Inhalt
1 Einleitung 3
2 Sexueller Kindesmissbrauch 5
2.1 Begriffliche Annäherung 5
2.2 Mögliche Ursachenmodelle 8
2.2.1 Der psychodynamische Ansatz 8
2.2.2 Der täterzentrierte Ansatz. 9
2.2.4 Das systemtheoretische Modell 10
2.2.5 Der sozialpsychologische Ansatz 11
2.2.6 Der feministische Ansatz 13
2.2.7 Zusammenfassung 14
2.3 Epidemiologie 15
2.4 Die Opfer 18
2.5 Die Täter- ein Unterschichtenproblem erwachsener Männer? 20
3 Die Folgen des sexuellen Missbrauchs. 23
3.1 Körperliche Verletzungen. 23
3.2 Psychische/ Emotionale Folgen. 24
3.3 Soziale Auffälligkeiten 25
3.4 Auswirkungen auf das Sexualverhalten. 26
3.5 Geschlechtstypische Unterschiede. 27
3.6 Zusammenfassung. 28
4 Möglichkeiten des Eingriffs/ Präventions-und Interventionsmaßnahmen. 29
4.1 Möglichkeiten der Prävention sexuellen Missbrauchs 29
4.2 Intervention bei sexuellem Missbrauch 30
4.3 Probleme der öffentlichen Jugendhilfe 32
5 Schluss. 33
6 Literaturverzeichnis 34
1Einleitung
1 Einleitung
Sexueller Missbrauch ist ein Thema, das für viele Menschen in unserer Gesellschaft ein Tabu darstellt, doch nicht der Missbrauch an sich unterliegt diesem Tabu, sondern das Sprechen darüber. Die sexuelle Ausbeutung von Jungen und Mädchen findet nicht erst seit heute statt, sondern hat eine jahrhundertealte Tradition (vgl. Enders 2008,S.11) Fälle von minderjährigen Müttern, die von den eigenen Vätern geschwängert wurden, wurden abgestritten und verheimlicht. Nicht selten wurde das Neugeborene zur Adoption freigegeben oder mit der Mutter ins Mutter-Kind-Heim abgeschoben. In anderen Familien hat die Mutter des Mädchens das Baby als ihr eigenes angenommen und großgezogen. Der leibliche Vater des Kindes wurde totgeschwiegen und die „heile Welt“ war wieder hergestellt. Gewarnt wurde lediglich vor dem „bösen Fremden“ auf der Straße, nicht jedoch vor dem eigenen Vater, Bruder, Onkel, Großvater, Lehrer, Geistlichen…(Enders 2008,S.11) Erst zu Beginn der 80er Jahre rückte das Thema immer mehr in den Vordergrund. Dies ist ein Verdienst der Frauenbewegung, denn zu dieser Zeit gingen erstmals betroffene Frauen an die Öffentlichkeit und berichteten von ihren schrecklichen Kindheitserfahrungen. Selbsthilfeinitiativen betroffener Frauen z.B. „Wildwasser“, „Zartbitter“ und „Dolle Derns“ rückten die sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Die Erkenntnis, dass es sich um alltägliche Erlebnisse von Kindern jeder Altersstufe und aus jeder sozialen Schicht handelt, wurde zunächst sehr ungläubig von der Bevölkerung aufgenommen, hinterließ dann aber vor allem ein riesiges Ausmaß an Unverständnis und Ratlosigkeit (vgl. Enders 2008, S.11).
Heutzutage ist das Ausmaß des oft jahrelangen sexuellen (inszestuösen) Kindesmissbrauchs fast täglich in den Medien zu verfolgen. Tag für Tag, Monat für Monat kommen schreckliche Ereignisse, die sich über Jahren in Kellerverließen ereignet haben, ans Tageslicht. Bemerkenswert ist hierbei, dass der sexuelle Missbrauch auch in der eigenen Familie stattfindet und für die Opfer eine Vielzahl von Folgen in den verschiedensten Lebensbereichen mit sich bringen kann. Es scheint als ob Täter wie Dutroux, Fritzl oder Uwe K., der Mörder des kleinen Mitja aus Leipzig, wie Pilze aus dem Boden sprießen und schreckliche Einzelschicksale hinterlassen. Wenn man sich tiefergehend mit dem Thema befasst, erfährt man von abscheulichen Vorgehensweisen wie rituellem Missbrauch, jahrzehntelangem Einsperren und Schändung in 3- stelliger Anzahl und spätestens seit dem Buch von Heidi Kästner, die Gerichtspsychiaterin im Falle des Inzestdramas Fritzl aus Amstetten, wird immer präsenter, dass das Phänomen des sexuellen Kindesmissbrauch und der Gewalttätigkeit von Männern an potenziell Schwächere aber auch von Frauen als Täter
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1Einleitung
aktueller denn je erscheint und dies sehr wahrscheinlich schon immer war. Als Indikator für die Aktualität dieser Gewaltverbrechen bzw. der Erwachung des Bewusstseins der Öffentlichkeit für diese Gräueltaten kann man auch das neue Gesetz vom Oktober 2009 in Polen ansehen: Sexualstraftäter, die Minderjährige unter 15 Jahren missbraucht haben, müssen sich von nun an nach ihrer Haftentlassung stets einer vorläufigen chemischen Zwangskastration unterziehen, welche den Sexualtrieb der Täter eindämpft. Ein Schritt, der zeigt, wie hilflos die Regierung gegenüber dem schrecklichen Delikt des Kindesmissbrauchs zu sein scheint. Täterfokussierung statt Opferprävention vermag hier deutlich in der Vormachtstellung der staatlichen Bemühungen stehen, doch was geschieht mit all den kleinen Kindern, die die unerkannte allabendliche Pein im Kinderbett über sich ergehen lassen müssen?
Die vorliegende Ausarbeitung gibt zu dieser Frage vorab einen Überblick über das Thema des sexuellen Missbrauchs, indem zunächst eine Definition sowie die begriffliche Annäherung an die verschiedenen Formen des Missbrauchs erläutert werden. Ebenso werden mögliche Ursachenmodelle näher erläutert, um zu verdeutlichen, um welche Art von Vergehen es sich handelt.
Das Ziel ist es, die Täter und Opfer, sofern dies möglich ist, näher zu beschreiben sowie die große Bandbreite der Auswirkungen und Folgen des Missbrauchs für die Betroffenen herauszustellen. Es soll aufgezeigt werden, was dieses Trauma für die Opfer bedeuten kann, auch wenn es sich jeweils um individuell unterschiedliche Auswirkungen und Schweregrade der Folgen handelt. Des Weiteren zielt diese Arbeit darauf ab, Möglichkeiten der Prävention und Intervention vor allem durch die öffentliche Kinder- und Jugendhilfe aufzuzeigen, welche dazu beitragen, dieses Verbrechen zu verhindern bzw. frühzeitig zu beenden, um die Folgen dieser schrecklichen Taten für die betroffenen Kinder zu minimieren. Im Anschluss soll also der Frage nachgegangen werden, welche Interventionsansätze bei Hinweisen auf sexuellen Missbrauch speziell Fachkräften der Jugendhilfe zu Verfügung stehen. Ferner soll versucht werden, Grenzen hinsichtlich der Handlungskompetenzen der Jugendhilfe vor allem bezüglich der Tertiär-bzw. Opferrehabilitation aufzumachen. Im folgenden Text wird für die Kinder und Jugendliche mit sexuellen Missbrauchserfahrungen der Begriff Opfer sowie für die Missbraucher/Innen, diejenigen also, die für diese Taten verantwortlich sind, der Begriff Täter verwendet, auch wenn dies in Bange und Deegener (1996, S.10) als äußerst stigmatisierend dargestellt wird. Bei der hier vorliegenden Verwendung dieser Termini ist der geäußerten Kritik entgegenzusetzen, dass nur dadurch eine vollends klare Angabe der Verantwortlichkeit gewährleistet wird.
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2.1Begriffliche Annäherung
2 Sexueller Kindesmissbrauch
2.1 Begriffliche Annäherung
Wenn man von sexuellem Kindesmissbrauch spricht, dann muss man konstatieren, dass dieses Thema seit den 1980er Jahren in der Öffentlichkeit wahrgenommen und vielschichtig diskutiert wird. Eine Vielzahl an Studien sind seitdem entstanden mit teils spektakulären Ergebnissen. Hierbei sei jedoch angemerkt, dass es in Abhängigkeit davon, welche Definition man einer wissenschaftlichen Studie zugrunde legt, zu großen Unterschieden zwischen den letztendlichen Resultaten kommen kann.
Um diese Fehlerquelle auszumerzen und sich diesem Thema wissenschaftlich zu nähern, wurden in der Literatur mehrere gebräuchliche Definitionen geprägt. Es zeigt sich jedoch nach wie vor, dass die begriffliche Bestimmung des sexuellen Missbrauchs je nach theoretischem Herangehen und weltanschaulichem, ethnischem oder juristischem Hintergrund differiert. Eine oft verwandte Möglichkeit der Definition ist die, die zwischen einem engen und einem weiten Missbrauchsverständnis unterscheidet (vgl. Hartwig; Hensen 2003, S.15). Hierbei wird unter einer engen Definition laut Wipplinger und Amman sexueller Kindesmissbrauch als
„(...)körperlicher Kontakt zwischen Täter und Opfer, wie oraler, analer und genitaler Geschlechtsverkehr“ (Wipplinger; Amman 1997, S.21) verstanden. Enge Definitionen sind sehr präzise formuliert, vor allem um trennscharf von nichtmissbrauchten Opfern zu unterscheiden, und scheinen den möglichen sexuellen Missbrauch gegenüber anderen Handlungen streng abzugrenzen. Ferner wird durch diesen Definitionsversuch der sexuelle Missbrauch vorwiegend als körperlicher Kontakt zwischen Täter(innen) und Opfer wie oraler, analer und genitaler Geschlechtsverkehr beschrieben. Wenn man alle sogenannten engen Definitionen in der Literatur vergleicht, ist als gemeinsames Kennzeichen zu erkennen, dass als sexueller Missbrauch nur Handlungen angesehen werden, die mit einem direkten Körperkontakt zw. Täter(innen) und Opfer verbunden sind. Berührungen, bei denen sich noch ein anderes Medium z.B. Kleidungsstück zwischen den Körperteilen befindet, werden entsprechend nicht als sexueller Missbrauch klassifiziert. Kriterien solcher Art erfassen nur einen äußerst geringen Teil von Handlungen, die üblicherweise als sexueller Missbrauch gesehen werden, allerdings garantieren enge Definitionen eine möglichst homogene und trennscharfe Stichprobe, was bei empirischen Untersuchungen von zentraler Bedeutung ist (vgl. Egle; Hoffman; Joraschky 2005, S.12).
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2.1Begriffliche Annäherung
Gegenüber der engen Definition steht nun die weite definitorische Annäherung an das Problem. Der weite Missbrauchsbegriff versucht, das Phänomen umfassender und in seiner Gesamtheit zu beschreiben. Als ein Beispiel dafür kann man die folgende Definition nehmen, welche die deutsche Gesellschaft für Kinder und Jugendpsychiatrie in den Leitlinien zu Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-Kindes und Jugendalter herausgegeben hat. Demnach ist sexueller Kindesmissbrauch durch Folgendes gekennzeichnet:
Allen weiten Definitionen gemeinsam ist die Tatsache, dass zwischen Täter und Opfer zum einen ein Machtgefälle und zum anderen ein Gefälle in Hinblick auf Alter und Reife herrscht sowie dass es sich um sexuelle Übergriffe handelt, die meistens gegen den Willen des Kindes erfolgen (vgl. Egle; Hoffman; Joraschky 2005, S.12).
In vielen sozialwissenschaftlichen Untersuchungen ist eine weitere Herangehensweise der begrifflichen Abgrenzung zudem in der Form zu finden, dass der sexuelle Missbrauch über verschiedene sexuelle Handlungen bzw. Erfahrungen operationalisiert wird und manche Autoren, wie z.B. Bange und Deegener (1996), nehmen eine Unterteilung in a) leichte Formen des sexuellen Missbrauchs (ohne Körperkontakt, wie z.B. Exhibitionismus), b) wenig intensive Missbrauchshandlungen (Versuche, die Genitalien des Kindes anzufassen, sexualisierte Küsse), c) intensive Missbrauchshandlungen (Berühren der Genitalien, erzwungene Masturbation des Kindes oder Masturbation des Täters vor dem Kind) sowie der schwerstem Form der d) intensivste Missbrauch, der in der versuchten oder vollzogenen oralen, analen oder vaginalen Vergewaltigung gipfelt, vor.
Zu beachten ist, dass andere Parameter wie Häufigkeit und Dauer des Missbrauchs, Alter des Opfers sowie die Beziehung des Opfers zu dem Täter bei einer definitorischen Abklärung nicht außer Acht gelassen werden dürfen, wenn man sich ernsthaft mit dem Delikt und vor
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2.1Begriffliche Annäherung
allem auch mit den eventuellen körperlichen und seelischen Folgen des Opfers auseinandersetzen möchte.
Es ist abschließend festzustellen, dass also ein einziges Definitionskriterium nicht ausreicht, um den komplexen Zusammenhang sexuellen Missbrauchs zu erfassen. Ein Definitionsversuch bleibt daher meist unvollständig, da immer Grenzfälle auftreten und sexueller Missbrauch zu viele Facetten und Erscheinungsformen aufweist, um sie in einer einzigen Begriffsbestimmung unterzubringen.
Es liegt daher nahe, die angewandte Definition ihrer Aufgabe und ihrem Zweck zugrunde zu legen, d.h. sie jedesmal in Hinblick auf den Kontext zu untersuchen und nicht unhinterfragt anzuwenden (vgl. Hartwig; Hensen 2003, S.18).
Insgesamt wird in der vorliegenden Arbeit von der schon dargestellten weiteren Definition der deutschen Gesellschaft für Kinder und Jugendpsychiatrie ausgegangen, insbesondere muss in dieser Definition im Hinblick auf den institutionellen Umgang der Kinder- und Jugendhilfe mit sexuellem Missbrauch der Faktor der Ausnutzung eines Abhängigkeitsverhältnisses, in diesem Fall das Verhältnis Professioneller-Klient, deutlich hervorgehoben werden. Um die Frage, wie es zu sexuellem Missbrauch kommt und welche Motive die Täter haben, näher zu beleuchten, wird im Nachfolgenden auf mögliche in der Literatur beschriebene Ursachenmodelle und -ansätze näher eingegangen. Dabei soll zum einen ein psychodynamischer Ansatz, zum anderen ein täterzentrierter Ansatz, ferner der Faktor der Pädophilie, das systemtheoretische und sozialpsychologische Modell sowie last but not least das feministische Ursachenmodell näher beleuchtet werden.
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Arbeit zitieren:
Sabrina Barche, 2009, Sexueller Kindesmissbrauch, München, GRIN Verlag GmbH
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