Auch und gerade in einem pluralistischen System dürfen schlechter organisierte Interessen von
Minderheiten nicht vernachlässigt werden. Um diese durchsetzen zu können, schließen sich die
einzelnen Mitglieder zu einer Organisation zusammen. So können ihre Belange effektiver und
effizienter vertreten werden. In unserem Fall von Terre des Femmes mag es merkwürdig
anmuten, dass die Hälfte der Weltbevölkerung sich erst politisch organisieren muss, um gehört zu
werden. Ein über die Jahrhunderte etabliertes System der Unterdrückung hat jedoch auch Frauen
zu einer Art Minderheit gemacht, nicht messbar in Zahlen, sondern vor allem was den Schutz
ihrer Rechte betrifft. Der allgegenwärtige Androzentrismus unserer Gesellschaft (und besonders
unseres politischen Systems) erhält diesen künstlichen Minderheitsstatus aufrecht.
Vereine wie TdF vertreten oft ethische bzw. idealistische Standpunkte (Bsp.: vollkommene
Gleichberechtigung der Geschlechter), die einen Gegenpol zur allgemeinen Ausrichtung aufökonomische - Nutzenmaximierung markieren. Sie thematisieren Konflikte und kämpfen um
deren öffentliche Austragung. Damit wirken sie partiell der stillen Diffusion von Werten und
Normen entgegen, die sonst die Gesellschaft in einen Dämmerschlaf der Eintracht und
Duldsamkeit versetzen könnte. Interessenverbände können starke Inputs, vor allem Forderungen
(z. B. nach einem Gesetz gegen Genitalverstümmlung 2004 im Sudan), aber auch Unterstützung,
in das politische System eingeben und so für gesellschaftliche Innovation sorgen.
Politische Organisationen nehmen in vielfältiger Weise am Policy-Zyklus teil: während der
Initiation sensibilisieren sie - durch Informationsveranstaltungen, Publikationen (z. B. über
Zwangsheirat: „Mein Schmerz trägt deinen Namen“ 2005 im Rowohlt Verlag von Hanife Gashi in
Zusammenarbeit mit TdF-Mitarbeiterin Silvia Rizvi) etc. - die Öffentlichkeit für das Thema, sie
machen Vorschläge für Handlungsoptionen (Estimation, z. B. Gesetzesentwürfe) oder sorgen im
Zuge der Implementation für die Kontrolle der Einhaltung von Gesetzen und Abkommen,
besonders bei Menschenrechtsverletzungen (Bsp.: TdF ist Anlaufstelle für Frauen, die wegen
Gewalt in der Ehe o. ä. Hilfe suchen und ihre Erfahrungen teilen wollen). Symbolische Politik
spielt für Nicht-Regierungsakteure eine bedeutende Rolle, da die Entscheidungsträger
demokratisch legitimierte Politiker sein müssen. NGOs wie TdF gehören zum „Dritten Sektor“ der
Politik. Als Teilnehmer an Governance-Prozessen tragen sie zur gesellschaftlichen
Selbstorganisation bei. Besonders für NGOs ist der Kampf um Zutritt zur politischen Arena oft
hart. Erleichtert wird dieser durch das Knüpfen von Politiknetzwerken (TdF u. a. Mitglied bei:
Bundesverband Deutscher Stiftungen, Forum Menschenrechte, FORWARD) und prominente
Unterstützung (TdF: z. B. Nina Hoss, Peter Prange).
Viele organisierte Interessengruppen erfüllen eine wichtige Bildungsfunktion. Einerseits
informieren sie andere Akteure und Wähler über spezielle Sachfragen, andererseits fungieren sie
auch als Expertise für Politiker. Eigenaussagen auf ihrer Website zufolge hat Terre des Femmes
„für bestimmte Themen eine Expertinnenrolle und der Rat wird auch von VertreterInnen der
Bundesregierung eingeholt“. Außerdem verfügt die Organisation über ein Archiv, das für alle
Bürger zugänglich ist und zur „zentralen Dokumentations- und Anlaufstelle für
Menschenrechtsverletzungen an Frauen“ ausgebaut werden soll.
Über die bloße Informationsleistung hinaus ermöglichen politische Organisationen den Bürgern
Partizipation am politischen Prozess. Wähler können so aus einem relativ passiven Zustand in
einen aktiven übergehen und Teil eines kollektiven Akteurs werden, der weit stärkeren Einfluss
auf das politische System ausübt. Bei Terre des Femmes sind wesentliche Trägerinnen der
inhaltlichen Arbeit die Städtegruppen, z. B. in Bremen, zu denen jeder leicht Zugang hat. Diese
regionale Gliederung zeigt auch, dass Politische Organisationen oft nach dem
Subsidiaritätsprinzip arbeiten.
Die zentrale Funktion politischer Organisationen wie Terre des Femmes besteht
zusammenfassend darin, eine Verbindung zwischen dem Öffentlichen (als dem Staat) und dem
Privaten herzustellen. Beide Bereiche stehen dabei in Wechselwirkung. Politische Organisationen
leisten folglich einen entscheidenden Beitrag zur Emanzipation der Zivilgesellschaft - und im Fall
von Terre des Femmes: der Frau.
Arbeit zitieren:
Lisa Wegener, 2008, Funktionen politischer Organisationen am Beispiel von Terre des Femmes, München, GRIN Verlag GmbH
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