Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Gedächtnis 4
2.1 Das Gedächtnis liegt im Kopf: Theorien aus der Kognitionswissenschaft 4
2.2 Das Gedächtnis liegt außerhalb des Kopfs: Theorien aus Soziologie und
Kulturwissenschaft 5
3. Landschaft. 7
3.1 Die Landschaft als Bühne’ für den Körper. 8
3.2 Der Körper als Teil einer dynamischen Landschaft 10
4. Landschaft und Gedächtnis bei den Yolngu in Nord-Australien 11
4.1 Landschaft als Kosmologie und Lebensweg. 11
4.2 Das Gedächtnis: im Kopf und in der Landschaft 13
5. Fazit 15
Literaturverzeichnis. 17
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1. Einleitung
Warum sollten sich Ethnologen mit dem Phänomen ‚Gedächtnis’ auseinandersetzen? Die Antwort hierauf gibt Ralf Ingo Reimann in seinem Buch Der Schamane sieht eine Hexe - der Ethnologe sieht nichts: menschliche Informationsverarbeitung und ethnologische Forschung (Reimann 1998: 149):
„Die unabdingbare Voraussetzung für Informationsverarbeitung ist Gedächtnis. Gedächtnis ist die Fähigkeit, Informationen für mehr oder weniger lange Zeitabschnitte bewahren zu können. Ohne die Möglichkeit, Informationen zu erhalten, gäbe es kein Leben und keine Evolution, keine sinnvolle Objekt- oder Situationswahrnehmung, kein konzeptuelles Verstehen, keine Sprache, keine Kultur und auch keine Identität. (...) Ohne Gedächtnis könnten wir keine Erfahrungen machen. (...) Ohne Gedächtnis könnten wir auch nicht denken, denn ohne erinnerbare Schemata, Konzepte und Kategorien gäbe es keine lohnenswerten mentalen Repräsentationen. (...) Die Welt wäre ein einziges Rauschen und das Gehirn vielleicht ein Klumpen Porridge, aber keinesfalls mehr ein Gehirn.“
Das Gedächtnis ist demnach eine zentrale, wenn auch in der ethnologischen Forschung relativ neue Erscheinung, der man sich widmen sollte, wenn man die Denk- und Handelsweisen eines Volkes begreifen will.
Zunächst möchte ich in dieser Arbeit klären, WIE die Informationen verarbeitet und gespeichert werden, die unseren Wissensbestand ausmachen und somit auch unsere Identität und Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und Gesellschaft. Dann gilt es als zentrale Frage zu klären, WO dieses Wissen produziert und gespeichert wird. Ist unser Gedächtnis eine reine ‚Kopfsache’ oder kann man es irgendwo außerhalb des Gehirns, sogar außerhalb unseres Körpers verorten? Schließlich soll auch beantwortet werden, WER entscheidet, an was wir uns erinnern und was in Vergessenheit gerät. Liegt diese Entscheidung beim Individuum oder beim Kollektiv, in dem es sich befindet?
Um Antworten auf die genannten Fragen zu finden werde ich zunächst in Kapitel 2 Ansätze aus Kognitions- und Kulturwissenschaften aufzeigen, welche die Funktionsweisen und Eigenschaften des Phänomens ‚Gedächtnis’ zu erklären versuchen. Anhand eines regionalen Beispiels aus Nord-Australien werde ich in Kapitel 4 zeigen, wie Gedächtnis sowohl im Kopf als auch außerhalb dessen, und zwar in der Landschaft, verortet wird. Da Landschaft ein ähnlich abstraktes und komplexes Gebilde wie Gedächtnis darstellt, werde ich zuvor in Kapitel 3 unterschiedliche Landschaftskonzepte darstellen, sowohl das bei uns gängige, eher statische, als auch ein dynamisches, welches zentral für das regionale Beispiel sein wird. Auch die Frage, ob eher Individuum oder Kollektiv über die Art und Weise sowie den Inhalt unserer Erinnerung entscheiden, soll hier geklärt werden. Abschließend werde ich ein Fazit ziehen, in dem ich allgemeingültige Antworten auf die oben genannten Fragen zu geben versuche.
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2. Gedächtnis
Die Aufgabe des menschlichen Gedächtnisses ist es, Informationen zu verarbeiten, die durch die Sinnesorgane wahrgenommen werden und diese Informationen bei Bedarf wieder abzurufen. Für das wie und wo dieses Prozesses gibt es unterschiedliche Theorien.
2.1 Das Gedächtnis liegt im Kopf: Theorien aus der Kognitionswissenschaft
Kognitionswissenschaftler nennen für die Informationsverarbeitung drei Schritte als grundlegend: das so genannte Encodieren, das Speichern und das Abrufen. Ankommende Informationen werden zunächst encodiert, da keine exakte Abbildung der Realität durch die Sinnesorgane im Innern des Gehirns erfolgt. Das Rohmaterial aus Dingen, Handlungen und Erlebnissen wird also in mentale Repräsentationen übersetzt (Hartmann & Zitterbarth 2001: 275). Man hat hierfür in der Hirnforschung ein Modell entworfen, „das von der semantischen Geschlossenheit des Gehirns ausgeht. (...) Gestalt und Bedeutung des Inputs von Sinnesrezeptoren [werden] innerhalb des Gehirns auf der Grundlage der eigenen Systemgeschichte selbstreferenziell erzeugt“ (Spangenberg 2001: 489, Zusatz von C.D.). Es hängt demnach allein von der individuellen Gehirntätigkeit ab, wie encodiert wird, wie die genannten Repräsentationen aufgebaut sind.
Die auf der Neurobiologie basierende Konnektionismus-Theorie besagt, dass mentale Repräsentation auf der Vernetzung von Nervenzellen (Neuronen) und Zellverbänden aufbaut. In diesem neuronalen Netzwerk findet eine parallele Verarbeitung von Informationen in unterschiedlichen Zentren des Gehirns statt. Dieser Vorgang wird auch Parallel Distributed Processing genannt. Neuronale Netzwerke können durch die wiederholte Verarbeitung der gleichen Information Muster in der Bedeutungszuweisung erkennen und immer wieder auf diese Muster zurückgreifen (Spangenberg 2001: 489). Der Mensch wird somit zu einem lernfähigen Wesen, er kann sich Wissen aneignen und auch wieder darauf zurückgreifen. Für den Speicher- und Abrufvorgang, also das Erinnern, stellt die Schematheorie zusätzlich ein abstraktes Modell. Unter Schema versteht man hier „eine komplexe und hierarchische kognitive Struktur, die Teil eines semantischen Netzwerks ist und in der typisierte Annahmen über unterschiedlichste Sachverhalte _ Menschen, Situationen, Gegenstände, Orte oder Ereignisse sinnhaft organisiert sind. (...) Sie vermitteln Subjekten zum Beispiel eine Vorstellung davon, was ein Polizist, eine Prüfung, eine Steckdose, ein Dorf oder der 1. Advent (...) ist“ (Kölbl & Straub 2001: 520). Auch der Schematheorie zufolge werden demnach mehr oder weniger abstrakte Repräsentationen von Dingen, Vorgängen und Ereignissen gespeichert. Beim Vorgang des Erinnerns muss dann nicht auf eine unendlich große Anzahl von Einzelin-formationen zurückgegriffen werden, da diese ja in mentalen Modellen organisiert sind. So
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kann Erwartetes und Unerwartetes, Bekanntes und Unbekanntes sinnhaft aufeinander bezogen werden (ibid.).
Die Schematheorie ist durch den britischen Psychologen F.C. Bartlett begründet worden. Aus seiner bahnbrechenden Studie Remembering: A study in experimental and social psychology (1932) geht hervor, dass die individuelle Gedächtnisleistung und -funktion immer in Abhängigkeit des soziokulturellen Kontexts steht. Schematisierungen werden unbewusst immer durch den kollektiven Wissensbestand der jeweiligen Gesellschaft gefärbt (ibid.). Um den Einfluss des Kollektivs auf das Gedächtnis des Individuums geht es auch in den folgenden Theorien.
2.2 Das Gedächtnis liegt außerhalb des Kopfs: Theorien aus Soziologie und Kulturwissenschaft
Der französische Soziologe Maurice Halbwachs begründete und prägte das Konzept des kollektiven Gedächtnisses (Halbwachs posthum 1950). Assmann beschreibt es folgendermaßen (Assmann 1992: 35 ff., Zusatz von C.D.):
„[Halbwachs] sieht vollkommen ab von der körperlichen, d.h. neuronalen und hirnphysiologischen Basis des Gedächtnisses und stellt statt dessen die sozialen Bezugsrahmen heraus, ohne die kein individuelles Gedächtnis sich konstituieren und erhalten könnte. (...) Gedächtnis wächst dem Menschen erst im Prozeß seiner Sozialisation zu. Es ist zwar immer nur der Einzelne, der Gedächtnis „hat“, aber dieses Gedächtnis ist kollektiv geprägt. (...) Erinnerungen auch persönlichster Art entstehen nur durch die Kommunikation und Interaktion im Rahmen sozialer Gruppen [wie zum Beispiel Familien, Nationen, Kirchen, Unternehmen]. (...) Individuell im strengsten Sinne sind nur die Empfindungen, nicht die Erinnerungen.“
Ein individuelles Gedächtnis per se existiert nach Halbwachs demzufolge nicht, jegliches Erinnern geschieht, weil sich der Mensch als soziales Wesen in einem oder mehreren Kollektiven befindet. Das Gedächtnis lässt sich weiterhin nicht, wie in den Theorien aus der Kognitionswissenschaft, schlicht im Gehirn verorten. Es ist vielmehr etwas das von außen, vom Kollektiv aus, ins Individuum ‚hineinwächst’.
Jan Assmann, Kulturwissenschaftler und Ägyptologe, hat Halbwachs’ Konzept des kollektiven Gedächtnisses weiterentwickelt. Er teilt das kollektive Gedächtnis als Oberbegriff in zwei „Gedächtnis-Rahmen“, die er „kommunikatives“ und „kulturelles Gedächtnis“ nennt (Assman 1992: 50). Das kommunikative Gedächtnis ist in seiner Form informell, basiert auf mündlicher Alltagskommunikation, hat die „Geschichtserfahrungen im Rahmen individueller Biographien“ zum Inhalt und wird von den „Zeitzeugen einer Erinnerungsgemeinschaft“ geteilt, das heißt etwa von drei bis vier Generationen (Assmann 1992: 56). Was erinnert wird, ist durch das Kollektiv geprägt, in dem man lebt, deshalb ist dieses Gedächtniskonzept auch ein
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Arbeit zitieren:
Carolin Duss, 2007, Unser Gedächtnis - reine Kopfsache?, München, GRIN Verlag GmbH
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