Humboldt - Universität zu Berlin Philosophische Fakultät II Institut für deutsche Literatur und Sprache Wintersemester 1999 / 2000 Grundkurs C: Traditionelles und modernes Erzählen
„NUR GEWÖHNT MAN SICH SPRACHLICH UNGERN
UM UND IST DIE LITTERATUR KONSERVATIVER
ALS IRGENDWO ANDERS.“
Zur Überwindung konventioneller Literatursprache in Carl Einsteins „Bebuquin“
Astrid Lukas
0. GLIEDERUNG
1. Einleitung 2
2. Überwindung traditioneller Erzählmuster 4
2.1 explizite Distanzierung 5
2.2 implizite Distanzierung 7
3. Bruch mit sprachlichen Konventionen 12
3.1 Auflösung grammatischer Normen 14
3.2 Auflösung semantischer Konsistenz 15
4. Zusammenfassung 17
5. Verwendete Literatur 18
1
1. EINLEITUNG
Seit den achtziger Jahren ist Carl Einsteins Roman „Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders“ immer wieder Gegenstand
literaturwissenschaftlicher Arbeiten gewesen. Im Mittelpunkt standen meist ein gattungstheoretisches Interesse und entsprechende Versuche, dieses Werk literaturhistorisch einzuordnen. Die unterschiedlichen Untersuchungen kamen nicht zuletzt aufgrund der Komplexität und der viel zitierten „Hermetik“ des Textes zu unterschiedlichen, teilweise gegensätzlichen Ergebnissen. 1 Ein weiterer Bestimmungsversuch, ob es sich bei dem Roman überhaupt um einen solchen handelt und welcher literarischen oder kunsthistorischen Strömung er zuzuordnen sei, soll mit diesem Ansatz nicht vorgenommen werden. 2
Ziel dieser Arbeit ist es, das Verhältnis zwischen Einsteins Sprachgebrauch und seiner Ablehnung gegenüber konventionellen Erzählformen genauer zu beschreiben. Dabei soll versucht werden zu zeigen, daß sich Einstein zwar von der Erzähltradition distanziert, diese jedoch nicht gänzlich überwindet, sondern einen ironischen Standpunkt zu ihr bezieht. Dieser äußert sich im Roman „Bebuquin“ vor allem durch einen eigenwilligen Umgang mit Sprache, denn - so meine These - Einstein geht es weniger um den Entwurf eines völlig neuartigen Erzählkonzepts im Sinne gattungstheoretischer Überlegungen, als vielmehr um eine „Umbildung der Sprache“ 3 , welche ihrerseits Veränderungen im Erzählverhalten impliziert.
Ausgehend von dieser These versuche ich im ersten Teil der Arbeit zu erörtern, in wieweit Einstein traditionelle Erzählmuster zu überwinden sucht. Dabei unterscheide ich zwischen expliziter und impliziter Distanzierung.
1 Im Allgemeinen wurde Einstein als Vertreter der literarischen Moderne, i.d.R. des Frühexpressionismus bezeichnet. (Siehe dazu Heidemarie Oehm) Neuere Arbeiten bemühen sich zu differenzieren. Antje Quast beispielsweise betrachtet „Bebuquin“ unter dem Gesichtspunkt der kubistischen Kunsttheorie. Winfried Ihrig betont hingegen die Nähe zum Symbolismus, mit welchem der Text zwar bricht, der aber dennoch als dessen Voraussetzung anerkannt wird.
2 Ich gehe daher auch nicht näher auf die Frage ein, ob man den Roman der absoluten Prosa zuordnen sollte oder nicht.
3 wörtlich „Umbildung des sprachlichen Äquivalents“. Carl Einstein: Brief an Daniel Henry Kahnweiler (Pariser Nachlaß), zitiert nach Sybille Penkert: Beiträge zu einer Monographie (S.139). Dem gleichen Brief entstammt auch das als Thema gewählte Zitat (S.144).
2
Mit „expliziter Distanzierung“ meine ich die schon bei einmaligem Lesen offensichtliche Auseinandersetzung mit ästhetischen und philosophischen Fragen seiner Zeit mittels ironischer Kommentare des Erzählers auf der einen und Äußerungen der Figuren als Repräsentanten jener ästhetischen und philosophischen Positionen auf der anderen Seite. 4 „Implizite Distanzierung“ meint in diesem Zusammenhang ein subtileres Verfahren, den Bruch mit Konventionen auf eher formaler Ebene, d.h. im Umgang mit Handlung, Raum und Zeit, Figurenzeichnung und Erzählhaltung.
Im zweiten Teil steht dann „das Zäheste [...] die Sprache“ 5 bzw. die „Umbildung“ derselben im Mittelpunkt der Untersuchung. Auf die für Einstein typische Absage an grammatisch- orthographische Normen und andere formale Aspekte von Sprache kann am Beispiel des „Bebuquin“ nur peripher eingegangen werden. 6 Ausführlicher, wenn sicher auch nicht umfassend, werde ich daher auf die Semantik eingehen, die sich durch eine gewisse Inkonsistenz auszeichnet und damit charakteristisch für den Einsteinschen Sprachgebrauch ist. 7
4 Auf das Problem einer klaren Unterscheidung zwischen Erzähler und Protagonisten und damit einer eindeutigen Zuweisung der Sprechakte wird unter 2.2 näher einzugehen sein.
5 Carl Einstein: Brief an Daniel Henry Kahnweiler (S.141)
6 Das geschieht aus eher praktischen Gründen, da der Roman zum einen von Einstein selbst für die Druckfassung 1912 bis zu einem gewissen Grad geglättet wurde, zum anderen aber eine Interpretation der Eingriffe der Herausgeber in der zugrunde liegenden Textfassung in diesem Rahmen nicht möglich ist.
7 Überschneidungen und Wiederholungen einzelner Teilaspekte sind der Komplexität des untersuchten Gegenstandes geschuldet und ließen sich bei der Verfahrensweise der Arbeit zum Teil nicht vermeiden, zumal sich Erzähl- und Sprachebene einander notwendig bedingen.
3
2. „ÜBERWINDUNG“ TRADITIONELLER ERZÄHLMUSTER
Als Verfechter einer autonomen Kunst 8 lehnt Einstein jedes mimetische Konzept von Literatur ab. Ihm geht es nicht um bloße Abbildung der Wirklichkeit, somit auch nicht um klassische Kriterien wie Kausalität oder Psychologisierung. Denn „der psychologische Roman beruht auf causaler Schlußweise und gibt keine Form. [...] Der deskriptive schildernde Roman setzt vollständige Unkenntnis des Lesers [...] voraus. Die Ereignisse werden zu Begleiterscheinungen.“ 9 Statt Psychologie, Logik und naturalistischer Wiedergabe fordert Einstein im Roman die Darstellung von Bewegung - „eine Aufgabe, der das Deskriptive gänzlich fernliegt.“ 10 Diese wird durch die Absage an fixierte Formen und Muster erreicht. „Jede Handlung kann auch anders endigen.“ 11 Das Kunstwerk vollzieht sich in „gesetzmäßiger Willkür“, d.h. es unterliegt nicht dem Maßstab von Realitätsnähe oder Plausibilität, sondern entwirf eine ihm eigene Wirklichkeit nach internen, immanenten Regeln und Strukturen.
Wie in seinen zahlreichen Schriften zur Theorie des Romans, richtet sich Einsteins Ablehnung auch im „Bebuquin“ gegen zeitgenössische philosophisch- literarische Strömungen wie Naturalismus, Symbolismus, Neuromantik etc.
Indem Einstein die Figuren als Repräsentanten jener unterschiedlichen Positionen konzipiert, dient der Roman über weite Strecken als Argumentationsraum für philosophische und ästhetische Probleme. Dabei distanziert sich der Autor zum einen explizit, d.h. mittels konkreter Äußerungen im Text, zum anderen implizit durch die Textkonstitution von herkömmlichen Mustern traditionellen und zeitgenössischen Erzählens.
8 welche nicht unbedingt gleichzusetzen ist mit dem Postulat der absoluten Prosa von Gottfried Benn.
9 Carl Einstein: Anmerkungen über den Roman (1912), in: Ernst Nef (Hg.): Carl Einstein -Gesammelte Werke (S.52)
10 ebd. (S.55)
11 ebd. (S.53)
4
Arbeit zitieren:
Astrid Lukas, 2000, Nur gewöhnt man sich sprachlich ungern um... Zur Überwindung konventioneller Literatursprache in Carl Einsteins Bebuquin, München, GRIN Verlag GmbH
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