1 Einleitung
Der Mensch ist ausgestattet mit dem Gebiss eines Pflanzenfressers und mit den Verdauungsmöglichkeiten eines Fleischfressers. Von Zellulose und Mineralölprodukten abgesehen, ist theoretisch alles mögliche Nahrungsquelle. 1 Warum nun begrenzt der Mensch die ihm von der Natur gegebene biologische Weltoffenheit durch kulturelle Ernährungsrichtlinien und selbst auferlegte Esstabus? Welchen Beitrag leistet die Religion hierzu - und welche Esstabus gelten in der westlichen Welt, die hauptsächlich durch Christentum, Judentum und Islam geprägt wird? Welche Folgen hat die Abwendung der Menschen von der Religion auf das Essverhalten? Ersetzt der Mensch die weggefallenen Normen und genießt die neue Freiheit oder errichtet er neue Grenzen? Welche sind das und wie verändert ihre Existenz die moderne westliche Welt? All diese Fragen möchte die vorliegende Arbeit beantworten. Sie zeichnet eine Entwicklung nach und gibt im Fazit einen Ausblick darauf, welche Folgen diese auf eine westliche Gesellschaft haben kann. Denn im Verlauf der Menschheitsgeschichte gab es schon immer Esstabus. Es waren nur die Legitimierungen, die sich änderten. Erst war es die Biologie, die vor scheinbar nicht Essbarem warnte. Später löste die Religion diese Begründungen ab. Heute schließlich definieren die Natur- und Ernährungswissenschaften, was die Menschheit isst und was nicht. 2
1 Koch, Heidemarie: „Körner, Knollen, Brot und Wein - Die Geschichte unserer Esskulturen“, 2006, Seite 22.
2 Kaufmann, Jean-Claude: „Kochende Leidenschaft - Soziologie vom Kochen und Essen“, 2006, Seite 27.
2
2 Werte und Normen
Werte sind grundlegende Vorstellungen einer wünschenswerten, idealen und angestrebten Lebensführung. Diese Vorstellungen können bewusst oder unbewusst das Handeln der Individuen beeinflussen. 3 Sie schränken damit die dem Menschen im Grunde unbegrenzte Vielfalt an Handlungsmöglichkeiten ein 4 und bilden so gemäß dem anthropologischen Entstehungsmodell eine Art „gesellschaftlichen Instinktersatz“. 5
Werte bilden die zentralen Elemente einer Kultur und definieren generelle Handlungsstandards, anhand denen sich die Mitglieder einer Gesellschaft orientieren sollen. Dies bringt eine massive Entlastungsfunktion für die handelnden Individuen mit sich, weil die Entscheidung scheinbar nie in der Verantwortung des Handelnden liegt. 6 Zwar bilden Werte keinen expliziten Handlungskatalog, an dem sich die Menschen orientieren können, 7 die Werte werden allerdings in Normen umgedeutet, die Handlungsweisen mehr oder weniger verbindlich in gebotene und verbotene einteilen. 8 Hierbei müssen Muss-Normen wie Gesetze, Soll-Normen wie Sitten und Kann-Normen wie Bräuche und Gewohnheiten unterschieden werden. 9
Normen werden im Rahmen der Sozialisation erlernt 10 und somit immer wieder an die nächste Generation weitergegeben. Ziel hierbei ist, von außen auferlegte Ansprüche zu Erwartungen zu transformieren, die das Individuum wie selbstverständlich an sich selbst stellt. 11 Die Folge ist eine Erfüllung dieser Ansprüche, ohne sie zu reflektieren. 12
Die Funktion von Normen liegt im Herstellen von regelmäßig wiederkehrendem und erwartbarem Verhalten Einzelner. Denn nur wenn das Umfeld eines Menschen auf diese Weise agiert, ist der Mensch selbst dazu in der Lage, konsistent zu handeln und soziale Beziehungen zu knüpfen. 13 Somit sind Normen einerseits Verhaltensregeln, sie definieren aber andererseits auch die soziale Bewertung eines bestimmten Verhaltens und fordern dieses ein. Ebenso sind Normen als die beobachtbare Gleichförmigkeit des Verhaltens definierbar. 14
3 Schäfers, Bernhard, u.a.: „Grundbegriffe der Soziologie“, 2006, Seite 352.
4 Schäfers, Bernhard: „Soziales Handeln und seine Grundlagen: Normen, Werte, Sinn“, in Korte Hermann; Schäfers Bernhard (Hg.): „Einführung in die Hauptbegriffe der Soziologie“, 2000, Seite 30.
5 Schäfers, Bernhard, u.a.: „Grundbegriffe der Soziologie“, 2006, Seite 215.
6 Ebenda, Seite 352.
7 Ebenda, Seite 353.
8 Ebenda, Seite 213.
9 Schäfers, Bernhard: „Soziales Handeln und seine Grundlagen: Normen, Werte, Sinn“, in Korte Hermann; Schäfers Bernhard (Hg.): „Einführung in die Hauptbegriffe der Soziologie“, 2000, Seite 30.
10 Schäfers, Bernhard, u.a.: „Grundbegriffe der Soziologie“, 2006, Seite 213.
11 Schäfers, Bernhard: „Soziales Handeln und seine Grundlagen: Normen, Werte, Sinn“, in Korte Hermann; Schäfers Bernhard (Hg.): „Einführung in die Hauptbegriffe der Soziologie“, 2000, Seite 31.
12 Popitz, Heinrich: „Soziale Normen“, 2006, Seite 73.
13 Schäfers, Bernhard, u.a.: „Grundbegriffe der Soziologie“, 2006, Seite 213.
14 Fuchs-Heinritz, Werner, u.a.: „Lexikon zur Soziologie“, 2007, Seite 460.
3
Einerseits erfahren Normen durch emotionale Aufladung Verbindlichkeit. Dem Individuum wird vermittelt, dass die Befolgung einem höheren Sinn dient. Dies ist beispielsweise bei den religiösen Essvorschriften der Fall, 15 die kommunizieren, dass der Gläubige mit der rechten Nahrungsauswahl seinem Gott Ehre, Respekt und einen guten Dienst erweist. 16
Die Einhaltung von Normen ist andererseits durch Sanktionen abgesichert. Diese sind Reaktionen der Gesellschaft auf abweichendes aber auch auf normkonformes Verhalten. In diesem Sinne müssen positive Sanktionen, die normkonformes Verhalten belohnen sollen, von negativen unterschieden werden. Letztere sollen demonstrieren, dass eine Verhaltensabweichung von der Gesellschaft nicht hingenommen wird. Diese Reaktion des Umfelds verstärkt die Geltung der Norm. Unterschieden wird zudem in formelle und informelle Normen. Bei formellen Normen wie Gesetzen ist eindeutig festgelegt, wer wie auf abweichendes Verhalten reagiert. Bei Verstößen gegen informelle Normen reagiert der vom abweichenden Verhalten direkt Betroffene. 17 Negative Sanktionen wie Angst, Scham und Schuldgefühle sind Reaktionen, die ein Mensch bei Übertreten eines absoluten Verbotes zeigt. Diese strengste Normart wird als Tabu bezeichnet. 18 Welche Ursachen und besonders welche Auswirkungen solche Tabus auf die Gesellschaft haben, lässt sich besonders gut an den Esstabus der Religionen zeigen.
Religion nach Tönnies meint „Gemeinschaft des Geistes“, und wird definiert als „Freundschaft aus geteilter Gesinnung“. 19 Zentral für die weitere Definition des Begriffs Religion sind drei Sichtweisen: 20 Erstens kann Religion bezogen werden auf den religionswissenschaftlichen Begriff des Heiligen. In diesem Zusammenhang steht Religion für Riten und Einrichtungen, durch die sich die Menschen einer Wirklichkeit versichern, die außerhalb ihres Alltages existiert. Zweitens kann Religion nach dem funktionalistischen Religionsbegriff sein, was der normativen Integration der Individuen in eine Gesellschaft dient. Weiter kann Religion als der Teil einer Kultur betrachtet werden, der das zentrale Sinnsystem einer Gesellschaft stellt und damit Identität und Bedeutung stiftet. 21
15 Schäfers, Bernhard: „Soziales Handeln und seine Grundlagen: Normen, Werte, Sinn“, in Korte Hermann; Schäfers Bernhard (Hg.): „Einführung in die Hauptbegriffe der Soziologie“, 2000, Seite 36.
16 Koch, Heidemarie: „Körner, Knollen, Brot und Wein - Die Geschichte unserer Esskulturen“, 2006, Seite 6.
17 Fuchs-Heinritz, Werner, u.a.: „Lexikon zur Soziologie“, 2007, Seite 569.
18 Schäfers, Bernhard, u.a.: „Grundbegriffe der Soziologie“, 2006, Seite 215.
19 Tönnies, Ferdinand, 1991, in Farzin, Sina und Jordan Stefan (Hg.): „Lexikon zur Soziologie und Sozialtheorie - Hundert Grundbegriffe“, 2008, Seite 77.
20 Schäfers, Bernhard, u.a.: „Grundbegriffe der Soziologie“, 2006, Seite 235.
21 Ebenda, Seite 237.
4
3 Religiös motivierte Esstabus und ihre Ursachen
3.1 Esstabus im Christentum
Auch wenn die Bibel als ältester Nahrungsmittelführer der Welt gelesen werden kann, 22 schreibt das Christentum keine ausdrücklichen Esstabus vor. Vielmehr verbot die katholische Kirche ihren Mitgliedern im Mittelalter Tiere, die sie als unrein erachtete. Unter diese Klassifizierung fielen beispielsweise Pferde, aber auch Tiere, die getötet worden waren, ohne zuvor auszubluten. 23 Als unrein galten ebenso Tiere, die sich von Fleisch oder Aas ernährten. Gemeint waren einerseits Vögel wie Geier, Strauß oder Storch, 24 aber auch alle anderen Raubtiere.
Im Christentum besonders präsent sind Fastenzeiten. 25 Der Kirchenkalender hatte lange Zeit einen enormen Einfluss auf die Ernährungsweise der Menschen: An insgesamt 70 Tagen im Jahr war die Nahrungsmittelwahl eingeschränkt. Während der 46 Tage dauernden Fastenzeit vor Ostern beispielsweise waren Eier, tierische Fette, Fleisch und Milchprodukte untersagt. Während des Adventsfastens vom 11. November bis Weihnachten durfte nur einmal am Tag etwas gegessen werden 26 Allerdings betrieben Christen zu allen Zeiten einen enormen Aufwand, um die religiösen Nahrungsvorschriften zu umgehen. Im Rahmen der Reformation wurden aus Verboten, die der Klerus zuvor durch Strafen durchzusetzen versuchte, Richtlinien, da sich nach Ansicht der Reformer ein guter Christ durch seinen Glauben, nicht durch seine Speisenauswahl definiere. 27
3.2 Esstabus im Judentum
Juden ist es verboten, unkoschere Nahrungsmittel zu sich zu nehmen. Koscher bedeutet „tauglich“ und meint, die nach den Religionsschriften Bibel, Talmud und Mischna erlaubten Lebensmittel. 28 Nur koschere Lebensmittel gelten als rein. 29 Hierbei muss beachtet werden, dass kein Tier gegessen werden darf, das gequält oder auf qualvolle Weise getötet wurde. Werden Tiere geschlachtet, müssen sie geschächtet werden, denn der Verzehr von Blut ist untersagt. Als koscher gelten Tiere, die gespaltene Klauen haben und wiederkäuen. Damit werden Schafe, Ziegen und Rinder favorisiert. Nach dieser Definition sind Tiere wie Schweine, Pferde, Katzen, Hunde, Nager und Reptilien auf dem Speiseplan verboten. 30 Ebenso ist rohes Fleisch strengstens untersagt. 31
22 Kaufmann, Jean-Claude: „Kochende Leidenschaft - Soziologie vom Kochen und Essen“, 2006, Seite 18.
23 Koch, Heidemarie: „Körner, Knollen, Brot und Wein - Die Geschichte unserer Esskulturen“, 2006, Seite 10.
24 Thompson, John A.: „Hirten, Händler und Propheten“, 1992, Seite 156.
25 Schulze, Gerhard: „Die Sünde - Das schöne Leben und seine Feinde“, 2006, Seite 23.
26 Koch, Heidemarie: „Körner, Knollen, Brot und Wein - Die Geschichte unserer Esskulturen“, 2006, Seite 27.
27 Barlösius, Eva: „Soziologie des Essens“, 1999, Seite 106f.
28 Koch, Heidemarie: „Körner, Knollen, Brot und Wein - Die Geschichte unserer Esskulturen“, 2006, Seite 11.
29 Barlösius, Eva: „Soziologie des Essens“, 1999, Seite 99.
30 Koch, Heidemarie: „Körner, Knollen, Brot und Wein - Die Geschichte unserer Esskulturen“, 2006, Seite 12.
31 Thompson, John A.: „Hirten, Händler und Propheten“, 1992, Seite 156.
5
3.3 Esstabus im Islam
Die wenigen Nahrungsmittelverbote, die dem Islam eigen sind, unterscheiden sich von Land zu Land und je nach Richtung der Religion. Nur wenige Verbote gelten für alle Gläubigen. 32 Muslime dürfen ausschließlich Fleisch rituell geschlachteter Tiere zu sich nehmen. Das bedeutet, dass ein Tier unter allen Umständen geschächtet werden muss. Dabei wird es gen Mekka gehalten und während es ausblutet, wird Gott angerufen. 33 Das wohl bekannteste Nahrungsmitteltabu im Islam ist das Verbot von Schweinefleisch. Es wird als unrein angesehen. Muslimen ist zudem der Alkohol verboten. 34
Im Fastenmonat Ramadan ist es verboten, zwischen Morgengrauen und Sonnenuntergang etwas zu sich zu nehmen. Nur abends und nachts darf gegessen und getrunken werden. Jedoch verzehren Muslime in dieser Zeit nur spezielle Speisen, die ausschließlich im Fastenmonat zubereitet werden. 35
32 Koch, Heidemarie: „Körner, Knollen, Brot und Wein - Die Geschichte unserer Esskulturen“, 2006, Seite 13.
33 Ebenda, Seite 13f.
34 Ebenda, Seite 14.
35 Ebenda, Seite 28.
6
Arbeit zitieren:
Sabrina Kohnke, 2009, Esstabus, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Der Gegensatz von Keynsianismus und Neoliberalismus
VWL - Makroökonomie, allgemein
Studienarbeit, 17 Seiten
Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit
Referat (Ausarbeitung), 10 Seiten
Über Verhalten in direkter Kom...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Referat (Ausarbeitung), 17 Seiten
Sabrina Kohnke's Text Esstabus ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Sabrina Kohnke hat den Text Esstabus veröffentlicht
Sabrina Kohnke hat einen neuen Text hochgeladen
Ursachen und Wirkungen des weltweiten Terrorismus
Eine Analyse der gesellschaftl...
Friedrich Schneider, Bernhard Hofer
Buch über die Ursachen und den Hervorgang von allem aus der ersten Urs...
Liber de causis et processu un...
Albertus Magnus, Henryk Anzulewicz, Maria Burger, Silvia Donati, Ruth Meyer, Hannes Möhle
Wachstumsschmerzen beim Übergang vom Startup zum professionell geführt...
Ursachen und Lösungsansätze
Christian Witt
Kausalitätsprobleme, Determinismus und Indeterminismus. Ursachen und I...
Kausalitätsprobleme, Determini...
Matthias Varga von Kibed
Valentin Tomberg. Band 1. Leben - Werk - Wirkung
Leben-Werk-Wirkung 1900-1944
Elisabeth Heckmann
0 Kommentare