Gliederung
Einleitende Gedanken 3
1. Zur Geschichte der Erlebnispädagogik. 3
2. Was ist Erlebnispädagogik? 5
3. Körperbehinderung und ihre Auswirkungen 7
4. Behinderung und Erlebnispädagogik. 9
5. Erlebnispädagogik bei Kindern und Jugendlichen mit
K örperbehinderungen 11
6. Fazit 14
Literatur 15
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Einleitende Gedanken
Der Freiraum, den man braucht, um Dinge auszuprobieren, um etwas zu riskieren, um an seine Grenzen zu gehen, wird immer enger: Zum einen haben sich die ökologischen Rahmenbedingungen dahingehend geändert, dass es besonders in der Stadt, aber auch auf dem Land kaum noch natürliche Spielräume gibt. Viele Betätigungs- und Erlebnismöglichkeiten entfallen, die früher selbstverständlich waren. Weiterhin ersetzen heute Erfahrungen aus zweiter Hand die unmittelbaren Erlebnisse. Die Medien vermitteln Ersatzerlebnisse, die keine unmittelbare gefühlsmäßige Anteilname erlauben. Sie verleiten zu einer Konsumhaltung, in der man nur noch passiv aufnimmt, was jedoch das Grundbedürfnis nach echten Erlebnissen und Erfahrungen nicht befriedigen kann. Dazu kommt, dass schulische Erziehung und Bildung weitgehend durch intellektuelles Lernen bestimmt sind. Unmittelbares Tätigsein und authentische Erlebnisse kommen auch hier zu kurz (vgl. FATKE 1993, 38ff).
Auf diese und weitere Probleme will die Erlebnispädagogik eine Antwort geben. In dieser Arbeit soll untersucht werden, was ihre Ziele sind, wie sie diese erreicht und ob Erlebnispädagogik auch mit Kindern und Jugendlichen mit einer Körperbehinderung möglich ist - welche Herausforderungen sie verursacht, wie weit ihre Möglichkeiten gehen und welche Chancen sie bietet. Bevor geklärt wird, was Erlebnispädagogik eigentlich ist, sollen kurz ihre Ursprünge dargestellt werden.
1. Zur Geschichte der Erlebnispädagogik
Die „Grundmauern des Gedankengebäudes der Erlebnispädagogik“ liegen laut HECKMAIR und MICHL tief in der Vergangenheit, nämlich bei Jean-Jacques ROUSSEAU (1712-1778) (HECKMAIR/MICHL 2004, 22). Seine Forderung nach einem Recht auf die Lebensphase Kindheit, in der Erlebnis, Erfahrung und Abenteuer notwendige Lernprinzipien sind (ebd.), machen ihn zu einem Vordenker der Reformpädagogik und dessen, was man heute unter Erlebnispädagogik versteht. Viel später, nämlich gegen Ende des 19. Jahrhunderts, wurden ähnliche Ideen von den Reformpädagogen aufgegriffen, die die Erlebnisarmut der damals vorherrschenden Schulpraxis kritisierten. Nicht mehr Lebensfremdheit, Erfahrungen aus zweiter Hand, Zwang und autoritäre Strukturen sollten den Schulalltag bestimmen, sondern Selbsttätigkeit, praktische Tätigkeit, Gemeinschaft und das
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Erleben von Echtheit und Einfachheit, am liebsten in der Natur. „Der Begriff des Erlebens spielt in nahezu allen reformpädagogischen Bewegungen eine zentrale Rolle“ (HECKMAIR/MICHL 2004, 32). Durch das Einbinden von „Erlebnis“ in den Unterricht entstanden neue Unterrichtsformen wie z.B. Projektunterricht und neue Schulformen, wie z.B. die Arbeitsschulen und die Landerziehungsheime (vgl. FATKE 1993, 37).
Dem Wesen der heutigen Erlebnispädagogik noch näher kommt allerdings die Pädagogik Kurt HAHNs, der als Urvater der Erlebnispädagogik gilt (vgl. HECKMAIR/MICHL 2004, 16). Er nannte sein Erziehungsmodell „Erlebnistherapie“, da er davon ausging, dass die Gesellschaft an mehreren Verfallserscheinungen litt: dem Mangel an menschlicher Anteilnahme, dem Mangel an Sorgsamkeit, dem Verfall der körperlichen Tauglichkeit und dem Mangel an Initiative und Spontaneität. Um diesen Verfall zu bekämpfen, richtete er kurzzeitpädagogische Kurse ein, die den Namen „Outward Bound“ (= ein zum Auslaufen bereites Schiff; heute Name für alle Programme Hahnscher Prägung) trugen (vgl. HECKMAIR/MICHL 2004, 38f.). Die Elemente der Erlebnistherapie ähneln denen der Erlebnispädagogik:
• Körperliches Training: Leichtathletik, Natursportarten (Bergsteigen, Skilauf, Segeln usw.), Ballspiele
• Expeditionen: mehrtägige Touren mit Planungs- und Vorbereitungsphase, inklusive alltagspraktischer Tätigkeiten (Versorgen, Transportieren, Nachtlager vorbereiten…)
• Projekte: thematisch und zeitlich abgeschlossene Aktionen mit handwerklichtechnischen oder künstlerischen Anforderungen
• Dienste: wichtigstes Element; z.B. Erste Hilfe, Berg- und Seenotrettung, Küstenwache; damals noch nicht professionalisiert, daher praktische Bedeutung
Bei all diesen Elementen soll die Intensität der Erlebnisse möglichst hoch sein, um möglichst tiefe Einprägungen in das Bewusstsein zu erzielen. Die Erinnerungen daran sollen in späteren Bewährungsproben steuernd wirken (vgl.
HECKMAIR/MICHL 2004, 39f.) Dies kommt in vielen Aspekten der heutigen Erlebnispädagogik nahe. Der Missbrauch von Elementen der Erlebnispädagogik durch den
Nationalsozialismus soll hier übersprungen werden, da er ein eigenes Kapitel darstellt. Er ist allerdings der Grund, warum es nach dem 2. Weltkrieg „lange Zeit still
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um die Möglichkeiten handlungs- und erlebnisorientierten Erfahrungslernens in der Gemeinschaft aus Kindern und Jugendlichen“ blieb (FISCHER/LEHMANN 2009, 33). Erst ab Mitte der 60er Jahre wird wieder auf die Potenziale erlebnispädagogischer Maßnahmen verwiesen. In den 80er Jahren schließlich wird der Begriff der modernen Erlebnispädagogik geprägt und diese erziehungswissenschaftlich reflektiert. Bis heute wird versucht, den Begriff inhaltlich zu differenzieren; Die Erlebnispädagogik ist also von historischer Unabgeschlossenheit geprägt (vgl. ebd.). Wie Erlebnispädagogik heute definiert wird und was sie als solche auszeichnet, soll im nächsten Kapitel dargestellt werden.
2. Was ist Erlebnispädagogik?
Beschäftigt man sich mit der Literatur zum Thema Erlebnispädagogik, so wird schnell klar, dass es schwierig wird, in Kürze zu beschreiben, was Erlebnispädagogik ist. Zu vielfältig sind die Sichtweisen und Meinungen, die dieses Thema betreffen. Als Anhaltspunkt soll die Begriffsbestimmung von HECKMAIR und MICHL dienen:
„Erlebnispädagogik ist eine handlungsorientierte Methode und will durch exemplarische Lernprozesse, in denen junge Menschen vor physische, psychische und soziale Herausforderungen gestellt werden, diese in ihrer
Persönlichkeitsentwicklung fördern und sie dazu befähigen, ihre Lebenswelt verantwortlich zu gestalten“ (HECKMAIR/MICHL 2004, 102).
Die Erlebnispädagogik wird dabei „durchgängig als ganzheitlicher Erziehungsansatz verstanden“ (FISCHER/LEHMANN 2009, 99), das heißt, dass ihr Ziel sowohl die Selbst-, aber auch die Umweltveränderung ist; und zwar in allen Entwicklungsprozessen eines Individuums, in den emotionalen genauso wie in den körperlichen und geistigen (ebd., 143).
Mit dem Begriff eng verbunden ist die Definition, was eigentlich „Erleben“ beziehungsweise ein „Erlebnis“ ist. Nach SCHAD sind zwei Verständnisweisen zu unterscheiden. Zum einen kann man Erleben als ein herausgehobenes Erlebens-Ereignis sehen, das sich durch eine besondere Intensität, Nachhaltigkeit und Eigenart auszeichnet. Hier sind Erlebnisse also etwas Neues, Ungewohntes, nicht Alltägliches; Grenzerfahrungen (vgl. SCHAD 1996, 222). Andererseits kann man Erleben auch als grundlegender Qualität menschlicher Existenz verstehen. Der Mensch erlebt also immerzu, nur die Qualität der Erlebnisse ändert sich je nach
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Arbeit zitieren:
Max Jacobsen, 2010, Erlebnispädagogik bei Kindern und Jugendlichen mit Körperbehinderungen, München, GRIN Verlag GmbH
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