I. Einleitung
„Man wird nicht jünger“ und „Die Welt dreht sich immer schneller“. Diese zunächst banal wirkenden Volksweisheiten stehen in einem interessanten Zusammenhang für diejenigen, die sich aus ethnologischer Perspektive mit dem Alter(n) beschäftigen. Wie wird Altsein beschrieben und erlebt in einer Zeit, die durch Innovation, Fortschritt und Schnelllebigkeit geprägt ist? Bedeutet alt nicht automatisch „langsam“, „schwach“, „in Traditionen verhaftet“, oder ist dies eine ethnozentrische Empfindung des Alters, die in anderen Kulturen als der unseren nicht zutrifft? Gibt es gar moderne Gesellschaftsformen, die einer Gerontokratie nahe sind? In Zeiten sozialen Wandels und globaler Vernetzung gibt es unterschiedliche Wege, kulturell geprägte Alterskonzepte zu verändern, wie in dieser Arbeit deutlich werden soll. Dass „das Alter“ ein kulturelles Konstrukt ist und wodurch es geprägt ist, soll in Kapitel II dargestellt werden. Kapitel III geht im Allgemeinen auf sozialen Wandel ein, im Speziellen auf Modernisierungsprozesse und deren Auswirkung auf den Status älterer Menschen. Die hier aufgeführten Thesen werden dann in Kapitel IV am Beispiel Japans geprüft, das lange als eine Art „Paradies“ für die Alten galt. Abschließend soll unter V ein Fazit gezogen werden.
II. Das Alter als kulturelles Konstrukt
Die Alten - wer ist damit gemeint? Sind das die Schwachen, Senilen, Pflegebedürftigen, Kranken, Einsamen, Resignierten? Oder sind es weise, erfahrene, in sich ruhende, Traditionen bewahrende Menschen, die den Jüngeren einen besseren Lebensüberblick und eine distanzierte, gereifte Meinung bieten können? Alt - ist man das mit dem Austreten aus der Erwerbstätigkeit, ab einem bestimmten Alter oder erst dann, wenn man sich selbst alt fühlt? Diese Fragen beantwortet jede Gesellschaft und jede ihrer Subgruppen anders, denn die abstrakte Idee des Alters wird in verschiedenen Kulturen unterschiedlich konstruiert. Im interkulturellen Vergleich werden Differenzen im Status älterer Menschen und in den damit ver-bundenen sozialen Zuschreibungen und Erwartungen deutlich (Sokolovsky 1990: 2f.). Sowohl das gesellschaftliche Altersbild als auch das Selbstbild der Alten, welches mit ersterem in einer Wechselbeziehung steht, ist von der jeweiligen Kultur geprägt und somit einem dynamischen Wandlungsprozess unterworfen. Die weltweit alternde Gesellschaft wird oft in einem Atemzug mit der Singularisierung des Alters in Form einer Abkehr von der traditionellen Großfamilie genannt. Jedoch ist auch hier zu beachten, dass es viele verschiedene Formen des Umgangs mit den sich verändernden demographischen Rahmenbedingungen gibt. Durch ethnologische Forschung und Beschreibung wird eine emische Perspektive auf spezifische Altersbilder, auf die soziale Verortung der Alten und auf bestimmte Umgangsformen möglich. So schreibt Sokolovsky (1990: 2):
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‘[...] the cultural context of aging is to be understood as the way in which cultural traditions actually function in the situational framework of personal lives and societal functioning. By exploring aging in this fashion, we can discover how social groups construct shared expectations about aging that interweave notions of time, life cycle, intergenerational relations, dependency, and death. It is this cultural context of aging which gives rise to the exciting diversity of experience, perception, and achievement during the last phase of the life cycle.’
Wie Älterwerden beschrieben und empfunden wird, ist natürlich zunächst durch biologische Faktoren, also durch den natürlichen, körperlichen Verfallprozess gekennzeichnet. Aus ethnologischer Perspektive haben jedoch kulturelle Prozesse einen stärkeren Einfluss darauf (Dracklé 1998: 5). Somit kann die Ethnologie durch Darstellung historischer und aktueller Beispiele auch der Verklärung und Verzerrung entgegenwirken, die im Blick auf die Vergangenheit oder hinsichtlich fremder Kulturen auftreten können (Dracklé 1998: 6f.). Romantisierung und Ethnozentrismus à la „Früher ging es den Alten durch die Integration in der Großfamilie noch viel besser“ oder „In ostasiatischen Gesellschaften genießen die Alten ein viel höheres Ansehen und Maß an Respekt“ können mit ethnographischen Beschreibungen der sozialen Realität konfrontiert und überprüft werden (ibid.). Sowohl in der etischen Herangehensweise des interkulturellen Vergleichs als auch in Untersuchungen aus emischer Perspektive über gruppenspezifische Unterschiede innerhalb einer Gesellschaft ist es von zentraler Bedeutung, alte Menschen nicht als homogene Gruppe zu betrachten (Backes & Clemens 1998: 23f.). Eine Einteilung in verschiedene Teilgruppen, die sich nur am biologischen Alter orientiert, genügt hierbei jedoch auch nicht, da allgemeingültige Aussagen über Struktur und Qualität chronologisch geordneter Gruppen nicht möglich sind (Backes & Clemens 1998: 23). Stattdessen wäre es Backes und Clemens zufolge sinnvoll, in „Teilgruppen funktionalen Alters“ (Backes & Clemens 1998: 23) zu unterscheiden. Verschiedene Altersstadien werden hier nicht in Bezug auf das kalendarische Alter unterschieden, sondern unter Berücksichtigung der „jeweils noch vorhandenen Fähigkeiten in körperlichen, psychischen, sozialen und gesellschaftlichen Funktionsbereichen. [...] Deutlich wird dadurch eine Vielfalt von Alternsprozessen und Alternsstadien innerhalb des Lebenslaufs“ (Backes & Clemens 1998: 24). Unterschiedliche Möglichkeiten des Denkens, Handelns und der Lebensgestaltung werden sichtbar, sowohl das Individuum als auch seine soziale Umwelt betreffend (Backes & Clemens 1998: 25). Eine notwendige Differenzierung der gesellschaftlichen Rollen und des Selbstkonzepts der Alten ist somit möglich (Backes & Clemens 1998: 24). Backes und Clemens betiteln ihr Analysekonzept mit dem Begriff der ‚Lebenslage’, um in Teilgruppen und Teilphasen der ‚Lebensphase Alter’ unterscheiden zu können. Somit können nicht nur Schicht- oder Klassenzugehörigkeit berücksichtigt werden, sondern auch die „‚neueren’ horizontalen Merkmale
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sozialer Ungleichheit, wie Geschlecht, Ethnie, Arbeits-, Wohn- und Freizeitbedingungen“ (Backes & Clemens 1998: 25).
III. Sozialer und kultureller Wandel - Modernisierungstheorien
1. Sozialer Wandel, kultureller Wandel - eine Definition Sozialer Wandel lässt sich allgemein beschreiben als
‚qualitative und quantitative Veränderungen [...], denen Gesellschaften im Ganzen, gesellschaftliche Teilbereiche, aber auch kollektive und individuelle Wertorientierungen im Rahmen historischer, ökonomischer und sozialer Entwicklungen unterworfen sind’ (Meyers Lexikon 2007).
Die Ursachen sozialen Wandels können sowohl innerhalb einer Gesellschaft liegen als auch von außen an sie herangetragen werden (ibid.). Als innere Faktoren zählen beispielsweise innergesellschaftliche Konflikte über Macht oder Landbesitz, Modernisierungsprozesse, starke demographische Veränderungen oder ideologische Umwälzungen in Politik oder Wirtschaft (ibid.). Äußere Faktoren sind unter anderem Klimaveränderungen oder kulturfremde Entdeckungen und Erfindungen (ibid.). Im Prozess des sozialen Wandels lassen sich manchmal innere Ursachen schwer von äußeren abgrenzen, da zum Beispiel Modernisierung als innergesellschaftlicher Prozess gesehen werden kann, dessen Impuls von außen kam, etwa durch den Kontakt mit fremden Kulturen oder auf Grund der Einverleibung von Staatsmacht durch eine Fremdmacht.
Auf kultureller Ebene unterscheiden Rhoads Holmes & Holmes (1995: 252, Übersetzung von C.D.) in „Akkulturation“ und „Diffusion“. Rhoads Holmes & Holmes gehen davon aus, dass im Durchschnitt nicht mehr als 10 Prozent der kulturellen Ideen einer Gesellschaft aus ihr selbst entstanden sind (ibid.). Der Großteil spezifischer Denk- und Handelsweisen würde somit von anderen Kulturen an eine Gesellschaft herangetragen und übernommen werden (ibid., Zusatz von C.D.): „When borrowing [ideas] results from ongoing contact between representatives of societies with different cultures, the situation is referred to as one of acculturation.“ Von Kulturdiffusion ist dann die Rede, wenn innergesellschaftlichem Wandel die Übernahme von kulturellen Ideen oder Gütern ohne direkten und alltäglichen Kontakt mit Vertretern einer fremden Kultur zu Grunde liegt (ibid.). Als Beispiel nennen die Autoren hier die Einführung von Nudeln und Schießpulver, die Marco Polo im 13. Jahrhundert von China nach Italien brachte (ibid.). Sozialer Wandel kann historischer, ökonomischer, politischer oder sozialstruktureller Art sein und entweder gesamtgesellschaftlich oder in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen zu spüren sein (Meyers Lexikon 2007). Sowohl individuelle als auch kollektive Änderungen der Wertorientierung sind die Folge (ibid.). Diese wirken sich auf ältere Men-
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schen in den Aspekten Status, Umgang, Pflege und Teilnahmemöglichkeiten am sozialen Leben aus (Rhoads Holmes u. Holmes 1995: 251).
2. Modernisierung und Status der Alten
Eine wichtiges ethnologisches Werk über die Auswirkungen der Modernisierung auf ältere Menschen stellt die 1972 von Cowgill & Holmes veröffentlichte Studie Aging and Modernization dar. 14 westliche und nicht-westliche Gesellschaften wurden hier verglichen, um den Einfluss von Industrialisierung, Verstädterung und Verwestlichung auf den Status der Alten zu untersuchen. Die Studie galt als Anstoß für Kontroversen und weitere Studien dieser Art (Sokolovsky 1990: 5). Kernaussage von Cowgills & Holmes Studie ist, dass der Grad der Modernisierung in einer inversen Beziehung zu sozialem Status und sozialer Sicherheit der Alten steht (Cowgill 1972: 13):
‚(...) the role and status of the aged varies systematically with the degree of modernization of society and (…) modernization tends to decrease the relative status of the aged and to undermine their security within the social system.’
Cowgills und Holmes Werk war keine Langzeitstudie und kann deshalb aus methodologischer Sicht als ahistorisch kritisiert werden. Der Studie wird eine Romantisierung der Vergangenheit vorgeworfen, da sie eine Verklärung beziehungsweise Verfälschung in der Hinsicht impliziert, dass es älteren Menschen vor dem Modernisierungsprozess besser ging (Sokolovsky 1990: 140). Holmes (1972: 87) betont allerdings in Aging and Modernization, dass es stark von den traditionellen Werten der jeweiligen Gesellschaft abhängt, wie diese sich in Zeiten der Modernisierung verändert. Religiöser Hintergrund sowie politische und wirtschaftliche Philosophie prägen demnach, wie sich Altersbilder und das Verhalten gegenüber den Alten verändern (ibid.). Mit Verweis auf die Notwendigkeit von Langzeitstudien im Feld stellen Rhoads Holmes & Holmes (1995: 257 ff.) zum Überblick zehn allgemeine Thesen auf über den Zusammenhang von Modernisierung, dem Status der Alten und der Unterstützung, die sie erfahren. Die Kernaussage ‚je moderner, desto niedriger der Status’ bleibt hier als Leitlinie erhalten.
Zehn Thesen über Alter und Modernisierung 1. Das Alterskonzept ist abhängig vom Grad der Modernisierung. Als „alt“ gilt man laut Rhoads Holmes & Holmes (1995: 258) in vorindustriellen Gesellschaften kalendarisch gesehen früher als in modernisierten Gesellschaften, was mit der steigenden Lebenserwartung durch bessere Arbeitsbedingungen, Ernährung und medizinischer Versorgung in letzteren Gesellschaften zu tun hat. Das Alterskonzept unterscheidet sich im Allgemeinen dadurch, dass es sich mit steigendem Modernisierungsgrad von einer funktionalen zu einer chronologischen Einteilung des Alters wandelt (ibid.): “Most preindustrial so-
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Arbeit zitieren:
Carolin Duss, 2007, Sozialer Wandel - Wandel des Alter(n)s am Beispiel Japans, München, GRIN Verlag GmbH
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