Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Naturalisierung der Kantischen Anschauungsformen 5
3. Kants Theorie der Sinnlichkeit und des Raumes 7
4. Interdisziplinäre Anwendung. 13
5. Schluss 17
6. Literaturverzeichnis 19
1. Einleitung
Das „anthropische Prinzip der Moderne“ 1 steht, sofern man neben systematischen vor allem wissenschaftshistorische Zusammenhänge miteinbezieht, unter der Wirkmächtigkeit Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“. Es dauerte kaum 250 Jahre, als der Kopernikanischen De-Zentrierung des Menschen aus dem Mittelpunkt des Sonnensystems eine Kantische Re-Zentrierung folgte. Während erstere sich auf den Kosmos bezog, basierte letztere auf der epistemischen Dimension unserer apriorischen Formen der Welt-Wahrnehmung, die aber gegenstandskonsitutiv wirkt und somit die „objektive Form der Erfahrung überhaupt […]“ 2 darstellt. Eine derartige Ausrichtung der Erfahrungswelt an den menschlichen Erkenntnisformen - pointiert als empirische Realität durch transzendentale Idealität - steht unweigerlich einem (post-)modernen, fast naiv anmutenden Naturwissenschafts- und Objektivitätsvertrauen gegenüber, bei dem sich mittlerweile die Fronten geklärt zu haben scheinen: mit Hilfe der eigenen quantitativen Mehrheit wird der Kantischen Philosophie nicht nur Fundament sondern auch Legitimation entzogen, um sie so in die Liste der gescheiterten anthropozentrischen Idealismen einzureihen.
Fernab mühseliger Diskussionen um die argumentative Rechtfertigung eines solchen Verhaltens wird klar, dass die Kantische Theorie im Lichte vieler Aspekte weder an Aktualität noch an Legitimität verloren hat: im Bereich phänomenologischer, wissenschaftstheoretischer, epistemischer und wissenschaftsheuristischer Forschung stellt sie weiterhin einen philosophischen Monolithen dar, dessen Wirkmächtigkeit auch heute noch selbst bei denen zu spüren ist, die ihn zu widersprechen glauben. Das Thema sowie die Fragstellung dieser Hausarbeit dient hierbei nicht nur als Synthese der mannigfaltigen Verwendungsaspekte der Kantischen Theorie, sondern soll vor allem reflektieren und hinterfragen, ob eine derartige Gegenüberstellung -objektiver Realismus gegen transzendental-phänomenologischer Idealismus) - überhaupt notwendig und nicht vielmehr Ergebnis bornierter Zementierung ist. Ausgangspunkt ist das Vorhaben, die Kantische Vorstellung der apriorischen, sinnlichen Anschauungsformen (in diesem Falle der Raum) dergestalt mit den Mitteln der Philosophie und Naturwissenschaft zu reflektieren, dass eine Naturalisierung dieser
1 Welsch (2007), S. 8.
2 Kant (2004), A 220. [1781/1787]
Formen unter dem Paradigma der Evolutionstheorie möglich und damit ein Widerstreit überflüssig wäre. Hierbei ist ein naturwissenschaftliches Korsett für die Theorie - der Anpassung an modern-realistische Objektivitätsideale wegen - genauso fehl am Platze wie die stilistische Aufrechterhaltung begriffsspielerischer Grenzen. Ziel ist vielmehr die dezidierte Analyse dessen, was möglich ist.
Anlass zu dieser Idee erhielt ich während einer anderen Hausarbeit, bei der ich die Bedeutung der Evolutionstheorie und Evolutionären Erkenntnistheorie für die Philosophie des Geistes untersuchte und als Beispiel für die heuristischen Fähigkeiten der Philosophie das Beispiel Kant und seine Anschauungsformen nannte, deren Wirken man prinzipiell natürlich naturalisieren kann, wobei sich aber eben die Frage stellt, ob dies unter Einbezug gewisser systematischer Grenzen und Intentionen Kants sinnvoll ist. Die Methodik gibt sich damit fast selbst vor: ich werde versuchen, eine passende Schnittstelle zwischen Textinterpretation und übergreifendem Wissenschaftseinbezug zu finden. Für ersteres dient hierbei der Abschnitt B 33 - B 45 („Der Transzendentalen Elementarlehre. Erster Teil. Die Transzendentale Ästhetik.). Meine Methode wird es sein, statt jedes einzelnen Satzes vielmehr die essenziellen Passagen unter Einbezug meiner spezifischen Fragestellung, die ich im nächsten Abschnitt weiter ausführen werde, zu untersuchen und zu interpretieren. Selbstverständlich werden auch außerhalb dieses Abschnitts Zitate und Passagen benutzt werden, jedoch konzentriert sich die Untersuchung und Analyse vordergründig auf dem, was Kant unter Raum versteht und in den Paragraphen §1 bis §3 behandelt. Hierbei erhoffe ich mir herauszufinden, was Kants Theorie der Sinnlichkeit heute mit der Biologisierung unseres Wahrnehmungsaktes gemeinsam hat und was davon unvereinbar bleibt.
2. Die Naturalisierung der Kantischen Anschauungsformen
Das Kantische a priori 3 erzeugte bei involvierten Wissenschaftlern und philosophisch Interessierten stets ein großes Interesse, welches sich noch vielfach mit der Frage nach der Möglichkeit synthetisch apriorischer Erkenntnisse steigerte. Eine verstandeskonstitutive Leistung, die es nicht nur ermöglicht sondern auch gleichzeitig bei ausreichend philosophischer Selbst-Reflexion gebietet, sich selber als die Bedingungen menschlicher Erkenntnis zu identifizieren, kann zwangsläufig nur eine große Anziehung ausüben. Die Verbindung des Bewusstwerdens ihrer Existenz zusammen mit der Notwendigkeit 4 ihres Seins als epistemische Funktionen menschlicher Erkenntnis verdeutlicht: sie „sind das Wissen, über das Erkenntnissubjekte, die epistemisch so verfaßt sind wie wir, unabhängig von ihren faktischen Erfahrungen verfügen“ 5 (sic!). Wie weiter unten noch auszuführen sein wird, benutzt Kant dies als Fundament geometrischer Erkenntnisse, und diese wiederum als Beweispfand der transzendentalen Idealität von Raum und Zeit. Bei der Beantwortung der Frage, was eine Naturalisierung der Kantischen Anschauungsformen a priori zum Ziele hat, wird vor allem das moderne Paradigma der Naturwissenschaften offenkundig. Eine Philosophie bzw. Erkenntnistheorie, die zum Zwecke hat, „den sicheren Gang einer Wissenschaft […]“ (B VII) zu gehen und dies mit der Revolutionierung der Denkart begründet, die sie „einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können“ (Titel der „Prolegomena“) voranstellt, hat offensichtlich das Ziel, in a-historischer Methode die grundlegenden epistemischen Konstituenten vernünftig-sinnlicher Wesen festzustellen, nicht einen historischen Ausschnitt momentaner kognitiver Verfasstheit des biologischen Wesens „Mensch“ aufzuzeigen oder zu skizzieren. Betrachtet man jedoch die heutige Lage der wissenschaftlichen Forschung, werden deutliche Defizite dieser Kantischen Vorhaben deutlich: nicht nur, dass mit der Entwicklung nicht-klassischer Begriffe der Physik das
3 Hierzu Kant ausführlich in B 1 - B 6.
4 Passend dazu: „Erfahrung lehrt uns zwar, daß etwas so oder so beschaffen sei, aber nicht, daß es nicht anders sein könne. Findet sich also Erstlich ein Satz, der zugleich mit seiner Notwendigkeit gedacht wird, so ist er ein Urteil a priori; ist er überdem auch von keinem abgeleitet, als der selbst wiederum als ein notwendiger Satz gültig ist, so ist er schlechterdings a priori. Zweitens: Erfahrung gibt niemals ihren Urteilen wahre oder strenge, sondern nur angenommene und komparative Allgemeinheit […]“ (B 3 - B 4, Hervorhebungen von Kant). Bereits hier deutet sich das vielfach von Karl Popper erörterte „Induktionsproblem“ (Vgl. Popper 1993, S. 3ff.) an, dass philosophiehistorisch Kant aus seinem „dogmatischen Schlummer“ erweckte.
5 Mohr (2004), S. 92.
D i e N a t u r a l i s i e r u n g d e r K a n t i s c h e n A n s c h a u u n g s f o r m e n - S e i t e | 6
intuitive Verständnis alltagsweltlicher Phänomene wie Kausalität, Substanz, Materie usw. erschwert bzw. ad absurdum geführt wird, sondern auch die Einsteinsche Spezielle Relativitätstheorie mit der nicht-euklidischen Geometrie als primordiale Raumstruktur 6 verwies die Kantische Interpretation der Euklid-Geometrie als zu kurzsichtig und alltagsphänomenologisch. 7 Deshalb sieht Roy Sellars Kants Transzendentalphilosophie auch als „Antagonisten einer rein natürlich Weltverfassung. […] Kants transzendentale Wendung zum phänomenalen Idealismus ( ) steht in Konflikt mit der Objektivität der materiellen Natur. […] Kants Verlassen des objektiven Realismus und seine Eröffnung eines eigenen noumenalen Reichs […] brachten eine deutliche antinaturalistische Wende mit sich“ 8 . Unabhängig davon, welcher Theorie man nun den Vorrang gibt, erübrigt es sich, den Kontrast beider Ideenschulen weiter zu zeichnen. Nach dem Großteil heutiger Forschung gilt Kant mit seinen Vorhersagen als gescheitert, was sich am eklatantesten in seinem Beweispfand (s. u.) der euklidischen Geometrie verdeutlicht. 9
Dennoch eröffnet ein Blick in die „biologiephilosophische“ Literaturgeschichte ein interessantes Unterfangen: in seinem Aufsatz „Kants Lehre vom Apriorischen im Lichte gegenwärtiger Biologie“ von 1941 10 versucht der Biologe Konrad Lorenz, die apriorischen Kategorien und Anschauungsformen als „phylogenetische Adaptionen“ 11 des Menschen an seine Umwelt zu identifizieren. Der Kognitionsapparat als im evolutionären Sinne historisch gewachsenes Instrumentarium ist der stetig konsistente, aber doch wandelbare Anpassungsprozess an eine aktive Umwelt. Das Argument dieser These ist der Programmatik und Argumentation der Evolutionären Erkenntnistheorie (siehe Einleitung) sehr nahe und lautet in etwa wie folgt 12 : die evolutiven Selektionsprozesse zwingen den Organismus (als systemischer Teil einer Population), sich phylogenetisch an die Minimalbedingungen der Lebenswelt anzupassen
6 Wobei die (Semi-)Riemannsche Mannigfaltigkeit, unabhängig von Kant, auch nur eine Eigenlösung der allgemeinen Bewegungsgleichungen der Materie darstellt, aus denen mathematisch die fundamentalen Elementarteilchen und ihre Eigenschaften hergeleitet werden können. (Vgl. Heisenberg 1959, S. 53 - 60).
7 Dagegen argumentiert Höffe (1983), S. 78ff. jedoch entschieden. Sein Fazit lautet, dass die Kritik der reinen Vernunft gegenüber einer Entscheidung zwischen euklidischer und nicht-euklidischer Geometrie „neutral“ (S. 81) bleibt. Grund hierfür ist die transzendentale Ebene der Kritik, die schwerlich vereinbar mit dem mathematischen Raum oder der physikalischen Geometrie ist. „Gegen Veränderungen der Mathematik oder Physik ist eine transzendentale Theorie invariant.“ (S. 83, meine Hervorhebungen).
8 Kanitscheider (2007), S. 69f.
9 Für eine weitere Auseinandersetzung mit der KrV und der Mathematik sowie modernen (nichtklassischen) Physik vgl. Heisenberg (1959), S. 71 - 79.
10 In einem größeren Kontext ist diese Thematik auch in seinem Buch „Die Rückseite des Spiegels“ (²1973, Piper Verlag, München) eingebettet.
11 Kanitscheider (1996), S. 25.
12 Für weitere, detaillierte Ausführungen vgl. Schnase (2005), S. 28 - 83.
Arbeit zitieren:
Adrian Schwarz, 2009, Ist eine Naturalisierung der Kantischen Anschauungsformen der Sinnlichkeit möglich?, München, GRIN Verlag GmbH
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