Inhalt
1. Einleitung 1
2. Erfahrung des Raumes durch Reisen 2
2.1 Begriffsklärung. 2
2.2 Geschichtliche Hintergründe. 4
3. Einflussgrößen auf Erfahrungen. 5
3.1 Entwicklung des Raum-Zeit-Begriffes durch Reisen. 6
3.2 Commodifizierung des Raumes 7
3.3 Verlust der Raumerfahrung. 10
4. Zusammenhang von Massentourismus und Raumerfahrung 14
5. Fazit. 18
6. Literaturverzeichnis 21
1. Einleitung
Was kann unter dem Begriff Raum verstanden werden? Mögliche Denkweisen sind auf materieller Weise ein abgeschlossenes Zimmer mit einem in der Regel bestimmten Rauminventar, ein bestimmter offener Ort oder sogar ein weit gefasstes Gebiet als einheitlicher Raum und Zusammenfassung von Orten mit vergleichbarer Ausstattung. Auch die Landschaft stellt eine gegebene Räumlichkeit dar. Diese Auffassung kann unter mathematisch-physikalischen oder geographischen Räumen zusammengefasst werden. Natürlich enthält die Begrifflichkeit auch immaterielle Gegebenheiten wie sozialkulturelle/mentale, wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Räume. So deutet sich bereits an, dass allein mit dem Begriff Raum eine Fülle von Assoziationen verbunden wird.
Wie kann nun das Wort „Raum“ in einem touristischen Zusammenhang sinnvoll benutzt werden? Erkenntnisse aus den Sozialwissenschaften beziehen sich vielfach auf das Phänomen Reisen, was eine Touristifizierung des Raumes möglich macht: Die Komponenten Raum und Zeit stellen die Grundvoraussetzungen des Tourismus dar, denn Reisende halten sich für einen bestimmten Zeitraum aus eigenen verschiedenen Motiven in bedeutenden Räumen auf: Das können Beherbungsbetriebe, Freizeitinstitutionen, Skigebiete, Campingplätze etc. sein, die touristisches Handeln ermöglichen. In diesem Zusammenhang wird der Raum zur Destination, zum Reiseziel und stellt gleichzeitig neue Möglichkeiten und Erfahrungen dar. So können nach Edward Sojas Konzeption drei Räume unterschieden werden: Firstspace, die soziale Erfahrung des Raumes bzw. der Umgang mit Raum, Secondspace, die geographische Repräsentation des Raumes durch Kartographie, Statistik oder Sightseeingtouren und Thirdspace oder lived space, der imaginär und symbolisch alltäglich gelebte Raum. 1 Diese Räume können nicht voneinander getrennt werden, und obwohl dieses Konzept auf eine Stadt begrenzt ist, lässt es sich auch auf Erfahrungen anderer Räume anwenden.
Hinsichtlich der Erfahrung des Raumes werden die folgenden Fragen aufgeworfen: Wie genau kann der Raum durch Reisen erfahren werden? Und können dabei neue Erfahrungen gemacht werden? Welche äußerlichen Einflüsse verändern diese Erfahrungen? Welche Rolle spielt dabei die Zeit und die Veränderungen in der Tourismusentwicklung? Diese Fragen gilt es nun im Laufe dieser Arbeit zu beantworten.
1 Vgl. Soja 1996, S. 66-69, zitiert nach Spring 2002, S. 232.
1
2. Erfahrung des Raumes durch Reisen
Um sich mit der Problematik „Erfahrung des Raumes durch Reisen“ im Rahmen der kulturellen Praxis genauer auseinanderzusetzen, muss zunächst herausgestellt werden, was Erfahrung genau bedeutet und welche Voraussetzungen für die Erfahrung des Raumes gesetzt sind. Für den weiteren Verlauf der Arbeit sollen dabei vorerst die geschichtlichen Hintergründe beleuchtet werden.
2.1 Begriffsklärung
Der Begriff Erfahrung ist auf das indoeuropäische Wort per zurückzuführen, das einerseits für Bewegung wie ‚einen Raum durchqueren, ein Ziel erreichen, herausgehen’, andererseits für ‚versuchen, ausprobieren, riskieren’ steht. Diese Assoziation mit Gefahr und Wagnis ist eng verbunden mit der früheren Auffassung von Reisen, die beschwerlich und leidvoll waren. Das althochdeutsche irfaran und das mittelhochdeutsche ervaran drückten ursprünglich ‚reisen, durchfahren, durchziehen, erreichen’ aus. ‚Erfahren’ wird seit dem 15. Jahrhundert adjektivisch benutzt für ‚klug, bewandert’. Das Wort ‚Erfahrung’ wurde früher als ‚Durchwanderung, Erforschung’ und heute im Sinne von ‚Wahrnehmung, Kenntnis’ benutzt. Ein intelligenter Mensch wird heute noch als ‚bewandert’ bezeichnet, was soviel wie ‚aus eigener Erfahrung kennend’, demnach eigentlich ‚vielgereist’ meint. 2 Damit ist festzuhalten, dass die Begriffe Erfahrung, Raum und Reisen schon aufgrund der ursprünglichen Wortbedeutungen eng beieinander liegen. „Reisen ist die paradigmatische Erfahrung an sich, … das die betreffende Person zutiefst verändert.“ 3 Im Hinblick auf die Thematik spricht es für sich, dass ‚Erfahrung’ nach der Bedeutung ‚Durchquerung eines Raumes, Erreichen eines Ziels’ allein schon das Reisen meint. Von Bedeutung dabei ist, was und wie wahrgenommen wird und inwieweit es zur ‚Erfahrenheit’ beiträgt. Ende des 18. Jahrhunderts beschäftigte sich auch Immanuel Kant, der Begründer des deutschen Idealismus und der Weltgeltung der deutschen Philosophie, mit der Erfahrung des Raumes. In seiner „Kritik der reinen Vernunft“ oder der Transzendental-Philosophie geht es um die Bedingungen der Erkenntnis: Darin kommt zum Ausdruck, dass der
2 Vgl. Leed (1993), S.19-20.
3 Leed (1993), S.19.
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Mensch nicht die Welt oder die Dinge an sich erkenne, sondern nur die sinnlich wahrnehmbaren Gegenstände. Das Sein erscheine so immer in Raum und Zeit als den subjektiven Bedingungen menschlicher Erkenntnis. 4 Des Weiteren fragte er sich, wie der Verstand die Realität richtig abbilden könne und wie die Erkenntnis a priori, also vor aller Erfahrung, aussehen müsse: Nach Kant gehört der Verstand nicht zur Erfahrungswelt, die er dann erkennt, sondern ist der Ursprung der Welt. Er bringt die Welt durch die Art der Konstruierung hervor. So sind „die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung überhaupt […] zugleich Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung“. 5 Wir Menschen konstruieren demnach unsere Realität, und so wird nur das erfasst, was in unsere Konstruktion passt.
Generell ist die Erfahrung, so Hlavin-Schulze, die bewusste oder unbewusste Verarbeitung von Erinnertem und Erhofftem, Vergangenem und Zukünftigen. 6 MacCannell setzt die Annahme, dass der Begriff Erfahrung einen wissenschaftlichen Ursprung hat. Damit verbunden sind ein kurzer Zeitraum sowie Skepsis und vorherige Leere, die durch direkte eigene Verwicklung zu einem bestimmten Glauben oder Gefühl führen. 7 Als Kontrast zu den Erfahrungen in seiner Arbeit sucht der Mensch seine Identität oder Seele in außerberuflichen Tätigkeiten wie Musik, Sport, Kirche oder anderen gemeinschaftlichen Ablenkungen. 8 So erfolgt die Erfahrungssuche jedoch nicht nur in der Freizeit, sondern insbesondere auch auf Reisen in einem anderen neuen Raum. Schon allein die Tatsache, ein Tourist zu sein, ist eine moderne Erfahrung: ein Zeichen von Status in der modernen Gesellschaft und zudem als notwendig für die Gesundheit angesehen. 9 Die touristische Erfahrung geht einher mit einer rapiden Überfüllung von veränderten Bildern, der Diskontinuität eines Einzelblickes und unerwarteten einstürmenden Eindrücken. 10 Nach Ryan ist die touristische Erfahrung ein sinnvoller Begriff, um die Erfahrung von Individuen zu identifizieren, die von individuellen, ökologischen, situativen und persönlichen Faktoren sowie vom Kommunikationsgrad mit anderen Leuten beeinflusst werden. 11 Welche Einflussfaktoren dabei eine besondere Rolle spielen, wird im späteren Verlauf dieser Arbeit noch berücksichtigt.
4 Vgl. Mohr/Willaschek (1998), S. 59
5 Vgl. ebd., S. 248.
6 Vgl. Hlavin-Schulze (1998), S. 16.
7 Vgl. MacCannell (1999), S. 23.
8 Vgl. ebd., S. 36.
9 Vgl. Urry (1990), S. 4.
10 Vgl. MacCannell (1976), S. 49.
11 Vgl. Ryan (1997), S. 116.
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Redensarten wie „Alle Wege führen nach Rom“ verdeutlichen, dass gerade Irr- und Umwege und vor allem die dabei gemachten Erfahrungen uns ans Ziel bringen. „Erfahrung ist die Art und Weise, in der Erlebtes in unseren Alltag hineinragt und ihn dadurch beeinflusst“ 12 . Die Erfahrungswelt, vom Touristen selbst mitinitiiert, zeichnet sich demnach im Wesentlichen durch eine sinnvolle Struktur ineinander verwobener Handlungen und Erlebnissen aus, was wiederum neue Erfahrungen prägt. 13 Bei der Erfahrung des Raumes durch Reisen sollte sich auch der Unterschied von sozialen und geographischen Räumen vor Augen gehalten werden. So sind soziale Nähe und Distanz unabhängig von Entfernungen. Reisende bestimmen den Raum, in dem sie sich bewegen, auch wesentlich. Der soziale Raum bleibt durch Reiseberichte und Briefe an Daheimgebliebene erhalten. Durch ständigen Kontakt mit Vertrauten kann der eigene soziale Raum auch nie verlassen werden. 14 Das beeinflusst die Erfahrung des neuen Raumes auf der Reise erheblich.
Folgende nötige Voraussetzungen für die Raumerfahrung, die in den weiteren Ausführungen lediglich die Erfahrung von neuen Räumen durch Verreisen meint, werden von Urry genannt: die Bewegung durch den Raum oder die Anreise, ein zeitlich begrenzter Aufenthalt in einem neuen Raum oder an einem neuen Ort außerhalb des Wohnsitzes, außergewöhnliche Aktivitäten - oft zum Vergnügungszweck, die gewöhnliche Alltagserfahrungen ausschließen und erhöhte Sensibilität für visuelle Elemente der neuen Landschaftserfahrung oder des Stadtlebens. 15
2.2 Geschichtliche Hintergründe
Das Streben nach neuen Erfahrungen findet sich bereits in der Bibel wieder: Die Vertreibung der ersten Menschen aus dem Paradies ist auf die menschliche Neugier nach Verbotenem zurückzuführen und vor allem auf den unstillbaren menschlichen Erfahrungshunger, der schon Odysseus auf seine lange Wanderschaft geführt hat. Auch bei Robinson Crusoe ist der Zusammenhang der Raumerfahrung durch Reisen zu entdecken: Nach dem typischen Schema kommt es zunächst zum Aufbruch in die Fremde, dann zum scheinbaren Scheitern der Reise mit einem fast tödlichen Ende des Helden. Schließlich werden phantastische Abenteuer und Grenzerlebnisse der Selbsterhaltung beschrieben und
12 Hlavin-Schulze 1998, S. 16.
13 Vgl. ebd., S. 16.
14 Vgl. ebd., S. 107.
15 Vgl. Urry (1990), S. 3.
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Arbeit zitieren:
Gonhild Pirch, 2007, Erfahrung des Raumes, München, GRIN Verlag GmbH
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