Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin Wintersemester 1997/8 Hauptseminar: Die griechische Polis
Jacob Burckhardt in seiner Zeit:
Das Bild der Polis in seiner „Griechischen
Kulturgeschichte“
Christoph Marx
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Anstatt einer Biographie: Jacob Burckhardts Werke als politische Reaktion auf seine Zeit 6
3. Der kulturgeschichtliche Ansatz Jacob Burckhardts: Die Einleitung zur "Griechische(n)
Kulturgeschichte " 11
4. Jacob Burckhardts Bild der Polis in der "Griechischen Kulturgeschichte" 15
4.1. Burckhardts Begriff und Definition der Polis 15
4.2. Die Entstehung der Polis. 17
4.3. Das ambivalente Wesen der Polis. 19
4.3.1. Die Polis als totalitäre Macht über das Individuum. 19
4.3.2. Die Polis als Schöpferin kultureller Höchstleistungen 21
4.4. Zusammenfassende Deutung des Burckhardtschen Polisbildes und ihr Gegenwartsbezug22
4.5. Burckhardts Angst vor den Massen: Die athenische Demokratie als Untergang der Polis 24
5. Schlußbetrachtung 28
6. Literaturverzeichnis 32
"Historisches Denken ist nie rein auf Vergangenes bezogen; sein Gegenstand ist immer charakteristiert durch einen
Bedeutungsgehalt, der die jeweils thematisierte Vergangenheit mit der Gegenwart des Historikers verbindet. 1
1. Einleitung
Der Basler Geschichtsprofessor Jacob Burckhardt (1818-1897) gilt heutzutage unumstritten als einer der bedeutendsten und innovatisten Geschichtsdenker seiner Zeit, und die zahlreichen aktuellen Publikationen über ihn und sein Werk 2 beweisen das ungebrochene Interesse der modernen Geschichtswissenschaft an dieser faszinierenden Persönlichkeit. Unter seinen Zeitgenossen war er allerdings zutiefst umstritten, und er galt als ein eher sonderbarer Außenseiter innerhalb der Gelehrtenzunft. Denn als sich die meisten Historiker seiner Zeit angesichts der politischen und gesellschaftlichen Umbruchsprozesse als politisch engagierte Professoren verstanden und damit im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses standen 3 , zog sich Burckhardt völlig aus dem öffentlichen Leben zurück und widmete sich ganz seinen historischen Studien So entstand das vielfach bis heute gepflegte Bild von Jacob Burckhardt als dem "weltabgewandten Kontemplator und unpolitischen Connaisseur der alteuropäischen Bildungs-und Kunstwelt." 4 Sein besonderes Erkenntnisinteresse lag nämlich in der römischen und griechische Antike. Zahlreiche Veröffentlichungen wiesen ihn als genauen Kenner der antiken Lebens- und Geisteswelt aus. Seine "Griechische Kulturgeschichte" gehört hierbei zu seinen umstrittensten Werken. Neben seiner unkonventionellen Methodik irritierte vor allem seine Darstellung der griechischen Polis, die den bisherigen Interpretationen der Altertumswissenschaft fast gänzlich widersprach.
Diese Arbeit will nun zeigen, daß Burckhardts Geschichtsdenken entgegen der landläufigen Meinung keineswegs als prinzipiell apolitisch und weltentrückt charakterisiert werden kann, sondern es vielmehr als bewußte Reaktion auf die gesellschaftlichen und politische Umbrüche
1 Zitiert nach: Jörn Rüsen, Unzeitgemäßer Gegenwartsbezug im Geschichtsdenken Jacob Burckhardts, in: Philosophisches Jahrbuch 84 (1977), 433-442. Hier: 433.
2 An aktuellen Publikationen wäre hier zu nennen: Thomas Noll, Vom Glück des Gelehrten -Versuch über Jacob Burckhardt, Göttingen 1997; Hans R. Guggisberg (Hg.), Umgang mit Jacob Burckhardt, Basel 1994. 3 So wählte Ranke offen die Rolle eines politischen Fürstenberaters, und Droysen oder Treitschke stellten ihre Historie bewußt in den Dienst politischer Zielsetzungen. Vgl.: Wolfgang Hardtwig, Wissenschaft als Macht oder Askese: Jacob Burckhardt, in: ders., Geschichtskultur und Wissenschaft, München 1990, 162-188. Hier: 163. 4 Zitiert nach: Ebda, 162.
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seiner Zeit verstanden werden muß. Dies soll anhand einer genauen Analyse der Burckhardtschen Darstellung der griechischen Polis in der "Griechische(n) Kulturgeschichte" nachgewiesen werden.
Eine Untersuchung über den Gegenwartsbezug des Burckhardtschen Polisbildes setzt allerdings notwendigerweise einige Voruntersuchungen voraus. So soll im ersten Abschnitt der Arbeit auf die wichtigsten biographischen Stationen und Werke Burckhardts vorgestellt und ihre unmittelbare Beziehung zu den gesellschaftlichen Umbrüche der Zeit herausgearbeitete werden. Der zweite Teil widmet sich dem kulturgeschichtlichen Ansatz Jacob Burckhardts. Die Kenntnis dieser spezifischen Methodik Burckhardts ist eine unerläßliche Voraussetzung für das Verständnis seine Interpretation der griechischen Polis, die dann ausführlich im dritten Teil analysiert werden soll. Hierbei wird der Schwerpunkt bei Burckhardts eher allgemeinen Interpretation des Wesens der griechischen Polis liegen. Auführlich wird nur Burckhardts konkrete Beschreibung der attischen Demokratie interpretiert werden, weil in ihr am deutlichsten der Gegenwartsbezug der Burckhardtschen Interpretation sichtbar wird. Eine zwischenzeitliche Zusammenfassung und abschließendes Resumee sollen diese Arbeit abrunden. Die Forschungsliteratur zu Jacob Burckhardt ist inzwischen äußerst reichhaltig, auch wenn sie teilweise sehr allgemein gehalten ist. Für meine Fragestellung als sehr hilfreich haben sich neben der wichtigen geschichtstheoretischen Arbeit von Jörn Rüsen 5 vor allem die groß angelegte Biographie von Werner Kaegi 6 sowie die Untersuchungen von Wolfgang Hardtwig 7 und E.M. Janssen 8 erwiesen. Ansonsten stützt sich die Arbeit wesentlich auf die Originalbelege in der "Griechischen Kulturgeschichte" 9 .
5 Jörn Rüsen, Jacob Burckhardt, in: Hans-Ulrich Wehler (Hg.), Deutsche Historiker III, Göttingn 1972, 7-28. 6 Werner Kaegi, Jacob Burckhardt. Eine Biographie, 7 Bde., Basel 1947-1982.
7 Wolfgang Hardtwig, Geschichtsschreibung zwischen Alteuropa und moderner Welt -Jacob Burckhardt in seiner Zeit, Göttingen 1974.
8 E.M. Janssen, Jacob Burckhardt und die Griechen, Assen 1979.
9 Jacob Burckhardt, Griechische Kulturgeschichte, Bd. I-IV, München 1977. Im weiteren: Griechische Kulturgeschichte.
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2. Anstatt einer Biographie: Jacob Burckhardts Werke als
politische Reaktion auf seine Zeit
Die Veröffentlichung seiner "Griechischen Kulturgeschichte" hat Jacob Burckhardt selber nicht mehr erleben können. Erst ein Jahr nach seinem Tod 1897 wurde sein umfassendes Werk, an dem er insgesamt über 20 Jahre gearbeitet hatte und welches primär nicht zur Veröffentlichung bestimmt war., von seinem Neffen Jacob Oeri herausgegeben und wurde sogleich, wie es Burckhardt geahnt hatte, von der Fachwelt auf heftigste abgelehnt. 10 Es sollten noch Jahrzehnte vergehen, bis auch die Fachwelt die Originalität und die Intention dieses Vorhabens angemessen beurteilen und würdigen konnte. Dieser Außenseiterposition von Jakob Burckhardt innerhalb seiner Zunft, die durch diesen Sachverhalt deutlich wird, soll nun zunächst anhand einer kurzen Darstellung seiner Biographie in bezug auf die Einordnung seiner "Griechischen Kulturgeschichte" nachgegangen werden.
Jacob Burckhardt wurde 1818 als Sohn eines renomierten Pfarrers in Basel geboren. Er stammte also aus der bürgerlichen oberen Mittelschicht, die sich besonders durch intellektuelle Bildung definierte. Nachdem er zwei Jahre in Basel auf Wunsch des Vaters in Theologie eingeschrieben war, wechselte er 1839 nach Berlin, um bis 1843 Geschichte und Kunstgeschichte zu studieren. 11 Das Ringen um die geistige Freiheit durch geistesgeschichtliche Studien stand hierbei im Mittelpunkt seiner Bestrebungen. So schrieb er 1842 in einem Brief an Kinkel:
" (...) Die höchste Bestimmung der Geschichte der Menschheit: die Entwicklung des Geistes zur Freiheit, ist mir leitende Überzeugung geworden, und so kann mein Studium mir nicht untreu werden, kann nicht sinken laßen, muß mein guter Genius bleiben mein lebenslang". 12
Dieser hier erkennbare Idealismus erinnert an Hegel, aber vor allem auch an den zentralen Ausgangspunkt des deutschen Historismus, der die Idee der Freiheit als Prinzip der historischen Entwicklung ansah. 13 Dieser Vorstellung blieb Burckhardt prinzipiell immer treu. Dies ist sicherlich auf den Einfluß seines bedeutsamen akademischen Lehrers Leopold von Ranke, des
10 Vgl. hierzu: Werner Kaegi, Einführung in die "Griechische Kulturgeschichte", in: Ebda, I, XXff. 11 Zu den biographischen Daten vgl.: Rüsen, (Anm.5), 9.;Winfried Nippel (Hg.), Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, 250f.
12 Zitiert nach: Jacob Burckhardt, Briefe, I.Band, hg. von Max Burckhardt, Basel 1949, 207. ( im weiteren: Burckhardt, Briefe, I). Vgl. dazu auch: Jörg Rüsen, Politischer Standpunkt und historische Einsicht an der Schwelle zur Postmoderne, in: Guggisberg (Anm. 2), 101-117. Hier: 102. 13 Vgl.: Kaegi, (Anm.6), I, 59
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Begründers des Historismus, zurückzuführen. Ebenso beeinflußte Rankes Vorstellung von Europa als einer "im Schicksal gewachsener Familie freier Völker mit einem Schatz gemeinsamer Erinnerungen" 14 Burckhardts Geschichtsverständis maßgeblich. Sie bildete den Ausgangspunkt für seine spätere Werke, die sich bekanntlich der Kulturgeschichtsschreibung Alt-Europas widmete. Dieser Einfluß sollte -trotz aller sonstigen Distanzierung, die später noch thematisiert wird- nicht unterschätzt werden. 15 Neben Ranke hat August Boeckh den jungen Burckhardt in seiner Studienzeit inspiriert, denn ohne Boeckh, dessen Vorlesung "Griechische Altertümer" Burckhardt besuchte, wäre seine "Griechische Kulturgeschichte" vielleicht nicht entstanden. Hier hörte er zum erstenmal, daß Geschichtsschreibung -gerade des Altertums- primär eine Erforschung und Darstellung von Zuständen sei 16 und sie daher nicht nur vom Staat als politischem Handlungszentrum allein ausgehen, sondern auch die Faktoren Religion, Kunst und Privates als wichtige geschichtliche Antriebskräfte darstellen müsse. 17 Elemente der sogenannten Potenzentheorie Burckhardts, die im weiteren noch vertieft werden wird, werden hier sichtbar. Doch nicht nur methodisch, sondern auch inhaltlich wird Boeckhs Diktum, daß die Hellenen trotz des Glanzes ihrer Kunst unglücklicher gewesen seien, als die meisten glaubten, geradezu zum entscheidenden Ausgangspunkt für Burckhardts Konzeption der "Griechische Kulturgeschichte". 18
Während seiner Studienjahre wandelte sich auch zunehmend Burckhardts politischer Standpunkt. Befürwortete er anfangs noch vorsichtig die Forderung des Bürgertums nach einer konstitutionellen Monarchie, entwickelte er sich zunehmend zum bewußt konservativ denkenden Gebildeten. Denn Burckhardt verfolgte mit Entsetzen die zunehemende Radikalisierung des Bürgertums im Vormärz. Die bürgerliche Forderungen nach mehr Freiheitsrechten innerhalb des herrschenden obrigkeitsstaatlichen Systems wurden immer mehr von allgemein-politischen abgelöst, die eine Revolutionierung der gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse postulierten. Diese lehnte er entschieden ab, weil er damit den Bestand der geschichtlich gewachsenen Kultur- und Ideentradition Europas gefährdet sah. So arbeitete Burckhardt, nachdem er 1843 in Basel in absentia promoviert wurde, neben seiner Tätigkeit als Privatdozent als Journalist in Basel für die
14 Zitiert aus: Ebda, 74.
15 So schreibt er z.B. in einem Brief an Hermann Schreiber vom 4.3. 1842: "Ranke läßt sich fast mit keinem Menschen ein; doch ist es mir gelungen, sein Wohlwollen zu erweben. Von diesem wunderbaen Kauz kann ich Ihnen manches erzählen." Zitiert nach: Burckhardt, Briefe, II, 193. Vgl. allgemein dazu: Eberhard Keuel, Ranke und Burckhardt- Ein Forschungsbericht, in: Archiv für Kulturgeschichte 33 (1951), 351-379. 16 Vgl.: Kaegi, (Anm.6), II, 219ff. 17 Vgl.: Ebda, 52.
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"Basler Zeitung", eine der führenden schweizerischen konservativen Zeitungen. Hierin polemisierte er -teilweise barsch- gegen den in seinen Augen bürgerlichen Radikalismus seiner Zeit. 19 Er fühlte sich vielmehr dem primär unpolitischen humanistischen Freiheitsideal verpflichtet, welches die Herausbildung der freien Persönlichkeit durch allseitige Bildung verlangte. 20 Zunehmend resigniert über die tatsächlichen Entwicklungen seiner Zeit, zog er sich immer mehr vom gesellschaftlichen Leben zurück und widmete sich seinen Studien. Nur die Universität sah er noch als Raum, wo er seine Ideale verwirklichen konnte. Diese vita contemplativa sah er selbst als bewußte apolitische Reaktion auf die zunehmende Politisierung der Gesellschaft. So schreibt er in Berlin an Eduard Schauenburg kurz vor dem Ausbruch der 48-Revolution:
"Mein Kopf ist ein Kreuzfeuer von literarisch-geschichtlichen Plänen, und von Reiseprojekten, und von Leserei aller Art. Die Zeitgrillen vertreibe ich mir damit ganz wacker und lasse dieses verrückte Jahrhundert in Gottes Namen weiter rennen, wohin es will." 21
Die 1848erRevolution sah er dann auch als Zeichen einer kommenden Anarchie, die im Chaos enden wird. 22 Umso turbulenter die politischen Ereignisse um ihn herum, desto mehr isolierte sich Burckhardt. 23 Trotz aller von ihm selbst behaupteten Apolitie zeigte sich doch in den Produkten der Isolation, seinen historischen Studien, eine deutliche politische Reaktion auf das Zeitgeschehen. Erste Gedanken Burckhardts über ein Verfassen einer Kulturgeschichte mit besonderer Betonung des Griechentums sind bereits 1848 nachweisbar. 24 Die erste größere kulturgeschichtliche Arbeit des damals 35jährigen Burckhardt, die Monographie Die Zeit Constantins des Grossen, die er noch zwei Jahre vor seiner Ernennung zum Professor am Polytechnikum 1855 veröffentlichte, versuchte sich allerdings in der Deutung des Untergang des
18 So zitiert Burckhardt wörtlich das Diktum von Boeckh am Ende seiner Einleitung der "Griechischen Kulturgeschichte".
19 Vgl. hierzu: Emil Dürr, Jacob Burckhardt als politischer Publizist -Mit seinen Zeitungsberichten aus den Jahren 1844/5, Zürich 1937.
20 Dieser "bildungsaristokratische Liberalismus" war mit den damals bestehenden gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen kompartibel. Daß Burckhardt die feudalen Strukturen relativ unkritisch sah, ist sicher auch auf die Tatsache zurückzuführen, daß er aufgrund seiner angesehenen Herkunft immer relativ viel Freiheiten genoß.
21 Zitiert aus: Burckhardt, Briefe, III, 62. 22 Vgl.: Rüsen, (Anm. 5), 10.
23 So in einem Brief an Schauenberg vom 23.8.1848: "Ein eigentliches Verhältnis habe ich mit keinem Menschen; ich bin einsamer als je in meinem Leben. Zitiert nach: Anm.21, 105.
24 So im Brief an Andreas Hensler-Rykiner vom 19.1.1848: "(...) Darauf baue ich einen großen literarischen Plan: die Herausgabe einer Bibliothek der Culturgeschichte: Es sollten lauter kleine, lesbare wohlfeile Bändchen werden, theils von mir, theils von anderen Leuten, denen an der Popularisierung der Wissenschaft etwas liegt. Was sagen Sie zu folgenden Thematgen: Das perikleische Zeitalter -die spätere römische Kaiserzeit...". Zitiert nach: Ebda, 94.
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spätrömischen Reiches. 25 Hierin analysiert Burckhardt den kulturellen Auflösungsprozeß des dritten nachchristlichen Jahrhundert als Folge der zunehmenden Dekadenz und der Priorität materieller Werte. Diese Kritik der spätantiken Kultur ist untrennbar mit seiner Deutung der Krise der Zeit verbunden, wie Äußerungen zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Gegenwart zeigen. 26
Obwohl er persönlich mit seiner Berufung auf den Lehrstuhl 1858 in Basel sein Lebensziel erreichte, sah Burckhardt nach 1848 eine in seinen Augen abgründige und abstoßende Welt vor sich; konkret fürchtete er als Mensch des Geistes die Jahrzehnte der Revolutionen, und hier vor allem die aus ihnen resultierten Kriege 27 , wobei er bereits prophetisch einen großen Flächenbrand in Europa prophezeite. 28 Sein auch die folgenden Werke kennzeichnendes Erkenntnisinteresse galt aufgrund dieser Erfahrungen vor allem der Interpretation von historischen Umbrüchen. Nach seinem Cicerone 1854/5 29 folgte dann 1860 sein wohl bekanntestes Opus Die Cultur der Renaissance, in dem er genialisch die Entdeckung des Ichs und der Welt durch den Menschen in Kunst und Kultur am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit deutete. 30 Besonders durch dieses Werk wurde er zu einem der bekanntesten Historiker des deutschsprachigen Raums, doch lehnte er alle Rufe deutscher Universitäten, darunter auch das Angebot als Nachfolger Rankes in Berlin 1872 ab, und ließ sich 1886 von der historischen Professur in Basel entbinden. Seine Weigerung, eine deutsche Professur anzunehmen, war auch auf die wachsende Nationalbegeisterung der deutschen Historikerzunft und die daraus folgende Politisierung des Historismus, die sich besonders nach der erfolgreichen deutschen Einigung durch Bismarck 1870 verstärkte, zurückzuführen. Diese lehnte er entschieden ab, ebenso wie die immer stärkere werdende Industrialisierung und Verstädterung infolge eines rapide wachsenden Kapitalismus, welcher den Besitz von Geld zum einzig gültigen Wert erklärte. 31 Die aufkommende Arbeiterbewegung mit ihren Postulaten nach Demokratie und sozialer Gleichheit verstärkte nun für Burckhardt noch diesen Vermassungsprozeß des Menschen, an dessen Ende ihm die geistfeindliche
25 Zu "Constantin“ allgemein: Kaegi, (Anm.6), 377-420.
26 Vgl. die Interpretation des "Constantin" mit zahlreichen Belegen bei: Irmgard Siebert, Jacob Burckhardt -Studien zur Kunst- und Kulturgeschichtsschreibung, Basel 1991, 73-113. Besonders: 99-113.
27 So neben dem Krimkrieg 1854 besonders die Kriege Bismarks zur Einigung des Deutschen Reiches. Vgl.: Kaegi, V -Das Neuere Europa und das Erleben der Gegenwart, 448ff.
28 So vgl.: Ernst Walter Zeeden, Der Historiker als Kritiker und Prophet -Die Krise des 19.Jahrhundert im Urteil Jacob Burckhardts, in: Die Welt als Geschichte 3 (1951), 154-173. Hier besonders: 172f. 29 Zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte: Kaegi , (Anm.6), 425-528. 30 Vgl. allgemein: E.M. Janssen, Jacob Burckhardt und die Renaissance, Assen 1970.
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Christoph Marx, 1998, Jacob Burckhardt in seiner Zeit: Das Bild der Polis in seiner "Griechischen Kulturgeschichte", München, GRIN Verlag GmbH
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