Trennung zwischen der linguistischen und physikalischen Ebene erfolgen: Die 'Zeit' versteht sich als inhaltlicher Terminus, der das Produkt von Veränderungen im physikalischen Raum, d.h. der mikro- & makroskopischen Welt repräsentiert, die sich daraufhin in - für uns Menschen - wahrnehmbaren Abläufen/Vorgängen/Zuständen manifestieren. (Hawking 1989) Die diese Prozesse in Relation bringende, kognitive Komponente wird als 'Zeit' bezeichnet, eine abstrakte Größe, die sprachunabhängig ist, denn egal ob jemand redet oder schweigt, die 'Zeit', so u.a. in Form unserer 'biologischen Uhr', vergeht resp. fließt weiter. 1
Im Gegensatz dazu stellt das 'Tempus' als grammatische Kategorie ein Werkzeug menschlicher Sprachsysteme dar, das dem Sprecher erlaubt, ein Ereignis E zeitlich in Relation zum Sprechzeitpunkt S und Referenzpunkt R zu setzen. (Reichenbach 1966) Diese grammatikalisierte Zeitreferenz ist somit temporal-deiktisch, insofern das Tempus versprachlichte Sachverhalte in Bezug zu S - dem ego-hic-nunc - als vorzeitig, gleichzeitig oder nachzeitig zu deklarieren weiß. (Schrott 2002: 292)
Das erwähnte, der Sprache inhärente temporal-deiktische System dient darüber hinaus als Differenzierungsfaktor zwischen Tempus und Aspekt, dem wir uns im Folgenden kurz widmen wollen.
1.2 Aspekt
Während - wie oben gesehen - die Tempora deiktische Funktionen aufweisen, besitzt die Kategorie 'Aspekt' diese nicht. (Werner 1980)
Trotzdem wird - wie bei den Tempora durch die Vor-, Gleich- & Nachzeitigkeit - dem Sprecher die Möglichkeit eingeräumt, dem versprachlichten Sachverhalt durch die Wahl einer Darstellung aus dem ego-hic-nunc heraus eine subjektive Färbung zu verleihen. (Bühler 1982)
1 Jacquard (2002: 63) ergänzt: »[D]ie Tatsache, daß 'die Zeit verstreicht', [ist] eine Beobachtung, die sich uns unablässig aufdrängt. Es ist unmöglich, dieses Gefühl zu unterdrücken. [,..] Sie [die Zeit, Anm. d. A.] lässt uns nicht los, obwohl sie […] gar nicht existiert.«
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Dies schlägt sich - im Französischen - einerseits im perfektiven und imperfektiven, andererseits auch noch im retrospektiven und prospektiven Aspekt nieder. (Schrott 1997) Ein Sachverhalt kann vom Sprecher als zeitlich nicht weiter strukturiert und kontinuierlich dargestellt werden; ist dies der Fall, ist vom imperfektiven Aspekt die Rede. Beim perfektiven Aspekt hingegen wird »eine durch eine Beginnphase (Inchoativ) oder Endphase (Resultativ) begrenzte Entwicklung (Perfektiv) präsentiert«. (Bußmann 2002: 103) Eine weitere Differenzierung dieser beiden Subkategorien geht von der Annahme aus, dass der Sprecher eine Aktion als von außen oder von innen erblickt darstellen kann, wobei so genannte Vordergrundgeschehen und rhematische Elemente in erster Linie durch perfektiv dargestellte Aktionen versprachlicht werden. Hintergrundgeschehnisse, simultane Aktionen und Beschreibungen hingegen werden durch den imperfektiven Aspekt ausgedrückt. (Pfänder 2000: 86)
Schrott (1997) unterscheidet außerdem zwischen dem retrospektiven und prospektiven Aspekt, wobei beide Arten eine Relation des ego-hic-nunc mit dem Referenzpunkt R aufweisen. Für diese beiden Aspektformen nennt sie als Repräsentanten das passé composé für die Retro-, resp. das futur périphrastique 2 für die Prospektive; eine Unterscheidung, der wir uns in der nun folgenden Darstellung der Verwendungsmöglichkeiten der französischen Futura, genauer des futur périphrastique (FP) und futur simple (FS), genauer widmen werden. Im Folgenden werden wir uns der Aufarbeitung des aktuellen Forschungsstands widmen, wobei zwei neuere Ansätze eine zentrale Rolle spielen werden: die Theorien von Hans Petter Helland (1997) und Angela Schrott (1997).
2 A. Schrott (1997: 24) erklärt, dass das FP nur mit einem, entweder präsentischen (il va voir) oder im Imperfekt stehenden Hilfverb 'aller' (il allait voir) einen zukünftigen Sachverhalt ausdrückt.
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2 Tempora der Zukunft - FP vs. FS
Im Laufe der linguistischen Forschung zum Gegenstand der Futurität im Französischen wurden zahlreiche Ansätze vorgelegt, deren Ziel es war, die Nutzwerte des FP und FS aus deren Verwendung herauszufiltern, wodurch zugleich beide Formen, sowohl das - auf der morphosyntaktischen Ebene - analytisch geprägte FP als auch das synthetische FS vonein-ander zu unterscheiden. Diese Abgrenzungen sind insofern wichtig, als sie somit auch indirekt das Warum nach der Ausdifferenzierung einer zweiten Futurform (dem FP) im Französischen - wie auch in anderen romanischen Sprachen - thematisieren. Auf Grund der Tatsache, dass beide Formen bis heute im mündlichen Sprachgebrauch anzutreffen sind (cf. B. Lorenz 1989), muss ein Unterschied im Nutzwert der beiden Tempora vorausgesetzt werden, welcher deren Verwendung durch den Sprecher im Gespräch determiniert.
2.1 Der semantische Unterschied zwischen dem FP und FS in der Forschungsgeschichte
In den 1940er Jahren erarbeitete der norwegische Linguist Leiv Flydal einen Unterschied in der Verwendung beider Futura heraus, wonach dem nunmehr im mündlichen Sprachgebrauch vorrückenden FP neben dem »aspect d'imminence« (Flydal 1943: 20) in erster Linie eine temporelle, d.h. futurische Konnotation inhärent ist, wobei jedoch nicht immer eindeutig feststellbar sei, ob ein »état d'imminence dans le présent de l'action« oder »sa réalisation dans un futur présenté comme prochain« vorliege. (ib.: 30) In letzterer Aussage Flydals findet sich bereits ein entscheidender Punkt codiert, der die Relation zwischen dem FP und FS beschreibt und dabei einen funktionalen Unterschied heraushebt:
»Comme le futur simple désigne d'ordinaire un fait seulement comme appartenant à l'avenir, sans préciser le moment où il aura lieu, tandis qu'aller + infinitif situe l'action dans un avenir prochain, la périphrase équivaut, en tant qu'éxpression du temps de l'action future, au futur simple accompagné d'un complement de temps exprimant la proximité.« (ib.: 32f.)
Nach Flydal erweisen sich für dies beiden Tempora der jeweilige Grad der Futurität somit als unterschiedlich: Während das FP für die temporale Nähe bereits markiert erscheint, benötigt das FS zusätzliche Angaben (z.B.: »bientôt«), um die Nähe zum egohic-nunc auszudrücken, weswegen er die Bezeichnungen des »futur prochain« resp. »futur éloigné« wählte.
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Folgte man dieser These Flydals, liege es in den Händen - oder vielmehr im Mund - des Sprechers und dessen Betrachtungsweise des zu beschreibenden zukünftigen Sachverhaltes, welche Futurform zur Anwendung gelangt.
Eine entgegengesetzte Meinung vertrat in der Folgezeit Hablützel, wonach die Auswahl der jeweiligen Futurform in Abhängigkeit vom entweder psychisch/physisch teilnhemenden (auch interessierten) oder objektiv beobachtenden Sprecher geschehe, wobei diese Ansicht eine 'modalere' Verwendungsweise des FP resp. FS implizierte. (B. Lorenz 1989: 11f.) Spätere Forschungen, so u.a. von Rattunde und Sauvageot in den 1960/70er Jahren benannten in der Folge andere Kriterien zur Auswahl der einen oder anderen Futurform. Verwies Rattunde - dessen Resultate sich auf die Analyse von Asterix-Comics beriefenseinerseits auf einen rein stilistischen (und keinen temporalen) Unterschied, um z.B. Wiederholungen zu vermeiden (Rattunde 1973), hob dahingegen Sauvageot (1962) die präsentische Verwendung des Verbes »aller« hervor, der das FP somit mit der Gegenwart, dem ego-hic-nunc, verbinde.
Bettina Lorenz (1989: 219) negierte in ihrer Dissertation schließlich die Auffassung, wonach es einen temporalen Unterschied zwischen dem FP und FS gebe, so wie es Flydal (1943) einst postulierte. In der gesprochenen Sprache seien die beiden Futura weitgehend austauschbar, und - nach Auswertung ihrer Daten - gelangte sie letztlich zu dem Nutzungsverhältnis FS : FP 1,2 : 1. (B. Lorenz 1989: 219)
Nichtsdestotrotz benennt sie unterschiedliche Kriterien zur Auswahl der einzelnen Formen, die zu erkennen seien: So spielen der soziale Status des Sprechers genauso eine Rolle wie die Komplexität der verwendeten Verben. (ib.: 221) Hinsichtlich der FP- resp. FS-Verbundenheit mit dem ego-hic-nunc nannte sie so genannte »Präferenzen« in der Nutzung:
»[D]as futur périphrastique gibt eher dem Sprechzeitpunkt sehr nah und nah gelegene futuristische Geschehnisse an, das futur simple markiert vorzugsweise zum Moment der Äußerung weniger nah gelegene und vom Sprachmoment entfernt liegende zukünftige Handlungen.« (ib.: 219)
Im Folgenden werden, auf den bisher aufgeführten Ergebnisse der zurückliegenden linguistischen Forschung aufbauend, zwei neuere Ansätze dargestellt und anschließend diskutiert.
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2.2 Neuere Theorien
2.2.1 Der Ansatz Hans Petter Hellands (1997) 3
In seinem 1997 herausgebrachten Essay »Futur simple et futur périphrastique« beschäftigt sich der norwegische Linguist Hans Petter Helland mit der Frage nach dem semantisch-funktionalen Unterschied zwischen den beiden französischen Tempora der Zukunft. Helland geht hierbei von der Fransk Universitetsgrammatik (FU) aus, dem norwegischen Standardwerk über die französische Grammatik, das die Tempora in zwei Klassen, dem »système présent« und dem »système passé« (p. 67), einteilt, wobei paradoxerweise dem FP kein Platz eingeräumt und folglich - formell - aus dem »système temporel du français« verbannt wird (p. 68), sie das FP aber als »concurrent du futur simple dans la langue parlée« (p. 70) ansieht.
Helland nimmt die »hypothèse explicative [qui] n'en a rien de nouveau« (p. 69) als Ausgangspunkt für seine Analyse, d.h. die in der Forschung traditionellerweise als »rupture ou non-rupture avec le présent« (p. 70) bezeichnete Hypothese hinsichtlich des verschiedenen Nutzwertes des FP und FS. Dabei wird ein essentieller Unterschied hervorgehoben, den die FU folgendermaßen deklariert:
Der FU zufolge besteht der Unterschied somit in der Verbindung des Ereignis E mit dem Referenzpunkt R und dem Sprechzeitpunkt S, wie im folgenden Beispiel (nach Helland 1997: 69):
(1) Je réfléchirai encore à tout ceci.
(2) File ! Hoederer va descendre.
3 Ich beziehe mich im Folgenden - falls nicht anders angegeben - auf den Artikel: Helland, Hans Petter (1997): Futur simple et futur périphrastique. In: Moderna Sprak 91, S. 67-76. Textzitate werden - falls nicht auf ein anderes Buch verwiesen - in der Form (p. Seitenzahl) angegeben.
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Arbeit zitieren:
Enrico Quaas, 2009, Futur simple und futur périphrastique, München, GRIN Verlag GmbH
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