Inhalt:
1 Einleitung 7
1.1 Prävention und Intervention, eine Definition 8
1.2 Was ist ein Konzept? 9
1.3 Warum finanzieller Verbraucherschutz - Primäre präventive
Schuldnerberatung ? 10
1.4 Zielgruppenauswahl 12
1.5 Zielsetzung hinsichtlich der Arbeit mit Schülern 13
1.6 Zielsetzung hinsichtlich der Arbeit mit Multiplikatoren 14
2 Ursachen für Schulden / Überschuldung 15
2.1 Individuelle Ursachen für Überschuldung 15
2.1.1 Kritische Lebensabschnitte/situationen 16
2.2 Gesellschaftliche Ursachen für Überschuldung 16
2.2.1 Exkurs: Psychosoziale Aspekte beim Konsumenten 17
2.3 Wirtschaftliche Ursachen 18
3 Was bedeutet finanzieller Verbraucherschutz? 19
3.1 Verhalten beim Fahrzeugkauf 19
3.1.1 Exkurs: Rechtsgültigkeit eines Kaufvertrages und Geschäftsfähigkeit 21
3.2 Kritisches Verbraucherverhalten beim: Wohnen Wohnung 22
3.3 Werbung contra Verbraucherverhalten 23
3.3.1 Handy’s als Symbol für Individualität 23
3.3.2 Verkaufsstrategien im SB-Markt 24
3.4 Kritisches Verbraucherverhalten bei: Versicherungen 26
3.4.1 Haftpflichtversicherung: 26
3.4.2 Rechtsschutzversicherung 27
3.4.3 Hausratversicherung 28
3.4.4 Unfallversicherung 29
3.4.5 Private Arbeitslosenversicherung 29
3.4.6 KFZ-Versicherungen 30
3.4.7 Insassenunfallversicherung 31
3.4.8 Reiseversicherung 31
3.4.9 Aus Versicherungsverträgen austreten 32
3.5 Versandhandel, Online-Shopping Tele-Shopping 33
2
Verbraucherschutz in Schulen - Ein Weiterbildungskonzept
3.6 Kritisches Verbraucherverhalten bei: Banken 35
3.6.1 Bargeldloser Zahlungsverkehr Dispo -Kredite 35
4 Klassische Schuldnerberatung 37
4.1 Rechtlicher Status der Schuldnerberatung 37
4.2 Arbeitsrichtungen und Konzepte innerhalb der
Schuldnerberatung 39
4.2.1 Finanz- / Budgetberatung: 39
4.2.2 Finanzielle Krisenintervention 40
4.2.3 Soziale Arbeit als Schuldnerberatung 40
4.2.4 Verbraucherschutz - Schuldenprävention 41
4.3 Die neue Insolvenzordnung (InsO) 41
4.3.1 InsO-Stufe 1 - Außergerichtliche Einigung 42
4.3.2 InsO-Stufe 2 - Gerichtlicher Schuldenbereinigungsplan 42
4.3.3 InsO-Stufe 3 - Gerichtliches Insolvenzverfahren 43
4.3.4 InsO-Stufe 4 - Die Wohlverhaltensphase und Restschuldbefreiung 44
5 „Verbraucherschutz an Schulen“ als Unterrichtseinheit 45
5.1 Projekt: CASH-Kurs oder „I want it all and I want it now “ 46
5.1.1 Ausschreibung der Projektwoche 46
5.1.2 Rahmenbedingungen / Rolle des Lehrers 47
5.1.3 Räumliche Aufteilung / Materialien 48
5.2 Ablaufplan einer Unterrichtseinheit 50
5.2.1 1. Projekttag - Kennenlernen / Konsum 52
5.2.2 2. Projekttag Werbung 55
5.2.3 3. Projekttag Banken Kredite 57
5.2.4 4. Projekttag „Kaufen auf Pump“ 58
5.2.5 5. Projekttag Schulden 59
5.2.6 Auswertung der Projektwoche - Feedbackregeln 61
5.3 Überlegungen zur Methodenauswahl 63
5.3.1 Wandzeitung / Collagen - Visualisierung als Lernmittel 64
5.3.2 Kleingruppenarbeit 64
5.3.3 Freie Diskussionen 65
5.3.4 Medienarbeit 66
5.3.5 Interaktionsspiele 66
5.3.6 Entspannungsübungen 67
5.4 Methoden- / Übungssammlung 69
5.4.1 Regeln der Visualisierung 69
3
Verbraucherschutz in Schulen - Ein Weiterbildungskonzept
5.4.2 Kennenlern-Übungen 71
5.4.2.1 „Ich heiße und ich mag“ 71
5.4.2.2 Namens-Kreuzworträtsel 71
5.4.2.3 Konzentrische Kreise 72
5.4.2.4 Vier-Ecken-Übung 73
5.4.2.5 Paarinterview 73
5.4.3 Feedback-Übungen 74
5.4.3.1 Feedback-Wand 74
5.4.3.2 Blitzlicht 75
5.4.3.3 Tagesschau 76
5.4.4 Übungen zum Thema: Verbraucherschutz / Konsum 76
5.4.4.1 Versprechungen der Werbung 76
5.4.4.2 Jugendmarketing der Banken 77
5.4.4.3 Maklerspiel 78
5.4.4.4 Meinungslinie 78
5.4.4.5 Offene Szene - „Südamerikanisches Straßentheater“ 79
5.4.4.6 Geldkuchen 80
5.4.4.7 Pyramide des Lebens 80
5.4.4.8 Drückerspiel 80
5.4.5 Phantasiereisen 81
5.4.5.1 Entspannung einleiten 81
5.4.5.2 Entspannung zurücknehmen 82
5.4.5.3 Phantasiereise „In die Zukunft“ 82
5.4.5.4 Phantasiereise „Die goldenen Kreditkarte“ 82
5.4.6 Fallbeispiele 83
5.4.6.1 Dispo-Kredit 83
5.4.6.2 Ausziehen von zu Hause 84
5.4.6.3 Unvorhersehbare Ereignisse im Leben 85
5.4.7 Interaktionsspiele 85
5.4.7.1 Gordischer Knoten 86
5.4.7.2 Alle mit wechseln die Plätze 86
5.4.7.3 Statuen bauen 87
5.4.8 Abschiedsübungen 87
5.4.8.1 Wir lösen uns 87
5.4.8.2 Imaginäres Geschenk - Geschenke schenken 88
6 Ziele einer schulinternen Lehrerfortbildung (SCHILF) 89
6.1 Beantragung einer SCHILF in Niedersachsen 89
6.2 Zur Umsetzung der SCHILF 91
6.2.1 Maßnahmen im Vorfeld der SCHILF 91
6.2.2 Rahmenbedingung der SCHILF 92
4
Verbraucherschutz in Schulen - Ein Weiterbildungskonzept
6.3 Ablauf der SCHILF 93
6.3.1 Beginn und Einstieg in die SCHILF 94
6.3.2 Warming - Up 94
6.3.3 „Moderatoren sind keine Entertainer für die Schüler“ Kurzeinführung in
die Moderations-Methode / Feedback als Planungsbestandteil 95
6.3.4 Visualiserung, Programmplanung 97
6.3.5 „Wann haben Sie zuletzt über Geld gesprochen?“ 98
6.3.6 Wie beeinflußt Werbung? - Versprechungen der Werbung 98
6.3.7 AlterEgo - Drückerspiel 99
6.3.8 Verbraucherhinweise: Versicherungen 100
6.3.9 Jugend und Banken 100
6.3.10 Schulden in Deutschland - Schüler und Schulden 100
6.3.11 Darstellung des Ablaufes, der Projektwoche 101
6.3.12 Auswertung 101
7 Abschlußbemerkung 103
8 Literatur 104
8.1 Zeitschriften / Medien 105
8.2 Internet - Recherche 106
8.3 Abbildungsverzeichnis 106
9 Anhang: Folien „Schulden?“ 107
10 Anhang: Checkliste für Banken 114
11 Anhang: Visualisierungs-Regeln 115
5
Vorwort
Im Vorwort einer Diplomarbeit gebührt dem Dank und der Widmung an Menschen, welche die Arbeit unterstützt, bzw. ermöglicht haben, der erste Platz. Dementsprechend möchte ich mich bei allen bedanken, die im Vorfeld und während der Bearbeitung unter mir „leiden“ mußten, ganz besonders meine Freundin Petra, bzw. die mich nicht oder nur schwer erreichen konnten und trotzdem noch mit mir sprechen. Bedanken möchte ich mich bei meiner Mutter für die Korrektur von über 100 Seiten dieser Arbeit und bei allen anderen Menschen, die mir bewußt oder unbewußt Tips und Anregungen geben haben. Bedanken muß ich mich auch bei den Mitarbeiter/Innen der Jugendberatung mondo X, sechs Jahre und die Mitarbeit bei Dutzende von Schulklassen haben mir bei der Arbeit sehr geholfen. Eine Hilfe waren aber auch mein Erstprüfer und Projektdozent, Karl-Michael Froning und natürlich auch mein Zweitprüfer Prof. Pesch, den ohne ihn hätte ich einige wichtige Inhalte dieser Arbeit schlichtweg nicht thematisiert. Ein besonderer Dank gebührt, auch wenn er keine Person ist, zudem diesem grauen Kasten vor mir, der über acht Wochen täglich tadellos gearbeitet hat.
Braunschweig, Juli 1999 Stefan Schaper
6
„Wenn Schuldnerberatung als Ziel mit beinhaltet, einen >mündigen Konsumenten< aus der Beratung zu entlassen, dann muß sie auch als Bildungsarbeit begriffen werden“ 1
Schuldnerberatung und auch Verbraucherschutz sind Bildungsarbeit. ich habe diesen Satz bewußt gewählt, weil er die Idee, die hinter dieser Diplomarbeit steckt, treffend wiedergibt. Thema dieser Arbeit soll der „Verbraucherschutz in Schulen“ sein, hierbei jedoch unter der „besonderen Berücksichtigung der finanziellen Situation“.
Der Bereich Verbraucherschutz mit Berücksichtigung der finanziellen Situation umfaßt ein sehr breites Spektrum, vom Hypothekenkredit bis zum Versicherungsvertrag, ein Spektrum das zu breit ist um es in einer Arbeit zu behandeln.
Der inhaltliche Schwerpunkt dieser Arbeit bestimmt sich daher aus der zu erreichenden Zielgruppe, den Schüler/innen, hier speziell in den Klassenstufen sieben bis dreizehn (bzw. in die Ausbildung übergehend). Inhaltlich sollen daher nur Themen behandelt werden, die einen Bezug zur Zielgruppe haben. Dies wären, neben grundsätzlichen Überlegungen zum Konsumverhalten, z. B. die Bereiche „Erstes Konto“, „Versicherungen für Jugendliche“ oder „Anschaffung größerer Werte“.
Das Spektrum Verbraucherschutz soll also auf die Bereiche „Konsumverhalten“ - speziell junger Menschen - und „Einstieg in die Finanzwelt“ beschränkt werden. Die ebenfalls wichtigen Bereiche wie z. B. „Hypotheken“ oder „Insolvenzverfahren“ spielen im Leben Jugendlicher nur eine untergeordnete Rolle und betreffen primär die Erwachsenenwelt, sie sollen daher nicht Kern dieser Diplomarbeit werden. Diese Arbeit soll kein Leitfaden zur Entschuldung von Jugendlichen werden, sondern vielmehr eine Hilfestellung, um mit und für Jugendliche Möglichkeiten zu entwickeln, mit denen sie ihr Konsumverhalten thematisieren, reflektieren und vielleicht ändern.
Im zweiten Schritt sollen diese Hilfestellungen im Rahmen einer Fortbildungsveranstaltung an Lehrkräfte weitergegeben werden, damit diese im Rahmen ihres Unterrichtes den Grundstock für ein sinnvolles und bedachtes Konsum-
1 Groth,Ulf / Schulz, Rolf / Schulz-Rackoll, Rolf; Handbuch Schuldnerberatung - Neue Praxis in der Wirt-
schaftssozialarbeit, Frankfurt/Main; New York 1994
7
verhalten legen. Diese Arbeit gliedert sich somit in drei Hauptabschnitte, zum einen in die theoretischen Grundüberlegungen über Verbraucherschutz und Schuldenprävention, das Konzept zum „Verbraucherschutz in Schulen“ und letztendlich das „Weiterbildungskonzept für Multiplikatoren“. Letzeres bezieht sich im Titel bewußt auf „Multiplikatoren“ und nicht auf „Lehrer“, da ein Einsatz in Schulen sinnvoll, aber nicht ausschließlich sein sollte. Obwohl die „Bausteine“ nicht an das System Schule gebunden sind, werde ich als Beispiel nur ein Rahmenkonzept für eine schulinterne Lehrerfortbildung (SCHILF) aufstellen, das gegebenenfalls durch das Bedürfnis in der Praxis modifiziert werden muß.
Unter Prävention wird allgemein vorbeugendes Eingreifen, unter Intervention, das Eingreifen bei bestehenden Problemen verstanden. Da das Konzept dieser Arbeit im Vorfeld eines Problems ansetzen will, ist sein Charakter präventiver Art. Prävention wird heute sowohl aus medizinischer 2 als auch aus pädagogisch/psychologischer 3 Sicht in die drei Gebiete primäre, sekundäre und tertiäre Prävention differenziert.
Primäre Prävention ist darauf ausgerichtet, das Auftreten einer Störung oder eines Problems durch Verminderung von Risikofaktoren zu verhindern.
„Unter Primärprävention sind vorbeugende Maßnahmen mit potentiell Betroffenen zu verstehen, die noch nicht verschuldet sind. Es ist effektiver und erfolgreicher, sich möglichst frühzeitig an gefährdete Verbraucher zu wenden [...]“ 4
Primäre Prävention will also die Auftretenswahrscheinlichkeit von Problemen/Störungen generell senken 5 .
Sekundäre Prävention baut darauf, in einem frühen Stadium der Problementwicklung oder Störung, diese zu erkennen und zu beseitigen. Das Ziel ist also ein möglichst frühzeitiges Eingreifen und eine Verkürzung der Störungsdauer.
2 Vgl. Fachlexikon der Sozialen Arbeit; 3. Aufl., Frankfurt 1993, Seite 731 ff.
3 Weidenmann, Bernd / Krapp, Andreas (Hrsg.); 3. Aufl.; Pädagogische Psychologie, Weinheim 1994
4 Pilz-Kusch, Ulrike; Schuldenprävention mit Jugendlichen, Düsseldorf 1995
5 Vgl. Caplan. G, zitiert nach Weidenmann, Bernd / Krapp, Andreas (Hrsg.); 3. Aufl.; Pädagogische Psy-
chologie, Weinheim 1994, Seite 652
8
Tertiäre Prävention will bei einem bereits vorhandenen Problem eine Verschärfung, mögliche Folgeschäden und einen Rückfall verhindern (Drehtüreffekt).
Da das Konzept dieser Arbeit im Vorfeld greifen soll, um so spätere Probleme zu vermeiden, ist es in den Bereich der primären Prävention einzuordnen.
Schilling definiert 6 ein Konzept als:
„Ein Konzept ist ein Handlungsmodell des Pädagogen, in dem Ziele, Inhalte und Methoden in einem sinnhaften Zusammenhang stehen.“
Schilling 7 geht davon, daß sich jede pädagogische Situation (sowie nichtpädagogische) in vier Schritte einteilen läßt: Information, Konzeption, Aktion und Reflexion. Von dieser Grundannahme ausgehend, schlägt Schilling 8 vor, ein Konzept in drei Teile zu teilen. Zu Beginn stehen die theoretischen Überlegungen, ein Ziel oder ein Thema muß definiert werden, Informationsbeschaffung und Studium über das relevante Thema sollte erfolgen. Die erworbenen Kenntnisse müssen daraufhin, falls erforderlich, der Zielgruppe angepaßt werden. Je umfassender die Information und der Kenntnisstand des Pädagogen sind, desto spontaner ist er in der Lage auf die Bedürfnisse der späteren Zielgruppe zu reagieren.
Sind die theoretischen Überlegungen abgeschlossen, so sollten die konzeptionellen Überlegungen folgen. Schilling 9 geht dabei von drei Fragen aus, die sich in jeder Situation ergeben: „Was ist los?“, „Was will ich erreichen?“ und „Wie will ich mich verhalten?“ . Es muß also ein klares Ziel, bzw. ein „roter Faden“ definiert werden, um sinnvoll zu handeln. Als letzten Schritt nach In-formation und Konzeption, sieht Schilling die Überlegungen zur Auswertung vor. Wichtiges Ziel ist ein Nachdenken (reflektieren) über das eigene Verhalten, es auszuwerten und Schlüsse zu ziehen sowie gegebenenfalls Verbesserungen vorzunehmen.
6 Schilling, Johannes; Didaktik/Methodik der Sozialpädagogik, 2. Aufl.; Neuwied, Kriftel, Berlin 1995
7 Vgl. ebd. S. 233
8 Vgl. ebd. S. 237
9
Auswertung, also Reflektion des pädagogischen Verhaltens, soll aber nicht ein am Ende für sich stehender Zusatz sein, sondern bereits in dem konzeptionellen Schritt als Teil des Konzeptes mit bedacht werden. Nach eben diesen drei Schritten möchte ich die Arbeit gliedern, zunächst die theoretischen Überlegungen und die Informationsbasis. Darauffolgend, sozusagen zweigeteilt: Das Konzept für die Arbeit mit Schülern mit Auswertung und das Konzept einer Lehrerfortbildung mit Auswertung.
Verbraucherschutz, Schutz vor Schulden, immer läuft es auf einen Nenner hinaus, Umgang mit Geld. Die Schule oder auch die heutige Jugendarbeit lehrt unseren Kindern und Jugendlichen sehr viel. Das Wissen fremder Sprachen, das der Mathematik und vieles mehr, nur ein, in der heutigen Zeit überlebensnotwendiges Wissen, wird nur unzureichend vermittelt, der Umgang mit Geld.
Auf der „Haben“ - Seite unserer Gesellschaft steht natürlich, daß die Bundesrepublik Deutschland nach wie vor eines der reichsten Länder der Welt ist, auf der „Soll“-Seite stehen aber auch vier Millionen arbeitslose Mitbürger. Einen Arbeitsplatz und damit Geld zu besitzen ist heute nicht mehr selbstverständlich den, etwa 10 % aller unter 25-jährigen 10 sind erwerbslos. Nach Ulf Groth 11 waren 1988 rund 14 % aller Haushalte in den alten Bundesländern als arm einzustufen, ein Trend der sich fortsetzt. Natürlich haben Schulden und Kredite ihren volkswirtschaftlichen Sinn (ich komme später darauf zurück), sich bewußt und kalkuliert in Verschuldung zu begeben, oder sich unbewußt zu überschulden, haben aber eine andere Qualität. In vielen Schulen wird auch heute noch die alte Formel „Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir“ hochgehalten. Lernen für das Leben heißt heute aber allzu oft, lernen es zu finanzieren. In vielen Familien mag dies kein Thema aus wirtschaftlicher Sicht sein, in anderen Familien ist es aber auch heute noch kein Thema, denn:
9 Vgl. ebd. S. 238
10 Homepage der Bundesanstalt für Arbeit, http://www.arbeitsamt.de/HST/INFORMAT/INHALT/STATISTI/
REGION/D03-1.HTM
11 Vgl. Groth, Ulf / Schulz, Rolf / Schulz-Rackoll, Rolf; Handbuch Schuldnerberatung - Neue Praxis in der
Wirtschaftssozialarbeit, Frankfurt/Main; New York 1994, Seite 17 - Neuere Zahlen liegen mir leider nicht vor
10
„Über Geld spricht man nicht“. Die Autorinnen Ruth Lindner und Ingeborg Steinmann-Berns schreiben dazu 12 :
„Geld ist in unserer Gesellschaft ein zentrales Thema. Es ist der Maßstab für fast alles. Alles hat seinen Wert, nicht nur materielle Güter, sondern auch Menschen mit ihren Eigenschaften, Kenntnissen, Talenten und Beziehungen. Wer über Geld verfügt, kann sich vieles leisten. Geld wird mit den Begriffen von „Unabhängigkeit“ und „Freiheit“ in Verbindung gebracht.“
Gerade Jugendliche verbinden mit Geld besonders die Schlagworte „Freiheit“ und „Unabhängigkeit“, vielleicht auch die erste Wohnung, das erste A u-to/Motorrad oder den ersten Urlaub allein. Werbung und Banken unterstützen diese Wünsche, die natürlich gerade für Jugendliche auch völlig normal sind. Doch in einer Zeit, wo sich der Status eines Schülers innerhalb einer Klasse durch den Preis seiner Markenturnschuhe definiert, bekommt das alte Sprich-wort „Zeig mir was Du hast, und ich sage Dir, wer Du bist“, eine gefährliche Qualität, gefährlich hinsichtlich des Umganges mit Geld. Schüler werden heute bereits in der Grundschule, besonders verstärkt in den weiterführenden Schulen, in eine Konsumspirale gedrängt, die nicht allzu selten in einer Schuldenspirale endet. Lehrer, Eltern und Pädagogen sind über derartige Strukturen eher befremdet als alarmiert, denn, „man kann es sich ja leisten“, zumindest sind viele der Meinung.
Geld ist also ganz eindeutig ein Thema und besonders im Bereich Schule. Diese Diplomarbeit möchte daher einen kleinen Anstoß dazu geben, daß die Konsumspirale nicht zu einer Schuldenspirale wird, und daß Lehrer, Eltern und Pädagogen ein besseres Gespür für die Bedürfnisse von Jugendlichen bekommen und das bewußter Umgang mit Geld nicht in „schottischen“ Verhältnissen und Enthaltsamkeit endet.
12 Lindner, Ruth / Steinmann-Berns, Ingeborg; Systemische Ansätze in der Schuldnerberatung - Ein Arbeit-
buch; Dortmund 1998
11
Als Zielgruppe dieser Arbeit habe ich die Klassen sieben bis dreizehn (bzw. in Ausbildung übergehend) gewählt, vorzugsweise in den Schulformen Haupt/Realschule, Berufsbildende Schule oder Integrierte Gesamtschule (die bis zur 13. Klasse geht), wie es sie in Braunschweig gibt. Diese Zielgruppen-Festlegung ist von mir aus zwei Gründen getroffen worden: Zunächst habe ich persönlich mit dieser Altersgruppe und diesen Schulformen die meisten Erfahrungen im Bereich der Gruppenleitung. Desweiteren erscheint mir das Alter, aber auch die Klassenstufe für Verbraucherprävention am besten geeignet.
Der erste Kontakt für Schüler/innen mit der Finanzwelt beginnt mit dem Zeitpunkt, wenn sie eigenes Geld verdienen, dies kann sowohl eine Lehrstelle, als auch ein „Job“ sein. Die Klassenstufen sieben bis dreizehn entsprechen etwa den Altersstufen 12 bis 18 Jahre.
Diese Altersspanne entspricht etwa dem Abschnitt, in den viele Jugendliche Zeitungen austragen, nebenher jobben oder sich auf Lehrstellensuche begeben. Für alle diese Tätigkeiten ist in der heutigen Gesellschaft eine Sache Bedingung, die Teilnahme am bargeldlosen Geldtransfer. Es ist heute nicht mehr üblich, wie noch vor 30 Jahren, Lohntüten auszugeben. Der heutige Arbeiter/Angestellte braucht ein Konto; auch Jugendliche sind auf ein Konto angewiesen, wollen sie ihr Geld auch erhalten. Mit dem ersten eigenen Konto oder auch schon mit der Eröffnung dieses Kontos, fangen oft die Probleme an. Der direkte Kontakt zum Geld, wie er vielleicht bei der wöchentlichen Taschengeldauszahlung noch vorhanden war, geht verloren. Viele Jugendliche und junge Erwachsene legen bereits in dieser Zeit das Fundament für ihre spätere Verschuldung und Überschuldung.
Der Umgang, vor allem der sorgfältige und bedächtige Umgang mit Geld wird Jugendlichen heute nicht mehr oder nur rudimentär gelehrt. Werbung, schlechte Beratung von Dienstleistern geben ihres dazu. Mir erscheint es daher sinnvoll im Vorfeld und zwar im kurzen Vorfeld, vor diesen Lebenssituationen pädagogisch helfend und beratend einzugreifen.
12
Ulrike Pilz-Kusch 13 schreibt:
„Es geht bei diesem [Schuldenprävention bei der Verbraucherzentrale NRW, d. Verf.] Präventionsansatz auf keinen Fall darum, Teilnehmer/innen zu bevormunden, ihre Konsumwünsche abzuqualifizieren oder ihnen Vorschriften zu machen, wie sie in Zukunft ihre Konsumentscheidungen treffen sollen.“
Ziel dieser Diplomarbeit ist die Stärkung der Eigenverantwortlichkeit und die Erweiterung der persönlichen Möglichkeiten der Schüler. Ihnen sollen einerseits natürlich Sachinformationen zugänglich gemacht werden; gerade bei einem Konzept für das System Schule scheint dies unerläßlich. Anderseits bietet das Konzept den Jugendlichen die Möglichkeit, einen Blick hinter die „Kulissen der Konsumwelt“ zu werfen, um so zu verstehen wie, z. B. Werbung ihr eigenes Konsumverhalten steuert. Die Zielsetzung ist jedoch keine Manipulation hinsichtlich „Abschreckung vor dem Geldausgeben“. Durch die Stärkung der Eigenverantwortlichkeit sollen die Schüler vielmehr einen Schritt in Richtung eines kritischen Verbrauchers machen. Ulrike Pilz-Kusch 14 :
„Erweiterung der Handlungskompetenz und Förderung der Eigenver-antwortlichkeit heißt aber auch: die Vor- und Nachteile verschiedener Konsumentenentscheidungen und deren unterschiedliche Finanzierungsmöglichkeiten abwägen zu lernen, neue Handlungsalternativen kennenzulernen, wie die eigenen Konsumwünsche im Einklang mit dem eigenen Budget auch auf andere Art und Weise befriedigt werden können, [...] Befähigung zur Wahrnehmung eigener Rechte und Verbraucherinteressen, auch in kollektiven Zusammenhängen.“
13 Pilz-Kusch, Ulrike; Ein Handlungskonzepte zur Schuldenprävention aus: Reifner, Udo / Reis, Claus;
Überschuldung und Hilfe für überschuldete Haushalte in Europa; Frankfurt a. M. 1992
14 ebd.
13
Multiplikatorenarbeit bedeutet im Rahmen dieser Diplomarbeit vorrangig arbeiten mit Lehrern. Schule und damit Lehrer sind neben den Eltern die wichtigsten Bezugspersonen im Leben von Jugendlichen, vielleicht nicht immer vom Einfluß auf die Kinder und Jugendlichen, wohl aber beim Faktor Zeit. Die Aufgaben der Schule sind (vgl. Nds. Schulrecht 15 ), eine allgemeine Grundbildung und berufliche Schwerpunktneigung sicherzustellen. Nach den Rahmenrichtlinien für Lehrpläne 16 gehört für niedersächsische Haupt- und Realschulen das Unterrichtsfach „Arbeit+Wirtschaft“ spätestens ab dem neunten Schuljahr zum Pflichtunterricht. Das Ziel von Lehrern muß es also sein, diesen Unterricht sinnvoll zu gestalten. Lehrkräfte wissen jedoch, daß dies oft leichter gesagt ist als getan. Ziel dieser Arbeit bei Schülern soll ein mündiges Konsumentenverhalten sein, ein Ziel das auch bei der Arbeit mit Multiplikatoren im Vordergrund steht. Die Multiplikatoren sollen einerseits über die Didaktik/Methodik des „schulischen Verbraucherschutzes / präventiven Schuldnerberatung“ informiert werden, andererseits ihr eigenes Verhalten reflektieren. Kritisches Verbraucherverhalten kann nicht nur gelehrt werden, es muß auch vorgelebt werden. Lehrer sind neben ihrer schulischen Funktion auch Menschen und mehr oder weniger Vorbilder. Denn allzu oft ist Lehrern nur unzureichend bewußt, wie bedrückend Schulden für Jugendliche sind, und welche Folgen für die weitere Lebensplanung resultieren. Die Zielsetzung hinsichtlich der Arbeit mit Lehrkräften ist also die Wissensvermittlung die Kompetenzvermittlung und die Schaffung eines Problembewußtseins. Letzteres ist eng mit Selbsterfahrung verbunden. Bei der Kompetenzvermittlung soll aber auch der Bereich der Selbstevaluation 17 , die Überprüfung der Wissensvermittlung, mit dem Ziel, die Vermittlung zu verbessern, im Multiplikatorenkonzept behandelt werden. Erfahrung durch Selbsterfahrung, Verbesserung durch Erfahrung.
15 Barth, Friedrich-Wilhelm / Habermalz, Wilhelm / Kieslich, Rudolf; Praxishilfen Schule - Grundriß des
Schulrechts in Niedersachsen; Neuwied, Kriftel, Berlin 1997
16 ebd.
17 Müller-Kohlenberg, Prof. Dr. Hildegard; Evaluation von sozialpädagogischen Maßnahmen aus unter-
schiedlicher Perspektive: Die Sicht der Träger, der Programmmanager/innen und der Nutzer/innen; in: QS
11 - Evaluation in der sozialpädagogischen Praxis - Materialien zur Qualitätssicherung in der Kinder- und
Jugendhilfe, BM FSFuJ, Bonn 1997
14
Definition von Überschuldung:
„Überschuldung liegt dann vor, wenn nach Abzug der fixen Lebenshaltungskosten (Miete, Energie, Versicherungen etc. zzgl. Ernährung) der verbleibende Rest des monatlichen Einkommens für zu zahlende Raten nicht ausreicht. Oder kurz: Die zu leistenden monatlichen Gesamtausgaben sind höher als die Einnahmen. Verschuldet ist jemand dann, wenn er z. B. einen Kredit aufgenommen hat, den er aber ordnungsgemäß tilgen kann.“ 18
In dem Kapitel „Warum finanzieller Verbraucherschutz - präventive Schuldnerberatung?“ habe ich es bereits angesprochen, sinnvoller Verbraucherschutz bedeutet auch sinnvoller Umgang mit dem zur Verfügung stehenden Geld. Und, obwohl die Bundesrepublik zu den reichsten Ländern der Welt zählt, steigt die Zahl der verschuldeten Haushalte. Meiner Ansicht nach ist es wichtig, will man „Mißstände“ beseitigen, so müssen die Ursachen bekannt sein.
Leider schwebt einem Großteil der Gesellschaft immer noch das Bild des Schuldners vor, der durch Spielsucht, Drogen, Betrug o. ä., sich in diese verzwickte Situation gebracht hat. Das dies eher selten der Fall ist, möchte ich kurz in einer Ursachenbeschreibung aufklären.
Sich zu verschulden ist heutzutage „normal“, damit meine ich zunächst einmal den Umgang mit EC-/Kreditkarten, die Inanspruchnahme von Dispokrediten oder auch Leasing. Auch ein Hausbau/-kauf ist ohne Hypothekenkredit kaum mehr denkbar. Sich zu verschuldenm ist also sicher keine reine Erziehungsangelegenheit. Der Mensch ist ein Gesellschaftswesen und wird daher durch viele Bereiche beeinflußt. Er ist bei vielen Dingen (Hausbau) sogar gezwungen, sich zu verschulden.
18 Ulf Groth, Schuldnerberatung, Campus Verlag, Frankfurt 1988
15
Groth/Schulz/Schulz-Rackoll schreiben dazu 19 :
„Es läßt sich zusammenfassend feststellen, daß die Verschuldung unserer gesellschaftlichen Normalität entspricht, gewünscht ist und als akzeptierter Bestandteil der Kreditgesellschaft inzwischen positv sanktioniert ist.“
Gerade junge Menschen verschulden sich aber oftmals, weil sie ihre finanziellen Möglichkeiten überschätzen, unerfahren im Umgang mit Finanzpartnern sind oder weil umweltbedingtes Prestige-Denken (Marken-Denken) zu leichtsinnigen Käufen führt.
Auch Suchtproblematiken und psychische Erkrankungen 20 sind oftmals Grund für eine Überschuldungssituation.
Das monatliche Abzahlen eines Kredites ist bei Abschluß in der Regel unproblematisch, kritisch wird es erst, wenn Unvorhergesehenes passiert. Die Geburt eines Kindes, ein Unfall oder Todesfall können kritische Lebenssituationen sein. In mehr als einem Drittel 21 ist der Verlust des Arbeitsplatzes der Beginn einer Schuldenbiographie.
Oft kommen zudem mehrere Situationen zusammen, das Ergebnis ist eine hohe Verschuldungssumme.
Unsere Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt, wir sind medien- und trendorientiert geworden, nie zuvor in der Geschichte ist soviel Geld in Werbung geflossen wie jetzt in den letzten Jahren des 20. Jahr-hunderts.
Wer heute „in“ sein möchte hat ein Auto, eine teure Stereoanlage, Computer und fliegt zweimal im Jahr in den Süden. Den „schwarzen Peter“ völlig an die
19 Groth, Ulf / Schulz, Rolf / Schulz-Rackoll, Rolf; Handbuch Schuldnerberatung - Neue Praxis in der Wirt-
schaftssozialarbeit, Frankfurt/Main; New York 1994
20 Vgl. ebd. Seite 198ff.
21 BMFuS, Überschuldungssituationen und Schuldnerberatung in der Bundesrepublik Deutschland,
Bonn1992
16
Werbung zugeben ist sicher ungerecht, zeigt sie uns doch nur das, was wir wollen. „Jung, schön und erfolgreich“, dieses Bild ist zum Ausdruck unser Gesellschaft geworden. Um dazu zu gehören ist es „notwendig“ geworden, die Statussymbole unserer Zeit zu besitzen, sei es für 18.000 DM eine Stereoanlage oder den Breitbild-Fernseher. Mit den „Karten ihres Vertrauens machen sie den Weg frei“ und für den Teil der Bevölkerung, die sich diese Statussymbole nicht leisten können, gibt es ja auch noch „die Bank ihres Vertrauens“. Es gibt viele Gründe für diesen Trend in der Gesellschaft, steigende Löhne, sinkende Arbeitszeit oder neue Arbeitszeitmodelle, und die Sicherheit des Sozialstaates, Industrie und Medien steuern ihrerseits einen Teil bei.
„Der kreditierte Konsum ist Zeichen unseres Wohlstandes: Nur wer ‚mithält‘ und konsumiert, gehört dazu. Gesellschaftliches Sein definiert sich über Konsum. Konsum immer höherwertiger, teurer, z. T. aber auch kurzlebiger Gebrauchsgüter.“ 22
Daraus ergibt sich der starke Stellenwert von psychosozialen Aspekten bei Kaufentscheidungen. Wir definieren unsere Identität heute stärker als früher über unseren Konsum. Die klassischen Möglichkeiten, wie Familie oder Kirche, haben heute stark an Bedeutung verloren, die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe wird heute über den Faktor Konsum definiert. Kauf/Konsumentscheidungen werden heute eher emotional getroffen, der tatsächliche Gebrauchswert tritt in den Hintergrund.
Konsumgüter haben somit auch einen Symbol- bzw. Kompensationscharakter. Mangelndes Selbstwertgefühl, Einsamkeit oder Unzufriedenheit sollen durch den Kauf von Kleidung etc. kompensiert werden. Die erkaufte Attraktivität und Individualität führt zu einer günstigeren Selbsteinschätzung, denn mit den neuen Sachen werden auch deren Eigenschaften mit übernommen. Gerade Jugendliche und junge Erwachsene, die sich gerade in einer Identitätsfindungsphase befinden, sprechen gerade deswegen besonders auf den symbolischen Charakter von Konsum an.
22 Groth, Ulf / Schulz, Rolf / Schulz-Rackoll, Rolf; Handbuch Schuldnerberatung - Neue Praxis in der Wirt-
schaftssozialarbeit, Frankfurt/Main; New York 1994
17
Kredite und Schulden haben in den vergangenen Jahren nicht nur die Marke: „Normalität“ erreicht, sie sind mittlerweile „notwendig“.
„Nur wenn ein ausreichend hohes Kreditvolumen, für das entsprechend hohe Zinsen zu zahlen sind, herausgelegt wird, nehmen die Institute genügend Kapital ein, um den Reichtum der Gesellschaft durch die Zahlung von Zinsen zu amortisieren. [...] Würden diese beiden Kreditnehmergruppen (Staat und Verbraucher, d. Verf.) in ihrer jeweiligen Größe als zuverlässige Kreditnehmer nicht derartig große Marksegmente bilden, könnte es zu Problemen mit der Finanzierung unseres Reichtums kommen.“ 23
Schulden sind volkswirtschaftlich also überlebenswichtig. Da viele Großunternehmen mittlerweile über genügend Eigenkapital verfügen, ist der private Kunde in den letzten Jahren konsequent ins Fadenkreuz genommen worden. Als Kreditsicherheit wird heute, anders als früher nicht das vorhandene Einkommen, sondern vielmehr das Einkommen der Zukunft benutzt. Allfinanzkonzepte mit Versicherungen, Girokonto und Bausparfinanzierung gehören mittlerweile zum Angebot jeder Bank. Durch die Einführung des bargeldlosen Geldtransfers, Bestellungen via Internet/Telefon/Katalog und durch die neuen Online-Shopping Möglichkeiten geht der Bezug zum Geld Schritt für Schritt verloren. Schulden und Schuldner sind also grotesker Weise ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.
23 ebd.
18
Das Ziel dieser Arbeit ist im weitesten Sinne ein mündiger Konsument, wodurch zeichnet sich ein mündiger Konsument aber aus? Die Frage ist schwer zu beantworten, da es keinen Ideal-Konsumenten oder ein Modell gibt. Ich möchte aber versuchen, Eigenschaften, Wissensinhalte und Fähigkeiten zu finden, die ein mündiger Konsument haben sollte. Diese Eigenschaften müßten dann entsprechend der Lernziele des Präventionskonzeptes, sowohl für Schüler als auch für Lehrer, sein.
Aus meiner Sicht müßte ein mündiger Konsument theoretisch in jedem Bereich des Finanzlebens gewisse Grundkenntnisse haben, die ihn befähigen, für ihn positive Entscheidungen zu treffen oder sich kompetenten und neutralen Rat zu suchen. Neben der Definition von positiven Konsumenten-Eigenschaften, möchte ich mit diesem Kapitel aber gleichzeitig einen kurzen Einblick in das Thema Verbraucherschutz allgemein geben (Stichwort: Informationsdarlegung). Ein Konzept zum Verbraucherschutz zu vertreten, setzt Fachkenntnisse voraus. Ich möchte hier an dieser Stelle notwendige Grun-dinformationen für Multiplikatoren bereitstellen, die als Wissensbasis dienen könne, daher möchte ich im folgenden die verschiedenen Bereiche mit Inhalt füllen.
Spätestens mit dem Ende der Schulzeit und mit dem Beginn der Ausbildung orientieren sich viele Jugendliche und junge Erwachsene um, der Blick zielt nun auf die „Privilegien“ Erwachsenenwelt. Ab dem 16. Lebensjahr sind Jugendliche und junge Erwachsene in der Lage, den ersten Zweiradführerschein zu erwerben; auch der Wunsch nach einem eigenen Fahrzeug wird ab diesem Zeitpunkt größer. Betrachtet man die Preise z. B. für einen herkömmlichen Motorroller wie eine Vespa, so liegen diese bereits in einem Bereich von mehreren tausend Mark. Ab dem 18. Lebensjahr kommt mit dem Autoführerschein natürlich auch der Wunsch nach einem Auto dazu.
Der Kauf eines Fahrzeuges, egal ob Auto oder Zweirad, birgt eine große finanzielle Entscheidung, denn selbst ein gebrauchtes Auto ist kaum unter 2000 DM zu erhalten. Zu den Anschaffungskosten kommen in der Folge die Kosten
19
für Versicherung und Unterhalt hinzu, oftmals werden diese Zahlen gar nicht berücksichtigt.
Vor dem Kauf eines Fahrzeuges gilt es also, folgende Fragen zu bedenken und erst einmal zu rechnen: Was kostet die Unterhaltung? Ist ein etwas teureres oder kleineres nicht vielleicht günstiger im Hinblick auf Versicherungen? Wie sieht es mit dem TÜV aus? Sind möglicherweise versteckte Mängel vor-handen? Fällt es noch unter geltende Umweltnormen? Gibt es eine Garantiezeit? Ist es ein Unfallfahrzeug?
Es gibt sicher noch mehr Fragen, gerade der Bereich der technischen Mängel führt oft zu bösen Überraschungen. Auch von „Kumpels“ getunte Zweiräder entsprechen nur selten den geltenden TÜV-Vorschriften und sind daher nicht zugelassen. Wer ein nicht zugelassenes Fahrzeug aber fährt, hat keinen Versicherungsschutz und macht sich sogar strafbar!
Bei einem Fahrzeugkauf gilt also, fragen sie den Verkäufer und sprechen sie wegen der Versicherungskosten mit ihrer Gesellschaft! Bei Neufahrzeugen ist oft ein Preisnachlaß durch sofortige Barzahlung möglich, fragen sie danach. Den Finanzierungsmodellen von Autohäusern ist zunächst mit Vorsicht zu begegnen, die ortsansässige Verbraucherzentrale berät hier. Sehr viel kritischer als der Kauf von Neufahrzeugen ist der Kauf eines gebrauchten Autos oder Zweirades, hier ist zu unterscheiden, ob über einen Händler oder privat gekauft werden soll. In beiden Fällen gilt aber, Kauf nur in Begleitung einer versierten Person! Ist diese nicht vorhanden, so bieten ortsansässige Automobilclubs, wie der ADAC, auch für Nicht-Mitglieder den Service, das Kaufobjekt durchzuchecken. Auch beim Aufsetzen eines privaten Kaufvertrages helfen die Clubs. Ein ehrlicher Verkäufer wird keine Einwände erheben und die Kosten dieser Diagnose sind allemal geringer als ein später auftretender Schaden.
Eigenschaften eines mündigen Konsumenten beim Fahrzeugkauf müßten daher sein:
- Bei einem Fahrzeugkauf die eigenen finanziellen Möglichkeiten genau bedenken.
- Folgekosten mit in die Kaufentscheidung einfließen zulassen. - Auf Verkehrssicherheit achten und technische Mängel. - Rat bei kompetenten Personen/Institutionen einholen.
20
Bei einem Kaufvertrag gilt allerdings, beide Partner müssen rechts- und geschäftsfähig sein. Die Rechtsfähigkeit wird mit der Geburt erworben 24 .
Die „Geschäftsfähigkeit ist die Fähigkeit, Rechtsgeschäfte selbständig und gültig abzuschließen.“ 25
Um ein Rechtsgeschäft, wie z. B. einen Kaufvertrag abzuschließen ist die Rechts- und Geschäftsfähigkeit notwendig. Da Kinder und Jugendliche erst mit zunehmendem Alter das Ausmaß ihrer Entscheidungen überblicken können, teilt das deutsche Recht die Geschäftsfähigkeit in verschiedene Altersstufen. Durch diese Regelung sollen Kinder und Jugendliche, die unüberlegt eine Geschäft abgeschlossen haben, vor Rechtsfolgen (wie z. B. Schulden) geschützt werden.
Das Recht kennt drei Stufen der Geschäftsfähigkeit: Nach § 104 BGB 26 ist jeder geschäftsunfähig, der das 7. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, ebenso die Person, die „dauernd krankhaft geistesgestört“ oder „wegen Geisteskrankheit entmündigt“ 27 ist.
Die zweite Stufe ist die beschränkte Geschäftsfähigkeit, § 106 BGB, sie gilt für alle, die das 7. Lebensjahr überschritten, aber das 18. Lebensjahr noch nicht erreicht haben. Ebenso für alle Personen über dem 18. Lebensjahr, die auf-grund von Geistesschwäche, Verschwendung oder Trunksucht entmündigt worden sind (§ 114 BGB).
Die dritte Stufe ist die unbeschränkte Geschäftsfähigkeit, sie tritt mit dem vollendeten 18. Lebensjahr ein (§ 2 BGB).
Ein Vertrag mit Minderjährigen ist also nur dann gültig, wenn diesem auch ein Erziehungsberechtigter zustimmt. Es gibt jedoch drei Ausnahmen. Nach § 107 BGB sind auch solche Rechtsgeschäfte gültig, die der nur beschränkt geschäftsfähigen Person nur rechtliche Vorteile bringen. Hier wäre z. B. die Schenkung eines Fahrrades denkbar, nicht aber die Schenkung eines
24 §1 BGB „Die Rechtsfähigkeit des Menschen beginnt mit der Vollendung der Geburt.“, Stascheit, Ulrich
(Hrsg.); Gesetze für Sozialberufe; Baden Baden 1994
25 Baumann, Herbert / Sitzmann, Alfred; Unsere Gesellschaft - Gemeinschaftskunde für berufsbildende
Schulen in Niedersachsen; Köln 1987
26 Stascheit, Ulrich (Hrsg.); Gesetze für Sozialberufe; Baden Baden 1994
27 ebd.
21
Tieres. Letzteres bringt nicht nur Vorteile, sondern auch Verpflichtungen mit sich und bedarf so der Zustimmung eines Erziehungsberechtigten. 28
Wichtig für den Bereich Verbraucherschutz ist der sogenannte „Taschengeldparagraph“ (§ 110 BGB). Geschäfte sind gültig, wenn das Geschäft aus Geldern (Taschengeld) bestritten wurden, die dem beschränkt Geschäftsfähigen zur freien Verfügung stehen.
Wenn aus angesparten Taschengeldern also eine größere Anschaffung getätigt wird, so ist diese legal und gültig.
Die letzte Ausnahme betrifft § 113 BGB, Rechtsgeschäfte sind demnach gültig, „die der beschränkt Geschäftsfähige innerhalb eines (mit Zustimmung des gesetzlichen Vertreters) eingegangenen Arbeits- oder Dienstverhältnisses abschließt“. 29
Wichtig ist nochmals zu bemerken, daß die Ausnahmen nur für beschränkt geschäftsfähige Personen zutreffen und somit Kinder, die das 7. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, nicht unter diese Ausnahmen fallen.
Wohnen heißt für viele zunächst einmal Miete zahlen, Miete ist für den Bereich „Verbraucherschutz bei Jugendlichen“ aber ein eher untergeordnetes Thema. Zu wenig Jugendliche besitzen eine eigene Wohnung, da viele noch bei den Eltern leben. Mit einer Wohnung werden, aufgrund von Miete oder Nebenkosten in der Regel keine Schulden gemacht. Im Gegenteil, es ist oft die Miete, die unter Schulden „zu leiden“ hat und nicht mehr gezahlt werden kann. Zu einer Wohnung gehört aber mehr, Miete und laufende Kosten sind bei Übernahme bekannt und daher kalkulierbar. Auch wenn Mietwucher oder bauliche Mängel ein immer größeres Thema werden, insbesondere der Bereich Mängel, so ist dieses Thema in sich viel zu Komplex für diese Diplomarbeit und hat auch keinen direkte Bezug zum Komplex Verbraucherschutz. Bei Verdacht auf Mietwucher oder Baumängel sollte die Verbraucherzentrale oder der Mieterbund eingeschaltet werden.
28 Vgl. Baumann, Herbert / Sitzmann, Alfred; Unsere Gesellschaft - Gemeinschaftskunde für berufsbildende
Schulen in Niedersachsen; Köln 1987; Seite 110 ff.
29 ebd.
22
Wohnen bedeutet aber nicht nur Miete zahlen. Wohnen, ob in der eigenen Wohnung oder bei den Eltern, bedeutet auch einrichten. Ein nicht unbeträchtlicher Teil an Schulden wird bei der ersten Einrichtung gemacht 30 . In den Komplex „Wohnung einrichten“ spielen viele Belange mit hinein, ein sehr großer Teil ist aber auf Verbraucherverhalten und Werbung zurückzuführen.
Die Werbung und ihre Strategien haben sich in den letzten Jahren sehr ge-wandelt. Nicht mehr der Gebrauchswert oder die Funktionalität einer Ware sind Mittelpunkt der Werbung, sondern die Vermittlung eines Lebensstils. Gesellschaftliche und psychosoziale Aspekte (vgl. Kapitel 2.2) sind heute Gründe für eine Kaufentscheidung. Die Werbung hat diesen Wandel natürlich aufgegriffen und wirbt mit den symbolischen Eigenschaften, die durch den Kauf erreicht werden. In der Werbung geht es nicht mehr um Dinge wie „praktisch“ oder „sinnvoll“, Life-Style, „voll im Trend“ zu liegen und an einer „neuen Kultur“ teilzuhaben ist ihr heutiger Inhalt. Die Funktionalität eines Produktes ist hinter dem Vermitteln einer Identitätsdefinition zurückgetreten. Spezielle Präsentationstechniken und Tricks verstärken dies zudem. Ich möchte daher zwei Beispiele geben, zum einen in Bezug auf Vermittlung eines Lebensstils, zum anderen in Bezug auf psychologische Strategien.
Handy’s liegen in den letzten Jahren voll im Trend; der sinnvolle Apparat für den Manager hat überall Einzug gehalten, auch längst bei Jugendlichen. Die Werbeindustrie hat ganz bewußt diesen Trend in die „Kinderzimmer“ getragen, denn hier ist der Markt der Zukunft. Bereits heute gibt es spezielle Handy-Angebote für Jugendliche. Das Credo der Unabhängigkeit, der immer währenden Erreichbarkeit drs Handy‘s umweht, ist besonders für Jugendliche anziehend, denn in diesem Lebensabschnitt ist der Drang nach Unabhängigkeit am größten.
1000 bis 1500 DM Handy-Schulden sind durchaus keine Seltenheit mehr.
30 Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.); Was mach ich mit meinen
Schulden - Hilfe für überschuldete Familien durch Schuldnerberatung, Bonn 1998
23
„In vielen Cliquen sei das eigene Handy inzwischen Aufnahmebedingung. ‚Wer da rein will, muß oft sogar beim gleichen Anbieter telefonieren, weil der irgendwie besonders hippe Vertragsbedingungen hat‘.“ 31
Auch die Alternative durch wiederaufladbare Telefonkarten, den Telefonkonsum der Jugendlichen zu regeln, wie sie manche Eltern betreiben, wird wenig daran ändern und Schulden vorbeugen. Thomas Kröger, von der Schuldnerhilfe Köln: „Wenn die Gewohnheitstelefonierer die Beiträge später selbst zahlen müssen und sich dafür wieder Geld leihen, gibt’s trotzdem Probleme.“ 32
„Die Untersuchung eines Frankfurter Marktforschungsinstitutes ergab, daß fast jeder zweite Kunde, der einen Selbstbedienungsladen betritt, mehr als doppelt soviel ausgibt, als er vorhatte.“ 33
Der größte Kunde in deutschen Warenhäusern sind wir selbst und dieser Markt ist größtenteils erschlossen, es ist nur zu verständlich, daß die Wirtschaft für sich versucht, ein Optimum an Gewinn zu erzielen. Der Beruf des Werbe-/Verkaufspsycholgen hat daher Hochkonjunktur. Um bei einem Einkauf, z. B. in einem Supermarkt nicht mehr Geld auszugeben, als man eigentlich vorhatte, empfiehlt es sich, die „Fallen“ zu kennen 34 . Etwa 80 % der Bevölkerung haben einen „Rechtsdrall“, das bedeutet, sie schwenken in Geschäften unwillkürlich nach rechts. Aus diesem Grund sind zumeist teure oder verderbliche Güter rechts untergebracht. Zum Beispiel die Elektroabteilung, Parfümerien oder Frisch-Gemüse/Obst-Theken. Güter des alltäglichen Bedarfs, wie Brot findet sich dagegen auf der linken Seite. Auch die Regale in den Geschäften gehorchen unserer Psychologie, bzw. in diesem Fall unserer Psychomotorik. Da wo unsere Augen blicken, „steuern“ wir eher hin. Luxusartikel oder teurere Bedarfsgüter/Lebensmittel finden sich daher immer in Augenhöhe. Produkte in Kniehöhe werden schon erheblich seltener gekauft, daher sind sie i. d. R. billiger. Produkte die gar ganz unten im
31 Stumpe, Andrea; Lustvoll, aber kontrolliert; Der Spiegel 15/1999, Seite 158 ff.
32 ebd.
33 Baumann, Herbert / Sitzmann, Alfred; Unsere Gesellschaft - Gemeinschaftskunde für berufsbildende
Schulen in Niedersachsen; Köln 1987
34 Vgl. ebd.
24
Arbeit zitieren:
Dipl.-Soz.Päd. Stefan Schaper, 1999, Verbraucherschutz in Schulen unter besonderer Berücksichtigung von finanziellen Möglichkeiten, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Sozialpolitik für alte Menschen im europäischen Vergleich
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Seminararbeit, 14 Seiten
Die Problematik des hemmungslosen Ausbaus des Sozialstaates - Beispiel...
Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche
Seminararbeit, 21 Seiten
Das Konzept der fraktalen Affektlogik und die Theorie der rational-emo...
Hausarbeit, 34 Seiten
Gewaltpräventive und bedürfnisorientierte sozialpädagogische Förderung...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 37 Seiten
Kommerzialisierung der Kindheit
Pädagogik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden
Hausarbeit, 16 Seiten
Auswirkung der Einführung von Diagnosis-Related-Groups auf die Qualitä...
Pflegemanagement / Sozialmanagement
Seminararbeit, 16 Seiten
Die Bedeutung der novellierten Insolvenzordnung (01.12.2001) für die S...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 79 Seiten
Das soziale Sicherungssystem Schwedens
Politik - Internationale Politik - Region: Westeuropa
Hausarbeit, 22 Seiten
Stefan Schaper's Text Verbraucherschutz in Schulen unter besonderer Berücksichtigung von finanziellen Möglichkeiten ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Stefan Schaper hat den Text Verbraucherschutz in Schulen unter besonderer Berücksichtigung von finanziellen Möglichkeiten veröffentlicht
Stefan Schaper hat einen neuen Text hochgeladen
Der Schutz bekannter Marken unter besonderer Berücksichtigung der zivi...
Vertrags- und Haftungsfragen u...
Enzo Baiocchi
0 Kommentare