Inhalt:
1. Einleitung und Fragestellung
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3. Die Pest in der Literatur des 14. Jahrhunderts
3.1. Die DarstelOXQJGHU3HVWLQ LRYDQQL RFFDFFLRVÄ'HNDPHURQ
3.2. Die Auseinandersetzung mit der Pest in den Briefen Francesco
Petrarcas
4. Fazit
5. Literatur
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1. Einleitung und Fragestellung
Zum Ende des Jahres 1347 erreichte die Pest Europa und breitete sich mit enormer Geschwindigkeit über den Kontinent aus. Das Massensterben, das Chaos und die Auflösung der meisten sozialen Strukturen in Europa, welche die Pest mit sich brachte, gingen an keinem Menschen YRUEHL6RLVWHVNDXPYHUZXQGHUOLFKGDVVVLFKGHUÄ6FKZDU]H7RG³DXFKLQGHU/LWHUDWXUGHV späten Mittelalters niederschlägt. In dieser Arbeit sollen die Pestbeschreibungen zweier der wichtigsten Autoren jener Zeit behandelt werden: Giovanni Boccaccio und Francesco Petrarca gehören (neben Dante Aligheri) zu den Begründern der europäischen Literatur. Beide wurden Zeugen der verheerenden Zustände, in die Europa durch die Pest geriet. So ähnlich die Erfahrungen sind, die beide gemacht haben mögen, so verschieden ist ihr Umgang mit dem Erlebten. Giovanni Boccaccio verwendet die Pest literarisch als Rahmenhandlung für seine JURH1RYHOOHQVDPPOXQJÄ'DV'HNDPHURQ³XQGVFKDIIWGDPLWHLQHGHUZLFKWLJVWHQXQGGH- tailliertestenzeitgenössischen Quellen zur Pest in Europa. Francesco Petrarca, dem die Pest viele Vertraute nahm, äußert sich in einigen Briefen explizit zur Pest. Auch seine berühmter Ä&DQ]RQLHUH³LVWRKQHGLH9HUOXVWHUIDKUXQJHQGHU3HVWXQGHQNEDUREJOHLFKGHUÄ6FKZDU]H 7RG³NHLQ+DXSWPRWLYdieser Gedichtsammlung ist.
Ist Boccaccio auf eine umfassende und genaue Darstellung der Situation im pestverseuchten Florenz bedacht, reflektiert Petrarca großteils über seine eigenen Seelenzustände im Zusammenhang mit der Pest und ihren Folgen. Doch auch von ihm erhält man einige Informationen zu den Auswirkungen der Pest in Europa.
Beide Texte sollen in dieser Arbeit unter der Fragestellung behandelt werden, welche Erklärungen man im 14. Jahrhundert für die Pest hatte, wie sie sich laut den literarischen Beschreibungen der beiden Autoren auf die mittelalterliche Gesellschaft auswirkte und welche Schlüsse Giovanni Boccaccio und Francesco Petrarca daraus ziehen.
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Der Ursprung der verheerenden Pestepidemie, die Europa in der Mitte des 14. Jahrhunderts heimsuchte, kann in Zentralasien vermutet werden. Von dort her kamen die mongolischen Truppen, die im Sommer 1347 um die Hafenstadt Kaffa (heute Feodossija, Ukraine), die in genuesischer Hand war, kämpften. Einer Legende nach soll die Stadt dadurch infiziert worden sein, dass die Mongolen Pestleichen über die Stadtmauer katapultierten. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Ratten im Gefolge der Streitkräfte die Pest in die Stadt brachten. Kaffa war im Mittelalter ein bedeutender und stark angefahrener Handelshafen am Schwarzen Meer, so ist es nicht verwunderlich, dass sich von dort aus die Pest sehr schnell verbreitete. Über Kon-
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stantinopel erreichte sie bereits im September 1347 Messina auf Sizilien, von wo aus sie sich später nach Süditalien und Nordafrika ausbreitete. Im November wurden Genua und Marseille befallen, im Januar 1348 Venedig und Pisa und im März desselben Jahres Florenz, wo man ca. 100.000 Tote zählte. Im Laufe des Jahres 1348 breitete sich die Pest weiter nach Frankreich und Spanien (von Pisa aus auch in Richtung Norden, sodass sie im März 1349 Wien erreichte) aus. Von Frankreich aus nahm sie ab 1349 ihren Weg nach Norden und so brachen 1350 auch in Hamburg, Bremen und Lübeck Pestepidemien aus. Die letzten Fälle des fünf -DKUHDQKDOWHQGHQÄ6FKZDU]HQ7RGHV³ZXUGHQLQ5XVVODQGEHNDQQW
Die Angaben über die Anzahl der Opfer schwanken stark. Realistischerweise kann man von geschätzten 30% von einer ebenfalls geschätzten Gesamteinwohnerzahl von 60 Millionen Menschen in Europa ausgehen. Die würde bedeuten, dass in fünf Jahren ca. 18 Millionen 0HQVFKHQLKU/HEHQGXUFKGLH3HVWYHUORUHQ,QGHQ-DKU]HKQWHQQDFKGHU=HLWGHVÄ6FKZDU-]HQ7RGHV³ZXUGH(XURSDYRQPHKUHUHQ)ROJHHSLGHPLHQKHLPJHsucht.
3. Die Pest in der Literatur des 14. Jahrhunderts 'LH'DUVWHOOXQJGHU3HVWLQ*LRYDQQL%RFFDFFLRVÄ'HNDPHURQ³
Giovanni Boccaccio wurde 1313 vermutlich in Florenz geboren. Sein Vater, von Beruf Kaufmann, sandte ihn mit 14 Jahren nach Neapel, wo er ebenfalls den Kaufmannsberuf erlernen sollte. Doch Boccaccio, der dort dank der guten Beziehungen seines Vaters Zugang zum Hof Roberts von Anjou fand, widmete sich hauptsächlich der Literatur und eignete sich in den für ihn prägenden höfischen Kreisen autodidaktisch eine immense Bildung an. In diese Zeit fallen auch seine ersten literarischen Produktionen. 1340 nach Florenz zurückgekehrt, begab sich Boccaccio in den Staatsdienst und hielt sich 1345/46 an den Höfen von Ravenna und Forlì auf. Die Erfahrungen, die er dort sammelte, fanden ihren Niederschlag in seinem berühmt- HVWHQ:HUNGHPÄ'HNDPHURQ³$XVHLQHP=XVDPPHQWUHIIHQPLW)UDQFHVFR3HWUDUFDLP-DKU 1350 entwickelte sich eine tiefe, lebenslange Freundschaft, von welcher der Briefwechsel der beiden zeugt. Es war Petrarca, der bei ihm das Interesse für die antiken Autoren weckte, von denen sein Spätwerk geprägt ist. Boccaccio, der die letzten Jahre seines Lebens der Verbreitung des Werkes von Dante Alighieri widmete, starb am 21. Dezember 1375 in Certaldo bei Florenz.
Heute gilt Giovanni Boccaccio als einer der Begründer der Erzähltradition in Europa und ge- K|UW]XGHQEHNDQQWHVWHQ9HUWUHWHUQGHV+XPDQLVPXVLQ,WDOLHQ6HLQSRSXOlUVWHV:HUNÄ'DV 'HNDPHURQ³Ä,O'HFDPHURQH³JUÄ=HKQ-Tage-:HUN³Hine Sammlung von 100 Novellen,
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LVWZDKUVFKHLQOLFK]ZLVFKHQXQGDOVRPLWWHQLQGHU=HLWGHVÄ6FKZDU]HQ7RGHV³ HQWVWDQGHQ9RQYLHOHQZLUGHVGHUÄ8UVSUXQJGHULWDOLHQLVFKHQ3URVDEHUKDXSW³ 1 gesehen. Die Pest in Florenz stellt den Hintergrund dar, vor dem die einhundert Novellen, meist kleine, heitere Erzählungen, spielen. Eine Gruppe von sieben Damen und drei jungen Herren flüchtet vor der Not in der Stadt hinaus aufs Land. Hier leben sie ein gemütliches, freudiges Leben. In den Novellen zeichnet Boccaccio ein detailliertes Bild von den Lebensumständen in der frühen Neuzeit. Die zeittypische Abkehr von der Weltentsagung und die damit verbundene Hinwendung zu einer lebensbejahenden Haltung werden deutlich.
Bevor es darum gehen soll, wie Boccaccio die Pest darstellt und deutet, möchte ich zuerst die )UDJHGLVNXWLHUHQZDUXPHUGLHVH.DWDVWURSKHEHUKDXSWHUZlKQWLVWGRFKGDVÄ'HNDPHURQ³ eine Sammlung durchaus positiver und lebenslustiger Novellen.
Die Erfahrungen der Pestjahre waren zur Zeit der Entstehung des Werkes jedermann präsent. Sie hatten sich tief in das kollektive Gedächtnis einprägt. Alle Menschen hatten direkte oder LQGLUHNWH(UIDKUXQJHQPLWGHPÄVFKZDU]HQ7RG³JHPDFKWXQGGLHJHVHOOVFKDIWOLFKHQXQGLQGL- viduellenFolgen waren noch keineswegs überwunden. So war das Thema schlicht zu übermächtig, das Leid noch zu groß, als dass man es hätte verschweigen können. In der Anrede an die Frauen beruhigt Boccaccio sie gleich zu Beginn: Er nimmt voraus, dass der Schilderung der Pest auch Glück XQG)UHXGHLPÄ'HNDPHURQ³IROJHQZHUGHQ$OOHLQGLH7DWVDFKHGDVVHU das Gute, das Erfreuliche ankündigen muss, zeigt, wie wenig selbstverständlich es war, solches überhaupt zu erwarten. Vor diesem Hintergrund einer realen Katastrophe der Menschheit (und nicht etwa der fiktiven Höllenfinsternis Dantes) kommt den Novellen erst ihr Sinn zu: Sie sollen den Lebenswillen aufrechterhalten, Hoffnung auf eine bessere Zukunft machen und die Menschen anregen, aktiv auf diese bessere Zukunft hinzuarbeiten ± eine zutiefst humanistische Motivation.
,PHUVWHQ$EVFKQLWWPHLQHU$QDO\VH]XPÄ'HNDPHURQ³VROOHVXPGLH+HUNXQIWGHU3HVWXQG zwei gegensätzliche Hypothesen gehen, mit denen versucht wird, die Ursache der Pest zu ermitteln. Auch die Symptome und die Reaktionen der Menschen sollen untersucht werden. Aus dem Text geht klar hervor, dass Boccaccio die H e r k u n f t der Pest bekannt ist. Er er- ZlKQWGDVVVLHYRPÄ0RUJHQODQG³NDPXQGVLFKLQGHQ-DKUHQ]XYRUÄRKQHDQ]XKDOWHQ³LQ
1 Hoffmann, Björn: Die Pest in der Literatur. Eine Untersuchung von Boccaccio bis Camus, Aachen 2007 [zugleich: Diss. Universität Lübeck, 2006], S.157
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Richtung Europa ausgebreitet hatte. 2 Auch über die Symptome der Pest in Vorderasien ist er informiert: Im Gegensatz zu den Symptomen in Florenz (die hier später behandelt werden, VXHUZlKQWHU1DVHQEOXWHQDOVW\SLVFKHV$Q]HLFKHQGHU3HVWLPÄ0RUJHQODQG³:HQLJHU eindeutig fallen seine Erklärungen dazu aus, warum die Pest über Italien, speziell über Flo- UHQ]NDP%RFFDFFLRQHQQWGLHÄ+lUWHGHV+LPPHOV³DOV(UNOlUXQJIUGDV/HLG 3 'LHVHÄ+lU-WH³NDQQPDQYHUVFKLHGHQDUWLJDXVOHJHQ(VJLEWHLQHUVHLWVGLH0|JOLFKNHLWHLQHUDVWURORJL- schenDeutung. So gesehen wäre eine ungünstige Sternenkonstellation verantwortlich für die Katastrophe. Eine andere Auslegung würde direkt auf Gott als Urheber der Pestepidemie zielen. Boccaccio selbst entscheidet sich im Text für keine der beiden Erklärungen. Er erwähnt sie lediglich als Ansichten der Menschen. Wenn er die Heimsuchung von Florenz durch die 3HVWDOVÄHQWZHGHUGXUFK(LQZLUNXQJGHU+LPPHOVN|USHUHQWVWDQGHQRGHULPgerechten Zorn über unseren sündlichen Wandel von Gott als Strafe über die MensFKHQYHUKlQJW>@³ 4 deutet, so muss das nicht als theologischer Ansatz verstanden werden. Die Textstelle sagt lediglich aus: Wenn es sich bei der Pest um eine göttliche Strafe handelt, so hat die Stadt Florenz diese Strafe auch verdient.
Es gibt einige Anzeichen im Text, die zumindest eine Skepsis des Autors gegenüber einer theologischen Erklärung erkennen lassen. So findet sich im Text keine einzige Zeile, die den christlichen Glauben als adäquate Hilfe in der Not kennzeichnen würde. Im Gegenteil: Boccaccio betont gerade die Nutzlosigkeit aller privaten Gebete und Prozessionen. So ist es nur folgerichtig, dass auch keiner der Reaktionstypen (die ich später noch beschrieben werde) mit irgendeinem Gottesglauben in Verbindung steht. Auch Boccaccios Anmerkung
Ä>@DOVREGHU=RUQ*RWWHVGHUGXUFKGLHVH6HXFKHGLH5XFKORVLJNHLWGHU0HQVFKHQEHVWUDIHQ
wollte, sie nicht gleichmäßig erreichte, sondern nur diejenigen vernichtete, die sich innerhalb der
Stadtmauern antreffen ließen,[...] 5
untermauert keine theologische Deutung. Sie ist vielmehr eine Bezugnahme auf das inkonsequente Denken einiger Zeitgenossen. Viele waren nämlich durchaus der Meinung, die Pest sei als göttliche Strafe für die Untaten und Sünden der Menschen über Florenz gekommen und man könne ihr entgehen, indem man einfach die Stadt verlässt. 6 Ein geradezu absurder
2 Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron, Frankfurt am Main, 2009, S.16
3 Boccaccio, S.24
4 %RFFDFFLR6IÄgerechten´+HUDXVKHEXQJYRQPLU
5 Boccaccio, S.19.
6 Untersuchungen haben ergeben, dass die Sterblichkeit auf dem Land ähnlich hoch war wie in den Städten. Dies
hängt mit der Tatsache zusammen, dass auf dem Land wesentlich mehr Menschen lebten. Durch den
florierenden Sklavenhandel im ausgehenden Mittelalter verbreitete sich die Pest sehr schnell auf das Umland der
Städte.
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Marcel Klinke, 2010, Die Darstellung der Pest in der Literatur von Giovanni Boccaccio und Francesco Petrarca, München, GRIN Verlag GmbH
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