Inhalt
1. Einleitung 1
2. Dogmakonventionen in „Das weisse Rauschen“ 2
3. Sequenzanalyse des Pilzkonsums 4
4. Sequenzanalyse des schizophrenen Wahns 7
5. Fazit 10
6. Literatur 12
-1- 1.Einleitung
Lukas, gespielt von Daniel Brühl, zieht nach Köln zu seiner Schwester Kati (Anabelle Lachatte) und ihrem oftmals zugedröhntem Freund Jochen (Patrick Joswig). Die Umstellung vom Leben in einem kleinen „Kaff“ zu dem in der Großstadt und der Einstieg in das Studentenleben bereiten ihm Probleme. Nach dem Konsum halluzinogener Pilze bekommt Lukas schizophrene Schübe und hört Stimmen. Diese befehligen, beleidigen und hetzen ihn gegen seine Mitmenschen auf. Nach einem Sprung aus dem Fenster wird Lukas in eine Psychatrie eingewiesen, wo ein Arzt ihm Schizophrenie diagnostiziert. Von nun an stellen ihn Tabletten ruhig. Nachdem er sie eigenmächtig abgesetzt hat, beginnt der Wahn von Neuem: Der Protagonist stürzt sich von einer Rheinbrücke, wird jedoch von einer Hippie-Kommune gerettet und fährt mit ihr nach Spanien, wo der Film Das weisse Rauschen von Hans Weingartner endet.
Der 1970 in Voralberg in Österreich geborene Regisseur drehte diesen Film 2001 als Abschlussarbeit an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Während dieser Zeit interessierte er sich vermehrt für Dogma 95 und wollte auch seinem Film eine Dogmaästhetik verleihen, um die psychischen Zustände Lukas' physisch spürbar zu machen. Dies führt zu meiner ersten These, wonach der Dogma-Stil Rausch, aber auch psychotische Zustände für den Zuschauer fass- und nach erlebbar macht.
Bei dem Krankheitsbild einer Schizophrenie kommt es gelegentlich vor, dass die Ursachen toxikologischen, aber auch biologischem oder psychosozialen Ursprungs sind. Schizophrene nehmen ihre Umgebung wie aus dem Zusammenhang gerissen wahr, ihre Gedanken erscheinen ihnen fremdbestimmt und in den meisten Fällen hören sie Stimmen , welche nur in ihrer Vorstellung existieren. Es kommt also zu Sinnestäuschungen, aber auch die Motorik und der Gedankenfluss arbeiten eingeschränkt. Somit weist eine schizophrene Psychose also gleiche Merkmale wie manch ein durch Drogen indizierter Rausch auf. Auch Lukas' Schizophrenie wurde durch Drogenkonsum ausgelöst. Folglich soll auf den folgenden Seiten anhand Das weisse Rauschen nachgewiesen werden, dass psychotischer
-2-Wahn und Rauschzustände in ihrer filmischen Darstellung in gleicher Weise erfolgen können.
2. Dogmakonventionen in „Das weisse Rauschen“
Dogma 95 entstand, als das amerikanische Kino reihenweise Filme herausbrachte, welche mit ihren exorbitanten Special Effects begannen „[...] to collapse down under their own weight.“ 1 Es kam vermehrt dazu, dass
Zuschauer die Kinos während der Vorstellungen verließen oder ihr Geld zurück verlangten. Die Filmindustrie produzierte Filme wie am Fließband ohne viel Kreativität oder Kunst darin einfließen zu lassen. Die Antwort der Dänen Lars von Trier, Thomas Vinterberg, Søren Kragh-Jacobsen und Kristian Levring darauf war der Vow of Chasity, welchen sie am 20.März 1995 in Paris zum 100.Geburtstag des Mediums Film verteilten. Mit zehn Regeln wollten Sie davon abkommen Filme nach den begrenzten Vorstellungen des bisherigen Business herzustellen und wieder zum puren, reinen Filme machen zurück kehren. Die erzählte Geschichte sollte nicht durch aufwendige Effekte oder Szenerien überblendet werden, sondern in dokumentarischem Stil realistisch dargestellt werden. Zwar hielten sich die Dogma 95 Regisseure in fast keinem Film tatsächlich an alle aufgestellten Regeln, jedoch lohnt es sich Hans Weingartners Das weisse Rauschen mit dem Vow of Chasity zu vergleichen, um den tatsächlichen Anteil an Dogmakonventionen und -ästhetik in seinem Werk einschätzen zu 2 können.
1. Shooting must be done on location. Props and sets must not be brought in. Diesen Punkt erfüllte Weingartner hundertprozentig. Die sechswöchigen Dreharbeiten fanden überwiegend in seiner eigenen Wohnung statt, wo das gesamte Team und der Cast wohnten. Alle Schauplätze wurden ohne Drehgenehmigung aufgesucht und bei den Komparsen handelt es sich um ahnungslose Passanten.
1 Horsley 2005, S.259.
2 Punkte des Vow of Chasity sind dem Nachdruck auf der ersten Seite von Hallberg
2001 entnommen
-3- 2.The sound must never be produced apart from the image or vice versa.[...] Offiziell ist Das weisse Rauschen frei von Filmmusik, um dem Zuschauer keine Emotionen aufzudrängen, jedoch wurden einige Stücke eigens für den Film komponiert. An vielen Stellen gibt es jedoch keinen extradigetischen Ton und Musik dringt aus im Bild erkennbaren Quellen. Allerdings arbeitet Weingartner an den Stellen, welche Lukas' schizophrenen Wahn zeigen immer mit einer akustischen Collage von verschiedenen Stimmen, was ganz klar gegen die Dogmakonventionen verstößt. 3. The camera must be handheld.
4. The film must be in color. Special lighting is not acceptable. Der Film wurde gleichzeitig mit 3 digitalen Kameras gedreht, wobei eine davon sogar nur ein Panasonic Camcorder war, welche die Schauspieler teilweise selbst innerhalb des Films benutzten. Somit wurden keine Aufnahmen mit Stativ, Dolly oder Kran gemacht.
Da ausschließlich an Originalschauplätzen und meist ohne verschiedene Takes gedreht wurde, nutzte das Team nur die vorhandenen natürlichen Lichtquellen und hatte keine Beleuchter.
Diese beiden befolgten Konventionen sorgten wohl hauptsächlich für den wackelig dokumentarischen Dogmastil des Films. 5. Optical work and filters are forbidden.
Diesem Punkt schenkte Weingartner keinesfalls Beachtung, auch wenn nicht genau nachvollziehbar ist, an welchen Stellen Filter genutzt wurden. Es gibt offensichtliche Farbfilter, wie bei Lukas' Pilzrausch, bei welchem das Bild plötzlich blau wird. An anderen Stellen ist nicht zu erkennen, ob ein Bildrauschen oder die hohen Kontraste den digitalen Kameras oder einer Nachbearbeitung zu verdanken sind. 6. The film must contain superficial action. 7. Temporal and geographical alienation are forbidden. 8. Genre movies are not acceptable.
Die Geschichte um den schizophrenen Lukas ist sehr realistisch angelegt und könnte sich theoretisch genauso ereignen. Anfangs dachte der Regisseur darüber nach seine Hauptrolle mit einem echten Schizophreniepatienten zu
Arbeit zitieren:
Diana Weschke, 2009, Rausch, Wahn und Dogma, München, GRIN Verlag GmbH
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