INHALTSVERZEICHNIS
I. Einleitung - 3 -
II. Geschlechtsunterschiede - 6 -
1. Biologischer Geschlechtsunterschied
2. Sozialer Geschlechtsunterschied - 7 -
III. Geschlechtsidentität und Geschlechterrolle - 9 -
1. Definition
2. Entstehung - 10 -
3. Bedeutung der Geschlechtsidentität für die Sozialisation - 13 -
4. Geschlechterrollen - 16 -
a) Erziehung
b) Gesellschaft - 19 -
c) Religion - 21 -
d) Medien
e) Andere Kulturen - 23 -
IV. Fazit - 25 -
V. Quellen - 27 -
2
I. Einleitung
Alles beginnt mit dem Satz der Hebamme: „Es ist ein Junge!“ Für die Eltern ist das Geschlecht vermutlich zweitrangig - und sie wissen was auf sie zukommt. Doch der Kleine möchte irgendwann schon wissen, woran er nun ist: Wodurch wird einem Kind bewußt, daß es Mädchen oder Junge ist und was verbindet es damit? Die Frage, ob es mit äußerlichen Umständen, wie Kultur, Erziehung, Medien oder dem Beisammensein mit anderen Kindern zusammenhängt oder innerliche Prozesse eine Rolle spielen, darauf wollen wir eine Antwort geben. Auch beschäftigen wir uns mit der Frage, woher diese geschlechtsspezifischen Unterschiede herrühren, die mit dem Alter - also der Heranreifung zu Mann oder Frau - offenbar werden. Wieso werden aus anfangs gleichgestellten Kleinkindern sich förmlich anfeindende, miteinander konkurrierende Frauen und Männer? „Kein anderes menschliches Merkmal hat so grundsätzliche Auswirkungen auf die Sozialisation wie die Geschlechtszugehörigkeit.“ 1 Die Erziehung spielt sicher die größte Rolle. Man kann davon ausgehen, daß die Eltern oder Kindergartenbetreuer das Kind, subjektiv nach Geschlecht - bewußt oder unbewußt - großziehen. Bestes Beispiel: Einem weinenden Jungen wird gesagt: „Richtige Männer heulen nicht!“ oder: „Und Du willst ein Mann sein?“ Genausowenig werden einem Jungen Puppen zum Spielen gereicht. Einem Mädchen wird immer gepredigt, sich damenhaft zu benehmen, also auf Sauberkeit zu achten und Zurückhaltung zu üben.
Dem Kind wird also durch Verhaltensweisen der Bezugspersonen ein typisch männliches bzw. weibliches Gebaren anerzogen oder es imitiert diese. Die täglichen Wechselbeziehungen von Kind und Eltern - getragen von Ge- und Verboten sowie Imitation - sozialer Umwelt und Massenmedien sind „nach Erkenntnissen soziologischer und psychologischer Forschungen der wichtigste Mechanismus zur Einübung der Geschlechterrolle.“ 2 So merkt ein Kind schon frühzeitig, daß es da einen Unterschied gibt zwischen den Menschen. Am besten läßt sich das wohl an den Genitalien festmachen. Beispielsweise beim gegenseitigen „Erforschen“, mit und bei anderen Kindern oder Geschwistern, wird es dem Kind offensichtlich, daß es zwei Geschlechter gibt. Doch dauert es eine zeitlang, bis diese Erkenntnis zu Tage tritt. So ist es für einen Jungen erst einmal selbstverständlich, das gleiche Genital auch bei anderen Personen vorauszusetzen.
1 Rolff, Hans-Günter & Zimmermann, Peter. „Kindheit im Wandel“. Weinheim, Basel: Beltz Verlag, 5. Aufl., 1997, S. 42.
2 Orth-Peine, Hannelore. „Identitätsbildung im sozialgeschlechtlichen Wandel“. Frankfurt/Main, New York: Campus Verlag, 1990, S. 67.
3
„Diese Überzeugung wird vom Knaben energisch festgehalten, gegen die sich bald ergebenden Widersprüche der Beobachtung hartnäckig verteidigt und erst nach schweren inneren Kämpfen (Kastrationskomplex) aufgegeben.“ 3 Jungen glauben, dem Mädchen „fehle etwas“. Wohingegen kleine Mädchen „das anders gestaltete Genitale des Knaben“ anerkennen und einem Penisneid unterliegen, der bis in den Wunsch gipfelt, auch ein Junge zu sein. 4 Die eigentliche Rolle und Bedeutung des eigenen Geschlechts, kann das Kind nur „innerhalb der elterlichen Beziehungen und in der Wirkung auf die übrige außerfamiliale Welt“ erfahren. 5
Die Eltern sind auch das erste Modell, „an dem das Kind die Wahrnehmung der geschlechtsspezifischen Rollen beobachten kann.“ Das diesbezügliche Verhalten und die Denkweise von Vater und Mutter untereinander oder in Bezug auf den Nachwuchs hinterlassen einen „gravierenden Eindruck in der sich formenden Psyche des Kindes.“ Nehmen wir zum Beispiel die mögliche Unterordnung der Frau unter ihren Mann, wie es weit über das 19. Jahrhundert üblich war und heute vereinzelt noch ist. 6
Später sind die Unterschiede dann noch offensichtlicher. In der DDR etwa, wurde sehr viel Wert auf Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann gelegt. Jedoch im Alltag sah es ganz anders aus. So wurde im Kindergarten zum Beispiel nur den Mädchen aufgetragen, den Tisch nach einer Mahlzeit abzuwischen.
Die Kinder bekamen so früh mit, daß Hausarbeit Frauensache ist und verhielten sich dementsprechend. „Die Kinder zeigten, was sie kannten und was sie tagtäglich erlebten.“ Auch in ihren Berufswünschen wurden die Sprößlinge manipuliert. Berufe waren geschlechtsspezifisch zugeordnet, was auch die Kinder wußten - demnach wollten Mädchen, um ein Beispiel zu nennen, am liebsten Krankenschwester und Jungen Polizisten werden. „Als einigen nicht sofort ein Berufswunsch einfiel, machte die Erzieherin einen „passenden“ Vorschlag.“ So wurden die Kinder schon frühzeitig in für das Geschlecht typische Arbeitsbereiche vorbereitet, da es in der DDR, je nach Geschlecht, klare Berufseinteilungen gab - wenn auch nicht offiziell. 7 8
Doch auch durch Medien werden Kinder manipuliert, indem typisch weibliche oder männliche Eigenschaften transportiert werden - ganz früh durch Bilderbücher, später dann durch
3 Freud, Sigmund. „Die infantile Sexualforschung“, in: „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ (1905), aus: „Psychoanalyse“. Hg.: Achim Thom. 3. Aufl. Leipzig: Philipp Reclam jun., 1984, S. 181.
4 Freud, Sigmund. a.a.O., S. 182.
5 Schmauch, Ulrike. „Kindheit und Geschlecht. Anatomie und Schicksal. Zur Psychoanalyse der frühen Geschlechtersozialisation“. Frankfurt/Main: Stroemfeld/Nexus, 1993, S. 7 f.
6 vgl. Orth-Peine, Hannelore. S. 66.
7 Schwarz, Gislinde. „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht...“ - Mütter und Berufskarrieren, aus: „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht...“ Zur Geschichte des Kindergartens in der DDR“. Hg.: Müller-Rieger, Monika. Dresden: Deutsches Hygiene-Museum und Argon Verlag, 1997, S. 63 f.
4
Fernsehen etc. Die Kinder übernehmen dann instinktiv die „vorgeschriebenen“ Vorstellungen vom Frau- bzw. Mannsein. 9 So werden Frauen als emotionale Sorgende und Männer als kompetente Versorger dargestellt, um nur ein Beispiel zu nennen. 10 In dieser Arbeit wollen wir kurz auf die Unterscheidung von biologischem und sozialem Geschlecht eingehen und im Hauptteil die Geschlechtsidentität und die Bedeutung der Geschlechtszugehörigkeit in der Gesellschaft von allen Seiten beleuchten, wobei das Hauptaugenmerk auf der kindlichen Findung und Erfahrung zu dieser liegt. Zum Schluß folgt ein persönliches Resümee.
9 Keuneke, Susanne. „Geschlechtserwerb und Medienrezeption. Zur Rolle von Bilderbüchern im Prozeß der frühen Geschlechtersozialisation“. Opladen: Leske + Budrich, 2000, S. 17.
10 vgl. Keuneke, Susanne. S. 25.
5
Geschlechtsunterschiede II.
Das es in der westlichen Kultur zwei anerkannte Geschlechter gibt - männlich und weiblichist jedem von uns seit frühester Kindheit bewußt. 11
Jedoch ist es nicht jedem Menschen offensichtlich, daß wir uns nicht nur rein biologisch von-einander unterscheiden, sondern auch sozial unsere mehr oder minder festen geschlechtsbestimmten Rollen einnehmen. Auf das Erlernen und die Bedeutung dieser Geschlechterrollen soll hier jedoch noch nicht eingegangen werden.
Als Erstes gilt es, die Grundlage jeglicher Geschlechtsunterschiede in biologischer sowie sozialer Hinsicht herzustellen.
1. Biologische Geschlechtsunterscheidung
Die Geschlechtszugehörigkeit entscheidet sich bei der Befruchtung der weiblichen Eizelle durch den männlichen Samen. Die Samenzelle ist der eigentliche Träger des Geschlechtschromosoms (Heterosom). Durch die Konfiguration des Heterosoms der Eizelle (X) mit dem des Samens (X oder Y) entscheidet sich, ob das entstehende Leben weiblich (XX) oder männlich (XY) wird. Diese grundlegende Unterscheidung wird als chromosomales Geschlecht bezeichnet und bestimmt den weiteren Verlauf der geschlechtlichen Entwicklung. Ab der sechsten Woche entstehen beim Menschen die Gonaden (Keimzellen), also die Hoden beim Mann und Eierstöcke bei der Frau. In den Gonaden werden Geschlechtshormone (Testosteron und Östrogen) gebildet, welche Einfluß auf das Wachstum der inneren und äußeren Geschlechtsorgane haben sowie einige Funktionen des zentralen Nervensystems in männlich oder weiblich differenziert (Zerebrale Entwicklung). 12
So gibt es beispielsweise in einem Gebiet des Gehirns einen Zweig, der bei Männern im Vergleich zu Frauen deutlich größer ist und besonders stark auf Hormoneinwirkung anspricht. Diese Unterschiede sind vermutlich die Ursache für unterschiedliches Verhalten. Frauen haben dafür mehr Informationsaustausch zwischen den Gehirnhälften und können sich besser mit mehreren Dingen gleichzeitig beschäftigen. 13
11 in anderen Kulturen finden sich oftmals verschiedene Geschlechtskategorien - vgl. Kapitel III., 4., e)
12 Beispielsweise bestimmt das zentrale Nervensystem die zyklische/azyklische Produktion von Östrogen bei Frau und Mann.
13 Bongard, Nicole S. „Wie groß ist der ‚kleine Unterschied’?“. 2002. Abrufdatum: 10.10.2002. URL: http://idw-online.de/public/zeige_pm.html?pmid=53950.
6
Arbeit zitieren:
Ricardo Westphal, J.-Ch. Busker, 2003, Geschlechtsspezifische Sozialisation - Geschlechtsidentitätsfindung bei Kindern, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Aggression und Gewalt bei Mädchen und jungen Frauen
Pädagogik - Pädagogische Soziologie
Hausarbeit, 31 Seiten
Die Familie und die Gleichberechtigung der Geschlechter
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Forschungsarbeit, 26 Seiten
Funktionen von Familie in einer sich wandelnden Gesellschaft
Pädagogik - Pädagogische Soziologie
Referat (Ausarbeitung), 14 Seiten
Neue Herausforderungen in Gesellschaft und Politik - Das Verhältnis vo...
Examensarbeit, 107 Seiten
Das Lehrbuch im Englischunterricht
Englisch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Kinderlose Paare als Familie der Zukunft? Die Schwierigkeiten, Familie...
Pädagogik - Erwachsenenbildung
Diplomarbeit, 106 Seiten
Familienformen und die Rolle des Vaters im Vergleich: Ganzes Haus und ...
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Hausarbeit, 15 Seiten
Geschlechterdifferente Sozialisation im Kleinkindalter
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Studienarbeit, 25 Seiten
Ursprung und Problematiken der Geschlechtersozialisation
Pädagogik - Pädagogische Soziologie
Hausarbeit, 26 Seiten
Privatschulen heute - Erziehungsziele und soziale Wirklichkeit
Pädagogik - Pädagogische Soziologie
Hausarbeit, 21 Seiten
„Spielbubis“ und „Eingebildete Weiber“ - Geschlechtsspezifische Sozial...
Pädagogik - Pädagogische Soziologie
Hausarbeit, 17 Seiten
Geschlechtstypische Sozialisation im Säuglings-, Kleinkind- und Vorsch...
Pädagogik - Pädagogische Soziologie
Seminararbeit, 23 Seiten
Die Funktion der Maggie Pollitt in Tennessee Williams Cat on a Hot Tin...
Hausarbeit, 11 Seiten
Doing Gender als Ergebnis der geschlechtsspezifischen Sozialisation
Pädagogik - Pädagogische Soziologie
Hausarbeit (Hauptseminar), 15 Seiten
Die (veränderte) Rolle der Frau - im Spannungsfeld zwischen Familienin...
Pädagogik - Pädagogische Soziologie
Diplomarbeit, 103 Seiten
Gewalt in Stanley Kubricks "A Clockwork Orange"
Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen
Seminararbeit, 17 Seiten
Ricardo Westphal's Text Geschlechtsspezifische Sozialisation - Geschlechtsidentitätsfindung bei Kindern ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Ricardo Westphal hat den Text Geschlechtsspezifische Sozialisation - Geschlechtsidentitätsfindung bei Kindern veröffentlicht
Ricardo Westphal hat einen neuen Text hochgeladen
Bastelspaß für Mädchen und Jungen
Mädchen, Jungen und ihre Medienkompetenzen
Aktuelle Diskurse und Praxisbe...
Petra Josting, Heidrun Hoppe
Evaluation der Wirksamkeit präventiver Arbeit gegen sexuellen Missbrau...
Expertise
Heinz Kindler
Wenn Kinder anders fühlen - Identität im anderen Geschlecht
Ein Ratgeber für Eltern
Stephanie Brill, Rachel Pepper, Friedrich W. Kron, Raimund J. Fender
Wenn sich Mädchen und Jungen Gott und die Welt ausmalen ...
Feinanalysen filmisch dokument...
Manuela Wiedmaier
Wie werden aus Jungs richtige Männer
und wer ist dafür zuständig?
Mathias Wais, Claudia Grah-Wittich, Ulrich Meier
0 Kommentare