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5. Das Verhältnis zwischen Nationalität und Multikulturalität
5.1. Zusammenfassung
5.2. Ausblick
1. Die Globalisierung der Welt
Die Welt wächst zusammen. Aufgrund globaler Probleme, die von den Regierungen der Einzelstaaten alleine nicht mehr gelöst werden können, gibt es Bestrebungen, den National- staat durch internationaler bzw. supranationaler Organisationen zu ersetzen. Der National- staat, wie er im 19.und frühen 20. Jahrhundert propagiert wurde, verliert immer mehr an Souveränität. Inter- bzw. supranationale Organisationen erhalten mehr Befugnisse, wo- durch die finanziellen Ressourcen sowie die politische Macht des Nationalstaates langsam schwindet. Aber wo bleibt der Bürger innerhalb dieser Globalisierung? Der Bürger, der sich immer mit dem Nationalstaat, indem er lebte, identifiziert hatte und sich mehr als „Deut- scher“, „Franzose“ oder „Italiener“ anstatt als „Europäer“ identifizierte, muß sich in der heutigen Zeit und insbesondere in der Zukunft umorientieren. In Europa ist diese Entwick- lung gerade in den letzten Jahren besonders gut zu beobachten. Europa wächst immer mehr zusammen. Die Europäische Union, die jetzt mit der Einführung einer einheitlichen Währung die Souveränität des Staates weiter einschränkt und eine multikulturelle Gesell- schaft noch weiter fördert, hebt die staatlichen Barrieren in Europa Zug um Zug auf. Während Europa und die Welt durch wirtschaftliche Zusammenarbeit und durch die Lö- sung globaler Probleme auf staatlicher Ebene immer mehr zusammenwächst, ist die da- durch resultierende multikulturelle Gesellschaft, d.h. eine Gesellschaft, in der Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft friedlich und gleichberechtigt Zusammenleben, di- versen Spannungen ausgesetzt. Gruppierungen, die eine ethnisch homogene Gesellschaft propagieren, haben einen enormen Zulauf und erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Rechtsextreme Organisationen sind das Auffangbecken für Menschen, die oftmals auf- grund von Furcht und Angst eine Gefahr in der multikulturellen Gesellschaft sehen. Eine kulturelle Heterogenität wird von vielen Menschen als problematischer Tatbestand gewer- tet. Viele Menschen reagieren auf diese Befremdung mit Ausländer- bzw. Fremdenfeind- lichkeit. Befürworter einer multikulturellen Gesellschaft argumentieren mit einer kulturellen Bereicherung des Lebens durch die Vielzahl der Einflüsse.
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Fremdenfeindliche Anschläge in Hoyerswerda, Hünxe oder Mölln waren extreme Beispiele für eine exzessive Ausländerfeindlichkeit innerhalb rechtsextremer Gruppen. Ausländer- feindlichkeit ist für rechtextreme Gruppierungen ein wesentlicher Eckpfeiler ihrer Ideologie. Deswegen kann und darf der Rechtextremismus in einer Arbeit über „Ausländerfeindlich- keit“ nicht fehlen. Doch die Anschläge in Hünxe oder Mölln waren keine Einzelfälle. Aus- länderfeindlichkeit ist ein permanenter Tatbestand in unserer Gesellschaft, während Europa immer mehr zusammenwächst. Welches Verhältnis besteht zwischen der Zunahme der Fremdenfeindlichkeit und der fortschreitenden Multikulturalität der Gesellschaft? In wie- weit ist Multikulturalität der Grund dafür ? Und welche Möglichkeit gibt es, diesen Ent- wicklungen entgegenzuwirken?
In dieser Arbeit werden die verschiedenen Ursachen der Ausländerfeindlichkeit und die Entstehung des Rechtsextremismus erläutert. Die Möglichkeiten zur Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus sollen anschließend behandelt werden. Die Möglichkeit und das Problem der „Integration“ bekommt hierbei einen besonderen Stel- lenwert zugeschrieben.
2. Ursachen der Ausländerfeindlichkeit
2.1. Einführung in die Problemstellung
2.1.1 Was ist ein Ausländer?
Als Ausländer gelten die Personen, die in einem Land eine andere Staatsangehörigkeit besitzen. In Deutschland ist der Ausländer, wer nicht Deutscher im Sinne des Arti- kels 16 I Grundgesetz ist. Flüchtlinge oder Vertriebene deutscher Volkszugehörigkeit, die im Gebiet des Deutschen Reiches nach dem Stand vom 31. Dezember 1937 in Deutsch- land aufgenommen wurden, sind demnach keine Ausländer, sondern so genannte Status- deutsche. Ein Anspruch auf staatliche Dienste wie Sozialhilfe sowie die Hilfe zur Pflege und andere Leistungen bestehen aber auch für Ausländer.
Ausländer aus der Europäischen Union, Asylberechtigte und anerkannte Flüchtlinge im Sinne der Genfer Konventionen genießen eine privilegierte Rechtsstellung, die im Asyl-
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verfahrensgesetz bzw. dem Aufenthaltsgesetz der Europäischen Union geregelt ist. Die Rechtsstellung von Ausländern ist im Ausländergesetz vom 8. Juli 1990 festgelegt.
Ein Ausländer, der sich im Inland niedergelassen hat, kann unter bestimmten Vorausset- zungen auf seinen Antrag hin eingebürgert werden. Erleichterungen gelten für die auslän- dischen Ehegatten deutscher Staatsangehöriger.
2.1.1. Ausländer bzw. Fremdenfeindlichkeit als gesellschaftliches Problem
Ausländerfeindlichkeit ist ein Problem in jedem Land. Die Aggressionen werden in einigen Ländern sogar von den jeweiligen Behörden und Regierungen unterstützt. In anderen Län- dern ist die Gewalt gegen Ausländer eher gering, was aber nicht heißen mag, daß in diesen Ländern nicht unterschwellig eine Abneigung gegen Ausländer besteht. Die Gruppe von Menschen, die offen gegen Ausländer angehen, ist eher gering zu der Menge, die still- schweigend die Fremden in ihrem Land ablehnen.
In Deutschland wird Ausländerfeindlichkeit als eine Bedrohung betrachtet, die beseitigt werden muß. Gerade wegen der kaltblütigen Vernichtung und Diskriminierung der Auslän- der im dritten Reich ist Fremdenfeindlichkeit in Deutschland ein hochsensibles Thema. Was jedoch unter „Ausländerfeindlichkeit“ zu verstehen ist, hat mit dem Genozid in der nationalsozialistischen Zeit nichts zu tun. Andererseits ist „Ausländerfeindlichkeit“ aber nicht nur ein Unbehagen, was man gegenüber Ausländern verspürt. Als „feindlich“ be- zeichnet man einen Tatbestand, der zu einer abwehrenden Haltung führt und durch eine Bedrohung zustande kommt. Das beinhaltet auch eine aggressive Handlung, um dieser Be- drohung zu begegnen. Diese „feindselige“ Haltung richtet sich auf „Ausländer“, d.h. Nichtdeutsche, die eine andersartige Kultur und andere Traditionen pflegen und daher „fremd“ erscheinen. Gegenüber anderen Kulturangehörigen gibt es generalisierte Vorstel- lungen und mitunter auch generalisierte Aggressionen. Das fängt an mit verbalen Attacken und geht bis zu vorsätzlichen Gewaltakten gegen Ausländer.
Diese Haltung gegen Menschen aus anderen Kulturkreisen hat sich erst in den letzten bei- den Jahrzehnten verstärkt. In den 60er Jahren wurden die Gastarbeiter freudig begrüßt. Ausländer wurden als Arbeitskräfte gebraucht. Als die Arbeitskraft der Ausländer jedoch nicht mehr gebraucht wurde, änderte sich das Verhältnis zwischen Deutsche und Auslän- der schlagartig. Anzeichen für eine Verschlechterung des Verhältnisses von Deutschen und Ausländern zeigte sich darin, daß die Gewalt gegen Ausländer ihren Ausnahmecharakter
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verlor. Desweiteren erfolgte die Diskriminierung zum Teil öffentlich und umfaßte alle Le- bensbereiche. Außerdem trat verstärkt eine organisierte Ausländerfeindlichkeit auf, die ihre Legitimität aus dem Willen der schweigenden Mehrheit ableitete.
2.2. Erklärungsversuche
2.2.1. Ethnozentrismus und die Bedeutung der Ausländerzahl
Ethnozentrismus ist ein soziologischer Begriff, der eine Einstellung oder Lehre bezeichnet, in der die eigene Gruppe, Gemeinschaft oder Rasse, als überlegen gewertet wird. Die eigene Sozialstruktur und Kultur wird als Maßstab an andere Gruppen angelegt und für allgemein- gültig gehalten. Die Wertvorstellungen dienen somit als Bezugssystem für die Beurteilung von Fremdgruppen. Dadurch entstehen negative Vorurteile sowie eine Distanzierung und Ablehnung der anderen Gruppen. Das eigene Volk wird als Mittelpunkt gesehen. Die steigende Ausländerzahl führt dazu, daß nicht mehr das eigene Volk im Mittelpunkt steht. Aufgrund der multikulturellen Begebenheiten sind andere Völker ebenfalls in den Mittelpunkt gerückt, d.h. man wird täglich mit ihnen konfrontiert. Es gibt Erklärungsversu- che, daß Ausländerfeindlichkeit zunimmt, je mehr Ausländer in einem Land leben. Auch Politiker vertreten diese Auffassung. In der FAZ vom 28.10.1981 heißt es nach einer Hoch- rechnung der aktuellen Ausländerzahlen: „Mit einer derartigen Entwicklung könnte die Schwelle erreicht werden, ab der das Unbehagen beträchtlicher Teile der deutschen Bevöl- kerung in offene Abwehrhaltung umschlägt. Die Folgen wären soziale und politische Span- nungen, die den gesellschaftlichen Frieden in der Bundesrepublik gefährden würden.“ 1 Der erste Ausländerbeauftragte Heinz Kühn äußerte sich im Interview, „wenn der Prozent- satz von Ausländern in einer Gemeinde 12 bis 15 % übersteigt, drohe das latente Unlustge- fühl der Bevölkerung gegenüber Fremden in ein brisantes Feindschaftsgefühl umzustür- zen.“ 2 Es gibt keine wissenschaftliche Beweise für eine derartige Vermutung, auch wenn in rechtsradikalen Publikationen pseudowissenschaftliche Untersuchungen dies belegen wol- len.
1 Zitiert nach Georgios Tsiakalos, Ausländerfeindlichkeit : Tatsachen und Erklärungsversuche, München 1983,
S. 27
2 Zitiert nach Tsiakalos 1983, S. 28
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Wahrscheinlicher ist, daß mit der Zunahme der Ausländer in Deutschland auch die Kon- frontation mit Ausländern zunimmt. Daß verstärkt die „Fremdheit“ gegenüber den Auslän- dern. Man wird öfter mit fremdartigen Sitten konfrontiert, da die Distanz zu den Auslän- dern durch die große Anzahl der Ausländer schwindet. 3
2.2.2. Xenophobie
Es gibt auch biologische Erklärungsversuche, die Ausländerfeindlichkeit als eine „Reiz- Reaktion-Handlung“ zu verstehen. Das heißt, Menschen reagieren instinktiv auf verschie- dene, andersartige Merkmale von Ausländern. „Xenophobie“ heißt also nichts anderes als die angeborene Bereitschaft, Fremden mit Ablehnung zu begegnen. Bei Kleinkindern ist eine Fremdenfurcht erkennbar. Außenseitern und Fremden wird zuerst Mißtrauen und Ab- lehnung entgegen gebracht. Erst wenn man sich mit jemanden vertraut gemacht hat, schwindet dieses Mißtrauen und wird abgebaut. Auch aus der Tierwelt kann man aus Beo- bachtungen schließen, daß „fremde“ Arten ausgegrenzt und mit aggressiven Verhalten be- gegnet wird. „Gruppenfremde“ werden nicht akzeptiert.
Ein möglicher Grund für diese Verhaltensweise garantiert das Überleben. Sowohl die frü- hen Menschen wie auch die Tiere besitzen diesen Schutzmechanismus, weil die Absichten und Verhaltensweisen von „Fremden“ nicht einsichtig sind. 4 Universell ist Fremdenfurcht bei Kleinkindern jedoch nicht als Ablehnung zu verstehen, sondern sie versteht sich als Motor zur Erkundungsbereitschaft. Angst tritt bei fehlender Fluchtmöglichkeit auf und bereitet den Körper auf ein Abwehrverhalten vor. Die Furcht jedoch führt zu einem Erkun- dungsverhalten. Bei schwacher Furcht wird exploratives Verhalten verstärkt, bei starker Furcht gehemmt. Die unbegrenzte Explorationsbereitschaft des Kindes wurde durch eine „starke Furcht“ gehemmt. Die Furcht vor Fremden wird jedoch schon bald zur Neugier, wenn der Fremde nicht selbst noch mehr Furcht durch ein gefährliches Verhalten erzeugt. Das „Fremdeln“ des Kindes wird durch die Beobachtung zu einem freundlichen Verhal- ten. 5
3 vgl. dagegen Barley, Grundzüge und Probleme der Soziologie, Neuwied und Berlin 1966. Barley meint, Fremdheit würde nicht immer Mißtrauen auslösen, sondern auch eine gewisse positive Anziehungskraft aus- üben.
4 Die Scheu gegenüber Fremden wird beispielsweise von Müttern gewünscht ggf. verstärkt. Um die Kinder vor Gewalt- oder Sexualverbrechen zu schützen, sollen Kinder grundsätzlich keinen Kontakt zu Fremden aufbau- en.
5 Tsiakalos 1983, S. 34-39
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Eine latente Scheu und Ablehnung gegenüber Fremden ist also nicht auf instinktiven Ver- halten zurückzuführen. Die Furcht vor Fremden ist eher ein Mittel, die Neugier auf das „Fremde“ etwas zu zügeln und somit Gefahren vorzubeugen.
2.2.3. Soziale Ungleichheit
Erving Goffman geht davon aus, daß die Gesellschaft die Mittel zur Kategorisierung von Personen schafft. Die sozialen Einrichtungen etablieren die Personenkategorien. Der erste Anblick befähigt den Menschen, aufgrund seiner Kategorie und seinen Eigenschaften eine „soziale Identität“ 6 zu antizipieren. Goffman spricht von phylogenetischen Stigmata wie Rasse, Nation und Religion, die dazu führen, eine virtuale soziale Identität zu erzeugen, die sich aufgrund normativer Erwartungen und dadurch gestellten Anforderungen begründet. Diese virtuale Identität stimmt nicht mit seiner tatsächlichen, aktualen sozialen Identität überein. Somit wird die mit dem Stigma behaftete Person nicht zu den Normalen gerech- net, sondern zu den Diskreditierbaren und abgelehnt bzw. mißachtet. 7 Soziale Ungleichheit ist ein Faktum unserer Gesellschaft. In den zurückliegenden Jahren ist jedoch der Abstand zwischen den Armen und Reichen noch größer geworden. Dem An- fang 1994 vorgelegten Armutsbericht der DGB und des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zufolge lebten 10,1 % der Bundesbürger in Einkommensarmut. 8 Die ethnische Unterschich- tung der Gesellschaft ist objektiv meßbar bei hier lebenden Arbeitsmigranten. Ehemalige Gastarbeiter wie Italiener, Türken etc. sind überdurchschnittlich häufiger von Armut betrof- fen. 9 Durch zahlreiche Ausländervereinigungen und –beiräten werden die benachteiligten Gruppen vertreten und soziale Gerechtigkeit gefordert. Dadurch werden die ohnehin für die Armen knappen Güter nochmals aufgeteilt. Die „Parole >Deutsche zuerst< apelliert an den als >natürlich< und >gerecht< empfundenen Verteilungsmechanismus und weist jene in die Schranken, die sich unrechtmäßig bereichern.“ 10 Die Ausländer stellen somit für die Armen eine Konkurrenz da und gelten schließlich auch als „Sündenbock“ für die ange- spannte wirtschaftliche Situation.
6 vgl. Erving Goffmann, Stigma – Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität, Frankfurt 1975, S.
10.
7 Ebenda, S. 10-13
8 vgl. Walter Hanesch, Armut in Deutschland, Reinbeck 1994
9 Ebenda
10 vgl. Hans-Gerd Jaschke, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, Opladen 1994, S. 104
Quote paper:
Mike Offermanns, 1998, Zwischen Nationalität und Multikulturalität, Munich, GRIN Publishing GmbH
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