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Inhaltsverzeichnis:
Einleitung 5
I. Zur Thematik des sexuellen Mißbrauchs 6
1. Allgemeines zum sexuellen Mißbrauch 5
1.1. Begrifflichkeit 6
1.1.1. Definitionen 6
1.1.2. Der juristische Begriff 10
1.1.3. Der Inzestbegriff 11
1.1.4. Der Begriff der Pädophilie Pädosexualität oder Päderastie 13
1.2. Formen sexueller Gewalt 16
1.2.1. Deutliche (unmißverständliche) Formen sexuellen Mißbrauchs 18
1.2.2. Subtile Formen grenzwertige Verhaltensweisen 19
1.3. Statistiken und Fakten über das Ausmaß sexueller Gewalt 19
1.4. Das Täterprofil 24
1.4.1. Typologie 25
1.4.2. Erwachsene Täter 27
1.4.3. Jugendliche Täter 27
2
1.4.4. Frauen als Täterinnen 28
1.4.5. Täterstrategien 31
1.4.6. Das Verantwortungs-Abwehr-System (AVS) 34
1.5. Das Opferprofil 35
1.6. Theoretische Ansätze zu den Ursachen und Umständen des sexuellen Miß-
brauchs 39
1.6.1. Erklärungsansätze 39
1.6.2. Die Theorie des Vier-Faktoren-Modells (nach Finkelhor, 1984) 41
1.6.3. Umstände / 'Risikofaktoren' 44
1.7. Auswirkungen und Schädigungen sexueller Gewalt 45
1.7.1. Primäre Folgen (external und internal) 47
1.7.2. Sekundäre Folgen 50
1.7.3. Traumatisierungsmodelle 52
2. Allgemeines zur Prävention 53
2.1. Begriffserklärung und Formen von Prävention 53
2.2. Präventionsansätze 54
2.3. Möglichkeiten und Grenzen von Prävention 61
3
II. Vergleichende Analyse und Bewertung von Kinder- und Jugendbüchern
zum Thema "sexueller Mißbrauch" an den Beispielen von: Hadley/Irwin:
"Liebste Abby" 1 und Erkel: "Jasper sucht Margreet" 65
1. "Liebste Abby" 65
1.1. Inhaltsangabe 65
1.2. Realitäts- und Problemgehalt (inhaltliche Analyse) 66
1.2.1. Gewaltdarstellung 66
1.2.2. Darstellung von Opfer und Täter 68
1.2.3. Konstellation der Familiensituation 79
1.2.4. Darstellung von Gefühlen des Opfers / Psychodynamik des Opfers 83
1.2.5. Darstellung und Hinterfragung von Geschlechtsrollen-Stereotypen 86
1.2.6. Darstellung der Ursachen und Hintergründe der Gewaltanwendung, der
Aufdeckung / Beendigung des Mißbrauchs, der Perspektiven und der
Präventions- / Interventionsaspekte 88
1.3. Stilanalyse (Sprache und Form) 96
1.3.1. Äußere Aufmachung 96
1.3.2. Struktur / Aufbau des Buches 97
1.3.3. Sprache (ästhetische Elemente) 103
1.3.4. Rezeptionsanalyse 105
2. "Jasper sucht Margreet" 107
1 Hadley, Lee und Ann Irwin: Liebste Abby.2. Aufl. Weinheim und Basel: Beltz Verlag 1993.
(=Gulliver Taschenbuch 713.)
4
2.1. Inhaltsangabe 107
2.2. Realitäts- und Problemgehalt (inhaltliche Analyse) 108
2.2.1. Gewaltdarstellung 108
2.2.2. Darstellung von Opfer und Täter 109
2.2.3. Konstellation der Familiensituation 117
2.2.4. Darstellung von Gefühlen des Opfers / Psychodynamik des Opfers 119
2.2.5. Darstellung und Hinterfragung von Geschlechtsrollen-Stereotypen 119
2.2.6. Darstellung der Ursachen und Hintergründe der Gewaltanwendung, der
Aufdeckung / Beendigung des Mißbrauchs, der Perspektiven und der
Präventions- / Interventionsaspekte 120
2.3. Stilanalyse (Sprache und Form) 123
2.3.1. Äußere Aufmachung 123
2.3.2. Struktur / Aufbau des Buches 124
2.3.3. Sprache (ästhetische Elemente) 128
2.3.4. Rezeptionsanalyse 129
3. Zusammenfassender Vergleich und Bewertung 131
Schlußbemerkung
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I. Zur Thematik des sexuellen Mißbrauchs
1. Allgemeines zum sexuellen Mißbrauchs
"Die Art, wie wir auf den sexuellen Mißbrauch von Kindern reagieren, ist unmittelbares Ergebnis dessen, wie wir ihn definieren und was wir von Kindern halten." 1
1.1. Die Begrifflichkeit
1.1.1. Definitionen
Der Begriff sexueller Mißbrauch wird sehr bedeutungsvielfältig verwendet. Sowohl gesellschaftlich als auch wissenschaftlich, gibt es keine einheitliche Definition des Begriffs. Schwierigkeiten hinsichtlich der Definierung sind durch unterschiedliche historische und kulturelle Attitüden zu sexuellen Kontakten von Erwachsenen bzw. Jugendlichen zu Kindern und durch Unterschiede in Forschungs-und Erklärungsansätzen bedingt.
In der Öffentlichkeit ist der Begriff sexueller Mißbrauch der am häufigsten gebrauchte und lehnt sich an den amerikanischen Begriff sexual abuse. "Da sich, bis heute, die deutsche Fachdiskussion vorrangig auf wegweisende anglo-amerikanische Publikationen beruft, wird dort dieser Begriff bevorzugt." 2 Die folgende Auswahl von Definitionen sind immer geprägt von den individuellen "'theoretischen, wissenschaftlichen, ethischen und weltanschaulichen Orientierungen der jeweiligen AutorInnen'". 3 Zum Beispiel fokussiert Enders in ihrer Definition den generativen Aspekt:
"Sexueller Mißbrauch ist immer dann gegeben, wenn ein Mädchen oder Junge von einem Erwachsenen oder älteren Jugendlichen als Objekt der eigenen, sexuellen Bedürfnisse benutzt wird. Kinder und Jugendliche sind aufgrund ihrer kognitiven und emotionalen Entwicklung nicht in der Lage,
1 Mike Lew, 1993, zitiert nach May, Angela: Nein ist nicht genug. Prävention und Prophylaxe. Inhalte, Methoden und Materialien zum Fachgebiet Sexueller Mißbrauch. Ruhnmark: Donna Vita Verlag 1997. S.220.
2 May 1997, S.219.
3 Koch, Helmut H. und Marlene Kruck: Ich werd's trotzdem weitersagen! Prävention gegen sexuellen Mißbrauch in der Schule (Klassen 1-10). Theorie. Praxisberichte. Literaturanalysen. Materialien. Arbeitsbücher für Schule und Bildungsarbeit. Bd. 2. Münster: LIT Verlag 2000. S. 3.
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sexuellen Beziehungen zu Erwachsenen wissentlich zuzustimmen. Fast immer nutzt der Täter ein Macht- und Abhängigkeitsverhältnis aus". 1
Die Feministin Rijnaarts berücksichtigt in ihrer Definition nach Draijer nur den intrafamilialen Mißbrauch, sprich Inzest:
"Sexuelle Kontakte älterer oder erwachsener Familienmitglieder mit einem Kind unter sechzehn Jahren gegen den Willen des Kindes oder in der Weise, daß das Kind - aufgrund der Ausnutzung einer körperlichen oder beziehungsbedingten Überlegenheit, der Anwendung von Gewalt oder der Ausübung emotionalen Drucks - das Gefühl hat, die sexuellen Kontakte nicht verweigern oder sich ihnen nicht entziehen zu können.[...] Unter sexuellen Kontakten verstehen wir jedwede reale sexuelle Berührung, von der Berührung der Brüste oder Genitalien bis hin zur Vergewaltigung". 2
May, deren Forschungsgebiet die Prävention und Prophylaxe von sexueller Gewalt ist, bezieht in ihrer umfassenden Definition auch den Aspekt der Ausnutzung des Machtgefälles und des kognitiven Ungleichgewichts mit ein:
"Ein Mädchen oder Junge wird sexuell mißbraucht, wenn sie / er zu körperlichen oder nichtkörperlichen sexuellen Handlungen durch Ältere oder erwachsene veranlaßt oder ihnen ausgesetzt wird. Aufgrund des bestehenden Kompetenzgefälles, vor allem in der psychosexuellen Entwicklung, können die Handlungen nicht angemessen verstanden und eingeordnet werden, das Mädchen oder der Junge kann deshalb auch nicht verantwortlich entscheiden. Der Täter befriedigt aufgrund des Macht- und Generationsgefälles und der Abhängigkeit des Kindes sein Machtbedürfnis unter Zuhilfenahme sexueller Handlungen. Sexueller Mißbrauch von Mädchen und Jungen ist Machtmißbrauch verbunden mit der psychischen und / oder physischen Verletzung der Integrität. Er ist Ausdruck von Geschlechterhierarchie und Dominanzkultur." 3
In Kastners Definition wird der Aspekt des Heimlichen im Zusammenang mit dem sexuellen Mißbrauch betont:
"Ich nenne es: Heimliche unheimliche Übergriffe sexueller Art auf Körper, Seele und Geist von Kindern. Heimlich, weil niemand etwas davon und darüber wissen darf. Unheimlich, weil die Übergriffe Seele und Geist der Kinder fast immer irreversibel verwirren, zugrunde richten, abtöten, töten. Übergriffe, weil sie ohne Einwilligung der Kinder stattfinden und sie den Kindern jedes Recht auf selbstbestimmte Körperkontakte absprechen. Sexueller Art, weil es um sexuelle Handlungen und um die Befriedigung sexueller Bedürfnisse von Erwachsenen an Kindern geht." 4
1 Enders, Ursula (Hrsg.): Zart war ich, bitter war's. Sexueller Mißbrauch an Mädchen und Jungen. Erkennen-Schützen-Beraten. Köln: Kölner Volksblatt Verlag 1990. S. 21.
2 Draijer 1985, S. 15 zitiert nach Rijnaarts, Josephine: Lots Töchter. Über den Vater-Tochter-Inzest. Düsseldorf: Claassen Verlag 1988. S. 21f.
3 May 1997, S. 226.
4 Kastner, Hannelore: Sexueller Mißbrauch. Erkennen. Helfen. Vermeiden. Braunschweig: Westermann Schulbuchverlag GmbH 1998. (=Praxis Pädagogik) S. 11.
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In der Definition des Vereins Der Weiße Ring, werden die sexuellen Handlungen aufgezählt, die den sexuellen Mißbrauch benennen:
"Von sexuellem Mißbrauch sprechen wir, wenn eine Person z.B.
1. ein Mädchen oder einen Jungen zwingt oder überredet, sie nackt zu betrachten oder sexuellen Aktivitäten zuzusehen;
2. ein Mädchen oder einen Jungen zur eigenen Bedürfnisbefriedigung anfaßt oder sich anfassen läßt;
3. ein Mädchen oder einen Jungen zu pornographischen Handlungen zwingt oder ihnen Pornographie vorführt;
4. den Intimbereich eines Mädchens (Scheide, Po. Brust) / eines Jungen (Penis, Po) berührt oder zu oralem, analen oder vaginalen Geschlechtsverkehr zwingt oder überredet, also vergewaltigt." 1
Um den Begriff sexueller Mißbrauch umfassend definieren zu können, wäre es sinnvoll die hier aufgeführten Definitionen zusammenzufassen. Deutlich wird, daß sexueller Mißbrauch immer ein Zusammenspiel von Sexualität (körperlich und nicht-körperlich), Gewalt, Machtausübung und Integritätsverletzung bedeutet. Es gibt verschiede Termini, wie sexuelle Gewalt, sexuelle Ausbeutung, sexuelle Übergriffe, Inzest, Pädophilie ect. 2 , die von verschiedenen Autoren in Zusammenhang mit dem Begriff Sexueller Mißbrauch benutzt werden. 3 Die Vielfalt der Bezeichnungen ist auf den "Wunsch nach einer exakten sprachlichen Formulierung vor dem Hintergrund einer jahrhundertelangen kulturellen Sprachlosigkeit und Tabuisierung" 4 zurückzuführen. Die Differenz der Termini "spiegelt die Unterschiede in der Ursachenanalyse, den angenommenen gesellschaftlichen Bedeutungen und der Umgehensweise mit Betroffenen wider" 5 . Zum Beispiel ist der Begriff sexuelle Gewalt von der Frauenbewegung geprägt, durch den die strukturelle Gewalt gegen Frauen, die aufgrund der männlichen Dominanzverhältnisse des Patriarchats existiert, angesprochen werden soll. Um den Gewaltaspekt und die Instrumentalisierung der Sexualität für die Bedürfnisbefriedigung hervorzuheben, wird dieser Terminus durch sexualisierte Gewalt ersetzt. Mit dieser Terminologie wird deutlich, daß die Verantwortung beim Ausübenden der sexualisierten Gewalt liegt.
1 Zit. n. Kastner 1998, S. 11.
2 Vgl. Amann , Gabriele: Sexueller Missbrauch. Überblick zur Forschung, Beratung und Verhaltenstherapie. Ein Handbuch. Tübingen: dgvt-Verlag, 1997. S.21 und May 1997, S.216 3 Innerhalb dieser Arbeit werden die Termini sexuelle Gewalt, sexueller Mißbrauch, sexuelle Übergriffe und sexuelle Ausbeutung synonym verwendet.
4 May 1997, S. 216.
5 May 1997, S. 216.
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Nicht nur den bloßen körperlichen, sondern auch den schwerwiegenden emotionalen und psychischen Gewaltaspekt und dadurch die Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Opfer und Täter 1 , werden durch die Terminuswahl sexuelle Ausbeutung angesprochen. 2 Die Kinderschutzbewegung prägte den Begriff Sexuelle (Kindes-)Mißhandlung. Mit dem Gebrauch dieses Begriffes wird jedoch nicht zwischen den Termini Kin-desmißhandlung und sexueller Mißbrauch unterschieden. Denn nicht jede körperliche Gewaltanwendung wird sexualisiert, auch wenn die Grenzen hier fließend sind. Andersherum bedeuten sexuelle Mißbrauchshandlungen nicht gleichzeitig körperliche Gewaltanwendung, da der Täter oft schon mit psychischer Gewalt sein Ziel erreicht. Deshalb sollte man diese beiden Termini voneinander getrennt betrachten. 3 Dieser Definitionskomplex zeigt, wie diffizil es ist, möglichst umfassend und präzise den Bereich des sexuellen Mißbrauchs einzugrenzen und zu definieren. Ein einzelnes Definitionskriterium kann auf diesem Hintergrund nie alle Fälle von sexueller Gewalt erfassen.
Die differenzierte Vielfalt der Definitionen und Termini erfordert eine Klassifizierung des Definitionsbegriffes. Nach Amann läßt sich die Bedeutung des sexuellen Mißbrauchs einmal im engen und einmal im weiten Sinne definieren. Die enge Definition beinhaltet alle Kontakthandlungen zwischen Täter und Opfern, wie der orale, anale und genitale Geschlechtsverkehr. Die weite Definition umfaßt jede Art geschlechtlicher Handlung, auch die ohne körperlichen Kontakt, wie obszöne Anrede, Belästigung, Exhibitionismus, Anregung zur Prostitution und Kinderpornographie.
Desweiteren lassen sich die Definitionen nach feministischer, entwicklungspsychologischer und klinischer Sicht kategorisieren. Um der Komplexität des sexuellen Mißbrauchs gerecht zu werden, ist es sinnvoll, verschiedene Definitionsansätze zu berücksichtigen. Jedoch selbst dann "wird es nicht möglich sein, alle Fälle sexueller Gewalt zu erfassen. Es werden immer Grenzfälle auftreten, in denen
1 Mit der maskulinen Form von Täter ist auch immer die feminine Form, also die Täterin gemeint. Aufgrund der besseren Lesbarkeit werde ich in dieser Arbeit stets die maskuline Form benutzen, was bedeutet, daß die feminine Form immer mit impliziert ist. Das gleiche gilt für die Verwendung in der männlichen Position aller anderen Wörter, wie Leser, Rezipient, Erwachsener, Jugendlicher ect.
2 May 1997, S.216.
3 Vgl. May 1997, S.218.
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nicht eindeutig geklärt werden kann, ob sexueller Mißbrauch vorliegt oder ob nicht." 1 Durch die gesellschaftliche Definition wird die Bedeutung des sexuellen Mißbrauchs als das in sexualisierter Form ausgelebte Bedürfnis von älteren (oder gleichaltrigen) Tätern an Kindern beschrieben.
Die feministische Definition erklärt die Thematik des sexuellen Mißbrauchs mit der Ausnutzung eines männlichen Macht- und Autoritätsverhältnisses, indem die männlichen Täter aufgrund der patriarchalen Gesellschaftsstruktur sexualisierte Gewalt gegen das weibliche Opfer anwenden.
Entwicklungspsychologisch definiert wird der Mißbrauch aufgrund des bestehenden Gefälles bezüglich der emotionalen und kognitiven Reife zwischen Täter und kindlichem Opfer. Denn das Opfer kann deshalb die gesamte Tragweite des Mißbrauchs nicht überblicken und stimmen somit den sexuellen Handlungen zu. Die klinische Definition lautet: Sexueller Mißbrauch beinhaltet jede sexuelle Handlung und Erfahrung, die einem Kind aufgezwungen wird und was Traumata auf der emotionalen, körperlichen oder sexuellen Ebene zur Folge hat. 2 Als nächstes gibt es noch die juristische Definition, durch die der sexuelle Mißbrauch an Kindern und Jugendlichen als Straftat bezeichnet wird, wie im folgenden Kapitel dargestellt wird. Darauf folgen die Erläuterungen zu den Begriffen Inzest und Pädophilie, da sie häufig im Zusammenhang von sexuellem Mißbrauch gebraucht werden und sie jeweils in einem der Jugendbücher der Analyse im II. Teil erwähnt werden. Besonders der Begriff Inzest ist aufgrund seines historischen Hintergrunds weit verbreitet und somit erklärungsbedürftig.
1.1.2. Der juristische Begriff
Die juristische Definition von sexuellem Mißbrauch lautet nach §176 StGB (Sexueller Mißbrauch von Kindern):
(1) "Wer sexuelle Handlungen an einer Person unter vierzehn Jahren (Kind) vornimmt oder an sich von dem Kind vornehmen läßt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren, in minder schweren Fällen mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
1 Koch/Kruck 2000, S.5.
2 Amann 1997, S.29
11
(2) Ebenso wird bestraft, wer ein Kind dazu bestimmt, daß es sexuelle Handlungen an einem Dritten vornimmt oder von einem Dritten von sich vornehmen läßt. (3) In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren. Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn der Täter
1. mit dem Kind den Beischlaf vollzieht oder
2. das Kind bei der Tat körperlich schwer mißhandelt.
(4) Verursacht der Täter durch die Tat leichtfertig den Tod des Kindes so ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren.
(5) Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer
1. sexuelle Handlungen vor einem Kind vornimmt,
2. ein Kind dazu bestimmt, daß es sexuelle Handlungen vor ihm oder einem Dritten vornimmt, oder
3. Auf ein Kind durch Vorzeigen pornographischer Abbildungen oder Darstellungen, durch Abspielen von Tonträgern pornographischen Inhalts oder durch entsprechende Reden einwirkt, um sich, das Kind oder einen anderen hierdurch sexuell zu erregen." 1
1.1.3. Der Inzestbegriff
Der Terminus Inzest meint die geschlechtliche Beziehung zwischen Verwandten und auch verschwägerten Personen, meist jedoch wird er als innerhalb der Kernfamilie (Einzelfamilie) stattfindenden Sexualkontakt verstanden und wird mit dem Begriff Blutschande gleichgesetzt. Der Begriff beinhaltet vor allem auch den geschlechtlichen Kontakt zwischen einem Elternteil und dem Kind. Jedoch handelt es sich dann nicht mehr um ein gleichberechtigtes sexuelles Verhältnis, denn das Kind ist dem Erwachsenen hinsichtlich der kognitiven Entwicklung unterlegen und emotional vom Elternteil abhängig. Bei dieser Konstellation handelt es sich immer um erzwungene Sexualität. Da der Inzestbegriff diesen Unterschied nicht benennt, ist die Bezeichnung intrafamilialer Mißbrauch in seiner Definition treffender.
1 Vgl. Auszug aus dem Deutschen Strafgesetzbuch. In: Amann , Gabriele: Sexueller Missbrauch.
Überblick zur Forschung, Beratung und Verhaltenstherapie. Ein Handbuch. Tübingen: dgvt-Verlag
1997. S. 856.
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"In diesem Zusammenhang wird oft vom 'geschändeten' Kind gesprochen, über das Kind wird demnach 'Schande' gebracht, nicht über den Täter, die Scham liegt bei den 'Beschämten'. Das Wort 'Schande' (schänden, verunstalten, beflecken) verweist im Indogermanischen auf das Wort 'Scham' (verdecken, verhüllen) [...] und drückt damit auch den Handlungszusammenhang bei Sexuellem Mißbrauch aus: sexuelle Gewalt und Schweigen." 1 Deshalb ist Inzest jeher mit einem Tabu belegt, welches durch Erziehungs- und Lernmethoden kulturell bedingt ist. Auch wird angenommen, daß es sich bei dem Inzestbegehren des Menschen um eine angeborene Verhaltensweise handelt, was das Etablieren des Inzesttabus erst er-forderlich machte. 2 Hirsch betont dem Inzest innewohnenden Surrogatcharakter, was bedeutet, daß Sex als Ersatzmittel oder Behelf gebraucht wird 3 .
Die Wurzeln des Inzests wird in der Deprivation 4 der Familienmitglieder gesehen, aufgrund dessen sie nicht in der Lage sind, sich empathisch in das Kind einzufühlen. Die Eltern sind unfähig Grenzen von Privatheit, Körperlichkeit und Sexualität im Kontakt mit ihren Kindern taktvoll zu spüren und einzuhalten. Sondern in der sexuellen Befriedigung leben sie die eigene Bedürftigkeit, die Priorität hat, aus. 5 Betrachtet man bei Inzestfamilien (gemeint ist hier der überwiegende Vater-Tochter-Inzest) die sozialen Merkmale, lassen sie sich in drei Kategorien einteilen:
1. Promiskuöse Familien: Inzest ist Teil allgemeiner Promiskuität innerhalb der Familie (auch multipler Inzest) und ist geprägt von allgemeiner Gewalttätigkeit. Dem Täter mangelt es an der Kontrolle seiner Impulse, was auf die eigene emotionale Vernachlässigung in seiner Kindheit und der mangelnden Sozialisation hinsichtlich der Internalisierung von sexuellen Grenzen und sozialen Regeln zurückgeführt werden kann. 6
1 Klein, Jörg: Inzest. Kulturelles Verbot und natürliche Scheu. Studien zur Sozialwissenschaft. Bd. 102. Opladen: Westdeutscher Verlag 1991. S. 13ff.
2 Klein 1991, S. 14.
3 Hirsch, Mathias: Realer Inzest. Psychodynamik des sexuellen Mißbrauchs in der Familie. 3., überarb. u. aktualisierte Aufl. Berlin, Heidelberg: Springer Verlag 1994. S. 15.
4 Deprivation: Mangel, Entzug von etwas Erwünschtem (psychologisch gesehen; z.B. fehlende Zuwendung der Mutter, Liebesentzug u.ä.) Nach: Der kleine Duden Fremdwörterbuch. 3. Aufl. Mannheim, Wien, Zürich: Duden-Verlag 1991. S. 92.
5 Vgl. Hirsch 1994, S. 16.
6 Vgl. Hirsch 1994, S. 59.
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2. Endogamische Familien 1 : Die Familie erscheint "in sich abgeschlossen" 2 und sozial unauffällig. Physische Gewalt kommt eher selten vor, da der Mißbrauch in sehr subtiler Form vollzogen wird. Deswegen handelt es sich hier um die größte inzestuöse Gruppe. 3 Der Täter ist der regressiven Tätertypologie 4 zu-zuordnen.
3. Pädophile Familien: Pädophile Inzesttäter gehören der fixierten Tätergruppe an und sind eher seltener repräsentiert, da die Pädophilie als Form der sexuellen Perversion primär nichts mit dem Vater-Tochter-Inzest zu tun hat 5 , was im folgenden Kapitel noch näher erläutert wird.
Die Problematik des Inzestbegriffs, ist die, daß durch ihn nur der sexuelle Aspekt hervorgehoben wird und der eigentliche, den Aspekt der Macht unbeachtet bleibt. Außerdem wird durch diese Terminuswahl nur der Täterkreis der Familie berücksichtigt. Diesbezüglich ist dieser Begriff eher ein juristischer Terminus. "Ferner kann der Begriff 'Inzest' emotional sehr belastet sein, weil er häufig mit Ekel und Perversität assoziiert wird. Diese Gefühle werden dann auf das Opfer übertragen und belegen es ebenfalls mit einem Tabu." 1 Um die Differenz des Inzestbegriffs zum Begriff der Pädophilie oder Pädosexualität zu verdeutlichen, wird dieser Begriff im nächsten Kapitel dargestellt.
1.1.4. Der Begriff Pädophilie / Pädosexualität oder Päderastie
Der Unterschied zwischen Inzest und Pädophilie besteht darin, daß Inzest den Mißbrauch innerhalb der Familie bezeichnet, während Pädophilie sich auf sexuelle Ausbeutung außerhalb der Familie bezeichnet.
Darüber hinaus sind die 'Anziehungspunkte' des pädophilen Täters anders als die des Inzesttäters. Meist wird eine pädophile 'Beziehung' mit Verringerung der körperlichen Reifedifferenz des Opfers zum Täter abgebrochen, denn für einen Pädophilen sind vowiegend kindliche makellose Körper und das kindliche Gemüt,
1 Endogamie: Heiratsordnung, nach der die Ehe nur innerhalb der eigenen sozialen Gruppe (Sippe, Clan, Stamm, Kaste) geschlossen werden darf. Nach: Der Brockhaus in einem Band. 8., vollst. überarb. und aktual. Aufl. Leipzig: F.A. Brockhaus 1998. S. 237.
2 Hirsch 1994, S. 59.
3 Hirsch 1994, S. 79.
4 Vgl. Kapitel I, 1.4.1.
5 Hirsch 1994, S. 80.
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d.h. die kindliche Fröhlichkeit und Naivität, aber auch die Verspieltheit, Niedlichkeit und Anschmiegsamkeit der Kinder von Bedeutung 2 . Wohingegen in einer inzestuösen Beziehung die körperliche Reifung in der Pubertät als sexueller Anreiz genommen wird. 3 Pädophilie wird allgemein als "auf Kinder beiderlei Geschlechts gerichteter Sexualtrieb Erwachsener" definiert. 4 Das Wort setzt sich aus dem griechischen pais = Kind / Knabe und philia = Liebe zusammen. Die genaue Übersetzung lautet demnach Kinderliebe, was auf eine allgemeine Zuneigung gegenüber Kindern hindeutet, nicht explizit erwähnt wird allerdings die sexuelle Komponente, die eigentlich mit Verwendung dieses Begriffs gemeint ist. Daher wird von mehreren Autoren der Begriff Pädosexualität bevorzugt, da er explizit auf die Art der Beziehung zwischen Erwachsenem und Kind bzw. auf die Intention des Pädosexuellen hinweist.
Es muß hinzugefügt werden, daß das Wort pais im Begriff Pädophilie / Pädosexualität immer Kinder beiderlei Geschlechts meint. 5 Die sogenannte Knabenliebe wird mit dem Begriff Päderastie übersetzt. Gemeint ist die sexuelle Fixierung besonders auf männliche Kinder und Jugendliche und hat ihren historischen Ursprung im antiken Griechenland, wo sexueller Mißbrauch normal und üblich war. Die Prostitution von Jungen gleichermaßen wie Mädchen. Die sexuelle Ausbeutung von Jungen, überwiegend in der Armee, wurde damals als Knabenliebe romantisiert. 6 Uneinigkeit herrscht darüber, wo die Altersgrenze beim Opfer liegt, um die Grenzen der Definition für Pädosexualität abzustecken. Entscheidend ist tatsächlich aber der bestimmte Entwicklungsstand eines Kindes und der läuft nicht nach einem einheitlichem Zeitplan ab.
Untersuchungen der typischen Pädophilen haben ergeben, daß die sexuellen Handlungen von anderer Art sind, als z.B. die von endogamischen oder promiskuitiven Inzesttätern oder psychopathischen Mißbrauchstätern, bei denen sich die sexuellen Handlungen überwiegend aus vaginaler oder analer Penetrationen be-
11 Hirsch1994, S. 80
2 Vgl. Stöckel, Matthias: Pädophilie: Befreiung oder sexuelle Ausbeutung von Kindern. Fakten, Mythen, Theorien. Frankfurt/Main: Campus Verlag 1998. S. 61f.
3 Vgl. Stöckel 1998, S. 82.
4 Das Kleine Fremdwörterbuch Duden 1991, S. 299.
5 Vgl. Stöckel 1998, S. 12.
6 Vgl. Stöckel 1998, S. 25f.
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stehen. Wohingegen pädosexuelle Handlungen eher auf Zärtlichkeiten, Beschauen, Vorzeigen und Masturbation 1 beschränken. Denn laut eines Pädosexuellen selbst, sucht er bewußt das Kind und nicht im Sinne eines 'Ersatzes' für einen gleichaltrigen Geschlechtspartner. 2 Bekennende Pädosexuelle und ihnen freundlich Gesinnte, die den Begriff Pädophilie bevorzugen, bagatellisieren ihre Neigung als gewaltfreie Beziehung und somit nicht schädlich für Kinder ist. Jedoch besteht "zwischen Erwachsenen und Kindern ein so großes Machtgefälle [...], daß Gleichberechtigung Utopie ist. Auch ist eine solche Definition über Gewaltfreiheit schwierig, da es fließende Grenzen gibt. Niemand kann sagen, wo genau Gewalt aufhört und wo sie anfängt. Dies gilt für psychische Gewalt noch in viel größerem Maße als für physische." 3 Hinzukommt, daß man den Begriff gewaltlos nicht mit dem Ausdruck von beiden gewollt gleichsetzen kann und deshalb "muß man bei jedem sexuellen Kontakt wischen Kindern und Erwachsenen davon ausgehen, daß er schädigen könnte." 4 Das spezielle Thema der Pädosexualität ließe sich an dieser Stelle noch weiter fortführen, doch würde es den Rahmen dieser Arbeit sprengen.
Der Pädosexuelle ist aufgrund seiner eigenen emotionalen Vernachlässigung nicht in der Lage, sexuelle Beziehungen zu anderen Erwachsenen aufzubauen. Die eigentliche Erzieherolle wird mit der Partnerolle verwechselt. 5 Pädosexualität ist keine Befriedigung der kindlichen Zärtlichkeitsbedürfnisse, sondern ganz klar Befriedigung der eigenen sexuellen Bedürfnisse. So ist Pädophilie immer sexueller Mißbrauch. Die Täter müssen aufgrund ihrer Macht-, Autoritäts- und Vertrauensposition keine körperliche Gewalt anwenden, um ein Kind gefügig zu machen. "Zudem sind viele Opfer aufgrund ihrer Unterlegenheit und Angst zur massiven Gegenwehr überhaupt nicht in der Lage." 6 Diese beschriebene Tatsache wird im Konzept des wissentlichen Einverständnisses von Bange / Enders festgehalten:
"Es geht davon aus, daß Kinder gegenüber Erwachsenen keine gleichberechtigten Partner sein können, weil sie ihnen körperlich, psychisch, kognitiv und sprachlich unterlegen sind, und weil sie auf die emotionale und soziale Fürsorge Erwachsener angewiesen und diesen auch rechtlich unterstellt sind. Folglich können Kinder sexuelle Kontakte mit Erwachsenen 1 Vgl. Stöckel 1998, S. 74.
2 Vgl. Stöckel 1998, S. 75.
3 Stöckel 1998, S. 13.
4 Stöckel 1998, S. 96.
5 Stöckel 1998, S. 47.
6 Stöckel 1998, S. 105.
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sind. Folglich können Kinder sexuelle Kontakte mit Erwachsenen nicht wissentlich ablehnen oder ihnen zustimmen. Jeder sexuelle Kontakt zwischen einem Kind und einem Erwachsenen gilt demnach als sexueller Mißbrauch." 1
1.2. Formen sexueller Gewalt
Die Formen des sexuellen Mißbrauchs reichen von subtilen Grenzüberschreitungen bis hin zum gewaltsam erzwungenen Geschlechtsverkehr" 2 (Vergewaltigung). Die Grenze zwischen normalen hygienisch pflegenden, umsorgenden, fürsorglich liebevollen Berührungen / Körperkontakten und die subtilen Berührungen in einem beginnenden Mißbrauch ist fließend. Zu beachten dabei ist, daß in Familien unterschiedliche Normen und Werte im Umgang mit der Sexualität existieren, was auf unterschiedliche Erziehungskontexte und kulturelle Differenzen beruht. Deshalb gibt es jeweils auch andere Interpretationen von Intimität und dessen Situationen. 3 Koch und Kruck nennen für solche Zweifelsfälle zwei Kriterien, die bei der Beurteilung zur Situation beachtet werden sollen. Zum einen die Betrachtung der Se-xualnorm, die in der Familie herrscht, und zum anderen muß die Motivation des Täters genau berücksichtigt werden. Denn sexueller Mißbrauch entsteht nicht durch zufällige, liebevolle Körperkontakte mit einem Kind, sondern ist von Anfang an ein bewußtes Vorgehen. 4 Mit seiner Absicht das Kind zu sexuellen Handlungen zu leiten, legt er die Grenzen fest.
" 'Je nach Art und Begleitumständen und auch im Hinblick auf die möglichen Folgen kann man den intrafamilären vom extrafamiliären sexuellen Mißbrauch unterscheiden, der jeweils wiederum mit oder ohne [physische] Gewaltanwendung erfolgen kann.' " 5 "Das Vorhandensein einer sexuellen Handlung an bzw. vor einem Kind - soweit besteht Einigkeit - ist ein Kriterium, das erfüllt sein muß, um die Situation als sexuellen Mißbrauch zu werten." 6 Aufgrund der Uneinigkeit darüber, was unter se-
1 Bange/Enders1995, zitiert nach Stöckel 1998, S. 105.
2 Koch/Kruck 2000, S.7.
3 Koch/Kruck 2000, S. 7.
4 Vgl. Koch/Kruck 2000, S. 8.
5 Koch/Kruck 2000, S. 7.
6 Vgl. Koch,/Kruck 2000, S.3
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xuellen Handlungen zu verstehen sind, müssen Kriterien festgelegt werden, die sexuelle Gewalt genauer erfassen. Die wichtigsten dieser Kriterien möchte ich im Folgenden darstellen.
Das zentrale Kriterium ist das des Machtgefälles bzw. des Machtmißbrauchs zwischen Täter und Opfer. Dabei ist nicht der Altersunterschied kennzeichnend, sondern die unterschiedliche kognitive Voraussetzung zwischen Täter und Opfer, aufgrund dessen eine emotionale Abhängigkeit seitens des Opfers gegenüber des Täters existiert. 1 Das Kriterium der wissentlichen Zustimmung bzw. der Möglichkeit des Einverständnisses 2 ist in soweit ein wichtiges Kriterium, wenn man bedenkt, daß Kinder entwicklungsmäßig nicht in der Lage sind, den sexuellen Handlungen wissentlich zuzustimmen. Auch wegen der subtilen Manipulation des Täters und aufgrund des Abhängigkeitsverhältnisses und Geheimhaltungsgebots sind sie nicht fähig sich dagegen zu äußern. 3 Der Gewaltaspekt ist mit Sicherheit ein Kriterium für sexuelle Mißbrauchshandlungen, denn sexueller Mißbrauch geht immer mit psychischen und physischen Zwang (sprich Gewalt) einher. Auch wenn körperliche Mißhandlungen soweit ausbleiben, so ist doch immer eine subtile emotionale / psychische Gewalt (Drohungen, Erpressungen, Mitschuldzuweisungen usw.) vorhanden. 4 Hier kommt dann auch das Kriterium des Geheimhaltungsgebots (als subtile Form der Gewaltanwendung) zum Tragen.
Auch die Absicht des Täters sei hier als Kriterium genannt, da sexueller Mißbrauch nie zufällig geschieht, sondern immer vom Täter geplant wird. May und Gloor / Pfister zählen zu den Kriterien auch das der subjektiven Einstufung als Opfer 5 , d.h. das eigene Erleben, sich als ausgebeutet zu bezeichnen. Aber dieses Kriterium impliziert, wenn das Kind die eigene Ausbeutung nicht wahrnimmt, am Mißbrauch mitschuldig ist. Daß ihnen der Mißbrauch nicht bewußt ist, kann auch durch Verdrängung bedingt sein. 6
1 Vgl. Gloor, Regula und Thomas Pfister: Kindheit im Schatten. Ausmaß, Hintergründe und Abgrenzung sexueller Ausbeutung. Bern: Peter Lang/ Europäischer Verlag der Wissenschaften 1995. S. 69.
2 Vgl. May 1997, S.225.
3 Koch/Kruck 2000, S.4.
4 Vgl. Gloor/Pfister 1995, S. 69.
5 May 1997, S. 225.
6 Vgl. Gloor/Pfister 1995, S. 73.
18
So definieren Gloor und Pfister sexuelle Handlungen als "jede Handlung, die ein Erwachsener vornimmt oder vornehmen läßt, um sich und / oder das Kind sexuell zu erregen - unter Umständen auch ohne direkte Berührung. Diese Grenzen zwischen Zärtlichkeit und Ausbeutung ist unabhängig davon, ob sich der Erwachsene die Mühe genommen hat, die Zeichen des Kindes wahrzunehmen. Sie ist auch dort gültig, wo Kinder die sexuelle Ausbeutung vielleicht noch als Zuwendung empfinden. Denn Kinder sind nicht fähig, ein wissentliches oder willentliches Einverständnis zu geben." 1 Die Formen der sexuellen Handlungen lassen sich am Besten in zwei Kategorien teilen, wie im folgenden Kapitel dargestellt wird. Zum einen in klare sexuelle Handlungen mit Körperkontakt und zum anderen in subtile Formen, die "grenzwertige Verhaltensweisen" 2 aufzeigen (meist zu Beginn des Mißbrauchs).
1.2.1. Deutliche (unmißverständliche) Formen sexuellen Mißbrauchs
Anale, orale, vaginale Penetration mit Geschlechtsorganen oder Gegenständen
- (auchCunnilingus und Fellatio).
Berühren, Streicheln, Manipulieren der primären und sekundären Sexualorga-
- nedes Kindes mit Händen, Zunge, Geschlechtsorganen oder Gegenständen. Veranlassung des Kindes, die Genitalien des Erwachsenen zu berühren.
- Masturbationbei Anwesenheit des Kindes.
- Veranlassungdes Kindes, im Beisein des Erwachsenen sich zu berühren bzw.
- zumasturbieren.
Reiben des Penis am Körper des Kindes.
- Zeigenvon pornographischen Abbildungen oder das Herstellen solcher.
- Veranlassendes Opfers zu sodomitischen sexuellen Handlungen. 3
-
1 Buchmann1992, zitiert nach Gloor/Pfister 1995, S. 74.
2 Koch/Kruck 2000, S. 9.
3 Vgl. Saller 1993, zitiert nach Koch/Kruck 2000, S. 8f. ; vgl. May 1997, S. 227.
19
1.2.2. Subtile Formen / grenzwertige Verhaltensweisen
Die folgenden subtilen Formen sexueller Gewalt werden in der Retrospektive oft zu Beginn sexueller Ausbeutung festgestellt: 1 )
Der Erwachsene zeigt sich nackt vor dem Kind bzw. zeigt dem Kind seine
- Genitalien.
Der Erwachsene möchte den Körper des Kindes 'begutachten'.
- Beobachtungdes Kindes beim Ausziehen, Baden, Waschen, auf der Toilette
- undeventuelle 'Hilfsangebote' dazu.
Küssen des Kindes auf intime Weise ('Zungenküsse').
- AltersunangemesseneAufklärung des Kindes über Sexualität, die nicht dem
- kindlichenInteresse entspricht, sondern dem exhibitionistischen und / oder dem voyeuristischen Bedürfnis des Erwachsenen dient. 2 Gebrauch sexualisierter Worte, Blicke und Gesten, die das Mädchen / den
- Jungenzum Sexualobjekt herabstufen. 3
Gloor und Pfister kritisieren mit Recht, daß sich wenige Autoren bei der Definierung von sexuellen Handlungen "den Aspekt einer versuchten sexuellen Ausbeutung" 4 erwähnen. Zu den Formen Sexueller Gewalt zählen - da ist man sich heute weitgehend einig - neben den Formen mit Berührung, auch die ohne Berührung.
1.3. Statistiken und Fakten über das Ausmaß sexueller Gewalt
"Die Probleme einer epidemiologischen Erforschung (die Erforschung der Entstehung, Verbreitung und Bekämpfung) von sexuellem Mißbrauch sind keine anderen als diejenigen, mit welchen die psychiatrische Epidemiologie überhaupt zu kämpfen hat. Spezifisch sind einzig die Brisanz und der Skandalcharakter des Themas, ein verbreitetes Pseudowissen, die Vereinnahmung durch die Medien, die Politik und die politische Korrektheit und damit die Gefahr der aufgeblähten Prävalenzen und der dramatisierten Folgeschäden." 5
1 Saller 1993, zitiert nach Koch/Kruck 2000, S. 9.
2 Saller 1993, zitiert nach Koch/Kruck 2000, S. 9.
3 May 1997, S. 227.
4 Gloor/Pfister 1995, S. 65.
5 Amann, Gabriele: Sexueller Missbrauch. Überblick zur Forschung, Beratung und Verhaltenstherapie. Ein Handbuch. Tübingen: dgvt-Verlag 1997. S. 69.
20
Erst seit den 80er Jahren, als der Mißbrauch-Skandal durch feministische Autorinnen und durch selbst betroffene Frauen (z.B. Rush 1989 1 ) das bis dahin seit Jahrhunderten völlig tabuisierte Thema publik machten, geriet sexueller Mißbrauch und damit das Ausmaß auch in die Betrachtungen der Wissenschaft in Deutschland.
Das Ausmaß des sexuellen Mißbrauchs an Jungen, wurde erst später berücksichtigt. Aufgrund der verschiedenen Definitionsansätze (besonders bezüglich der Spannbreite der sexuellen Handlungen und in der Festlegung der Altersunterschiede), die in den vorausgegangenen Kapiteln beleuchtet wurden, variiert auch das Ergebnis der Studien über das Ausmaß der Mißbrauchsfälle. Aber auch die Stichprobenauswahl und die Befragungsmethode hat erheblichen Einfluß auf die Ergebnisse und auf 'Dunkelfelduntersuchungen'.
Dunkelfelduntersuchungen geben die jährliche Schätzung der Hochrechnung angezeigter Fälle als Dunkelfeldziffer wieder. Diese Inzidenzstudien haben die innewohnende Problematik der Ungenauigkeit. Denn nur eine kleine Anzahl aller (geschätzten) Fälle werden den Institutionen gemeldet und diese Melderate hängt sehr vom Bewußtsein der Eltern, Erzieher und anderen Professionellen ab. "Trotzdem können auch Inzidenzstudien dazu beitragen, das Thema in der Öffentlichkeit bekannt zu machen." 2 Eine realistische Mißbrauchsrate für Deutschland wurde von Bange in den späten 80er Jahren berechnet, nach dem erste Fehlberechnungen die Öffentlichkeit mit horrenden Zahlen schockiert hatte. Er kam zu dem Ergebnis, daß es sich bei den weiblichen Opfern um einen Prozentsatz von 16 und 31% und bei den Jungen um eine Quote von 4 und 9% handeln mußte.
Dieses Ergebnis bedeutet, daß ungefähr "jedes vierte bis fünfte Mädchen und jeder zwölfte Junge sexuell mißbraucht wird". 1 Die Angaben beziehen sich auch auf einmalige sexuelle Übergriffe durch Bekannte und Fremde. Bei dieser Untersuchung handelt es sich um eine Prävalenzstudie.
Prävalenzstudien sind Untersuchungen, in denen erwachsene Frauen und Männer retrospektiv über ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt in der Kindheit oder Ju-
1 Rush,Florence: Das bestghehütete Geheimnis: Sexueller Kindesmißbrauch. 5. Aufl. Berlin: Or-
landa-Frauenverlag, 1989.
2 Gloor/Pfister 1995, S. 86.
21
gend befragt werden. Zwar sind diese Studien aussagekräftiger als Inzidenzstudien herausgestellt, so gibt es aber auch hier einige Probleme. Bei den retrospektiven Befragungen muß in Betracht gezogen werden, daß manche Angaben bagatellisiert oder geleugnet werden. 2 Zur Kriminalstatistik in Deutschland berichtet Bange von jährlich etwa 10.000 bis 15.000 angezeigte Fälle sexuellen Mißbrauchs. Dabei handelt es sich meistens um Delikte mit Fremdtätern und Exhibitionisten. Dementsprechend wird von einem hohen Dunkelfeld gerade im Bereich von sexuellem Mißbrauch im nahen sozialen Umfeld. Denn Fremdtäter werden schneller angezeigt. Hinzu kommt, daß die Aufdeckung innerhalb der Familie viel schwieriger ist, da man sich nicht vorstellen kann, das dieser jene geliebte Mensch so etwas tun könnte. "Die Schätzungen des Hell-/Dunkelfeldes schwanken von 1 : 8 bis 1 : 50". 3 Der Deutsche Kinderschutzbund e.V. (DKSB) berichtet über folgende Ergebnisse einer Prävalenzstudie über Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen vor dem 16. Lebensjahr: 90% der Täter an sexuellen Übergriffen an Mädchen sind männlich, bei Übergriffen an Jungen beläuft sich der männliche Täteranteil auf 75%. 25% aller Fälle an Mädchen erfolgen durch Fremde, 50% durch Bekannte und 25% durch Familienangehörige. Bei den Fällen der Übergriffe an Jungen ist das Verhältnis des Bekannten als Täter zum Familienangehörigen als Täter eher umgekehrt. Hier sind kommt die überwiegende Anzahl der Täter aus dem Bekanntenkreis. 4 Eine konservative Schätzung (nach Wetzel) ergab, daß in der Altersgruppe der 16 bis 29-jährigen mindestens 120.000 Männer (2,8%) und 520.000 Frauen (8,6%) vor ihrem 16. Lebensjahr die Erfahrung sexuellen Mißbrauchs mit Körperkontakt gemacht haben. 5 Statistische Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) aus dem Jahr 1993 bezüglich der gesamten Bundesrepublik Deutschland ergaben zusammengefaßt, daß 15.430 Fälle von Sexuellem Mißbrauch an Kindern unter 14 Jahren nach § 176
1 Bange, Dirk: Sexueller Mißbrauch an Mädchen und Jungen. In: Marquardt-Mau, Brunhilde (Hrsg.): Schulische Prävention gegen sexuelle Kindesmißhandlung. Grundlagen, Rahmenbedingungen, Bausteine und Modelle. Weinheim und München: Juventa Verlag 1995. S. 34. 2 Vgl. Gloor/Pfister 1995, S. 87.
3 Bange 1995, S. 35.
4 Vgl. Deutscher Kinderschutzbund, Bundesverband e.V. (Hrsg.): Sexuelle Gewalt gegen Kinder. DKSB-Materialien. Hannover 2001. S. 7.
5 Vgl. DKSB 2001, S. 23.
22
StGB. angezeigt wurden und nach § 174 StGB 1.253 Fälle von Sexuellem Mißbrauch von Schutzbefohlenen (Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene). Pornographische Schriften an Minderjährige (unter 18 Jahre nach § 184 StGB) wurden in 271 bekannten Fällen verbreitet. 685 Fälle von geförderten sexuellen Handlungen Minderjähriger (unter 18 Jahre) bzw. Prostitution (§ 180, 180a-b, 181, 181a StGB) wurden aufgenommen.
Homosexuelle Handlungen an Minderjährigen (unter 18 Jahre nach § 175 StGB) haben in 382 Fällen stattgefunden. 1 Zwar weisen diese Angaben auch gewisse Mängel auf (z.B. daß genaue Inzestfälle nicht ausgewiesen sind und daß Altersdifferenzierungen fehlen), jedoch zeigen diese Statistiken, "daß Sexueller Mißbrauch von Minderjährigen den größten Teil aller Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung ausmacht. Es ergibt eine Summe von 18.021 angezeigten Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung Minderjähriger." 2 Vergleicht man diese Zahlen von 1993 mit denen von 1992, stellt man eine Rücklaufrate von 6% (1.012 Fälle) fest. Es gibt mehrere Gründe für die Erklärung des Rückgangs der angezeigten Fälle. Zum einen könnte er "'ebenso wie der Anstieg in den vorangegangenen Jahren, auf Schwankungen im Anzeigeverhalten zurückzuführen sein'" 3 . Ein zweiter Grund könnte darin liegen, daß sich die 'Gegenbewegung' mit Verunsicherung auf die Gesellschaft auswirkt (und damit wiederum die Opfer eher zum Schweigen bringen).
Die Gegenbewegung hat keinen unerheblichen "Anteil an der weiteren gesellschaftlichen Verleugnungs- und Minimierungstendenz in bezug auf Sexuellen Mißbrauch" 4 .
Als weitere Erklärung für die Rücklaufrate, kann auch die gerichtliche Belastungssituation genommen werden. Zudem tragen "Spektakuläre Gerichtsfälle mit negativem Ausgang für die Opfer und Freispruch für die Täter (vgl. Berliner Zeitung vom 26.4.1995 und 17.5.1995) [...] zu einer Resignation bei. Sie schmälern die Erwartung an die strafrechtliche Verfolgung und Verurteilung von Tätern." 5 Schätzungen besagen, daß nur ca. 2 bis 5% aller Fälle überhaupt angezeigt wer-
1 Vgl.May 1997, S. 293.
2 May 1997, S. 293.
3 BKA 1994, zitiert nach: May 1997, S. 293.
4 May 1997, S. 293.
5 May 1997, S. 293.
23
den. Je enger der Bekanntschafts- oder Verwandtschaftsgrad zwischen Opfer und Täter ist, desto geringer die Anzeigebereitschaft. 1 Die Aufklärungsquote bei sexuellen Mißbrauch beträgt, als zweithöchste Aufklärungsquote aller Straftaten überhaupt, 63,4%. 2 Die Verurteilungsquote ermittelt man anhand der Strafverfolgungsstatistik und beläuft sich auf 17,8% gegenüber angezeigter Fälle.
"Im Jahre 1991 wurden insgesamt 2 137 Verurteilungen wegen Verstoßes des § 176 StGB ausgesprochen, Täter waren zu 99,3% Männer (2 122) und zu 0,7% Frauen (15). Zusätzlich ergingen vier Verurteilungen wegen Sexuellen Mißbrauchs mit Todesfolge. Alle Täter waren männlich [...]. Diese Zahlen entsprechen einer Quote von 0,9% gegenüber den geschätzten Zahlen und einer Verurteilungsquote von 17,8% gegebüber den angezeigten Fällen." 3 Ergebnisse einer Strafverfolgungs-Verlaufsstudie von 1994 ergab eine Verurteilungsrate von 11,1% sexueller Mißbrauchshandlungen gegenüber der Zahl angezeigter Fälle. Nur 17,4% aller angezeigten Fälle kamen überhaupt zur Anklage, weil die Mehrzahl der Fälle im Laufe der Strafverfolgung und der Ermittlungsverfahren "aus unterschiedlichen Gründen eingestellt" 4 wurde. Die meisten Opfer einer sexuellen Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung sind Mädchen. Klinische Daten belegen zwar, daß überwiegend Vaterfiguren die Täter sind, jedoch wird dies weder von den angezeigten Fällen des BKA noch von Ergebnissen aus Prävalenzstudien bestätigt. In der Regel aber stammen die Täter aus dem sozialen Nahfeld der Mädchen. Fremdtäter bilden die Minderheit. Die Täter, dessen Opfer weiblich sind, sind überwiegend männlich. Ein Drittel der Täterschaft ist minderjährig, gefolgt von der Tätergruppe der 20- bis 30jährigen. 5 Auch bei Jungen als Opfer, handelt es sich um eine überwiegend männliche Täterschaft und fast die Hälfte der Täter ist unter 18 Jahre alt. 1
1 May 1997, S. 293.
2 Vgl. May 1997, S. 294.
3 May 1997, S. 294f.
4 May 1997, S. 295.
5 Vgl. May 1997, S. 305.
24
1.4. Das Täterprofil
Der Ruf nach Bestrafung der Täter ist laut, besonders der nach Kastration (hormonell wie operativ). Jedoch entsteht die Pädosexualität im Kopf des Täters und "beruht auf Konflikten, Phantasien und Triebbedürfnissen, denen auch durch stereotaktische Gehirnoperationen, wie sie ebenfalls gefordert werden, nicht beizukommen ist." 2 Die Beschäftigung mit Täterbild ist wichtig, denn "nur wenn wir die Frage nach den Tätern beantworten, werden wir langfristig Erfahrungen sammeln, warum ein Mensch zum sexuellen Mißbrauchstäter wird und wie man die Tat verhindern kann." 3 Die weitverbreitete Meinung, das Problem mit Psychotherapie aus der Welt zu schaffen, ist nicht realistisch. Denn "der Glauben, es sei möglich, eine eindeutige 'Perversion' zu diagnostizieren, die dann ebenso eindeutig einer gesicherten Behandlung zugeführt werden kann, stellt sich als Irrtum heraus. Entscheidend ist vielmehr die Kenntnis der psychischen Struktur der Täter und das Wissen um die menschliche Triebdynamik, [...] um die komplexen Ursachen dieses Verhaltens zu erfassen [...]. Erst ein solches Erklärungsmodell, das außerdem entwicklungspsychologische und familienspezifische Aspekte umfaßt, kann helfen, einen Ansatz zu finden, das Verhalten des Täters wirkungsvoll zu verändern bzw. geeignete Maßnahmen für den Opferschutz und entsprechende Strategien zur Vorbeugung zu entwickeln." 4 Zum Täterprofil sei gesagt, daß es keine äußerlichen Erkennungszeichen gibt und weder entstammen sie einer bestimmten sozialen Schicht noch kann man sie an ihrem Verhalten gleich erkennen.
"Nichts, aber rein gar nichts deutet darauf hin, daß jemand ein Mißbraucher ist, nicht einmal für die engste Familie." 5 Deshalb ist es auch so schwer sie einerseits zu überführen und andererseits zu glauben, daß der Vater, der Onkel oder der nette Nachbar von nebenan usw. zu so etwas fähig wäre.
1 May 1997, S. 315.
2 Friedrich, Max H.: Tatort Kinderseele. Sexueller Missbrauch und die Folgen. 2. Aufl. Wien: Ueberreuter Verlag 2001. S. 41.
3 Jäckel, Karin: Wer sind die Täter? Die andere Seite des Kindesmißbrauchs. Ungekürzte Ausgabe. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1996. S. 41.
4 Friedrich 2001, S. 41f.
5 Friedrich 2001, S. 42.
25
Untersuchungen ergaben, daß bei sexuellen Übergriffen auf Mädchen durch Familienangehörige, der Anteil der Väter sowie der Brüder am größten ist, sogar gleich groß. An zweiter Stelle gruppieren sich die Onkel als Täter. Der geringste Anteil macht hier die weibliche Täterschaft als Mutter aus.
Die am weitesten verbreiteten Altersangabe der Täter wird bis zur Grenze von 18 Jahren festgestellt (bei Übergriffen auf Mädchen). Direkt darauf folgt die Altersgrenze von 31 bis zu 50 Jahren. Täter mit einem Alter von über 50 Jahren bilden den geringsten Anteil der Altersverteilung. 1 Generell sind die Täter zu 80-90% männlich. Zum niedrigen Prozentsatz der weiblichen Täterschaft muß angemerkt werden, daß die Erforschung der Frauen als Täterinnen ziemlich gering ist und somit in keinster Weise mit die der Männer vergleichbar.
In den meisten Fällen von sexuellen Mißbrauch ist der Täter männlich und ein naher Verwandter oder Bekannter, den das Kind gut kennt und dem es vertraut. Die traditionelle Vorstellung des fremden Täters ist weitaus seltener.
"Der überwiegende Teil der Täter und Täterinnen kennt die Opfer bereits vor dem sexuellen Mißbrauch. [...] Etwa 1/3 der TäterInnen, die Mädchen mißbrauchen sind Familienangehörige.[...] Der größte Teil kommt aus dem außerfamilialen Nahbereich - z.B. Verwandte, Pädagogen, männliche Jugendliche, Babysitter. [...] Männliche Opfer werden meist von Bezugspersonen aus dem außerfamilialen Nahraum [...] und von Fremden sexuell ausgebeutet. Die Täter und Täterinnen kommen mit 10-20% etwas seltener aus der Familie." 2 Knapp 2/3 der männlichen Täter, haben neben den Opfern innerhalb der eigenen Familie, auch welche außerhalb der Familie; oft auch schon im Jugendalter, also bevor sie sich ihrer eigenen Kinder 'bedienen' konnten. 3
1.4.1. Typologie
Fachleute nehmen eine Einteilung in verschiedene Tätertypen vor. Eine Tätertypisierung zieht die "primäre sexuelle Orientierung und die Stufe der sozio-
1 Vgl.DKSB 2001, S. 8. (Tabellen nach Deegener)
2 Enders , Ursula (Hrsg.): Zart war ich, bitter war's. Handbuch gegen sexuellen Missbrauch. vollst.
überarb. und erweit. Neuausgabe. Köln: Verlag Kiepenheuer und Witsch 2001. S. 56f.
3 Vgl. Enders 2001, S. 57.
26
kulturellen Entwicklung" 1 der Täter in Betracht. Dabei erfolgt die Einteilung in drei Tätergruppen:
1. Der fixierte Täter-Typ: Er ist auf sexuelle Phantasien mit Kindern fixiert, hat keine gleichaltrigen sexuellen Kontakte, ist sozial unreif und fühlt sich bei Kindern sicher vor Zurückweisung und Kritik. Die Motivation ist sexuell ausbeuterisch. Die Opfer sind meist männlich und oft sieben Jahre alt und jünger.
2. Der regressive Täter-Typ: Er ist sexuell primär an Gleichaltrigen orientiert und die Motivation liegt meist nicht im sexuellen Bereich, sondern aufgrund von mangelnden Coping 2 -Fähigkeiten, d.h. die Person entwickelt in Streßperioden psychische Verhaltensweisen, um sich mit den Schwierigkeiten ausei-nandersetzen zu können. Die Opfer sind meist weiblich.
3. Der soziopathische Täter-Typ: Er ist aggressiv und sadistisch orientiert, besonders gegenüber Frauen. Die Motivation ist sexuell aggressiv. Die Aggressionen und der Ärger werden an dem Kinder ausagiert und der Mißbrauch geschieht brutal und ist auf anale / vaginale Penetration ausgerichtet. Der Täter ist meist delinquent und weist Alkohol- oder Abhängigkeitsprobleme (Substanz-Abusus) auf. 3
Aus psychotherapeutischer Sicht teilt werden die Täter nach bestimmten gestörten Phasen der psychischen Entwicklung eingeteilt, z.B. in die infantile Tätergruppe, die ödipale, pubertäre, adoleszente usw. 1 Für diese Arbeit reicht jedoch eine weitere einfache, in Stichpunkten gehaltene Unterscheidung zwischen erwachsenen und jugendlichen Tätern. Im Anschluß daran wird speziell auf die Frau als Täterin eingegangen.
1 Deegener, Günther: Sexueller Mißbrauch. Die Täter. Weinheim: Beltz Verlag 1995. (Psychologie VerlagsUnion.) S. 210.
2 Coping: Auseindandersetzung, Bewältigung; Bezeichnung für Anstrengungen zur Überwindung von Schwierigkeiten, Streß- und Belastungssituationen.(Psychologie-Fachgebärdenlexikon: http://sign-lang.uni-hamburg.de/Projekte/plex/Plex/Lemmata/C-Lemma/Coping.htm vom 24.02.02.
3 vgl. Deegener 1995, S. 210.
27
1.4.2. Die erwachsenen Täter
sind selten homosexuell, wenn sie gleichgeschlechtliche Kinder mißbrauchen
- sindoft in einem hohen Maß pädophil
- sinddurchschnittlich bis überdurchschnittlich intelligent und üben überwie-
- gendeinen Beruf im mittleren und hohem Bildungsbereich aus sind nicht mehr seelisch oder psychisch erkrankt, als andere Menschen
- sindsozial unauffällig und ihrer Umgebung angepaßt
- besitzenkeine Vorstrafen; sind im nahen sozialem Umfeld anerkannt und be-
- liebtund üben oft eine pädagogische Arbeit aus und sind nicht selten in der Kinder- und Jugendarbeit engagiert haben eine selbstbewußte, besonnene Fassade, innerlich jedoch unsicher und
- gehemmt leben in einer in sich geschlossen Familienstruktur ist , d.h. das Leben der
- Familiefindet innerhalb der vier Wände statt (kaum Besuchsempfang, strenge Kontrolle bezüglich der Bewegungsfreiheit der Familienangehörigen) leugnen und verdrängen ihre Taten und die Verantwortung dafür 2
- sindhäufig selbst in ihrer Kindheit Opfer sexueller Gewalthandlungen gewe-
- sen(30-60% der männlichen Täter und mehr als 75% der Täterinnen) 3
1.4.3. Die jugendlichen Täter
sind in 75% aller Fälle vor ihrem 12. Lebensjahr bereits sexuell aktiv, davon
- sinddie Sexpartner häufig Erwachsene. Sie werden überwiegend im Alter von 17 bis 19 Jahren zu Mißbrauchstätern, in 10% aller Fälle schon mit dem 10. Lebensjahr.
In 70% aller Fälle sind die jungen Täter selbst Opfer von Kindesmißbrauch ih-
- rereigenen Eltern; 60% aller Fälle werden von ihren Eltern mißbraucht, die selbst auch in ihrer Kindheit mißbraucht waren (= Mißbrauchsmuster, was sich durch mehrere Generationen zieht).
In vielen Fällen herrscht in den Familien körperliche Gewalt, elterliche Ver-
- nachlässigungund brutalste Mißhandlungen. Oft werden die Kinder dadurch zu 'Nachahmungstäter'.
1 Vgl. Friedrich 2001, S. 43ff.
2 Siehe Kapitel I, 1.4.6.
3 Vgl. Jäckel 1996, S. 46ff.
28
weisen Verhaltensauffälligkeiten auf, wie deviantes und kriminelles Verhal-
- ten,Aggressivität, Abkapselung ihres Innerstes etc. 1
1.4.4. Frauen als Täterinnen
Das Thema 'Frauen als Täterinnen' wurde erst später ernst genommen. Denn es fällt der Öffentlichkeit immer noch schwer, zu akzeptieren, daß auch Frauen Kinder mißbrauchen. Denn diese Tatsache "ist bedrohlicher [...] [und] untergräbt unsere Ansichten darüber wie Frauen sich Kindern gegenüber verhalten" 2 und zwar liebevoll und fürsorglich und nicht sexuell aggressiv.
Sexuelle Aggressivität und Machtausübung wird meist nur dem männlichen Geschlecht zugeschrieben. Deshalb schließen die Menschen die Möglichkeit aus, daß auch Frauen sexuelle Gewalt ausüben. Besonders da sie sich nicht vorstellen können, "wie eine Frau [ohne Penis] überhaupt ein Kind sexuell mißbrauchen kann" 3 . Wenn Opfer vom sexuellen Mißbrauch durch ihre Mutter berichten, wird dies schnell als Einbildung, Phantasie oder Projektion abgetan, während der Mißbrauch eines Vaters nie in Zweifel gezogen wird.
Laut der Studie 'Child Sexual Abuse' (1984) besagen Statistiken von Finkelhor und Russell, daß "fünf Prozent des Mißbrauchs an Mädchen und 20 Prozent des Mißbrauchs an Jungen von Frauen verübt werden." 4 Elliott wendet jedoch ein, daß Statistiken ein falsches Bild vermitteln können, wenn die Opfer nicht reden und Statistiken "nur auf dem, was uns gesagt wird" basieren. 5 "Doch noch weichen die Ergebnisse und Zahlen in den verschiedenen Untersuchungen zu kraß voneinander ab, um ein deutlicheres Bild der Realität zu ergeben." 6 Auch wenn die Anzahl der weiblichen Täter eher gering ist, so heißt das nicht, daß sie weniger gewalttätig und grausam sind als Männer.
Bei Müttern als Täterinnen wurden schwere psychischen Abweichungen festgestellt mit mangelnden Hemm-, Brems-, Kontroll- und Steuermechanismen 1 . Auch gibt es neben den Täterinnen Mit-Täterinnen die gemeinsam mit ihrem Partner sexuelle Handlungen am Kind ausführen. Weiterhin gibt es Mütter die den Miß-
1 Vgl.Jäckel 1996, S. 48f.
2 Elliott, Michele (Hrsg.): Frauen als Täterinnen. Sexueller Mißbrauch an Mädchen und Jungen. Ruhnmark: Donna Vita Verlag 1995. S. 46.
3 Elliott 1995, S. 46.
4 Elliott 1995, S. 47.
5 Elliott 1995, S. 47.
6 Friedrich 2001, S. 61.
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Tanja Kargl, 2002, Die Thematisierung sexuellen Missbrauchs in Jugendbüchern. Eine Analyse von Hadley/ Irwin "Liebste Abby" und G. v. Erkel "Jasper sucht Margreet", Munich, GRIN Publishing GmbH
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